Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 Warum Deutschland WM-Mitfavorit ist – aber Sportdirektor Bierhoff zu Recht zur Vorsicht mahnt

Der deutsche Fußball ist Weltspitze – und kann es bleiben. Doch dazu braucht es Korrekturen im Ausbildungssystem des DFB.
Kommentieren
Der Team-Manager der deutschen Nationalmannschaft gibt sich zurecht als Mahner. Quelle: dpa
Oliver Bierhoff

Der Team-Manager der deutschen Nationalmannschaft gibt sich zurecht als Mahner.

(Foto: dpa)

Oliver Bierhoff ist ein Mahner. Ein bisschen hat er diese Rolle von Matthias Sammer geerbt, dessen ewige Unzufriedenheit mit eigentlich allem ihm den Rufnamen „Motzki“ eingebracht hat. Sammer motzte mit seiner Optimierungsversessenheit die Nationalmannschaft zum EM-Titel 1996, den BVB als Spieler und Trainer zur Meisterschaft und den FC Bayern München als Sportchef zum Triple.

Bierhoffs sportliche Vita liest sich in Teilen weniger spektakulär, was aber auch daran liegt, dass sein erfolgreichstes Projekt noch auf vollen Touren läuft. Der Manager der Nationalmannschaft hat mit seiner Optimierungsversessenheit Deutschland zum amtierenden Weltmeister und Confed-Cup-Sieger gemacht. Nebenher pflügt er inzwischen als Fußballdirektor des DFB die hiesige Sportlandschaft um.

Schon seit Monaten äußert der vielleicht einflussreichste Funktionär des deutschen Fußballs latente Zukunftssorgen. Bierhoff spricht viel über die Ausbildung, die geplante DFB-Akademie und dass seine Jugendtrainer ihm berichten, dass die Zahl der Ausnahmespieler in den Jahrgängen deutlich sinkt.

Der Mann, der von sich selbst sagt, er hätte die Ära des gefürchteten Rumpfelfußballs der Nationalelf um die Jahrtausendwende entscheidend mitgeprägt, möchte verhindern, dass „Die Mannschaft“ ihren Vorsprung vor dem Rest der Welt einbüßt.

Wenn Deutschland am heutigen Sonntag gegen Mexiko in die WM 2018 startet, kann Bierhoff nicht mehr viel Einfluss nehmen. Am Sonntag liegt es an den Spielern. Und natürlich Bundestrainer Joachim Löw.

Löw hat kurz vor dem Turnier in Russland seinen Vertrag verlängert. Bierhoff und er sind kongeniale Partner, die dem Weltfußball im vergangenen Jahrzehnt ihre Handschrift aufzuzwingen vermochten. Das deutsche Ausbildungssystem, die Taktik-Besessenheit, die Physis, die Detailverliebtheit, die Professionalisierung in Trainingsmethoden und Datenerfassung – vieles, was die beiden zusammen ausgeheckt haben, hat Maßstäbe gesetzt.

Doch auch Löw bekommt es allmählich mit der leichten Unwucht zu tun, die sich zuletzt wegen der aus dem Liga-Alltag gezogenen Neuzugänge ergeben hat.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft darf einem ein wenig spanisch vorkommen. Die Iberer konnten sich bei ihrer Titeldominanz zwischen 2008 und 2012 auf absolute Ausnahmespieler verlassen. Xavi, Iniesta, Xabi Alonso – mit ihnen auf dem Feld war der taktische Matchplan, das legendäre „Tiki Taka“ kaum zu bezwingen.

Doch mit der Form der Stars schwand der Erfolg, der Nimbus der Unbesiegbarkeit. 2014 war es auf einmal vorbei mit der Herrlichkeit.

So weit ist es unmittelbar vor ihrem WM-Auftakt bei der „Mannschaft“, wie das deutsche Nationalteam inzwischen marketingfreundlich genannt werden mag, noch lange nicht. Aber Bierhoffs Feststellung, dass aus den Nachwuchsjahrgängen nicht beliebig Superkicker herauspurzeln, ist im A-Team bereits angekommen. Es ist nicht die Leistungsspitze, die für Sand im Getriebe sorgt. Es ist die Bandbreite.

Fakt ist: Deutschland ist Weltmeister, Confed-Cup-Sieger, die U21 amtierender Europameister. Seit 2002 stand das Team in jedem WM-Halbfinale, dazu dreimal im EM-Halbfinale. Der DFB ist Favorit auf den Titel, ohne wenn. Dafür mit aber. Denn: Dem deutschen Kader fehlen zusehends Spieler, die in ihren Klubs auf höchstem internationalem Niveau spielen.

