Wirbel um Dopingbericht Sportbund will Kommission einsetzen

Der Deutsche Olympische Sportbund ist um Aufklärung des Dopings in der BRD - mit Hilfe einer unabhängigen Kommission. Trotzdem werden schwere Vorwürfe gegen den Verband laut – insbesondere gegen Präsident Bach.
2 Kommentare
Eine Studie hat systematisches Doping in der Bundesrepublik aufgedeckt. Quelle: dpa

Eine Studie hat systematisches Doping in der Bundesrepublik aufgedeckt.

(Foto: dpa)

Berlin/Bremen/Mainz/MünchenDie Enthüllungen über weitreichende Dopingpraktiken in der Bundesrepublik halten den deutschen Sport weiter in Atem. Der Deutsche Olympische Sportbund hat bereits Maßnahmen ergriffen. „Wir haben eine unabhängige Kommission eingesetzt und den Vorsitzenden benannt, das ist der ehemalige Bundesverfassungsrichter Udo Steiner“, sagte DOSB-Präsident Thomas Bach im „heute-journal“ des ZDF (Montag). Steiner werde den Bericht der Berliner Humboldt-Universität evaluieren und dem DOSB-Präsidium Empfehlungen „geben für den Umgang damit und auch für Lehren für die Zukunft“.

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft hatte am Montag die Studie zum Doping in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht. Der Abschlussbericht der Berliner Humboldt Universität und der Universität Münster über die Doping-Vergangenheit in der Bundesrepublik bestätigte das Bild einer staatlich geduldeten und von Steuergeldern finanzierten Doping-Forschung.

Bach begrüßte die nun stattfindende öffentliche und wissenschaftliche Diskussion über die Doping-Vergangenheit der Bundesrepublik. „Das ist das, was wir wollten. Wir wollten Klarheit und Offenheit. Und jetzt kann man sich mit größtmöglicher Transparenz mit diesen Ergebnissen auseinandersetzen.“

Doch an dieser Transparenz hapert es offenbar schon jetzt. Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag, hat kritisiert, dass die Studie über Doping in der Bundesrepublik Deutschland nicht komplett veröffentlicht worden ist. In hr-iNFO sagte die SPD-Politikerin, die gestern veröffentlichte Minimalversion des Berichts werfe mehr Fragen auf als sie Antworten gebe. So seien vermutlich interessante Namen geschwärzt worden. Freitag sprach von einem Bericht, „der von Auslassungen und Platzhaltern wie N.N. dominiert wird“.

Die Politik habe aber ein Anrecht darauf, mehr zu erfahren, auch um die richtigen Lehren für die Zukunft daraus zu ziehen. Dass offiziell datenschutzrechtliche Gründe für die Auslassungen angeführt werden, hält Freitag für abwegig. „Diese Argumentation hat man sich ja auch nicht bei der Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen zu eigen gemacht“, sagte sie. In einem Rechtsstaat müssten gleiche Maßstäbe angesetzt werden.

Auch Ines Geipel, die Vorsitzende des Dopingopfer Hilfevereins DOH, nannte weitere Fragen. „Wenn so viele Leute involviert waren, stellt sich die Frage: Um welche Sportler und Funktionäre handelt es sich?“, gab die Buchautorin zu bedenken und hinterfragte auch die Rolle des IOC-Präsidentschaftskandidaten Bach: „Inwieweit ist zum Beispiel auch Thomas Bach involviert? Wenn keine Namen genannt werden, bleibt alles anonym.“

Der DOSB-Chef, der im September Präsident des Internationalen Olympischen Komitees werden will, bekräftigte im ZDF, dass zu seiner aktiven Zeit als Sportler in der Olympiamannschaft 1976 „für uns in Fechterkreisen das Thema Doping kein Thema“ gewesen sei.

