Spielanalyse bei der WM Wie SAP der Fußball-Nationalmannschaft zum fünften WM-Titel verhelfen will

Vorsprung durch Technik: „Die Mannschaft“ nutzt bei der WM neue Software von SAP. Ziel ist, das Spiel gläsern zu machen – auch das des Gegners.
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WM: SAP will der Nationalmannschaft zum fünften Titel verhelfen Quelle: Reuters
Videoanalyse von SAP

In Moskau stellten der IT-Konzern und die Nationalmannschaft ihre neueste Kooperation vor.

(Foto: Reuters)

DüsseldorfEs war nicht nur der Geist von Campo Bahia, nicht nur die Taktik von Jogi Löw, nicht nur die Leidenschaft von Bastian Schweinsteiger. Als die deutsche Nationalmannschaft im Sommer 2014 die Weltmeisterschaft in Brasilien gewann, spielte Technologie ebenfalls eine Rolle: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nutzte ein Programm des Softwareherstellers SAP, um die Vorbereitung auf die Spiele zu erleichtern.

Vorsprung durch Technik – das soll auch 2018 in Russland gelten: Der Dax-Konzern hat neue Funktionen für die Spielanalyse entwickelt, die der deutsche Verband während des Turniers exklusiv nutzen kann. So reichert ein „Video Cockpit“ Spielszenen mit Daten zu Taktik oder Zweikampfverhalten an. Die Scouts können damit gezielt Situationen suchen, was die Vorbereitung auf ein Spiel erleichtert.

„Bei der deutschen Nationalmannschaft haben wir eine unglaubliche Datenmenge, die wir verarbeiten und am besten in Echtzeit an die Trainer, die Spieler und auch die Analysten weitergeben müssen“, sagte Oliver Bierhoff, Manager der Fußball-Nationalmannschaft. „Wir wollen einen Wettbewerbsvorteil haben, indem wir die neuesten technologischen Entwicklungen nutzen.“ Dafür sei SAP der beste Partner. Die Zusammenarbeit läuft seit 2013.

Der Spitzenmanager und sein Unternehmen wollen der Nationalmannschaft beim fünften Titel helfen. Quelle: Reuters
SAP-Vorstand Stefan Ries

Der Spitzenmanager und sein Unternehmen wollen der Nationalmannschaft beim fünften Titel helfen.

(Foto: Reuters)

Als „nicht unerheblich“ bezeichnete SAP-Vorstand Stefan Ries am Freitag den Anteil seiner Technologie am vierten Stern der „Mannschaft“. Und lies in die Notizbücher, die am Rande der Pressekonferenz verteilt worden, prompt einen fünften Stern einzeichnen. Auch Oliver Bierhoff schätzt die Leistung der Walldorfer entsprechend hoch ein.

Der frühere Torjäger setzt auf Technologie und IT-Lösungen als Zukunftsmodell des deutschen Fußballs. Das neue Leistungszentrum des DFB, die DFB-Akademie, die bis 2020 in Frankfurt entstehen soll, bezeichnet der Fußball-Direktor des weltgrößten Sportverbands als „Silicon Valley des Fußballs“. Ein Think Tank und ein „Technologie Lab“ soll dort, auch eng mit SAP, die Entwicklung auch langfristig weitertreiben.

Bierhoff schwärmt in Moskau von einer „Partnerschaft, wie er sie sich vorstellt“. Nicht nur der Austausch wirtschaftlicher Interessen, es ginge darum, zusammen etwas zu erarbeiten. Zukunftsthemen wie Machine Learning bringen die Mannschaft aktuell noch nicht weiter, in einigen Jahren soll sich das geändert haben. Bierhoffs Anspruch, den er noch einmal am Freitag bei der Pressekonferenz in Moskau unterstrich: Der DFB, die Mannschaft muss ihrer Zeit voraus sein.

Ein Beispiel für den Einsatz der neuen Funktionen: Die Software ermöglicht es, alle Situationen zu suchen, in denen eine Mannschaft nach einem Ballverlust direkt den Gegner unter Druck setzt – im Fußballjargon heißt das Gegenpressing. Die Experten können diese Szenen gezielt durchgehen, um mögliche Schwachstellen zu entdecken. „Das System kann die zeitintensive Vorbereitung reduzieren“, sagt Fadi Naoum, der bei SAP den Bereich Sport und Unterhaltung leitet.

