Schlammschlacht von Valkenburg

Der belgische Querfeldein-Star Wout van Aert kämpft sich durch den Matsch zu seinem dritten Weltmeistertitel in Folge.

(Foto: Union Cycliste Internationale Homepage)

Radsport Räder im Matsch, Fritten und Spektakel – das ist Cyclocross

Steile Treppen, tiefer Schlamm, Tausende an der Strecke: Cyclocross ist in Holland und Belgien so populär wie Fußball – und feiert auch in Deutschland ein Comeback. Alles zum Boom der ungewöhnlichen Radsport-Disziplin.
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ValkenburgDer Dreck hängt in den Kettenblättern, im Gesicht, in den Schuhen sowieso. Schließlich ging es gerade eine Stunde mit dem Rad durch knöcheltiefen Matsch, steile Abfahrten hinunter, Treppen wieder hinauf, immer mal wieder mit dem Rad auf der Schulter. Angetrieben hat die Rennfahrer das Gebrüll Zehntausender Fans – und das Geläut von Kuhglocken, die am Rande der Strecke genauso dazugehören wie Gummistiefel, fettige Pommes und Bier in Plastikbechern.

Willkommen bei der Cyclocross-Weltmeisterschaft 2018, die gerade im niederländischen Valkenburg stattgefunden hat. Cyclocross oder Querfeldeinrennen, wie die Disziplin auf Deutsch heißt, ist in den Niederlanden und in Belgien so populär wie Fußball und ein riesiger Markt: Alle Rennen werden live im Fernsehen übertragen, jedes Weltcup-Rennen ist ein Volksfest – und die WM sowieso.

Top-Fahrer wie die mehrfachen belgischen Weltmeister Wout van Aert und Sanne Cant sowie der Niederländer Mathieu van der Poel, der die Weltcup-Saison im Winter 2017/18 beeindruckend dominierte und WM-Dritter wurde, werden verehrt wie Kevin de Bruyne oder Arjen Robben. „Und von dieser Stimmung haben wir alle was, das ist das Tolle am Cyclocross“, erzählt die Deutsche Meisterin Lisa Brandau. Die 32-Jährige, die im vorigen Mai ihr zweites Kind bekommen hat, ist die derzeitige Deutsche Meisterin der Disziplin. Sie musste im Damen-Rennen aus der letzten Reihe starten – und fuhr vor auf einen sensationellen fünften Platz. „Ich verstehe nicht, was die Holländer brüllen, aber das ist einmalig, hier zu fahren.“

„Es ist knackig, actionreich und toll anzuschauen“

Was ist das für ein Sport, der unsere Nachbarn so begeistert und auch in Deutschland ein Comeback erlebt? Rad- und Szenemagazine überschlagen sich mit Testberichten zu Cyclocrossern oder den ähnlich gebauten Gravelbikes, der Handel boomt, und Veranstalter zählen sprunghaft ansteigende Zahlen bei (Hobby-)Rennen wie dem NRW-Cup – eine kleine Rennserie, die in der nächsten Saison ausgebaut werden soll. Das niedersächsische Zeven hat gerade zwei Jahre hintereinander ein Weltcup-Rennen ausgerichtet und will sich wohl bald noch einmal bewerben.

Das Rennen

Auf den ersten Blick drehen beim Cyclocross Rennradfahrer Runden im Gelände – auf einem Terrain, das nicht für Rennräder geeignet ist. Der zweite Blick offenbart: Die Reifen sind breiter und haben Profil, State of the Art sind seit Jahren Scheibenbremsen. Außerdem ist die Geometrie etwas „entspannter“, das heißt: Die Fahrer sitzen weniger gestreckt.

Die Rennen finden auf einem meist zwei bis drei Kilometer langen Kurs statt – über Wiesen, Hügel und Waldwege, je nach Wetterlage verschlammt, staubig oder gefroren. Zum Kurs  gehören immer auch Treppenstufen oder Hürden. In Valkenburg zum Beispiel fand das Rennen auf dem Cauberg statt, der auch von den Frühjahrs-Rennrad-Klassikern bekannt ist.

Im Gegensatz zum Mountainbiken ist beim Querfeldeinsport kein kontinuierliches Fahren möglich: Die Strecken sind extra so gestaltet, dass die Fahrer immer wieder abspringen, ihr Rad über Schikanen tragen und dann wieder aufspringen müssen. Wem die Kette – oder das Schaltauge ab- – reißt, der muss sein Rad bis zur Wechselzone tragen. Dort können die Fahrer in jeder Runde ihr dreckiges Rad gegen ein frisch abgespritztes tauschen. Dabei gilt es, in voller Fahrt ab- und aufzuspringen, um wenig Zeit zu verlieren.

Wer hier siegen will, braucht daher neben Ausdauer und Kraft die richtigen Reifen und hervorragende Technik. Die Profis trainieren Geschicklichkeit zum Beispiel am Strand oder fahren durch Sandkästen, üben auch mal, Balance auf Slack Lines zu halten. „Man muss einfach verdammt gut Rad fahren können“, fasst es der Deutsche Meister Marcel Meisen zusammen, der schon als Dreijähriger durch die Sandhaufen im Garten kurvte.

