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WM in Russland Politikfrust in Brasilien – warum kaum jemand im Trikot der Seleção zu sehen ist

Der Olympiasieger ist sportlich wieder auf Kurs. Doch Korruption und Krise verhindern, dass der Fußball zum Sehnsuchtsort wird. Eine Weltgeschichte.
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Die heilende Kraft des Fußballs bleibt vor dem Anstoß noch aus. Quelle: AP
Brasilien in der Krise

Die heilende Kraft des Fußballs bleibt vor dem Anstoß noch aus.

(Foto: AP)

SalvadorWas ist mit Brasilien los? Normalerweise steigt im Land des fünffachen Weltmeisters schon Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft die Spannung. Straßen, Autos und Häuser sind geschmückt mit gelb-grünen Fahnen. Kein Gespräch ist mehr möglich ohne irgendeine Referenz zum Fußball Doch diesmal dominiert in Brasilien eine erstaunliche Gleichgültigkeit gepaart mit schlechter Laune.

Das liegt an den unendlichen Korruptionsaffären. Und der höchst unpopulären Regierung kombiniert mit wirtschaftlicher Stagnation und einem quälenden Wahlkampf. Vermutlich wird sich die schlechte Stimmung ändern, sobald der Ball rollt – vorausgesetzt Brasilien gewinnt. Trotzdem ist kurz vor Brasiliens Start ins Turnier im Süden und Südosten wenige Straßen gelb beflaggt. Man sieht kaum Menschen mit gelben T-Shirts in der Öffentlichkeit.

Was natürlich auch daran liegt, dass die Hälfte der Brasilianer sich gelb kleideten, als sie für das Impeachment der Präsidentin Dilma Rousseff demonstrierten. Gelb oder auch grün als Symbol für Brasiliens republikanische Werte. Damit ist die Farbe gelb nun für die andere Hälfte der Brasilianer tabu, die gegen das Impeachment waren. Aber auch die damaligen Protestler sind kleinlaut geworden, weil der nachgefolgte Präsident Temer noch unbeliebter ist als Rousseff. Kurz: Wegen der politischen Katerstimmung geht es in den Straßen bisher alltäglich zu.

Als die Seleção sich vor zehn Tagen auf nach Europa ins Trainingslager machte, wurde das eher beiläufig registriert. Es gab kein Abschiedsspiel mit reduzierten Eintrittspreisen, wie traditionell üblich. Brasilien war durch einen Trucker-Streik lahmgelegt. Die Menschen beschäftigte die Frage, wo sie Benzin und Kochgas herbekommen sollten und weniger die Sorge, ob Neymar nach seiner Verletzung wieder hundertprozentig fit ist.

Auch das gute sportliche Abschneiden der Seleção unter Trainer Tite lässt die Brasilianer eher kalt. Dabei hat die Mannschaft seit 1970 vor einer Copa noch nie so gut gespielt wie diesmal. Es liegt auch an der Korruption und Krisen des brasilianischen Fußballs, dass der für die Brasilianer immer weniger als Sehnsuchtsort taugt. Zu kläglich und reformresistent erscheint die Confederação Brasileira de Futebol (CBF), der nationale Fußballverband Brasiliens. Deren letzten Präsidenten, die meisten im Greisenalter, sind allesamt wegen Korruption und Geldwäsche verhaftet oder angeklagt.

Präsident Marco Polo Del Nero wurde erst vor sechs Wochen von der Fifa lebenslang aus der Fußballwelt verbannt. Er ist seit Amtsantritt 2015 nicht mehr ins Ausland gereist, um nicht verhaftet zu werden. Gegen seinen Vorgänger Jose Maria Marin wird in den Vereinigten Staaten verhandelt, nachdem er in der Schweiz verhaftet und dort ein halbes Jahr in Untersuchungshaft saß. Dessen Vorgänger Ricardo Teixeira wiederum, der Pate des brasilianischen Fußballs, wird wegen Bildung einer kriminellen Organisation in Spanien angeklagt. Die drei Herren haben die die CBF seit 1989 geführt. Der jetzige Amtsinhaber, Oberst Nunes, ist 79 Jahre alt und gilt als Platzhalter seines Vorgängers del Nero.

Auch nervt die Brasilianer, dass sie immer noch die Rechnung der Weltmeisterschaft im eigenen Land zahlen – obwohl viele Stadien als Investitionsruinen weitgehend ungenutzt in der Landschaft herumstehen. Etwa die Arenen in Brasília, Natal, Manaus und Cuiabá. An den zwölf Austragungsorten sind vier Jahre später noch nicht einmal die Hälfte der Nahverkehrsverbindungen fertig, welche für die WM 2014 geplant waren.

Entsprechend gering fällt das Interesse an der Weltmeisterschaft aus: Zehn Tage vor Beginn der Copa in Russland behaupten 53 Prozent der Brasilianer in einer Befragung von Datafolha, dass sie kein Interesse am Event hätten. Noch weniger Interesse als der Durchschnitt haben vor allem Frauen (61 Prozent), 35- bis 44-jährige (57 Prozent), Südbrasilianer (59 Prozent) und die Brasilianer die nur bis zwei Mindestlöhne, als umgerechnet etwa 450 Euro verdienen (54 Prozent).

Für die Nationalmannschaft könnte die gleiche Umfrage etwas den Druck nehmen: Nur noch 48 Prozent der Brasilianer glauben, dass ihre Mannschaft den Titel bekommen wird. 2014, als Brasilien später auf Platz 4 ausschied nach dem beschämenden 1:7, waren zwei Drittel der Bevölkerung zuvor überzeugt, dass die Seleção die Copa gewinnen würde. Im Nachhinein lässt sich sagen, dass die Brasilianer vor allen am hohen Erwartungsdruck für den Sieg im eigenen Land psychologisch gescheitert waren.

Dieses Problem haben sie diesmal nicht.

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