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WM-Proteste in Brasilien Der Fußball wirkt wie Opium fürs Volk

Massenproteste haben Brasilien vor einem Jahr erschüttert. Die Forderungen der Demonstranten sind weiter unerfüllt, während der WM ist es dennoch ruhig geblieben. Zwei Gründe: Die guten Spiele und der Faktor Angst.
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Proteste in Brasilien: WM-Reporter Stefan Kaufmann macht sich ein Bild der Lage. Quelle: Stefan Kaufmann

Proteste in Brasilien: WM-Reporter Stefan Kaufmann macht sich ein Bild der Lage.

(Foto: Stefan Kaufmann)

Rio De Janeiro Sie tragen Pink, sind bewaffnet mit Schildern und protestieren gegen die Ordnungshüter der Stadt Rio. Die Aktivisten fordern einen „Choque de Amor“ – einen Liebes-Schock - statt des offiziellen Ordnungsschocks. Ein Programm mit dem die Kommune die Stadtteile aufräumen will – Falschparker und Zigarettenwegwerfer werden dabei von der Guarda Municipal genauso abgestraft wie Straßenkinder und Bauchladenhändler vertrieben.

Es ist eine Protestgruppe von vielleicht 200 Leuten, die in ihren Kostümen und mit Trommeln über die Avenida Atlântica an der Copacabana zieht. Die einen demonstrieren gegen die Ordnungswut der Stadt, andere für Frauenrechte, ein Mann streckt ein Schild in die Höhe: Fuck Fifa. Wär ihr Auftreten nicht so schrill, sie würden untergehen im Meer der Fußball-Fans, die in ihren bunten Trikots auf dem Weg zum Strand sind.

Rückblende: Es ist der 20. Juni 2013, als die Proteste in Brasilien ihren bitteren Höhepunkt erleben. Mehr als eine Million Menschen gehen in den Großstädten des Landes auf die Straße, 300.000 allein in Rio de Janeiro. Ihnen gegenüber stehen Polizeieinheiten mit gepanzerten Fahrzeugen. Die Situation eskaliert, Tränengas-Wolken breiten sich aus, Polizisten schießen mit Gummigeschossen in die Menge, Randalierer zünden Autos an, es kommt zu erbitterten Straßenschlachten mit zahlreichen Verletzten.

In jenen Tagen steht Brasilien unter besonderer Beobachtung. Es läuft der Confed-Cup, das Turnier, das der Welt einen Vorgeschmack auf die Fifa-Weltmeisterschaft im folgenden Jahr geben soll. Die Spiele werden angesichts der Unruhen im ganzen Land zur Randnotiz und die Sorge von Regierung und Veranstalter wächst, was wohl erst passiert, wenn die richtige WM ausgetragen wird.

Jetzt steht nach gut vier WM-Wochen das Finale an und die Bilder, die seit dem ersten Anpfiff um die Welt gehen, zeigen Fußball, Fußball, Fußball. Die großen Protestzüge mit Krawallen sind ausgeblieben, dabei sind die Probleme, die die Menschen vor einem Jahr auf die Straße getrieben haben, nicht im Ansatz ausgeräumt.

„Der Regierung ist es gelungen, die Proteste auszusitzen, es ist nichts auf den Weg gebracht, dass irgendetwas verändern würde“, sagt Dawid Danilo Bartelt, Leiter der Böll-Stiftung in Rio de Janeiro. Für ihn waren die Proteste von damals dennoch einmalig. „Ein Happening, das seinen Grund hatte in der Massivität und einer Spontanität, die sich nicht reproduzieren lässt.“

Korruptionsaffären erschüttern das Land

Unterwegs in den berüchtigten Favelas

Die Proteste hatten im Juni 2013 plötzlich unheimlich an Dynamik gewonnen. Eine Gruppe wie die „Movimento Passe Livre“, deren Aktivisten einen Gratis-Nahverkehr fordern, gab es eigentlich schon seit 2005. Allerdings hatte eine solche Bewegung ein Mobilisierungspotenzial im vier- höchstens fünfstelligen Bereich.

„Dass daraus zwei Millionen wurden, war ein Momentum, eine Situation, in der vieles zusammenkam", sagt Bartelt. „Die Nachricht von der teuersten WM aller Zeiten – ein ganz konkreter Gegenstand – traf auf die Alltagssituation der Leute.“

Und die war längst nicht mehr so rosig, wie die Sonntagsreden der Regierung vermuten ließen. So ist es vor allem die in den vergangenen Jahren gewachsene Mittelschicht, die protestiert. Ihnen reicht nicht mehr der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen, sie hinterfragen auch deren Qualität.

