Anstoß – die WM-Kolumne Ronaldo, Ronaldo, Ronaldo – der Mount Everest des Fußballs

Der Star dieser WM ist der, der Star jeder WM seit 2006 hätte sein können: Cristiano Ronaldo. Muss man nicht mögen – aber bitte respektieren.
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Größer wird’s nicht. Quelle: dpa
Cristiano Ronaldo

Größer wird’s nicht.

(Foto: dpa)

DüsseldorfEs gibt wenig Dinge auf diesem Planeten, die ein so unerschütterliches Selbstverständnis haben wie Cristiano Ronaldo. Der Fußballer ist so etwas wie Überlaufventil des Universums, wenn es um Selbstvertrauen geht. Ronaldo, der ist einfach da, wie der Mount Everest da ist und nie ein Zweifel daran besteht, dass er der Größte ist. Weder bei sich, noch bei anderen.

Klar, manchmal wird über den Everest geredet. Es geht nur noch um wirtschaftliche Interessen, der K2 ist doch technisch viel anspruchsvoller, es gibt doch inzwischen Spannenderes. Wie dem Mount Everest ist Ronaldo das völlig egal. Am muskelgestählten Körper prallen Zweifel ab wie Stürmer einst an Hans-Peter Briegel. Sollen sie über Messi reden, Ibrahimovic, Kane, Bale, Suarez. CR7 weiß, dass er der Größte ist. Und auch als Außenstehender wird es immer schwieriger, diese Sicht nicht zu teilen.

Es war eine gute Woche für den Portugiesen. Vier Tore hat er in zwei Spielen bei der WM schon erzielt, eins davon ein traumhafter Freistoß. Mit 85 Länderspieltoren ist er in dieser Rubrik nun Rekordhalter. Mit vier Punkten steht seine Nationalmannschaft ziemlich gut da.

Der Kontrast zwischen der bisherigen Ronaldo-Büste (links) und der neuen (rechts) am Flughafen Madeira hat durchaus Symbolkraft. Quelle: dpa
Spiegelbild der Außenwahrnehmung

Der Kontrast zwischen der bisherigen Ronaldo-Büste (links) und der neuen (rechts) am Flughafen Madeira hat durchaus Symbolkraft.

(Foto: dpa)

Noch mehr gute Nachrichten: Der Flughafen Madeira hat eine Büste zu seinen Ehren durch ein Exemplar ersetzt, das nicht mehr aussieht, als sei es einem Don-Martin-Heft entsprungen. Ach, und dank einer Steuernachzahlung in Höhe von rund 19 Millionen Euro bleibt dem Spieler von Real Madrid eine Haftstrafe erspart, auch wenn es zwei Jahre auf Bewährung gibt.

Jeden anderen Fußballer hätten die Anfeindungen, aber auch die berechtigten Vorwürfe an einem Punkt aus dem Konzept gebracht. „Den Kopf nicht frei“, „muss zu sich selbst finden“, „wir müssen Cristiano jetzt ein bisschen vor sich selbst schützen“. Nichts davon, kein Zurückrudern, kein Zaudern – die Tormaschine Ronaldo rollt und rollt und rollt. Und das geschmierter als je zuvor.

Sein biologisches Alter sei 23, sagte der 33-Jährige unlängst. Nach mehr als 15 Jahren im Spitzenfußball eine bemerkenswerte Aussage. Hat Ronaldo aber früher nicht davon abgehalten, gerade bei Turnieren mit der Nationalmannschaft eher als Fremdkörper zu wirken. Bei allen unfassbaren Leistungen und Erfolgen im Verein: Ronaldo galt mit Portugal als Unvollendeter, als Symphonie des „so kurz davor“.

Vierter WM-Treffer für Ronaldo – „Portugal wärmt sich erst auf“

Vierter WM-Treffer für Ronaldo – „Portugal wärmt sich erst auf“

Fußballgott und Rudelführer

Ausgerechnet in einer Phase, in der Portugal als Mannschaft mehr denn je von ihm abhängt, um den eigentlich alternden Superstar herum aufgebaut ist, läuft alles für die Iberer. Ronaldo trifft, und, so hieß es auf Twitter nicht unpassend, seine Mannschaft setzt sich wie ein Sumoringer auf das Spiel und erdrückt es.

Der, der wie kein Zweiter für „das schöne Spiel“ steht, hat mit unglaublich unansehnlicher Spielweise Erfolg wie nie zuvor. Europameister sind sie schon. Und plötzlich wirkt es gar nicht mehr so abwegig, dass Portugal auch mal bei einer WM etwas reißt.

Klar, gezaubert wird bei Real Madrid. Ronaldo hat mit den Madrilenen zuletzt dreimal in Folge die Champions League gewonnen. Auch dank des formschönsten Fallrückziehers der jüngeren Menschheitsgeschichte. Und das, obwohl ein Konkurrent nach dem anderen ins Team kam, um als neuer Ronaldo das Regiment zu führen.

Der echte, der Cristiano, hat sie alle ausgestochen. James Rodriguez flüchtete zu den Bayern, Gareth Bale hat die Rolle als Nummer zwei bei Real längst akzeptiert. Der Alphaspieler, Rudelführer, Ego-Obmann, Fußballgott, entweder verehrt oder verleugnet.

Inzwischen geht den Kritikern der argumentative Asphalt aus. So sehr man sich bemüht, es lässt sich schwer dagegen anschreiben, dass Cristiano Ronaldo der beste Fußballer aller Zeiten ist. Dazu muss man ihn nicht mögen. Also, wirklich nicht. Er hinterzieht Steuern, protzt mit seinem Reichtum, ist medial überpräsent und fällt generell nicht durch volksnahes Gebaren auf – auch nicht auf dem Platz. Aber er ist eben auch nicht das fleischgewordene Bildnis des Dorian Gray, eitler Antagonist aller guten Eigenschaften.

Kleine Szene aus dem Eröffnungsspiel: Die Einlaufkinder balgen sich um Ronaldo, eins schaut ungläubig zu ihm hoch. Der Portugiese findet Zeit für ein Zwinkern, was die beiden Zwerge zur Ekstase treibt. Es ist eine winzige Geste, die macht aber nicht jeder. Es ist ein kleiner Anhaltspunkt, dass er sein Image als Beau und Bester seines Sports bewusst pflegt, beinah wie eine Bühnenfigur. Die Marke Ronaldo als Wirtschaftsgröße, als unerschütterliche Schlüsselfigur.

Wer hingegen Cristiano Ronaldos sportliche Leistungen nicht respektiert, der hat, mit Verlaub, keine Ahnung vom Fußball. Der einstige Ego-Shooter hat sich entwickelt, und er entwickelt inzwischen alle Mannschaften weiter, in denen er spielt. Er motzt und er meckert, wenn er den Ball nicht bekommt, aber er spielt kluge Pässe und beweist Auge für den Mitspieler.

Insofern hat sich der Everest doch bewegt in den vergangenen Jahren – er ist gewachsen.

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