Einblicke in die Geldmaschine Fifa Das sind die wahren Profiteure des Milliardengeschäfts Fußball-WM

Die Fußball-WM wird dominiert von einem Verband, der seine Reformanstrengungen weitgehend eingestellt hat – und sich unabhängiger Kontrolle entzieht.
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Düsseldorf, München, ZürichIn diesen Tagen ist für viele die Welt keine Kugel, sondern ein Ball. Es ist die Zeit, in der auch Friedrich Curtius so richtig auflebt. Vergessen sind die stressigen Tage im Büro in Frankfurt, am Sitz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), mit all den Papierstapeln auf dem Schreibtisch.

Verarbeitet sind die Dauerattacken von außen, nachdem sich die deutschen Star-Fußballspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan ausgerechnet mit dem umstrittenen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan abbilden ließen, der mit den Mitteln des modernen Sportmarketings Wahlkampf machen wollte. 

Nun beginnt, wie alle vier Jahre wieder, das Größte, was einem Fußballfan passieren kann: die Weltmeisterschaft. Seit Montag weilt DFB-Generalsekretär Curtius deshalb in Moskau. Der Jurist bereitete sich in Gesprächen auf den Kongress des Weltverbands Fifa am gestrigen Mittwoch vor, auf dem erstmals alle Mitgliedstaaten über die Vergabe eines Turniers (für 2026) entscheiden durften.

Sie entschieden sich für Nordamerika, obwohl die USA erst 1994 eine WM ausgerichtet haben. Das Abstimmungsergebnis war keine Überraschung, nachdem die Fifa bereits im Vorfeld viel getan hatte, um die Bewerbung des einzigen Gegenkandidaten Marokko zu diskreditieren.

Für den Donnerstag, 17 Uhr, Luschniki-Stadion, steht dann das Eröffnungsspiel der diesjährigen WM in Russland an. Der Gastgeber kickt gegen Saudi-Arabien. Voraussichtlich eine Milliarde Menschen werden weltweit an Empfangsgeräten zuschauen. Als „offizieller Fifa-Verbandsgast“ wird Curtius mit bestem Blick im Stadion sitzen, ein paar Meter nur entfernt von der internationalen Politprominenz.

Unten auf dem Rasen werden Robbie Williams und die russische Opernsängerin Aida Garifullina singen; Brasiliens Ex-Star Ronaldo tritt ebenfalls auf. Und so freut sich der DFB-Generalsekretär wie ein kleiner Junge auf das Turnier, sagt er selbst. Kaum etwas habe sich im Vergleich zu früheren Jahren an seiner WM-Freude verändert – nur Panini-Bilder sammle er nicht mehr.

Das ist das Glanzbild, das die Macher dieses so einfachen wie populären Sports gerne vermitteln: die globale Fußballfamilie vereint in einer großen Begegnung, glücklich im fairen Ringen um die beste Leistung. Doch tatsächlich ist die Fußball-Weltmeisterschaft längst zum Kernstück einer riesigen Geldmaschine geworden, die die Interessen von wenigen mächtigen, aber nicht sehr transparenten Akteuren vereinigt.

Hier geht es vordergründig um Sport, in Wirklichkeit aber um schnelles politökonomisches Umschaltspiel mit riesiger Wertschöpfung. Die Weltmeisterschaft wird in ihrem Umfeld weltweit für zusätzliche Werbeausgaben in Höhe von rund 2,4 Milliarden Dollar sorgen, prophezeit die Mediaagentur Zenith. Insgesamt werden wohl 3,5 Milliarden Menschen in rund 200 Ländern das Turnier verfolgen.

Allein die Fifa dürfte 2018 nach Schätzungen insgesamt 6,5 Milliarden Dollar erlösen, wovon Fernsehrechte (drei Milliarden) und Sponsoren das meiste erbringen sollen. Gegenüber der WM 2006 in Deutschland wächst der Umsatz wohl um mehr als 150 Prozent.