Zudem scheint nicht der komplette Bericht veröffentlicht worden zu sein. Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) hatte als erstes Medium über die damals noch unveröffentlichten Studie geschrieben. Sie spricht von einem Bericht von 800 Seiten. Auf dem Internetportal des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) finden sich aber lediglich sechs Dokumente mit einem Gesamtvolumen von 500 Seiten. Nach Angaben der „SZ“ hat die Humboldt-Universität den Bericht auf Anweisung des BISp eingekürzt. Rund 680 Seiten Details fehlen demnach.

„Wer wollte, hätte es wissen können“

DOSB-Präsident Thomas Bach muss sich Vorwürfen stellen, er hätte schon früher von den Doping-Vergehen gewusst haben müssen. Quelle: AFP

DOSB-Präsident Thomas Bach muss sich Vorwürfen stellen, er hätte schon früher von den Doping-Vergehen gewusst haben müssen.

(Foto: AFP)

Schwere Vorwürfe gegen Bach erhebt auch die Ex-Spitzensportlerin Heidi Schüller. „Thomas Bach muss mehr gewusst haben, als er jetzt zugibt. Er kann doch auch lesen“, sagte Schüller in einem Interview der Münchner Tageszeitung „tz“ (Dienstag). „Aber wenn man IOC-Präsident werden will, dann schweigt man besser.“

Die frühere Weitspringerin Schüller hatte 1972 bei den Heim-Sommerspielen in München den olympischen Eid gesprochen – als erste Frau überhaupt. Auf die jüngsten Enthüllungen habe sie „mit einem Schulterzucken reagiert, weil es mich nicht mehr aufgeregt hat. Es ist doch fast schon lächerlich, wie lange alle Veröffentlichungen verhindert wurden“, sagte die heute 63-Jährige. Schüllers Fazit: „Wer wollte, hätte es wissen können.“

In ihrer aktiven Zeit sei Doping vor allem in den Leichtathletik-Wurfdisziplinen alltäglich gewesen. „Jeder konnte es im Kraftraum sehen. Anabolika wurden genommen, die übrigens auf dem Schwarzmarkt gehandelt wurden. Dazu Cortison, das von Ärzten verschrieben wurde. Auch bei ausländischen Sportlern haben wir es gesehen.“

Die Vergangenheit hat den deutschen Sport nun eingeholt. Für den ehemaligen Sportausschussvorsitzenden Peter Danckert gibt es praktisch kaum mehr einen Unterschied zum DDR-Doping und dem staatlich geduldeten und von Steuergeldern finanzierten Doping in der Bundesrepublik, wie es in der Forschungsarbeit der Berliner Humboldt Universität beschrieben und analysiert wird. „Es gab in Ost und West flächendeckendes Doping“, sagte SPD-Politiker Danckert auf der Internetseite der „Mitteldeutschen Zeitung“. Er sehe Unterschiede nur noch in Nuancen, wurde Danckert zitiert.

Einer sei, dass Doping „im Osten staatlich angeordnet war und im Westen staatlich geduldet. Jetzt sind wir sogar noch einen Schritt weiter und müssen sagen, dass es im Westen mit Steuermitteln unterstützt worden ist“. Erneut machte sich Danckert auch für entsprechende Gesetze gegen Dopingsünder stark, „damit dieser Betrug aufhört. Oder man darf sich nicht mehr als Dopingbekämpfer hinstellen“.

Auch Clemens Prokop hat sich bereits mehrfach für ein Anti-Doping-Gesetz ausgesprochen. Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes will am (heutigen) Dienstag zusammen mit Bayerns Justizministerin Beate Merk Wege zur Bekämpfung des Dopings aufzeigen. Die gemeinsame Pressekonferenz im Münchner Justizpalast steht unter dem Motto: „Was jetzt zu tun ist!“ Prokop fordert zudem eine längere Verjährungsfrist bei Doping-Vergehen. Es sei ein Unding, dass die Verjährungsfrist nur acht Jahre betrage, sagte Prokop am Dienstag im Bayerischen Rundfunk. „Eine der Forderungen muss sein: Wir müssen diese kurze Frist von acht Jahren deutlich verlängern.“ Betrüger könnten sich dann nie sicher sein, dass ihre zweifelhaften Erfolge Bestand haben.

