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Anstoß – die WM-Kolumne Ich hab ja nicht mehr dran geglaubt

Es sprach so viel gegen diesen Titel. Die Verletzung von Marco Reus, die Inszenierung der DFB-Elf, die drei vergangenen WMs. Die Autorin hatte das Aus im Viertelfinale vorausgesagt. Sie hatte noch nie so gerne Unrecht.
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Unverhofft kommt oft: Lukas Podolski und der WM-Pokal. Quelle: dpa

Unverhofft kommt oft: Lukas Podolski und der WM-Pokal.

(Foto: dpa)

Als ich Philipp Lahm den Weltmeisterpokal in die Luft recken sah, als die Nationalmannschaft am Dienstag in Berlin aus dem Flieger stieg, als ich die ganzen jubelnden Menschen auf den Straßen beobachtete: Ich konnte es nicht fassen. Selbst jetzt kann ich es noch nicht fassen. Deutschland ist Fußballweltmeister. 

Ich gebe zu: Ich war einer der Skeptiker. Wobei skeptisch vielleicht noch zu vorsichtig ist. Ich habe schlichtweg nicht daran geglaubt. Ich war einer derjenigen, die auf das Fehlen von Talenten wie Marco Reus und Ilkay Gündogan hinwies, auf die noch lange nicht genesenen Führungsspieler Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira, auf die Taktik von Jogi Löw, die irgendwie immer in den entscheidenden Spielen nicht zu greifen schien, auf die ganze Inszenierung.

Ganz objektiv betrachtet, sahen die Chancen nicht gut aus. Es gab viele Teams, die stärker erschienen, allen voran natürlich Brasilien und Spanien, aber auch die Niederlande und Geheimfavoriten wie Belgien. Und wirklich geheime Favoriten wie Costa Rica, die man erst im Viertelfinale überhaupt wahrnahm.

Und dann war da das deutsche Team. Marco Reus, der große Impulsgeber – verletzt. Schweinsteiger und Khedira – noch nicht wieder ganz fit. Unser einziger echter Stürmer Miroslav Klose, ein guter, klar, aber auch schon 36 Jahre alt. Philipp Lahm begann nicht auf der rechten Seite (auch, wenn er meines Erachtens nach als Sechser auch nicht annähernd so schlecht spielte, wie einige „Experten“ meinten). Und Mesut Özil war nach seiner Saison bei Arsenal London nicht unbedingt in der Form seines Lebens (und wartet mit seinem brillanten Moment offenbar noch auf die nächste Weltmeisterschaft).  

Vor dem Turnier handelten manche das DFB-Team schon wieder als Favoriten. Ach, die ewige Favoritenrolle. 2006 und 2010 begeisterte die DFB-Elf mit grandiosem Offensivfußball, zeigte schöne Spiele – und verlor dann doch. Und genau so begann auch diese WM wieder: mit vier Toren im Eröffnungsspiel. Gut, 2006 hieß der Gegner Costa Rica, 2010 Australien. Portugal gehörte da schon einer anderen Klasse an. Aber trotz der Dominanz saß die Angst zu tief, dass die Mannschaft es eben doch wieder nicht packt.

Emotionen kamen erst spät rüber

Die Angst auch, dass die Mannschaft dieses Turnier ein bisschen zu locker sieht. Die Szenen von den Pressekonferenzen und die, die die Öffentlichkeit aus dem DFB-Quartier zu sehen bekam, bauten nicht gerade Vertrauen auf. Es war alles so durchinszeniert, die Lockerheit, die Freundlichkeit, die Fifa-Bilder. Poldi warf Reporter in den Pool, Götze &Co. knipsten etliche Selfies. Sonst nur seichte TV-Interviews, lauter Phrasen, lauter Geschwafel.  Zwanghaft gute Laune, zwanghaft laufen am Strand, zwanghaft entspannt. Hohle Phrasen von „toller Stimmung“, „Ziel fest im Blick“, „ein schwerer Weg“. Das Gefühl, dass da eine Mannschaft auf den WM-Titel brennt, das kam beim Zuschauer, oder zumindest bei mir, nicht an.

Es änderte sich erst mit dem Ausraster von Per Mertesacker. Als der Abwehrspieler den ZDF-Reporter Boris Büchler anblaffte, ob man den nun schönen Fußball sehen wolle oder Weltmeister werden, da war plötzlich klar, unter welchem Druck die Mannschaft stand, und dass sie an das Ziel Weltmeister wirklich glaubte.

Wie sehr, das ließ sich spätestens im Spiel gegen Brasilien beobachten. Als dieses deutsche Team einfach nicht mit dem Tore schießen aufhören wollte, nicht nach dem 3:0, nicht nach dem 4:0, nicht nach dem 5:0. Als sie selbst spät im Spiel noch nachsetzte und sogar das 7:0 schoss. Weiter machen, immer weiter machen. Eine Qualität, die man so sonst nur von den Bayern kennt.

Das „immer weiter machen“, es war aber auch der Ausdruck von Teamgeist. Dass Jerome Boateng eben grätschte, wenn Mats Hummels nicht mehr konnte. Dass Philipp Lahm eben in die Offensive ging, wenn die Sturmbewegung keine gute Idee hatte. Dass Manuel Neuer eben einfach mitspielte, wenn die Defensive überrannt war. Den Weg machen, wenn ihn kein anderer macht: Das war neu.

Ein bisschen Glaube kam bei mir zurück – und wurde während des Finales wieder auf eine harte Probe gestellt. Aber eben nur mein Glaube. Der Glaube von Jogi Löw und von der Mannschaft und vor allem der von Mario Götze, der war eben auch noch 113. Minute da, als ich den Pokal schon längst verloren glaubte. Das DFB-Team war nicht unbedingt besser, es hatte nur dieses Quäntchen Glück mehr und das Quäntchen Götze. Beides kam nicht durch Zufall, beides hat sich diese Mannschaft erkämpft. Mit ihrem Glauben.

Ich hatte das Aus im Viertelfinale vorhergesagt. Spätestens. Und wenn mir jemand gesagt hätte, vor der WM, wir werden Weltmeister, ich hätte es nicht geglaubt. Ich kann es immer noch nicht glauben. Auch jetzt nicht, wo die ganze Mannschaft mit dem Weltpokal durch Berlin fährt.

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