Klar, der Block des FC Bayern München darf sich Jahr für Jahr in der Champions League mit den Besten der Welt messen. Doch schon dahinter ist es zuletzt mau gewesen. Der WM-Titel 2014 lebte auch davon, dass die jungen Wilden des BVB den etablierten Stars des FC Bayern in der Nationalmannschaft Druck machten – und in der Liga auf lange Sicht das Niveau hochhielten.

International sieht es bei deutschen Klubs schlecht aus

Zudem spielten sie sich durch die fortwährende Champions-League-Teilnahme auf höchstem Niveau fest. Letzteres galt lange auch für die Spieler aus Leverkusen und Schalke. Doch ohne eine konkrete Ursache ausmachen zu können, schlittern deutsche Klubs in den vergangenen Spielzeiten unter Ratlosigkeit der Manager und Trainer eher klanglos aus den europäischen Wettbewerben.

Hinzu kommt eine weitere Entwicklung, der der DFB bereits durch Änderung seiner Ausbildungsschwerpunkte versucht hat entgegenzuwirken. Keine Stürmer, keine Außenverteidiger, keine kreativen Spieler: Die Unwucht im Nachwuchsbereich lässt sich an Positionen festmachen. Die Ausbildung zielte auf den nächsten Toni Kroos, den nächsten Schweinsteiger, Boateng, Hummels ab.

Die nächsten Lahms wurden mit ihren Fähigkeiten in die Mitte beordert. Vielfach forcieren es die Außenverteidiger selbst, damit sie auf der attraktiveren Mittelfeldposition das Spiel vor sich haben – und gestalten können. Löws Vorliebe – und der Tendenz des Weltfußballs – gemäß stirbt der Strafraumstürmer langsam aus. Ebenso wie der Straßenfußballer, der durch unvorhersehbare Ideen eine Partie entscheiden kann.

Erfolg soll in taktische Schemata passen, möglichst planbar und skalierbar sein. Es ist beachtlich, wie Bierhoff diesen nie ausgesprochenen, aber immer im Raum stehenden Vorsatz durch seine Positionierung kassiert. Zu viel System sei ihm dabei, gab er in diesem Jahr gleich mehrfach zu Protokoll.

Mehr Instinkt wünschte sich der Instinktfußballer zurück. Doch nicht um jeden Preis. Das machte sein Counterpart Joachim Löw deutlich, als er den kreativsten deutschen Nationalspieler, Leroy Sané, überraschend aus dem WM-Kader strich. Die Leitlinien, sie wollen befolgt werden.

Für den aktuellen Kader heißt das: Wehe, wenn. Timo Werner, schnell und spielstark, aber in seinem Alter noch nervenanfällig, ist als Typ unersetzbar; seine Geschwindigkeit gibt Löw eine lange vermisste taktische Varianz im Spiel nach vorne.

Nur muss der Leipziger am oberen Limit Leistung abrufen, damit das schnelle Umschaltspiel, bevorzugt mit Marco Reus, funktioniert. Hier dürfte die Einspielzeit der Vorrunde zum entscheidenden Faktor werden.

Toni Kroos ist absolut unersetzlich

Toni Kroos ist im Mittelfeld absolut unersetzlich. Der Star von Real Madrid wird oft dafür gescholten, dass sich seine Leistung nicht in Toren und Torvorlagen wiederfindet. Doch kaum ein Spieler ist so jederzeit anspielbar, hat so viel Übersicht und Präzision wie Kroos.

Er zehrt dabei von der spielstarken und intelligenten Innenverteidigung Hummels/Boateng. Auch wenn Niklas Süle und Antonio Rüdiger hier starke Backups sind, auf dem Platz trennen die Spieler noch Welten.

Auch Joshua Kimmich, der in die zumindest fußballerisch großen Fußstapfen Philipp Lahms auf der Außenbahn wächst, ist kaum zu ersetzen. Dem Team fehlt es an Eingespieltheit – Deutschland als Turniermannschaft kann damit aber in der Regel gut umgehen.

Bleiben alle Spieler fit und finden zur Normalform, kann das Team auch dank des Taktikfuchses Löw mit dem Halbfinale planen – Ende offen. Auch, wenn der Auftakt gegen das Team aus Mexiko zäh werden dürfte.

Nur gilt es dann wieder auf Mahner Bierhoff zu hören. Und die absehbaren Schwachstellen auszubessern.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Kommentar zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 - Warum Deutschland WM-Mitfavorit ist – aber Sportdirektor Bierhoff zu Recht zur Vorsicht mahnt

0 Kommentare zu "Kommentar zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018: Warum Deutschland WM-Mitfavorit ist – aber Sportdirektor Bierhoff zu Recht zur Vorsicht mahnt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.