Anstoß – Die WM-Kolumne Kroatien, der neue WM-Geheimfavorit – Was andere Teams von der Mannschaft lernen können

Eindrucksvoll zeigt Kroatien, was ein Team als Einheit leisten kann. Die Konkurrenz sollte sich das zu Herzen nehmen – auch die deutsche Mannschaft.
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Spätestens mit der überzeugenden Vorstellung gegen Argentinien haben die Kroaten um den bärenstarken Luka Modric auf sich aufmerksam gemacht. Quelle: AP
Luka Modric

Spätestens mit der überzeugenden Vorstellung gegen Argentinien haben die Kroaten um den bärenstarken Luka Modric auf sich aufmerksam gemacht.

(Foto: AP)

DüsseldorfJorge Sampaoli wirkte eingeschüchtert und ratlos. Das überrascht, schließlich erinnert der Trainer der argentinischen Fußballnationalmannschaft optisch eher an einen tätowierten Kleiderschrank. Er hatte sogar aufgehört, wie ein wilder Stier durch seine Coaching-Zone zu laufen.

Sampaolis sportlich hochveranlagtes Team voller Superstars war soeben von Kroatien derart vorgeführt worden, dass selbst Diego Maradona auf der Tribüne die Hände über dem Kopf zusammenschlug.

Zugegeben: Der 3:0-Sieg der Kroaten gegen Argentinien am Donnerstagabend ist um ein oder sogar zwei Tore zu hoch ausgefallen. Verdient war er dennoch allemal. Der vermeintliche Underdog bot im bislang mit Abstand besten Spiel des laufenden Turniers eine starke Vorstellung. Und er bewies einmal mehr eindrucksvoll: Eine Nationalmannschaft hat nur als kollektive Einheit Erfolg.

Geht optisch eher als Catcher durch: der argentinische Nationaltrainer Jorge Sampaoli. Quelle: dpa
Jorge Sampaoli

Geht optisch eher als Catcher durch: der argentinische Nationaltrainer Jorge Sampaoli.

(Foto: dpa)

Die Kroaten gingen allen verlorenen Bällen nach, schmissen sich in jeden Schuss des Gegners, spielten beinhart und waren für den Gegner im Pressing maximal unangenehm. In puncto Einsatzbereitschaft, Wille, Disziplin und Kampf erteilten sie der Fußballwelt eine Lehrstunde.

Das mit zahlreichen Hochbegabten gespickte Team der Argentinier hatte dem wenig entgegenzusetzen. Auf vielen Positionen waren die Gauchos individuell besser besetzt. Kroatien machte diese Qualität mit Leidenschaft wett. Hin und wieder geht Talent vor Überzeugung, im Alltag wie im Sport.

Gleich fünf Spieler überzeugten

Die Argentinier waren im Schnitt fast 30 Jahre alt. Es ist ein Leichtes, die Niederlage darauf zurückzuführen. Und falsch ist es obendrein. Denn bei den Kroaten überzeugten neben Rebic (25 Jahre) allen voran Modric (32), Rakitic (30), Perisic (29) und Mandzukic (32) in den Grundtugenden des Fußballs. Im Allgemeinen ist die ständige Diskussion um das Durchschnittsalter eines Teams überflüssig.

Von der kroatischen Einstellung können sich die restlichen Teams einiges abschauen – das gilt in erster Linie für die deutsche Elf vor dem Duell mit Schweden am Samstagabend. In dieser Verfassung sind die Kroaten ein ernstzunehmender Kandidat in der K.o.-Runde. Bereits der 2:0-Auftaktsieg gegen Nigeria am vergangenen Samstag war nie gefährdet. Sie sind das einzige Team, das bislang in beiden Partien vollauf überzeugen konnte.

Den üblichen Titelfavoriten in der ersten Reihe dürfte das Sorgen bereiten. Deutschlands Auftaktpleite gegen Mexiko war in mehrfacher Hinsicht ernüchternd. Brasilien wusste sich gegen die ruppige Gangart der Schweizer nicht zu wehren. Argentinien hatte schon gegen Island große Probleme. Frankreich gewann zwar beide Partien, blieb aber weit unter seinen Möglichkeiten – „formidable“ geht anders.

Spanien spielte gegen Portugal tollen Fußball, trotzdem klingelte es hinten gleich dreifach. Die Leistung im zweiten Spiel gegen den Iran war ebenfalls wenig weltmeisterlich. Und die Portugiesen? Können sich gar nicht genug bei ihrer Lebensversicherung Cristiano Ronaldo bedanken.

Besonders überraschend ist die Performance der Kroaten, wenn man die Ereignisse der vergangenen Monate betrachtet. Die Qualifikation war äußerst mühsam und gelang nur über die Playoffs (4:1 und 0:0 gegen Griechenland). Verbandspräsident Davor Suker, einst WM-Torschützenkönig, ersetzte Trainer Ante Cacic vor dem abschließenden Qualifikationsspiel im Oktober 2017 durch Zlatko Dalic – eine absolut richtige Entscheidung, wie die geschlossene Mannschaftsleistung zeigt.

Ein lautes, klangvolles Signal: Mit dem WM-Dritten von 1998 ist 20 Jahre später erneut zu rechnen.

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