Meisen zählt zu den Topfahrern den der Weltcup-Serie und belegte in der Schlammschlacht von Valkenburg Rang 14. Für den 29-Jährigen ist Querfeldein: „Pure Action, Spaß und Spektakel – für uns und für die Zuschauer.“

Der Markt

Zwar ist das Segment Querfeldeinräder in Deutschland eine Nische. Insgesamt machen Rennräder, die übergeordnete Sparte, etwa zehn Prozent des Marktes aus, auf dem Händler 2016 laut Zweirad-Industrie-Verband 2,6 Milliarden Euro umsetzten. Und doch spüren die Hersteller in dieser Nische deutlich den Boom: Oliver Hensche, Geschäftsführer für den deutschen Markt beim weltweit größten Radhersteller Giant Bicycles, berichtet: „Wir verzeichnen seit vier Jahren kontinuierlich ansteigende Umsätze in diesen Produktkategorien.“

Der in Hamburg ansässigen Hersteller Stevens, dominante Marke im Profibereich, meldet seit Jahren Steigerungsraten von mindestens zehn, teilweise sogar 50 Prozent. Und bei der Cloppenburger Gruppe Derby Cycle, zu der auch die vom dreimaligen Cyclocross-Weltmeister Mike Kluge gegründete Marke Focus gehört, sagt deren Markenchef Martin Schamböck: „Wir sehen im Cyclocross-Segment ganz klar weltweit einen Anstieg der Nachfrage.“

Auch der Koblenzer Direkt-Händler Canyon hat viel Zeit und Geld in die Entwicklung eines Carbon-Cyclocrossers gesteckt, den nun die Profis nutzen – darauf fährt seit Januar unter anderem Superstar Mathieu van der Poel, kurz MVDP. Canyon soll sich das Sponsoring seines Teams 700.000 Euro kosten lassen, munkelt man im Feld, MVDP dadurch ein Millionengehalt beziehen.

Die Historie

So neu solche Gehälter sind, so alt ist die Disziplin. Ja, es ist die Renaissance eines Sports, der zu Beginn des vorigen Jahrhunderts populär wurde, quasi als Nebeneffekt des professionellen Straßenradsports. Die Fahrer stiegen im Winter auf Räder mit breiteren Reifen um und gingen ins Gelände, um sich fit zu halten.

Wer einen Defekt hat, muss sein Rad bis zur Wechselzone schieben oder tragen. Quelle: Union Cycliste Internationale Homepage
Cyclocross-WM in Valkenburg

Wer einen Defekt hat, muss sein Rad bis zur Wechselzone schieben oder tragen.

(Foto: Union Cycliste Internationale Homepage)

Heute ist es bezeichnenderweise andersherum: Die meisten Querfeldein-Profis fahren im Sommer Straßenrennen, um die nötige Rennhärte zu erhalten, andere, wie Lisa Brandau, fahren im Sommer Mountainbike. Das hat auch damit zu tun, dass sie dort Geld verdienen und als Mitglied des Olympia-Kaders zumindest ein wenig von der Sportförderung profitieren kann.

Die deutschen Stars

Denn nicht alle Profis können vom Cyclocross leben: Brandau zum Beispiel hat, Meistertitel hin oder her, nur 6.000 Euro an Sponsorengeldern im Jahr zur Verfügung, und das Rad, auf dem sie in Valkenburg ihre bislang beste Platzierung bei einer WM einfuhr, ist sechs Jahre alt. Am Rad sind nicht mal Scheibenbremsen verbaut – was umso mehr für ihr fahrerisches Können spricht.

„Das ich damit so gut fahre“, sagt sie selbst im Ziel und schüttelt fassungslos den Kopf – zumal sie seit Geburt ihres Sohnes im Mai ihr Training auf ein Minimum zurückgefahren hat. „Das darf man gar nicht erzählen“, meint sie und lacht, „aber mehr als zehn, zwölf Stunden die Woche schaffe ich meistens nicht.“

Ob ihr die gute Platzierung nun hilft, einen großen Sponsor zu finden? „Vielleicht“, meint sie, „aber neben Training, Kindern, Wäschewaschen muss ich erst mal Zeit finden, mich darum zu kümmern.“ Brandau hat ja noch ihren Beruf, sie arbeitet wie ihr Mann im Kältebauunternehmen ihrer Eltern, „ohne die könnte ich den Sport gar nicht machen“. In der Wechselzone wartet auf sie stets ihr Ehemann, der manchmal noch die beiden kleinen Söhne im Schlepptau hat. „Wir sind ein Familienunternehmen“, sagt Brandau.

Beim Marcel Meisen, der im belgischen Team Steylaerts-Betfirst fährt und bei Rennen auch von einem Mechaniker und Mitarbeitern unterstützt wird, sieht das anders aus. Er ist Vollprofi und sagt: „Ich kann vom Sport ganz gut leben, sicherlich auch besser als mancher Straßenprofi in einem kleinen Team.“

Meisen, der nahe der belgischen Grenze lebt, erzählt am Rande der Strecke in Valkenburg: „Gerade in Belgien, wo jedes Rennen im Fernsehen läuft, ist viel Geld im Spiel.“ Er fährt zwar im Sommer Straßenrennen, um sich fitzuhalten, aber finanziell findet er den Straßensport „nicht unbedingt attraktiver“ – obwohl er bemerkt hat, wie die Leistungsdichte mit dem Boom des Disziplin seit Jahren zunimmt.