Hinzu kamen Korruptionsaffären, die die Glaubwürdigkeit der politischen Kaste massiv beschädigten. Außerdem wurden die Wirtschaftsdaten schlechter, das Zutrauen in den Aufschwung sank. Zugleich flossen Milliarden an Steuergeldern in die Stadien für die Fußball-WM statt in eine Infrastruktur für das Volk.

Der Widerspruch zwischen den Erfolgserzählungen und den Alltagerfahrungen wurde immer größer. Die Fußball-WM wurde Projektionsfläche für all das, was alles schief lief.

„Die Menschen sahen die Qualität der staatlichen Dienstleistungen, die sie ganz konkret betreffen: Ihren Körper, der unter dem Gesundheitssystem leidet, ihre Kinder, die unter dem Bildungssystem leiden, ihren Weg zur Arbeit, der unter dem Verkehrssystem leidet. In allen drei Bereichen Stillstand bis Verschlechterung", sagt Bartelt.

Jeder streikt für sich

Eindrücke aus dem Armenviertel Brasiliens
Favela Mare
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Bis an die Zähnen bewaffnet, misstrauische Blicke und willkürliche Kontrollen: Die brasilianische Militärpolizei zeigt während der WM große Präsenz.

(Foto: dpa)
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Walther erzählt WM-Reporter Stefan Kaufmann über das Leben in seiner Gemeinde.

(Foto: Stefan Kaufmann)
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In Tavares, einer kleinen Favela in Rios Stadtteil Catete, ist es während der WM ruhig geblieben.

(Foto: Stefan Kaufmann)
huGO-BildID: 37522481 Boys play football as the Netherlands and Spain play FIFA World Cup 2014 football match, at the Rocinha shantytown in Rio de Ja
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Vor der mächtigen Kulisse der Favela Rocinha in Rio de Janeiro versuchen sich zwei Brasilianer selbst am Ball.

(Foto: AFP)
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Die Favelas sind nach einer brasilianischen Kletterpflanze benannt – die Armenviertel sind an steilen Hügeln errichtet.

(Foto: Stefan Kaufmann)
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Eindrücke aus Tavares

Allerdings hatte die Protestbewegung keine Führungspersönlichkeit und keine Struktur, organisierte sich in Sozialen Medien, und wandte sich nicht gegen die Regierung im Besonderen oder einzelne Parteien, sondern gegen das gesamte politische System.

Daher kam eine Institutionalisierung der Bewegung zwangsläufig nicht infrage. „Der Protest musste wieder zurückgehen in die alten Formen und Größenordnungen“, sagt Bartelt. „Der Versuch, eine größere Bewegung zu sein, ist gescheitert. Und der übergeordnete Kontext ließ sich zur WM nicht mehr herstellen.“

Jetzt streiken Lehrer, Taxifahrer, Müllabfuhr, Frauenbewegungen jeder wieder für sich. „Am Anfang stand die Bewegung Passe Livre, dann eine diffuse Masse, die ihr allgemeines Unbehagen mit der Demokratie und den ausbleibenden Reformen zum Ausdruck brachte“, sagt Claudia Zilla, Südamerika-Expertin der Stiftung Politik und Wissenschaft (SPW).

„Und gegen Ende stehen klar identifizierbare Interessengruppen mit konkreten Forderungen, wie etwas das Bodenpersonal an den Flughäfen oder die U-Bahn-Fahrer.“ Neben dieser Aufsplitterung gibt es noch weitere Gründe, warum die großen Proteste derzeit ausbleiben.

„Zum einen ist die brasilianische eine konsensorientierte Gesellschaft, die Konfliktbereitschaft und die Konflikttoleranz sind geringer ausgeprägt als etwa in Argentinien“, sagt Zilla. Außerdem schauen die Brasilianer einfach gerne Fußball und erfreuen sich seit WM-Beginn an den Spielen. Sport als Opium fürs Volk.

Ein dritter Punkt: Viele haben mittlerweile Angst, an Demonstrationen teilzunehmen. Das rigorose Vorgehen einer gewaltbereiten Polizei hat abgeschreckt – erst recht, seit sich regelmäßig der ebenfalls gewaltbereite Schwarze Block unter die Demonstranten mischt und es häufig zu Krawallen kommt.