Eine riesige Zugewinngemeinschaft

Im Mittelpunkt dieses Monopolys steht mit dem Weltverband der Fifa eine Organisation, die in den letzten Jahren von Skandal zu Skandal, von Ermittlung zu Ermittlung, von Prozess zu Prozess gereicht worden ist. Immer wieder geht es um dieselben Themen: Korruption, Geldwäsche, Untreue. Und doch beherrscht der verrufene Fifa-Männerklub weiterhin den Zugang zur großen Bühne WM, den offenbar alle suchen, wollen, brauchen.

Die Politik zum Beispiel in Gestalt der Regierung Putin, die mit der Annexion der Krim und der Ostukraine den Zorn vieler Staaten auf sich zog und nun Image-Bonuspunkte benötigt. Dazu kommen große Werbetreibende wie McDonald’s, die im Weltmeisterschaftstheater für ihre Burger werben. Fernsehunternehmen, die ihre Programmflächen mit Live-Übertragungen, Reklamespots und allerlei Umfeldgeschwätz füllen, so wie in Deutschland die gemeinsam auftretenden Anstalten von ARD und ZDF.

Für dieses Recht überweisen sie der Fifa 218 Millionen Euro aus Gebührengeldern. Ferner Funktionäre, die um künftige Mehrheiten kungeln. Shirtfabrikanten wie Adidas, die mit ihren Trikots die WM-Mannschaften ausstatten und auf Käufe der Fans hoffen. Und natürlich die Spieler selbst, die mit gelungenen Dribblings ihren Marktwert enorm steigern können.

Es handelt sich um eine riesige Zugewinngemeinschaft, die in vielen Währungen kassiert: Aufmerksamkeit, Prestige, Gunst, Dollar. Und in der die Fifa unverdrossen als Zentralspieler agiert. Dass es bei der nun beginnenden Fußball-WM nur um Sport gehe, wie Russlands Staatspräsident Putin befand, gehört unter diesen Umständen ins Reich der Märchen. Natürlich geht es um den Fluss des Geldes – und um professionellste Propaganda.

Doch während sich Fifa-Präsident Gianni Infantino in Champagnerlaune mit Putin ablichten lassen kann, ohne dass jemand zuckt, brach über den beiden deutschen Nationalspielern Özil und Gündogan der Zorn des Fußballvolks herein. Ihr Vergehen: Sie hatten sich für ein Propaganda-Foto vereinnahmen lassen. Für die Fifa gelten halt andere Regeln.

Der Verband hat sich wie so viele Sportorganisationen beizeiten in der Schweiz angesiedelt. Das hier jahrelang heilig gehaltene Bankgeheimnis kommt dabei zumindest nicht ungelegen. In der Züricher Zentrale, im „Home of Fifa“ auf dem noblen Zürichberg, hält das Management um Präsident Infantino Kontakt zu den 211 Einzelverbänden.

Seine Mission: Wohlgefühl erzeugen, Umsatz maximieren. Immerhin hat der Schweizer bei seiner Wahl im Jahr 2015 jedem Mitgliedsverband eine Million Dollar versprochen. Das neue Reinheitsgebot des Fußballs, das Infantino anfangs ebenfalls in Aussicht stellte, ist längst einer neuen Politik des Tricksens und Tarnens gewichen. Die Moral? Geriet in die Abseitsfalle.

Eine „permanente Überschreitung der satzungsgemäß vorgeschriebenen Kompetenzen“ und einen „Verstoß nach dem Ethik-Code“ sieht der langjährige Richter Hans-Joachim Eckert rund um Fifa-Lenker Infantino. Der Münchener, ein ausgewiesener Korruptionsexperte, hatte fünf Jahre lang die rechtsprechende Kammer der Ethikkommission des Verbands geleitet, ehe ihn die Fifa-Spitze im Mai 2017 kaltstellte – kurz bevor Eckerts Vertrag zur Verlängerung anstand. 80 Verurteilungen von Funktionären habe er in seiner Zeit ausgesprochen, meist wegen Korruption, aber auch wegen sexueller Belästigung, bilanziert Eckert im Interview mit dem Handelsblatt.

Weitere Scoops waren geplant, auch gegen Infantino wurde intern ermittelt. Er war mit dem Flugzeug eines russischen Oligarchen vom Champions-League-Finale in Madrid zu einer Privataudienz beim Papst geflogen. Drunter macht es ein Fifa-Präsident einfach nicht. Für ein Gespräch stand Infantino oder ein anderer Fifa-Verantwortlicher im Vorfeld der WM nicht zur Verfügung.

