Die Kul Scharif Moschee in Kasan

Die Region ist ein Musterbeispiel für kulturelles Miteinander – und Aufschwung.

(Foto: dpa)

Partie gegen Südkorea Deutschlands WM-Spiel in Kasan wirft ein Schlaglicht auf Russlands Vorzeigeregion

In Tatarstans Hauptstadt Kasan spielt Deutschland gegen Südkorea. Die Republik ist Modellregion für Integration und wirtschaftlichen Erfolg.
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KasanWeit über die Wolga hinweg leuchten im schönsten Türkisblau Kuppel und Spitzdächer der Minarette in den Kasaner Nachthimmel. Darunter glänzt virtuos angestrahlt der weiße Marmor, während die Fenster von innen heraus grün leuchten. Die Kul-Scharif-Moschee ist das von den derzeit zahlreich in der Stadt weilenden Fußballfans am meisten fotografierte Motiv des Kasaner Kremls. Hier in Kasan trifft Deutschland im letzten Gruppenspiel der WM auf Südkorea.

Die Moschee ist kein historisches Bauwerk, sondern steht erst seit etwas mehr als zehn Jahren an seinem Platz, erbaut von Spendengeldern und Haushaltsmitteln der Region Tatarstan als Nachbau einer legendären, angeblich achtminarettigen Moschee, die 1552 bei der Eroberung der Stadt durch Truppen Iwans des Schrecklichen zerstört wurde.

Die Anweisung zum Bau hat der damalige Präsident der russischen Teilrepublik, Mintimer Schaimijew, in den 90er-Jahren gegeben. Den Ort für die Moschee wählte er bewusst im historischen Kreml. Sie liegt direkt gegenüber der aus dem 16. Jahrhundert stammenden und ebenfalls angestrahlten Mariä-Verkündigungskathedrale – allenfalls getrennt durch die inzwischen als Bildergalerie dienende ehemalige Junkerschule, über die beide Sakralbauten aber hinwegleuchten. So sollen sie das friedliche Miteinander von Christen und Moslems in Tatarstan symbolisieren.

Tatsächlich gelten religiöse und ethnische Auseinandersetzungen in der Republik eigentlich seit langem als inexistent und das einst als Schimpfwort genutzte Wort Tatare als Synonym für das wohl am besten integrierte muslimische Volk in Russland. 53 Prozent der knapp vier Millionen Einwohner sind ethnische Tataren – und damit zumindest aus historischer Sicht Muslime. 40 Prozent sind Russen.

Praktisch in jedem Ort der Wolgaregion stehen sowohl Moscheen als auch orthodoxe Kirchen. Auf dem Tukaja-Platz im Zentrum Kasans laufen Frauen im züchtigen Kopftuch ebenso herum wie freizügig gekleidete junge Mädchen – und keiner stört sich daran.

„Ich bin Muslimin und meine Muttersprache ist tatarisch“, sagt Lilja, aber in ihrem Alltag spielen weder Religion, noch Herkunft eine große Rolle. Die aus dem Kreis Asnakajewo im Südosten Tatarstans stammende junge Frau studiert in Kasan wie tausende andere ihrer Altersgenossen.

Sie lebt im Wohnheim, trägt ihre langen Haare offen und träumt davon, später nach Moskau zu gehen – wegen der besseren Arbeitsmöglichkeiten, aber auch wegen der Clubs und des Nachtlebens, wie sie gesteht. In diesem Sommer arbeitet sie als Volontärin bei der Weltmeisterschaft, eine „Chance, um sich mit interessanten Menschen bekannt zu machen“, wie sie meint.

Gemischte Ehen sind weit verbreitet. So wie die zwischen Wladimir und Fausija. Das Paar hat sich vor gut 40 Jahren während des Studiums in Kasan kennengelernt. Probleme wegen der Religion habe es nicht gegeben. „Meinetwegen ist sie sogar zum orthodoxen Glauben übergetreten“, sagt der 64-jährige Wladimir, der als Systemadministrator in Kasan arbeitet. Er selbst bezeichnet sich als Russen, aber es gebe wohl niemanden in der Region, in dessen Adern nicht auch ein bisschen Blut einer anderen Nationalität fließe, fügt er hinzu.

Und so gilt auch gegenseitige Toleranz als selbstverständlich. Begünstigt wird diese Toleranz natürlich durch den wirtschaftlichen Erfolg der Region. 2017 lag das regionale BIP bei umgerechnet 30 Milliarden Euro, damit ist Tatarstan einer der Nettozahler für den russischen Haushalt. Bei der Lebensqualität liegt die Region auf Rang vier im russischen Vergleich, lediglich von Moskau und seinem Speckgürtel sowie St. Petersburg übertroffen.

Der Ölreichtum der Republik bildet die Grundlage des Wohlstands. „Aber Tatarstan ist auch eine Industrieregion“, meint Wladimir. Chemische Industrie und Maschinenbau, Baugewerbe und Energieproduktion sind stark vertreten. Die Regionalregierung hat zudem in den letzten Jahren verstärkt auf eine Ansiedlung von Hightech gesetzt.

Vor den Toren Kasans hat sie das Forschungsstädtchen „Innopolis“ aus dem Boden gestampft, das zu einem Äquivalent des kalifornischen Silicon Valley werden soll. Das Investitionsklima gilt als top – und das wiederum ist unter anderem auf die gelungene Integration zurückzuführen: Weil nämlich auch Tatarinnen nicht auf die Rolle der Hausfrau begrenzt werden, gibt es in der Republik viele gut ausgebildete Fachkräfte.

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