Joachim Löw

Den Bundestrainer erwartet viel Arbeit – aber die ist zu bewältigen.

(Foto: AFP)

Analyse Der WM-Fehlstart gegen Mexiko ist kein Grund zur Panik – nur zur Sorge

Die Pleite gegen Mexiko war die erste Niederlage in einem WM-Auftaktspiel seit 1982. Doch auch wenn zum Turnierstart vieles schlecht lief – es gibt auch Grund für Optimismus.
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DüsseldorfDeutschland null, Mexiko eins. – die Fußball-WM in Russland hat ihre erste faustdicke Überraschung. In Mexiko sorgte das Ergebnis für unbändige Jubelstürme – in Fußball-Deutschland herrschte hingegen Enttäuschung pur einhergehend mit kräftigem Stirnrunzeln angesichts der mageren Leistung.

Manche Medien und Fußballexperten orakeln bereits vom möglichen „WM-Aus“ und fragen: Bricht die Mannschaft auseinander? Ist das historische Debakel noch abzuwenden? Muss Löw jetzt raus? Die Antworten: Nein, ja und nein. Der Versuch eines nüchternen Blicks darauf, was falsch gelaufen ist – und was Hoffnung macht.

Das lief schlecht

Die Anbindung: Die Schaltzentrale des deutschen Spiels lief buchstäblich schlecht. Immer wieder konnte Mexiko mit einem langen Ball das komplette deutsche Mittelfeld überbrücken. Kroos und Khedira fehlte völlig die Bindung zum Abwehrverbund, die Außenverteidiger standen hoch und kamen selten zeitig genug zurück an den eigenen Strafraum. Das ging so weit, dass Mats Hummels sich genötigt fühlte, die Bälle im Mittelkreis selbst zu klären.

Das hohe Risiko zahlte sich aus – für Mexiko. Deren schnelles Umschalten überrumpelte die vermeintlich weltbeste Innenverteidigung Boateng/Hummels, brachte sie immer wieder in Unterzahlsituationen. Umgekehrt musste unter dem hohen Druck der mexikanischen Stürmer immer wieder der Ball umständlich nach vorne gebracht werden. Das war arg fehlerbehaftet.

Die Zentrale: Sami Khedira schaffte es nicht im Ansatz, Toni Kroos zu entlasten. Kroos selbst wurde von Mexiko völlig fair aus dem Spiel genommen, was zwangsläufig Räume für Khedira eröffnen muss – die er normalerweise eigentlich auch zu nutzen versteht. So begann die Fehlerkette meist schon in der gegnerischen Hälfte.

Dadurch zerfiel das von seiner taktischen Disziplin lebende deutsche Spiel. Eingeübte Mechanismen versagten, weder das Spiel nach vorne, noch die Rückwärtsbewegung waren weltmeisterlich. Auch nahmen die Chefs – also Kroos, Khedira und Özil – immer wieder Tempo aus dem Spiel. Was direkt zum nächsten Punkt führt…

Die Geschwindigkeit: Das deutsche Spiel wirkte vielfach schon lethargisch. Keine Dynamik, keine Konter, kaum ein schneller Antritt. Die beharrliche Spielkontrolle ist ein probates Stilmittel, nur hatte die DFB-Auswahl nie die Kontrolle über das Spiel. Die explosiven Antritte der Mexikaner überforderten ihre deutschen Gegenüber ein ums andere Mal.

Dabei hat Deutschland den perfekten Spieler für diese Art von Partie: Timo Werner. Der Leipziger Stürmer wurde aber nur ein einziges Mal wirklich steil geschickt. Werner ist kein Strafraumstürmer, der auf Bälle lauert – seine Gefährlichkeit ist das Spiel aus vollem Lauf. Natürlich braucht das viele Anläufe und ist risikoreich. Doch wenn es gar nicht erst probiert wird, hängt ein Typ wie Werner in der Luft – verschwendetes Potenzial.

Die Außen: Apropos verschwendetes Potenzial – Marvin Plattenhardt. Der hat eine sehr unglückliche Partie hinter sich, für die Hälfte kann er nicht einmal was. Offensiv lief das Spiel an ihm vorbei, weil seine Mitspieler es von ihm fernhielten. Natürlich ist Hectors Seite oft die, über die weniger läuft. Doch meist ist dann die linke Abwehrseite der Aktivposten. Das heißt: Joshua Kimmich.

Kimmich zeigte einmal mehr, dass er kein Philipp Lahm ist. Zugegeben, ein unfairer Vergleich, war Lahm als Aktiver doch der Beste seiner Zunft. Doch Kimmichs Leistungen schwanken stark, und wenn er Ausfallerscheinungen zeigt, dann vorne wie hinten. Die mexikanische Offensive spielte ihn und Plattenhardt mitunter schwindelig, auch weil sie ungewohnt weit in gegnerischem Territorium agieren mussten. Doch diese taktische Flexibilität muss man Nationalspielern abverlangen können.