Die Proteste haben wenig erreicht

Rios Befriedungskommandos
Enblem von BOPE, Elöiteeinheit der Militärpolizei
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 Das Emblem von BOPE, einer Eliteeinheit der Militärpolizei in Rio, die sich auf den urbanen Kampf mit Drogenhändlern spezialisiert hat und als eine der best ausgebildeten Spezialeinheiten der Welt gilt.  400 Polizisten verrichten derzeit ihren Dienst bei BOPE. Ihre Praktiken und Waffen werden häufig von Menschenrechtsaktivisten kritisiert, unter anderem von Amnesty International.

(Foto: Verena Brähler)
Complexo do Alemao, Rio de Janiero
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Der Complexo do Alemão ist eine Agglomeration von 13 verschiedenen Armenvierteln, den sogenannten Favelas, in Rio de Janeiro. Das Gebiet wurde im November 2010 von Polizei und Militär gestürmt und ist seit April 2012 dauerhaft von der UPP Friedenspolizei besetzt, um die Herrschaft der Drogenhändler zu brechen.

(Foto: Verena Brähler)
Favela Vila da Penha, Rio de Janiero
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Unterwegs in der Favela Vila da Penha in Rio. Die Infrastruktur der Favelas ist mangelhaft. Dienste wie die Müllabfuhr funktionieren nur sporadisch. Vor der Befriedung traute sich die städtische Müllfirma gar nicht in die Favelas.

(Foto: Verena Brähler)
Favela Vila da Penha, Rio de Janiero
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Arm und reich liegen oft ganz nah beieinander. Im Vordergrund die Sociedade Germania, das Anwesen der Deutschen Gemeinschaft, im Hintergrund die Favela Parque da Cidade.  

(Foto: Verena Brähler)
UPP Friedenspolizei, Rio de Janiero, Einschusslöcher am Gebäude
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Quartier der UPP Friedenspolizei in der Favela Santa Marta. Sie sollen an kriminelle Gruppierungen verloren gegangene Territorien zurückerobern und für Recht und Ordnung sorgen. Die Einschusslöcher am Fuße des Gebäudes zeigen: Willkommen sind sie längst nicht immer.

(Foto: Verena Brähler)
UPP Friedenspolizei, Rio de Janiero
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Mitglieder der UPP Friedenspolizei. 5.600 Polizisten sind derzeit fest in den Favelas stationiert. Bis zur WM 2014 sollen es 12.500 sein.

(Foto: Verena Brähler)
Olympische Fallge Rio de Janiero
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Die Olympische Flagge wird in Anwesenheit der UPP Friedenspolizei und des Governeurs von Rio, Sérgio Cabral, im geschichtsträchtigen Complexo do Alemão gehisst.

(Foto: Renato Moura)

„Viele der Leute, die sich vergangenes Jahr spontan den Protesten angeschlossen haben, sind nun eingeschüchtert und bleiben den Protestmärschen aus Angst vor einer Eskalation der Gewalt fern“, sagt Christina Stolte, Wissenschaftlerin am German Institute of Global an Area Studies (Giga).

Dabei gibt es auf die Fragen, die die Proteste von Juni 2013 aufgeworfen haben, weiterhin keine Antwort. „Konkret haben die Proteste wenig erreicht“, sagt Stolte. Die Mehrheit der Initiativen von Präsidentin Dilma Roussef, angestoßen als Reaktion auf die Demonstrationen, sei mittlerweile eingeschlafen.

Dennoch wirken die Juni-Proteste nach. „Sie sind eine kollektive Erfahrung, die der jungen Generation nicht mehr zu nehmen ist, und ein fester Teil des politischen Diskurses“, sagt Bartelt von der Böll-Stiftung.

„Die weitreichendste Folge der Protestbewegung besteht sicherlich in dem wachsenden politischen Bewusstsein der jungen Mittel- und Oberschicht, die sich traditionell durch politische Apathie und Konsumorientierung auszeichnete“, sagt Expertin Stolte.

„Die nachdrückliche Forderung an die Politik, ihrer Aufgabe nachzukommen und sich für eine Behebung der Mängel bei den öffentlichen Dienstleistungen einzusetzen anstatt ihre Macht und Position zur Selbstbereicherung zu nutzen, ist – so unglaublich das für uns erscheinen mag – ein ganz neues Phänomen in Brasilien.“ Viele Brasilianer hätten durch die Proteste von 2013 ihre demokratischen Grundrechte wiederentdeckt.

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