Infantinos neuer Gegenspieler ohne Biss

Nun bilanziert Eckert ernüchtert: „Infantino fehlt ein Gegenpol. Es ist niemand mehr da, der ihm auf die Finger schaut.“ Vom Fifa-Chef rausgeworfen wurde auch der frühere EU-Generalanwalt Miguel Maduro. Als Compliance-Chef des Weltverbands hatte er die Wiederwahl des russischen Sportministers Witali Mutko in den Fifa-Vorstand verhindert. Mutko ist tief in die Affäre um russisches Staatsdoping involviert. 

Von Eckerts Nachfolgern in der Ethikkommission ist derweil kaum mehr etwas zu hören. So konnten Infantino und seine Mitstreiter lange Zeit in Ruhe schalten, um für die Vergabe der WM 2026 die USA und deren Partner Kanada und Mexiko in die Favoritenrolle zu bringen. Auf einmal durften, auf Beschluss der Fifa, sogar die vier Mitgliedsverbände Amerikanisch Samoa, Guam, Amerikanische Jungferninseln und Puerto Rico abstimmen, obwohl sie allesamt Außengebiete der USA sind.

Die Politik scheint dabei eine immer größere Rolle zu spielen. So hatte sich US-Präsident Donald Trump reichlich rüde für eine WM 2026 in Nordamerika eingesetzt – und mit wirtschaftlichen Konsequenzen für Länder gedroht, die beim Fifa-Kongress anders votieren sollten.

Fifa-Chef Infantino überreicht Deutschland die Trophäe für den Gewinn des Confed Cups. Der Weltmeister ist eins der Zugpferde der Gewinnmaschine Fifa. Quelle: Bongarts/Getty Images
Nur Gewinner

Fifa-Chef Infantino überreicht Deutschland die Trophäe für den Gewinn des Confed Cups. Der Weltmeister ist eins der Zugpferde der Gewinnmaschine Fifa.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Das alles reduzierte die Chancen des kleinen Mitbewerbers Marokko und seiner afrikanischen Unterstützer. Auch der einflussreiche DFB legt sich auf Infantinos Kurs fest und stützt die Dreier-Kombination aus USA, Kanada und Mexiko („United 26“). Basis sei der „Evaluierungsbericht“ der Fifa-Taskforce.

„Wegen des neuen Formats eines WM-Turniers mit 48 Mannschaften haben es kleinere Länder ohne umfangreiche Stadionkapazitäten schwerer, erfolgreich als Ausrichter anzutreten“, erklärt DFB-Präsident Reinhard Grindel. Kleinere und mittlere Verbände wie Marokko sollten über gemeinsame Bewerbungen nachdenken.

Die Ausdehnung des Turniers von 32 auf 48 Teams hat der Fifa-Rat am vorigen Sonntag vorgeregelt. Auch das ist Ausdruck maximaler Umsatzgier. Denn so sind künftig wesentlich mehr Spiele im Angebot, für deren Rechte die globalen Bewegtbildmedien teuer bezahlen müssen. Die Bewerber aus Nordamerika avisieren für ihre WM einen Rekordertrag von 14 Milliarden Dollar, wovon elf Milliarden an die Fifa gehen sollen.

Das Emirat Katar allerdings, das die WM 2022 im Winter austragen darf, wäre in vier Jahren mit dem neuen Massenfußball überfordert gewesen. Da soll es noch bei der alten Regelung bleiben – sehr zum Verdruss von Verbandschef Infantino. Der wirkte im Fifa-Rat am Sonntag hypernervös. Den Plan einer neuen Klub-WM und eines weiteren Turniers für Nationalmannschaften („Global Nations League“) stellte der Schweizer, dessen Wiederwahl 2019 ansteht, in dieser Stimmungslage erst mal zurück.