Die Spielentscheidungen: Rund 60 Minuten versuchte es die deutsche Offensive mit Flanken in den Strafraum, die niemand verwerten konnte, weil dort niemand stand. Das musste dann auch Marco Reus erfahren, der einen seiner ersten Bälle mustergültig zum Elfmeterpunkt Mexikos schlug, wo er jedoch leicht geklärt wurde. Nachdem Mario Gomez ins Spiel gekommen war, kam noch genau eine hohe Flanke.

Es wirkte, als wollte sich jeder um die Verantwortung fürs Spiel drücken. Draxler, Kroos, Özil, Müller – sie alle agierten fahrig und zaudernd im Spiel nach vorn. Und oft fahrlässig im Spiel nach hinten. Einfachste Spielzüge endeten in gefährlichen Kontern. Einzig Özil ackerte dabei erkennbar nach hinten mit, hatte aber einfach keinen guten Tag.

Von allen Spielern muss mehr kommen. Allein schon um die Diskussion zu vermeiden, was Leroy Sané in der Situation wohl bewirkt hätte. Auch, wenn man nach dessen Leistungen im Nationaldress zuletzt wohl sagen muss: Er hätte noch mehr Unruhe ins deutsche Spiel gebracht.

Die Erdogan-Debatte: Ein Foto zur falschen Zeit, mit dem falschen Regierungschef. Es hätte alles schon beendet sein können. Gündogan hat sich erklärt und entschuldigt, wurde aber gnadenlos ausgepfiffen. So viel Politik war selten im Stadion. Mesut Özil schwieg dazu. Das kann man bewerten, wie man möchte. Aber es ist eben auch sein gutes Recht.

Nun spielte Özil eine bestenfalls durchwachsene Partie, Gündogan gar nicht. Die Frage, die bleibt: Sind die Pfiffe, ist der Hass in den Köpfen der Spieler? Wollte Löw nichts riskieren? Kann diese selten sachlich geführte Debatte und streitwürdiges Verhalten so Einfluss nehmen? Die Frage wird jetzt noch wenigstens ein Spiel mitgeschleppt.

Die Einstellung: Eine der bezeichnenden Szenen des Spiels fand früh statt. Toni Kroos, der Routinier von Real Madrid, fühlte sich gefoult. Kroos ließ sich, wie inzwischen üblich, auf den Ball fallen und sicherte ihn mit der Hand. Der Pfiff blieb aus, der Schiedsrichter ahndete mit Augenmaß das Handspiel nicht mit der gelben Karte. Kroos protestierte lautstark und wurde vom Schiedsrichter auf Abstand zurückgeschoben.

Diese Art von pomadigem Selbstverständnis strahlten viele deutsche Spieler aus. Es war die ungesunde Form des gesunden Selbstvertrauens. Die Mannschaft schien davon auszugehen, dass der Weltmeister als Turniermannschaft nur mal richtig aufdrehen müsse, dann passt das alles schon. Nur drehte keiner auf. Erst kurz vor Schluss, mit Reus, Brandt und Gomez, kam etwas Zug in die Sache. Die Körpersprache verbesserte sich. Doch diese Attitüde wird auch Joachim Löw nicht gefallen haben.

Die Marschrichtung: Und auch Löw muss sich Kritik gefallen lassen. Sein Matchplan ging überhaupt nicht auf, und er hielt lange Zeit stur daran fest. Das ist grundsätzlich eine gute Sache, wenn eine blendend eingespielte Mannschaft auf dem Platz steht, die nur etwas Zeit braucht, um Sicherheit zu gewinnen.

Nur zeigte sich über die volle Distanz kaum einmal, dass die Spieler in der Lage sind, die Ansagen des Trainers umzusetzen. Die Laufwege wurden nicht gegangen, keine Freiräume kreiert. Natürlich lag das auch an Formschwäche. Aber der ältesten deutschen Mannschaft seit Jahren hätte eine komplette Umstellung in der Ausrichtung gut getan. Einfach, weil die Mexikaner grandios auf sie eingestellt waren. Es ist toll, wenn eine Spielweise eine Mannschaft überrascht. Blöd, wenn man selbst der Überraschte ist.

Das macht Mut

Die Einwechselungen: Marco Reus brachte Leben in die Bude. Der Dortmunder brachte Tempo und etwas Wut in die Partie und rüttelte seine Nebenleute auf. Nur, allein konnte er es auch nicht reißen. Als klassische Löw-Einwechslung (60. Minute) konnte er sich für einen Startelf-Auftritt empfehlen.