Neu ist außerdem ein „Player Dashboard“, also eine Übersicht für die Spieler, die sie auf dem Smartphone oder Tablet anzeigen lassen können. Dort erhalten sie wichtige Informationen über den Gegner. Dazu zählen Profile der Gegenspieler mit ihren Eigenschaften, belegt anhand von Videos. Die Software hat zudem eine Suchfunktion – der Torwart kann sich beispielsweise alle Schüsse des gegnerischen Stürmers anzeigen lassen.

Die Frage, ob es die Spieler weiterbringt, bejahte am Freitag Joshua Kimmich. „Während des Spiels sieht nach einem Fehler jeder, wo man den Ball hätte hinspielen müssen“, so der Nationalverteidiger in Moskau. Die Video- und Datenanalyse helfe dabei, diese Defizite zu erkennen und zu beheben.

Die Daten stammen aus unterschiedlichen Quellen. Einerseits ist das Videosignal zu sehen, andererseits Analysen von Dienstleistern wie Stats. Im Cockpit können die Scouts selbst Szenen markieren. „Unsere Herausforderung ist es, schneller und präziser zu werden“, sagt auch Christofer Clemens, einer der wichtigsten Scouts der Nationalmannschaft.

SAP ist, auch wegen seines umfassenden Engagements als Sponsor und Innovationspartner der TSG Hoffenheim, eine der Speerspitzen der Digitalisierung im Fußball. Doch die Walldorfer bearbeiten dieses Feld bei weitem nicht allein. Big Data, die Erfassung und Analyse von relevanten Daten, ist Teil des Sportalltags geworden.

Dienstleister wie das britische Unternehmen Opta Sports erheben weltweit entsprechende Spiel- und Spielerdaten und stellen sie – gegen gutes Geld – zur Verfügung. Daraus speisen nicht nur Statistiker und Liveticker ihr Angebot, sondern auch Analysten. Auch die Deutsche Sporthochschule in Köln ist einer der Pioniere in Erfassung und Verarbeitung von Positionsdaten.

Die Suche nach Key Performance Indikatoren (KPI) bringt zusehends Bewegung in den Markt. Der deutsche Ligaverband DFL etwa widmet der Digitalisierung die Messe „Sportinnovations“. Bundesliga-Klubs wie der FC Bayern München und der FC Schalke 04 erhoffen sich von Programmierertreffen, sogenannten Hackathons, Input für ihre Entwicklung. Beide Vereine haben die Digitalisierung in ihren Vorständen aufgehängt.

Und auch Start-ups suchen ihre Chance, wie etwa das junge Unternehmen Kinexion. Die Münchener bieten ebenfalls ein Sport-Cockpit an, die Leistungsanalyse kam hier bisher erfolgreich im Handball zum Einsatz und wird unter anderem beim Nachwuchsscouting der nordamerikanischen Profiliga NHL erprobt. SAP muss sich, wie die Nationalmannschaft, bewegen, um an der Spitze zu bleiben. Anders gesagt: Konkurrenz belebt das Geschäft.

Während der Weltmeisterschaft kann der DFB die Funktionen exklusiv nutzen, danach stehen sie allen Kunden zur Verfügung. Für SAP ist das ein übliches Prozedere: Der Softwareriese entwickelt gemeinsam mit Partnern neue Funktionen, die nach der Erprobung häufig Teil der Standardsoftware werden. Co-Innovation wird dieses Prinzip genannt.

Die neuen Funktionen sind Teil der Software „Sports One“. Diese entwickelt SAP nicht nur für den DFB: Weltweit 45 Teams nutzen sie, in den drei Bundesligen 18. Der Konzern hat Sport und Unterhaltung als attraktiven Markt identifiziert. „Im sportlichen Bereich gibt es viele Insellösungen“, sagt SAP-Manager Fadi Naoum. „Wir sind bestrebt, mit Sports One ein System zu bauen, das alle Informationen zusammenführt.“

Für SAP ist das nicht nur ein Hobby, in Naoums Team arbeiten 30 Leute. Die Arbeit zahlt sich im besten Fall doppelt aus: Zum einen könnte die Sportsoftware ein gutes Geschäft werden (wie groß es derzeit ist, macht der Softwarekonzern nicht öffentlich). Zum anderen könnte die Marke bei einem breiten Publikum an Bekanntheit gewinnen. Nun muss nur noch die deutsche Mannschaft so erfolgreich sein wie 2014.

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