Als Hauptgegenspieler Infantinos in solchen Fragen profiliert sich inzwischen Aleksander Ceferin, Präsident des europäischen Verbands Uefa. Der Fußball stehe nicht zum Verkauf, dekretiert der Slowene. Ein Rückschlag für Infantino war auch die Demission des ghanaischen Fußballpräsidenten Kwesio Nyantaki, einer von Infantinos Protegés. Der Mann war bei einem fingierten Bestechungsversuch gefilmt worden, als er gut gelaunt 65.000 Dollar Schmiergeld in eine Plastiktüte stopfte.

Viele juristische Probleme

Offenbar ist immer mehr Geld für das anfällige System der Gewinnmaschine Fifa nötig, da sie hohe Kosten produziert, durch ihre Skandale Sponsoren abzuschrecken droht und frustrierte Fans hinterlässt. Die Finanzreserven schmolzen von 1,52 Milliarden Dollar (2014) auf zuletzt nur noch 930 Millionen. Operativ fielen in den vergangenen drei Jahren sogar Verluste an. Das erklärt die Unruhe Infantinos, ständig neue Geldquellen anzugraben.

So wurden für Russland den Sponsoren insgesamt 34 statt zuvor 20 Pakete angeboten. Das meiste Geld stellen die sogenannten „Partner“ (Adidas, Coca-Cola, Visa, Wanda Group, Gazprom, Hyundai Kia Motors, Qatar Airways) bereit. Daneben gibt es WM-Sponsoren, die während des Turniers werben: Budweiser, McDonald’s, Vivo, Hisense und Mengniu.

In einer dritten Sponsoring-Gruppe schließlich treffen sich die regionalen Partner der Fifa – russische Unternehmen wie Alrosa, RZD, Alfa Bank und Rostelecom. Doch zahlreiche Pakete blieben unverkauft. „Das hat den Markt vielleicht überfordert“, meint Raphael Brinkert, Mitgründer der Sportmarketing-Agentur Jung von Matt/Sports.

Schon zuvor hatten sich Konzerne wie Sony, Castrol, Continental, Fly Emirates und Johnson & Johnson aus der Markenwelt der Fifa verabschiedet. Die finanzielle Lücke füllten auffällig viele chinesische Firmen. Staatspräsident Xi Jinping träumt davon, irgendwann im eigenen Land Fußball-Weltmeister zu werden.

Natürlich entgeht auch dem Fifa-Management rund um Infantino nicht, wie die Bedenken im Publikum gewachsen sind. Die Probleme in Russland, die Lage in Syrien sowie der Giftanschlag auf den russischen Doppelagenten Skripal im britischen Salisbury seien sicher keine Werbung für eine WM, befindet auch Harald Dietz, Sportchef der ARD-Anstalt Südwestrundfunk (SWR). „Darf uns Putins Politik den Spaß an der WM vermiesen?“, fragt besorgt die „Bild“-Zeitung. 

Besonders schlimm wiegen die vielen rechtlichen Probleme des Verbands. Der Zwist mit der Justiz wurde für jedermann ersichtlich, als Schweizer Polizisten Ende Mai 2015 frühmorgens ins Züricher Luxushotel „Baur au Lac“ einmarschierten und im Auftrag des FBI und des US-Justizministeriums diverse Fifa-Funktionäre festnahmen. Hotelangestellte hielten schnell ein Leinentuch hoch, damit die Arretierten von vorab informierten US-Journalisten nicht fotografiert werden konnten.

Die Schweizer Strafverfolger arbeiten nun in 25 Strafverfahren einen „Fußball-Untersuchungskomplex“ auf, wie sie das nennen. Es geht um Schmiergeldzahlungen in Höhe von insgesamt mehr als 100 Millionen Dollar. Alle WM-Vergaben seit dem Turnier 1998 in Frankreich stehen unter Korruptionsverdacht, auch das 2006er-Turnier in Deutschland.

Sogar beteiligte Banken müssen die neue Härte fürchten. So wurde jüngst ein Mitarbeiter eines eidgenössischen Finanzinstituts zu 38.000 Schweizer Franken Geldstrafe verurteilt – wegen Urkundenfälschung und Verstoß gegen Meldepflichten im Geldwäschegesetz.

650.000 Dollar, die der Helfer aus der Bankenszene „verbrecherisch erlangt“ hatte, zog der Schweizer Fiskus ein. Der Ex-Banker hatte von 2010 bis 2015 bei zwei Schweizer Geldhäusern für den argentinischen Chef einer Sportmarketingfirma Konten verwaltet, über die Bestechungsgelder flossen.