Strafrechtliche Aufklärung gefordert

Prokop reagierte entsetzt auf die „Berichte zum Projekt Doping in Deutschland“, nach denen auch in der Bundesrepublik das Doping mit staatlichen Geldern unterstützt worden sein soll. „Was mich erschreckt hat, dass sich tatsächlich ein erhebliches Ausmaß des Dopings in Westdeutschland abzeichnet“, sagte er.

Der DLV-Präsident zeigt sich überrascht, dass schon seit Ende der 40er-Jahre nicht nur in der Leichtathletik, sondern auch im Fußball, im Rudern und anderen Sportarten gedopt worden sein soll. „Was mich schockiert hat, war, dass offenkundig mit staatlichen Geldern geforscht wurde. Und dass offenkundig, viele Verantwortliche im Sport Bescheid wussten.“

Unterdessen verlangt Doping-Experte Werner Franke eine strafrechtliche Aufklärung des westdeutschen Dopingprogramms. Wie schon bei den Prozessen gegen Verantwortliche des DDR-Dopingprogramms müssten auch die Hintermänner in Westdeutschland wegen Körperverletzung vor Gericht. „Wieso wurde etwas bestraft bei DDR-Tätern, aber nicht bei west- oder gesamtdeutschen Tätern?“, sagte der Heidelberger Molekularbiologe am Dienstag im Nordwestradio.

Wenn auch in der wissenschaftlichen Arbeit viele alte Erkenntnisse wiederholt werden, sind Politik und Sport aber gefordert zu zeigen, wie ernst sie es mit der Aufklärungsarbeit meinen.

Innenminister Hans-Peter Friedrich soll nach dem Willen der SPD bei der geplanten Sondersitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages Rede und Antwort stehen. Auch der an der Studie beteiligte Wissenschaftler Giselher Spitzer, BISp-Direktor Jürgen Fischer und Bach sollen zur Sitzung eingeladen werden. Möglicherweise wollen die Parlamentarier schon am 29. August zusammenkommen, alternativ stehen der 2. oder 3. September als Termin im Raum.

  • dpa
  • lih
Startseite

Mehr zu: Wirbel um Dopingbericht - Sportbund will Kommission einsetzen

2 Kommentare zu "Wirbel um Dopingbericht: Sportbund will Kommission einsetzen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Schlinge wird sich weiter zuziehen, gleichzeitig sprechen wir über eine Zeit, in der das Doping weltweit praktiziert wurde.

    Im Nachhinein lässt sich immer leicht sagen, dass es falsch war, das lässt ich auch auf andere Seiten unserer Kultur übertragen.

    Ab und am muss auch mal ein Kapitel zugeschlagen werden und nicht immer und immer wieder rausgeholt werden, da sich nichts mehr ändern wird.

  • Es ist eigentlich nichts"Neues" was man über Doping berichtet.Bereits in den vergangenen Jahren wurde mehrfach
    versucht ,Praktiken dazu, aus dem Westteil von Deutschland näher zu beleuchten. Es war und es ist - bis zum heutigen Tag - nicht erwünscht. Man kann und darf gespannt sein, was dem Bürger noch so alles an Tatsachen vorenthalten wurde.Leider hält sich die Information und die Reaktion der
    Bürger darauf in Grenzen- aber es wird der Zeitpunkt kommen,da kann man Lügen, Verharmlosung und einseitige Aufarbeitung der Geschichte von Ost und West nicht mehr den Bürgern unterjubeln- allerdings wird es noch eine Weile dauern- noch wird seitens der Politik geschickt die Meinungsbildung der Bevölkerung gelenkt- es fragt sich nur- Wie lange noch ! Dem Herrn Bach glaube ich - persönlich -
    kein Wort, den er ist welcher, der sehr an seinem Posten hängt und an seinen nächsten höheren Posten denkt- nur das Geld zählt !

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%