Fußball-WM Komiker verspottet Russlands Nationalmannschaft – und kommt glimpflich davon

Kurz vor der Fußball-WM sorgt ein Spottlied über die russische Nationalmannschaft für Furore. Tschetschenen-Führer Kadyrow zeigt sich gelassen.
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MoskauKadyrow als Cheftrainer: Einen Tag vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft hat der in Russland bekannte Comedian Semjon Slepakow mit einem Spottlied auf die Nationalmannschaft für Aufruhr gesorgt. Russland habe alles getan, um während der WM zu glänzen, nur die Sbornaja werde das Land wieder blamieren, prognostizierte Slepakow und schlug daher scherzhaft vor, Tschetscheniens Präsidenten Ramsan Kadyrow anstelle von Stanislaw Tschertschessow zum Nationaltrainer zu machen.

Die russische Nationalmannschaft ist kurz vor der WM in der FIFA-Weltrangliste auf einen historischen Tiefstand gefallen. Die Ergebnisse der jüngsten Freundschaftsspiele geben ebenso wenig Anlass zur Euphorie: Im laufenden Jahr gelang nur gegen die Türkei ein Unentschieden, die Spiele gegen Frankreich, Brasilien, aber auch Österreich wurden – zum Teil – klar verloren. Bei der EM 2016 machten zudem Undiszipliniertheiten der Spieler Schlagzeilen.

Kadyrow wiederum gilt als streng autoritärer Führer. Der im ersten Tschetschenienkrieg noch als Warlord auf Separatistenseite kämpfende Kadyrow ist inzwischen zumindest rhetorisch ein fester Verbündeter Moskaus und betont seine eigene Rolle als „Soldat Putins“. Bürgerrechtler werfen Kadyrow zahlreiche Verstöße gegen Menschenrechte vor, unter anderem Entführung, Folter und Mord.

Im Mittelpunkt eines Spottliedes über die russische Nationalmannschaft steht der tschetschenische Präsident. Quelle: AFP
Ramsan Kadyrow

Im Mittelpunkt eines Spottliedes über die russische Nationalmannschaft steht der tschetschenische Präsident.

(Foto: AFP)

Auf seinen Ruf spielt auch das Lied an, als „Ramsan, Ramsan, Ramsan, hart wie Parmesan“ in die Kabine kommt, seine Pistole auf den Tisch legt und den Spielern seine Trainingsmethoden erläutert: Damit sie nicht von ihren Smartphones abgelenkt würden, schlägt Kadyrow dort den Spielern die Amputation des Daumens vor und fordert vollen Einsatz, denn „Denkt daran, das Leben wurde Euch nur einmal gegeben“.

In der Persiflage verliert Russland trotzdem und Kadyrow nimmt seinen Abschied als Kurzzeittrainer schweren Herzens Putin Rechenschaft über die Pleite ablegend. Immerhin endet das Lied mit einer optimistischen Note: Irgendwo in Sibirien werde vielleicht gerade ein neuer Pele geboren und am Ende werde Russland dann doch Weltmeister, sinniert der Humorist.

Die tschetschenische Regierung fand den Text nicht witzig: Der Minister für Nationalitätenfragen und Pressearbeit Dschambulat Umarow nannte Slepakows Humor „minderwertig“. Das Liedchen „fand wohl nur er selbst und die Leute um ihn herum witzig“, befand Umarow und empfahl Slepakow, sich schleunigst bei der Sbornaja und Kadyrow persönlich zu entschuldigen.

In Tschetschenien ist zuletzt so etwas wie eine Tradition öffentlicher Entschuldigungen gegenüber Kadyrow entstanden: So entschuldigte sich der Tschetschene Ramasan Dschalaldinow, der sich in einer Videobotschaft an Putin offen über Kadyrow beschwert hatte, später gegenüber dem Republikchef – nachdem ihm Unbekannte zuerst das Haus angezündet hatten und er sich dann längere Zeit in der Nachbarrepublik Dagestan verstecken musste.

Ein Ehepaar, das sich über verspätete Gehaltszahlungen aufregte, musste in Kadyrows Residenz antanzen, um dort vor dem Regionalfernsehen eine Entschuldigung an Kadyrow zu formulieren. Inzwischen gibt es wohl fast ein Dutzend solcher Fälle, bei weitem nicht alles Tschetschenen. In einigen Fällen mussten sich die Kadyrow-Kritiker öffentlich selbst erniedrigen und beschimpfen.

Die Aufforderung an Slepakow war daher schon alarmierend. Kadyrow selbst zeigte sich allerdings im vorliegenden Fall glücklicherweise entspannter als seine Untergebenen. Er habe herzlich gelacht über das Lied, schrieb er und lud Slepakow nach Grosny ein. Einzig die Niederlage Russlands im Spottlied sei „nicht in Ordnung“ befand der Tschetschenenführer.

Und dann mit einem eigenen Gedicht „antwortet Dir auf deinen Humor Ramsan, über Dsjuba, Ägypten und Parmesan“. Sein Wort sei aber kein Käse, sondern härter als Stein, beschied Kadyrow dem Sänger in Reimform und forderte den unbedingten Willen zum Sieg ein. Er jedenfalls unterstütze Russland, schloss Kadyrow das Gedicht ab. Für Slepakow bedeutet das zumindest vorläufig Entwarnung. Sollte Russland allerdings tatsächlich 2018 Weltmeister werden, käme der Comedy-Star wohl in Grosny nicht mehr um eine Entschuldigung herum.

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