An weiteren Enthüllungen wird es nicht mangeln. Von größtem Interesse dürfte sein, was die Schweizer in den Verfahren gegen Ex-Präsident Josef S. Blatter und den einstigen Generalsekretär Jérôme Valcke zusammentragen. Sogar der Katarer Nasser Al Khelaifi, ein VIP des globalen Fußballgeschäfts, musste in der Schweiz aussagen: Der Präsident des Fußballklubs Paris St. Germain und Direktor des katarischen Sportkanals BeIN Sports soll Valcke beim Kampf um Übertragungsrechte für die Weltmeisterschaften von 2018 bis 2030 bestochen haben. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe.

Das Luxushotel Baur au Lac und die Folgen

Als Folge der Polizeiaktion im Züricher Seehotel endeten vorzeitig die Karrieren des Fifa-Allgewaltigen Blatter sowie des Ex-Profis Michel Platini, einst Chef des europäischen Fußballverbands Uefa. Untersuchungen hatten eine dubiose Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken zum Vorschein gebracht; in den offiziellen Büchern der Fifa war davon nichts zu sehen.

Der Zugriff im Baur au Lac führte auch zu einem Prozess im New Yorker Stadtteil Brooklyn, in dem kurz vor Weihnachten 2017 die ersten Entscheidungen fielen. Da wurden der langjährige Präsident des brasilianischen Fußballverbands sowie ein Funktionär aus Paraguay für schuldig befunden und inhaftiert. Das Strafmaß liegt noch nicht vor. Die Delinquenten sollen 6,5 Millionen beziehungsweise 10,5 Millionen Dollar Schmiergeld als Gegenleistung für die Vergabe von TV- und Sponsoringrechten an eine Marketingfirma akzeptiert haben.

In Frankfurt wiederum sind die früheren DFB-Größen Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Horst Schmidt wegen des Verdachts auf Steuerbetrug angeklagt. Sie können die Verbuchung von 6,7 Millionen Euro – womöglich rechtswidrig als Betriebsausgabe deklariert – nicht überzeugend erklären.

Noch immer ist die Theorie nicht widerlegt, wonach mit dem Geld im Jahr 2000 Stimmen für die Wahl von Deutschland als Austragungsort der WM 2006 käuflich erworben wurden. Mit den 6,7 Millionen könnten jedoch auch WM-Senderechte aus der Hinterlassenschaft des Medienunternehmers Leo Kirch finanziert worden sein. 

Der Fußball sitzt nicht allein auf der Anklagebank. Auch in anderen Sportverbänden ist das Ausmaß des Fehlverhaltens eklatant. In der Leichtathletik beispielsweise sollen Spitzenfunktionäre bestochen haben, um so Wahlen zu beeinflussen. Im Tennis wiederum geht es um Wettbetrug, also um die Manipulation von Spielausgängen.

Im Biathlon schließlich soll bei der Vergabe von Weltmeisterschaften geschmiert worden sein, und der Radsport hat nach wie vor ein großes Dopingproblem. Der Fußball aber, mit seinen Abermillionen Fans auf der ganzen Welt, bewegt die Gemüter noch einmal in einer ganz anderen Gefühlsstärke.

Die Fifa-Verbandszentrale, gleich neben dem Nobelhotel Grand Dolder, vermittelt schon von außen etwas von der Bedeutung der beliebtesten und finanzkräftigsten Sportart der Welt. Das Foyer ist leicht in den Boden abgesenkt. Rund 400 Menschen arbeiten mittlerweile hier in der Verwaltung. Man sei „gerne dort“, erklärt eine Mitarbeiterin. Fifa-Chef Infantino aber gilt intern als distanzierter Technokrat.

Theo Zwanziger kennt die Interna des Weltverbands gut, er saß von 2011 bis 2015 im Exekutivkomitee der Fifa. Der Jurist weilt gerade im Urlaub. Im bayerischen Kurort Bad Füssing will der 73-jährige Ex-Präsident des DFB den Kopf frei kriegen.