Die Topstars

Die absoluten Topfahrer können auf der Straße allerdings sicherlich mehr verdienen. Der slowakische Sprintstar Peter Sagan zum Beispiel soll bis zu sechs Millionen Euro im Jahr kassieren. Und während es für einen Tour-de-France-Sieg eine halbe Million Euro und für den Sieg einer Etappe schon 8.000 Euro gibt, sind es im Querfeldein für den Sieger eines Weltcups-Rennens 5.000 Euro, für den gesamten Weltcup 30.000 Euro.

Es gibt auch keinen Mindestlohn wie im Straßenrennsport: Dort schreibt der Weltverband UCI ein Jahresgehalt von mindestens 38.115  Euro vor für Profis von Worldtour-Teams – quasi die erste Liga im Radsport – beziehungsweise von 30.855 Euro für die sogenannten Continental-Teams aus der zweiten Liga.

Equal Pay?

Und auch wenn im Cyclocross erfreulich viele Fans ihre Kuhglocken auch bei den Frauenrennen schütteln, geht der Verdienst der Frauen und Männer deutlich auseinander. „Immerhin ist Cyclocross die einzige Radsportdisziplin, in der Frauen für den Sieg bei der WM genau so viel Preisgeld erhalten wie Männer“, sagt Hanka Kupfernagel, Deutschlands erfolgreichste Radrennfahrerin, die bis zum Ende ihrer aktiven Laufbahn 2014 zwei Jahrzehnte lang den internationalen Frauenradsport geprägt hat.

Kupfernagel konnte zu ihrer Zeit vom Sport leben, weil sie alles gefahren und fast alles gewonnen hat: Cyclocross, Straßenrennen, Mountainbike. Heute sitzt die Olympia-Zweite des Straßenrennens von 2004 und mehrfache Cyclocross-Weltmeisterin in der Cyclocross-Kommission der UCI, hat auch den deutschen Weltcup in Zeven organisiert. Sie weiß, dass sich seit dem Ende ihrer aktiven Zeit viel getan hat: Die Preisgelder im Worldcup für Frauen ziehen an, manche Veranstalter schreiben aus eigenem Antrieb gleich hohe Prämien aus.

Aber equal pay? „Da muss noch viel passieren, bis wir da hinkommen“, sagt die 43-Jährige.

Für Aufruhr sorgte im Winter zum Beispiel die in der Szene sehr beliebte britische Meistern Helen Wyman, die schon mal das Feld von hinten aufrollt, aber im Winter trotz Top-Ten-Platzierungen übers Aufhören sprach – auch sie fand keinen großen Sponsor. Schließlich taten sich doch genug Geldgeber zusammen, Wyman fährt weiterhin.

Nun nutzt ihre Popularität, um auf talentierte U-23-Fahrerinnen aufmerksam zu machen und per Crowdfunding einen Zuschuss zu sammeln für deren Teilnahme an der nächsten britischen Meisterschaft. Wyman zitiert Studien: In der Altersgruppe 16 bis 23 gäben viele Fahrer den Sport auf – und zwar gerade junge Frauen. Ausgerechnet jetzt wäre es fatal, diese Talente zu verlieren: Denn auch die UCI zollt dem Trend zum Cyclocross Tribut und erweitert die WM-Kategorien, 2020 wird erstmals auch ein Juniorinnenrennen, also für die Gruppe U19, stattfinden.

Das Dilemma mit Olympia

Hier könnte sich auch der Bund Deutscher Radfahrer Gedanken machen. Fast das ganze Geld geht in den Straßen- und Bahnsport. „Da kannst Du froh sein, wenn für die Cyclocrosser mal eine Thermojacke übrigbleibt“, erinnert sich Kupfernagel an ihre aktive Zeit, und viel geändert hat sich hier nichts: Lisa Brandau zum Beispiel erhält als Cyclocrosserin null Förderung, gerade mal die Unterkunft bei der WM hat sie bezahlt bekommen. Für die Sportförderung kommen die Querfeldeinfahrer nicht in Frage, weil ihre Disziplin nicht olympisch ist.

Das Dilemma: Cyclocross-Saison ist der Winter. Zwar finden die Rennen auch auf Schnee und vereisten Böden statt, und ein Rennen im Pulverschnee wäre für viele Fahrer und Fans wohl ein absoluter Traum. Aber der Sport ist nicht an Schnee und Eis gebunden, was wiederum Voraussetzung ist für die Olympischen Winterspiele. Gerade versuchen die Verbände deshalb, die Disziplin für den Sommer zu bewerben. Auch wenn das gegenläufig zur Saison wäre: Querfeldeinfahrer kommen ja auf jedem Terrain zurecht.

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