Russland Die Kosaken-Wächter der WM müssen auf ihre Waffen verzichten

Während der Fußball-WM bewachen Kosaken die Stadien. Sie sind schmuck, doch alles andere als unumstritten.
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Waffen haben die Kosaken nicht dabei. Ganz freiwillig ist der Verzicht auf Dolch und Reitpeitsche aber wohl nicht. Quelle: dpa
Reiterverband der Kosaken

Waffen haben die Kosaken nicht dabei. Ganz freiwillig ist der Verzicht auf Dolch und Reitpeitsche aber wohl nicht.

(Foto: dpa)

SotschiVerbrüderungsszenen nach dem Spiel in Sotschi: Freudetrunkene deutsche Fans umarmen kurz nach dem dramatischen 2:1-Sieg gegen Schweden neben dem Fisht-Stadion vier Kosaken. Die Männer in den weißen Hemden, den schwarzen Hosen und den charakteristischen Fellmützen lassen sich die Behandlung gutwillig gefallen und posieren freundlich lächelnd mit den Männern vor der deutschen Flagge für die Kamera.

Kosaken können Fans derzeit überall in Sotschi antreffen. Rund 500 von ihnen sind im Schwarzmeerkurort zur Bewachung von Strand, Stadion, Flughafen und Bahnstationen eingesetzt. Auch in Rostow-am-Don, St. Petersburg, Jekaterinburg und selbst im einstigen Königsberg, das heute den Namen Kaliningrad trägt, sind die Kosaken präsent.

In Rostow traf eine Delegation den südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in am Samstag vor dem Spiel Mexiko gegen Südkorea mit Brot und Salz und traditionellen Kosakenliedern. Davor wurden die bemützten einstigen Reiterkrieger tanzend mit brasilianischen und Schweizer Fans am Flughafen gefilmt. Einige Bewohner der Stadt machten sich einen Spaß daraus, sich als Scheichs verkleidet von den Kosaken den Weg erklären zu lassen. Das Englisch der Kosaken erwies sich dabei zwar als mangelhaft, doch machten sie ihre fehlende Sprachkenntnis durch eifrigen Gebrauch von Gestik und Mimik wett.

Auch in Sotschi versuchen die Kosaken einen guten Eindruck bei den ausländischen Gästen zu hinterlassen. Der junge Denis beispielsweise, der an der Strandpromenade neben dem Stadion patrouilliert, zeigt sich (auf russisch) gern auskunftsbereit: „Wir sind hier, um aufzupassen, dass keiner raucht und sich übermäßig betrinkt, dass niemand mit Rad oder Elektroroller auf den Gehwegen fährt“, sagt er mit einem breiten Lächeln. Waffen haben die Kosaken dabei nicht dabei. „Wir helfen einfach nur der Polizei“, so Denis.

Die dunkle Seite der Kosaken

Ganz freiwillig ist der Verzicht auf Dolch und Reitpeitsche wohl nicht. Dem Vernehmen nach stammt die Anweisung, dass die Kosakenordner auf ihre traditionellen Utensilien verzichten müssen, von oben. Denn erst eine Woche vor der WM waren unschöne Bilder um die Welt gegangen, als Kosaken auf unbewaffnete Demonstranten in Moskau einprügelten, während die Polizei sich die Szene als unbeteiligte Betrachter anschauten. Außerdem hatten im Vorfeld der WM einige Kosakenverbände mit Gewalt gegen homosexuelle Fußballfans gedroht, sollten die sich in Russland öffentlich zeigen.

Die Kosaken sind in ihrem Selbstverständnis patriotisch, staatstragend und streng orthodox. Zu Zarenzeiten galten sie als freies Reitervolk, das vorwiegend an der Südgrenze des russischen Imperiums lebte. Ihre relative Autonomie bezahlten sie mit Kriegsdiensten für den Zaren. Nach der Revolution waren sie die loyalsten Kräfte der Monarchie und kämpften jahrelang im Bürgerkrieg auf Seiten der weißen Armee. Zu Sowjetzeiten wurden sie daher unterdrückt, zumal auch im Zweiten Weltkrieg bis zu 70.000 Kosaken auf der Seite Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion im Einsatz waren.

Dieses dunkle Kapitel blenden die Kosaken in ihrer Geschichtsbetrachtung gern aus. Nachdem sie zum Ende der Sowjetzeit als Volksgruppe rehabilitiert wurden, versuchen sie sich durch besondere Ergebenheit zur politischen Führung wieder als Staatsdiener anzutragen. Und der Kreml greift gern auf ihre Dienste zurück. Nicht nur in den Tschetschenienkriegen, sondern auch auf der Krim und im Donbass haben viele Kosaken als Freiwillige gedient. Auch im Kampf mit Andersdenkenden kommen immer wieder Kosaken als Hilfstruppen und Bilderstürmer zum Einsatz.

Doch bei der WM soll ihr mitunter übertriebener Eifer nicht das Bild Russlands als guter Gastgeber beschädigen. In der Schwulen- und Lesbenfrage gab es daher ein scharfes Kommando zurück und der Befehl zeigte Wirkung: Nein geschlagen würde niemand, versicherten die Kosaken daraufhin: „Wenn wir auf der Straße sich umarmende Männer sehen, versuchen wir ihnen zu erklären, dass Verhaltensnormen gibt, die es verbieten, sich öffentlich zu paaren“, versprach beispielsweise Artjom Bolotow, Chef einer Patrouille des Kosakenverbands „Isetskaja Linija“ in Jekaterinburg. Angst muss vor den Kosaken also niemand haben – zumindest nicht während der Weltmeisterschaft.

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