Anstoß – die WM-Kolumne Wie zwei Argentinier quer durch Europa trampen, um ein WM-Spiel zu sehen

Quer durch Europa, für ein Fußballspiel: Zwei Argentinier trampen Tausende Kilometer für ihre Leidenschaft. Zum Staunen bringt sie vor allem eins – die Menschen.
Kommentieren
Die beiden Fans reisten von Paris bis nach Russland – als Tramper. Quelle: privat
Maria Victoria Frasson und Angel Miguel Granato

Die beiden Fans reisten von Paris bis nach Russland – als Tramper.

(Foto: privat)

DüsseldorfMaria Victoria Frasson und Angel Miguel Granato sind gekommen, um zu gehen. Wir treffen das argentinische Paar Mitte Mai auf den Kölner Rheinterrassen. Ein Plausch bei Maté-Tee. Wohin des Weges? Nach Russland, per Anhalter. Frasson und Granato haben Karten für zwei Argentinien-Spiele. Tags drauf nehmen wir sie mit nach Frankfurt. Zweifel: Ob das was wird?

Vier Wochen später: „Die Argentinier sind überall. Wir sind die Sensation der WM“, berichtet Granato aus Moskau. „Die Russen sind eher ein kontrolliertes Leben gewohnt, da fallen so viele Leute, die singend durch die Straßen ziehen und Lärm machen, ganz schön auf. So sind sie, die Argentinier.“ Fünf Tage vor der Partie der Südamerikaner gegen Island sei die russische Hauptstadt fest in argentinischer Hand. 

Er und seine Freundin haben es geschafft: Einen Monat hat es gedauert, von Frankreich über Luxemburg, Belgien, Deutschland, Polen, Litauen und Lettland bis ins Land des WM-Gastgebers. In mehr als 60 Autos und einen Lkw sind sie eingestiegen. Drei Nächte im Hostel. „Sonst haben wir gecampt, bei Leuten übernachtet, die wir unterwegs getroffen haben oder Couchsurfing genutzt“, sagt die 26-jährige Frasson. 

Die Argentinier sind wohl das einzige Volk, das von einer Bank einen besonderen Kredit angeboten bekommt, um zur WM zu fahren. Es gibt da diesen Witz über sie. Er besagt, dass sie, um Selbstmord zu begehen, ihr Ego besteigen und herunter springen. Argentinier sind im Rest Südamerikas nicht unbedingt beliebt. Die Bewohner Buenos Aires‘ gelten als arrogant. Sie fliegen nach Miami in den Urlaub und identifizieren sich mit ihren europäischen Wurzeln. Dabei hat das Land doch eine eigene, wunderbare Kultur. 

Frasson und Granato  sind Anfang Mai in Paris aufgebrochen. Per Couchsurfing durchquerten sie die Champagne. „Eine Familie hat uns ein ganzes Wochenende zu sich nach Hause eingeladen. Das war wunderschön“, sagt sie. Campen in Belgien: „Wir dachten immer, die Tatsache, dass wir kein Französisch können, würde uns Probleme bereiten zu kommunizieren“, sagt er. „Aber so war es nicht: Wenn Leute helfen wollen, schafft man es, sich zu verstehen.“ 

Aus der Sicht eines so fernen Landes wie Argentinien sei es wenig, „was man im Internet oder in Medien über Deutschland in Erfahrung bringen kann“, findet Frasson. „Es ist schwierig, so den Alltag eines Landes zu begreifen. Und das ist das Schönste dieser ‚improvisierten‘ Reise. Deutschland hat uns gelehrt: Das, was ein Land ausmacht, sind die netten Menschen, die darin leben.“ Ein Gedanke: Sind wir nur nett zu denen, die versichern, wieder zu verschwinden? Wer – ein Bett für eine Nacht – suchet, der findet.

„Das einzige wirkliche Risiko ist, dass der Ausschnitt trügerisch sein könnte, den wir von einem Land und seinen Menschen kennengelernt haben“, sagt der 28-jährige Granato. Polen habe die beiden zum Staunen gebracht. „Wir haben alles mit dem Daumen gemacht, und die Leute, die uns mitgenommen haben, waren genauso fantastisch. An einem Tag haben wir 350 Kilometer in elf verschieden Autos gemacht.“ 

Litauen: das „sich entwickelnde Europa und wie die Menschen wirtschaftlich profitieren“ – jedes Land, eine Überschrift. Eine neue Geschichte. „Eine Nacht haben wir in der Busstation geschlafen. Das Verrückte war, anstatt uns zu sagen, dass das nicht geht, haben sie auf uns aufgepasst“, sagt Frasson. 

In Lettland treffen sie Menschen mit dem gleichen Ziel: Berichterstatter vom Fernsehen. „Die haben uns 800 Kilometer mit nach Moskau genommen“, sagt Granato: „Solche Sachen passieren einem dann – Schicksal. Sie haben uns sogar das Hotel und Essen bezahlt.“ Kleine Annehmlichkeiten. 

Und Messi? Er sei „sehr gut drauf und eingebunden in die Mannschaft“, sagt Granato nach einem Besuch des argentinischen Trainingscamps. „Es könnte sein, dass er den nötigen Partner gefunden hat“, den Flügelstürmer Cristian Pavon. „Messi hat viel ‚Respekt‘ in Argentinien verloren, weil er kein Champion ist. Aber seine Karriereweg ist unbestreitbar. Ohne Zweifel, ich sage dir, dies ist seine WM.“ 

So sehr sich die Kapitale Buenos Aires und das Innere des riesigen Argentiniens auf seltsame Weise abstoßen, so sehr ist die Fremdheit zwischen der Fußball-Nation und ihrem Genie Messi historisch gewachsen. Es ist komisch: Sie haben den vielleicht besten Fußballspieler aller Zeiten in ihren Reihen. Und doch bekommt er nicht die bedingungslose Unterstützung wie in Europa, konnte er die Leichtigkeit aus Barcelona nie bei einer WM im Trikot der Albiceleste zeigen. 

Während der unmögliche Diego Maradona garstig, aufgedunsen und Zigarre qualmend durch VIP-Logen und die Presse zieht und auch Messi angreift („Messi hat keine Persönlichkeit.“), macht Messi beim 1:1 gegen Island vieles allein, bemüht bis gezwungen – und ohne Erfolg. Also alles wie gehabt? 

„Wir sind Champions“, schreibt Granato zwei Tage vor der Partie gegen die Kroaten: „Aber ja, wir haben schlecht gespielt.“ Der Glaube, das Vertrauen sei da.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Anstoß – die WM-Kolumne - Wie zwei Argentinier quer durch Europa trampen, um ein WM-Spiel zu sehen

0 Kommentare zu "Anstoß – die WM-Kolumne: Wie zwei Argentinier quer durch Europa trampen, um ein WM-Spiel zu sehen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%