Auch Julian Brandt machte in seinen wenigen Minuten Einsatzzeit eine Menge Alarm. Er dürfte sich in die Position gespielt haben, die André Schürrle vor vier Jahren hatte: erster Joker. Und auch wenn Mario Gomez mangels vernünftiger Anspiele ineffizient blieb: Es war gut zu sehen, dass auf der Bank noch Leute sitzen, die den Stammspielern Druck machen. In der Vorbereitung mokierte Löw noch zurecht, dass sich die Ergänzungsspieler zu wenig aufdrängten.

Die Aussprache: Mats Hummels haute vor laufenden Kameras etwas raus, von dem Sandro Wagner noch behauptete, es sei nicht möglich – offene Kritik an System und Mitspielern. Tatsächlich sind derlei ehrliche Töne selten im Profifußball. Doch Hummels steht in der Mannschaftshierarchie – und im Ansehen Joachim Löws – sattelfest genug, um diese Sachen anzusprechen. So wie Per Mertesacker 2014.

Auch Löw selbst nahm viel Kritikpunkte an und zeigte sich mit allem unzufrieden. Am Montag wurden die Medien vom Training ausgesperrt und die Pressekonferenz abgesagt. Geredet wird intern. Und es ist davon auszugehen, dass klare Worte fallen.

Die Zeit: Bis Samstag hat Jogi Löw nun Zeit, die Mannschaft neu aufzustellen. Bei einer Vorbereitung, die knapp drei Wochen dauerte, ist das an sich schon eine Ewigkeit. Nach der Fehleranalyse ist es an ihm und seinem Team, Lösungen zu finden. Und die kann es reichlich geben.

Ansatzpunkte sind neben Personalwechseln, um Zeichen zu setzen, auch Feintuning bei der taktischen Ausrichtung. Und mentale Aufarbeitung. Das Geheimtraining ist angesichts dessen, dass Mexiko die deutsche Elf lesen konnte wie den Beipackzettel eines Kinderspielzeugs, auch nicht die dümmste Idee.

Der Gegner: Die wirklich beste Nachricht des gestrigen Abends – schwerer wird es in der Gruppe nicht. Mexiko wurde auf Partynächte mit Escortdamen reduziert, als drolliges Salsa-Team mit Sombrero und überhaupt und auf ganzer Linie schlagbar. Faktisch ist Mexiko seit mehr als einem Jahrzehnt der Platzhirsch in Nord- und Mittelamerika. Das mag nicht viel heißen, aber die starke eigene Liga, die Breite im Nachwuchs und die Euphorie machen die Mexikaner zu einem schwer zu spielenden Team.

Einfach hatten es deutsche Mannschaften nie. Eine Niederlage gegen Mexiko schmerzt, aber sie ist nicht mehr als ein Betriebsunfall. Jetzt hat die DFB-Auswahl Schweden und Südkorea vor der Brust. Zwei Spiele, die man gewinnen muss. Zwei Spiele, die man aber auch viel eher gewinnen kann. Beiden Mannschaften fehlt die internationale Routine, auch wenn es natürlich keine Schießbuden sind. Doch die Deutschen werden sich auch kaum ein zweites Mal so überrennen lassen.

Das schlechte Spiel ist abgehakt: Irgendein Spiel der Vorrunde ist immer faul. Mal tut sich Deutschland gegen Ghana und die USA übermäßig schwer, mal verliert das Team gegen Serbien. Und auch in der K.o.-Runde ist nicht alles Gold. Allein die Partie gegen Algerien vor vier Jahren war ein fußballerischer Offenbarungseid, der nur überstanden wurde, weil Manuel Neuer als Libero aushalf.

Jetzt ist der Druck da. Und das ist gut so. Es gibt keine Entschuldigungen wie müde Beine. Niemand kann sagen, er hätte den Ernst der Lage unterschätzt. Den Druck, der sonst erst in Spiel drei da war, gibt es nun einen Spieltag früher. Vielleicht gibt es zwar tatsächlich keine kleinen Fußballnationen mehr. Aber das DFB-Team muss zeigen, dass es noch die Großen gibt.

Manuel Neuer: Klar, da ist dieser eine Ball, der wie eine Kerze nach oben steigt, statt ins sichere Aus zu trudeln. Aber dennoch – Neuer zeigte sich bei seinem Pflichtspielcomeback ohne Fehl und Tadel. Beim Gegentreffer war er sogar fast noch dran. Der große Rückhalt des deutschen Teams hielt sicher, auch wenn ihn sein Gegenüber Ochoa mit seiner Glanzparade gegen Kroos‘ Freistoß überstrahlte.

Aber die Frage ob er fit und auf den Punkt da ist, hat sich erledigt. Und dann ist der weltbeste Torhüter nun einmal für jedes Team eine Bank.

Aberglaube: Die bisher letzte Auftaktniederlage für ein deutsches Team setzte es bei der WM 1982. Wie schnitt die Mannschaft da am Ende ab? Genau. Sie wurde Vize-Weltmeister.

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