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WM Resignation und Trauer nach Brasiliens Ausscheiden

Brasiliens Nationalmannschaft tritt nach der 1:2-Niederlage gegen Belgien die Heimreise an. Die WM verliert damit ihre leidenschaftlichsten Fans.
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Die Enttäuschung über das Aus der brasilianischen Fußballnationalmannschaft ist auch beim Public Viewing in der brasilianischen Stadt Sao Paulo den Fans ins Gesicht geschrieben. Quelle: dpa
Fans in Brasilien

Die Enttäuschung über das Aus der brasilianischen Fußballnationalmannschaft ist auch beim Public Viewing in der brasilianischen Stadt Sao Paulo den Fans ins Gesicht geschrieben.

(Foto: dpa)

MoskauKasan ist ein schlechtes Pflaster für die Favoriten dieser Fußball-Weltmeisterschaft: Vor einer Woche musste bereits die deutsche Nationalelf nach einer indiskutablen Leistung und einer 0:2-Niederlage gegen Südkorea die Koffer packen. Nun traf es mit Brasilien den Rekordweltmeister. In der Kazan Arena – an diesem Abend völlig in brasilianischer Hand – herrschte nach dem Abpfiff Fassungslosigkeit und Verzweiflung.

Die Nachrichtensender zeigen Tomera Savoy, einen bei dieser WM wegen seiner mit zahlreichen Schimpfwörtern versehenen Liebeserklärung an Russland zu enormer Bekanntheit gelangten brasilianischen Fan. Savoy hatte Putin gar um die Staatsbürgerschaft gebeten, so sehr hatten ihn Land und Leute, aber natürlich auch der Erfolg der eigenen Mannschaft bisher begeistert. Doch nach der Niederlage konnte Savoy seine Tränen nicht unterdrücken. Vergeblich versuchte ihn seine Freundin zu trösten.

Doch auch in Moskau war die Enttäuschung riesig: „Du kannst den Schmerz nicht verstehen, wenn Du ihn nicht selbst fühlst“, sagt Silvio. Silvio ist ebenfalls Brasilianer. Er lebt aber bereits seit einigen Jahren mit seiner russischen Frau und drei Kindern in Moskau. An diesem Abend hat er sich in das O’Hara Pub an der Metrostation Baumanskaja gesetzt, um das Match auf einem der zahlreichen Großbildschirme im Restaurant zu sehen. „Für die Fahrt nach Kasan hatte ich einfach keine Kraft mehr“, begründet der 40-Jährige. Erst am Vortag war er nach einer zehnstündigen Autofahrt aus St. Petersburg zurückgekehrt, wo die gesamte Familie das Spiel Schweiz gegen Schweden geschaut hatte.

Schnappschuss mit dem Handy – Silvio und seine Familie fiebern einem möglichen Ausgleich der Brasilianer entgegen. Quelle: André Ballin
Im Angesicht der Niederlage

Schnappschuss mit dem Handy – Silvio und seine Familie fiebern einem möglichen Ausgleich der Brasilianer entgegen.

(Foto: André Ballin)

Warum ausgerechnet diese Ansetzung? Improvisation! Wie so vieles bei Brasiliens Fans. Silvio hatte vor der WM bei einem Freund in Brasilien mehrere Karten für Fußballspiele bestellt, doch dann kam heraus, dass die Tickets nicht echt waren. Also musste er während der WM bei Spekulanten Tickets erstehen. Die erste Karte ergatterte er für ein Gruppenspiel Belgiens. „Lukaku ist stark, der läuft fast so schnell wie Christiano Ronaldo“, wusste Silvio daher schon vor dem Viertelfinale um die Gefahr.

Dann kam der Glückstreffer: Im Achtelfinale konnte der Geschäftsmann eine Karte für das Spiel Brasilien gegen Mexiko ersteigern. Umgerechnet 500 Dollar kostete ihn der Spaß. „Aber das war es wert, einige meiner Freunde sind hier tausende Kilometer angereist und haben fast ein Vermögen dafür ausgegeben“, so Silvio. Brasilien gewann 2:0 – und Silvio feierte ausgelassen.