Zwanziger hat seine eigene Sicht auf die Organisation: „Die Macht bei der Fifa lag oft in den Händen der einzelnen Mitglieder des Exekutivkomitees, die sich des ungeheuren Werts ihrer Stimme bei den WM-Vergaben bewusst waren.“ Damit waren Korruption und Machtmissbrauch nicht auszuschließen.

Aus sportlichen und auch sportpolitischen Erwägungen habe er die Entscheidung für Russland damals durchaus nachvollziehen können, sagt Zwanziger, obwohl sie vor seiner Zeit bei der Fifa fiel. Die Entscheidung für die WM in Katar (2022) allerdings hat er von Beginn an harsch kritisiert. „Ein Krebsgeschwür des Weltfußballs“ nannte er den Wüstenstaat – und steht noch heute dazu. „Die Menschen erwarten vom Gastgeber eine attraktive Weltmeisterschaft, mit Fan-Festen auch außerhalb des Stadions“, sagt Zwanziger. Und da könne Katar eben nichts bieten.

Spielverderber bleiben unerwünscht

Aber auch in Russland blieben Menschenrechte und Pressefreiheit auf der Strecke. Beispiel Hajo Seppelt: Der ARD-Journalist begann Ende 2013, im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi mit Recherchen zur Dopingbekämpfung in Russland. Zur WM wollte ihn Russland zunächst nicht ins Land lassen. Erst nach Intervention von Bundeskanzlerin Angela Merkel bekam Seppelt ein Visum – und wusste bis zuletzt nicht, ob er fahren darf. Russische Behörden haben schon mal angekündigt, sich mit ihm über seine Doping-Vorwürfe unterhalten zu wollen.

Seppelt ist der Spaßverderber in einem Business, in dem es ansonsten nur Gewinner zu geben scheint. „Und wenn dann einer kommt, der sagt, dass das Spiel auch Schattenseiten hat“, so Seppelt, „dann ist der natürlich nicht besonders beliebt bei denen, die den schönen Schein wahren wollen.“

Der Sportjournalist kritisiert eine „unheilige Nähe“ zwischen Sportverbänden und autokratischen Systemen. Herrscher wie Putin hätten somit einen starken, finanziellen Einfluss auf internationale Sportverbände. Sie sorgen für Sponsoren – im Falle von Russland tritt die staatsnahe Gazprom auf. Es sei längst an der Zeit, eine breite gesellschaftliche Debatte über den Zustand des Sports zu führen.

Die Nationalmannschaft wirbt in Südtirol für Hauptsponsor Mercedes-Benz, der nach der WM durch VW ersetzt wird. Quelle: picture alliance / GES/Michael S
Marketing im Trainingslager

Die Nationalmannschaft wirbt in Südtirol für Hauptsponsor Mercedes-Benz, der nach der WM durch VW ersetzt wird.

(Foto: picture alliance / GES/Michael S)

Weitere Reformen sind Pflicht, wenn das Weltprodukt Fußball keinen Schaden nehmen soll. Dazu könnte etwa eine Trennung der Fifa-Aktivitäten gehören: in einen kommerziellen Teil, mit Aktiengesellschaft und öffentlicher Hauptversammlung, und in einen sportlichen Teil, für den Verbandsrecht gilt. Auch müssten sich unabhängige externe Kontrolleure um die Ethik kümmern.

Wahrscheinlich aber wird aller Streit über Putins Propaganda und Infantinos Gier, um korrupte Funktionäre und Mauscheleien rasch vergessen sein, wenn erst einmal die WM-Spiele in Russland ins Bewusstsein rücken. Wenn Tore von Cristiano Ronaldo und Paraden von Manuel Neuer Gesprächsthema werden. Dann werden auch in Deutschland Schoko-Küsse in Schwarz-Rot-Gold, Toilettenpapier in Nationalfarben, Kekse von Leibniz (Sorte: „Schlaaand“) oder WC-Reiniger in limitierter Fan-Edition Absatz finden. Einen derartigen Umfang an Fan-Produkten habe er „so noch nicht gesehen“, staunt selbst Sportagenturchef Brinkert.

Das führt zu der entscheidenden Frage: Sind wir zu WM-Zeiten nicht alle ein bisschen balla-balla?

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