Mitfiebern mit der Flagge um den Bauch

Es folgte der Familienausflug zum Achtelfinale der Schweden gegen die Schweiz und so entschied sich Silvio am Freitag zu einer Stadion-Verschnaufpause. Im gelben Trikot und mit der Nationalflagge um den Bauch fiebert er im Restaurant mit seiner Mannschaft. Immerhin: Sohn Maxim ist als Verstärkung dabei. „Alle kritisieren Neymar, aber der wird ja wirklich dauernd gefoult“, sagt er, nachdem der Star der Selecao nach gerade einmal sechs Minuten unsanft von Belgiens Mittelfeldmann Marouane Fellaini von den Beinen geholt wird.

Dann kommt das Eigentor von Fernandinho. Im Pub brandet Jubel auf, während Silvio die Hände vor dem Kopf zusammenschlägt. „Noch ist nichts verloren, wir gewinnen 2:1, ein Tor schießen wir in der ersten, eins in der zweiten Halbzeit“, übt er sich in Optimismus. Das 2:0 von de Bruyne hingegen stürzt Silvio schon in größere Verzweiflung. „Warum jubeln hier eigentlich alle für Belgien“, ärgert er sich.

In der Halbzeitpause hat Silvio genug gesehen. Hier will er nicht mehr bleiben. „Lass uns nach Hause, wenn wir dort geschaut haben, hat Brasilien immer gewonnen“, schlägt auch Sohn Maxim vor. „Bye bye Brasilia“, schallt es den beiden höhnisch hinterher, als sie am nächsten Restaurant an einer Gruppe von Rauchern vorbeigehen. Offenbar hat ein Videoclip, wo brasilianische Fans eine Russin hochnehmen und sie „buceta rosa“ („rosa Vagina“) skandieren lassen, für böses Blut in Moskau gesorgt. Dabei wurden die Schuldigen bereits in ihrer Heimat für den sexistischen Ausfall gemaßregelt.

„Unsere Auswahl ist sehr emotional, wenn etwas nicht klappt, kann sie schnell auseinanderfallen“, analysiert Silvio auf dem Heimweg. Doch noch bleiben 45 Minuten – und in denen wird auch Silvio emotional: „Caramba, porra“, flucht er vor dem eigenen Fernseher, als wiederholt eine Flanke Marcelos im Strafraum genau bei einem Belgier landet. Zumindest das zweite Wort in deutscher Übersetzung – ein hartes Wort für eine weiche Masse – war schon vor einer Woche auf der Medientribüne in Kasan eine der am häufigsten gebrauchten Ausrufe deutscher Journalisten in der zweiten Spielhälfte.

Silvio, der ständig am Telefon Nachrichten erhält, ruft jetzt höheren Beistand an. „Sag den Schamanen, sie sollen für Brasilien beten“, schickt er eine Sprachnachricht an einen Freund. Es ist nur zur Hälfte Spaß – und zumindest scheint es Wirkung zu zeigen. Im Gegensatz zu den Deutschen treffen die Brasilianer noch einmal. „Jetzt wird alles gut“, hofft Silvio vor der Schlussviertelstunde. Tochter Maria presst sich hoffnungsvoll an den Papa. Doch die Minuten schwinden. Ein paar Mal setzt Silvio noch zum Torschrei an, doch mit jedem Fehlschuss wird es stiller. Als Courtois schon in der Nachspielzeit auch noch einen Schlenzer Neymars aus dem Eck fischt, macht sich Resignation breit. Dann ist es Gewissheit. Brasilien ist raus – auf dem Handy gehen Mitleidsbekundungen der Freunde ein. Nur die Ehefrau findet Trost: „Immerhin kannst Du Dich jetzt entspannen und musst nicht von einem Stadion zum anderen hetzen“. Sohn Maxim verdrückt eine Träne.

Doch in Silvios Familie hält die Trauer nicht lang an: „Jetzt fiebern wir eben alle mit Russland mit“, befindet der Brasilianer. Tomera Savoy ist eben nicht der einzige Südamerikaner, der sich in Russland verliebt hat.

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