WM-Titelverteidigung „Wir Deutschen waren einfach zu blöd“

Effenbergs Stinkefinger oder die Schmach von Cordoba: Wenn deutsche Nationalteams zur WM-Titelverteidigung antraten, lief es bisher meist nicht rund.
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Der bulgarische Mittelfeldspieler Jordan Letschkow (l., vorn) dreht nach seinem entscheidenden Kopfballtor zur 2:1-Führung Bulgariens jubelnd ab. Als Titelverteidiger war Deutschland damit schon im Viertelfinale aus dem Rennen. Quelle: dpa
WM 1994: Deutschland – Bulgarien

Der bulgarische Mittelfeldspieler Jordan Letschkow (l., vorn) dreht nach seinem entscheidenden Kopfballtor zur 2:1-Führung Bulgariens jubelnd ab. Als Titelverteidiger war Deutschland damit schon im Viertelfinale aus dem Rennen.

(Foto: dpa)

MoskauWenn Lothar Matthäus an die WM-Endrunde 1994 in den USA zurückdenkt, bekommt der deutsche Rekordnationalspieler schlechte Laune. „Wir Deutschen waren einfach zu blöd, 1994 den Titel zu verteidigen – denn einfacher war es nie“, spricht Matthäus im Magazin „Gold“ der Deutschen Sporthilfe über das schmachvolle WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft im Viertelfinale gegen Bulgarien.

„Wir hatten einzigartige Spieler, aber keine gute Mannschaft. Wir standen uns selbst im Weg“, sagt Matthäus. Mit der erfolgreichen Titelverteidigung wurde es nichts, wie schon 1958 und 1978. Erfahrungen, die Joachim Löw als warnendes Beispiel bei seiner WM-Mission in Russland dienen dürften.

„Das Wichtigste im Fußball ist die Mannschaft. Die Mannschaft muss funktionieren und die hat 1994 nicht funktioniert. Die einzelnen Spieler waren mit Sicherheit besser als die von 1990, aber wir hatten keine Mannschaft“, sagte der frühere Bundestrainer Berti Vogts.

Dabei hätten die Voraussetzungen kaum besser sein können. Teamchef Franz Beckenbauer hatte dem Team nach dem Triumph in Italien angesichts der dazukommenden Spieler aus der ehemaligen DDR noch eine goldene Zukunft prophezeit, auf Jahre werde sie nicht zu schlagen sein.

Geschlagen hat sich das DFB-Team aber selbst. Der amerikanische Traum wurde schnell zum Albtraum. Schon in der Gruppenphase wurde Stefan Effenberg nach Hause geschickt, als er deutschen Fans im Spiel gegen Südkorea den Stinkefinger gezeigt hatte. Vom WM-Glanz vier Jahre zuvor war nichts mehr übrig geblieben, innerhalb der Mannschaft herrschte miese Stimmung. Es wurde gestritten um Besuchszeiten der Spielerfrauen.

So musste Vogts ein zweites Mal die leidvolle Erfahrung machen, als Titelverteidiger viel zu früh nach Hause geschickt zu werden. 1978 lief es nicht viel besser. Die Schmach von Cordoba beim 2:3 gegen Österreich besiegelte den K.o. „Wir haben gespielt wie Amateure“, sagt Vogts. Im Gegensatz zu 1994 war die Qualität bei der Endrunde in Argentinien aber längst nicht mehr so vorhanden wie vier Jahre zuvor. Nur fünf 74er-Weltmeister waren übrig geblieben: Vogts, Sepp Maier, Rainer Bonhof, Bernd Hölzenbein und Georg Schwarzenbeck.

Franz Beckenbauer fehlte indes nach einem monatelangen Gerangel. Der „Kaiser“ stand im Ausland bei Cosmos New York unter Vertrag, der DFB hätte für die Zeit das Gehalt übernehmen sollen. DFB-Präsident Hermann Neuberger sah die Mannschaft auch ohne ihren 74er-Kapitän gut genug für die Titelverteidigung - ein Trugschluss. Auch Torjäger Gerd Müller hätte das Team gut gebrauchen können, doch der „Bomber“ hatte bereits 1974 nach einem Streit auf dem WM-Bankett seinen Rücktritt erklärt.

Am besten verkaufte sich die deutsche Mannschaft noch 1958, als am Ende ein achtbarer vierter Platz heraussprang. Denn von den Helden von Bern waren nur noch Fritz Walter, Helmut Rahn, Hans Schäfer und Horst Eckel übrig geblieben. Dazu kamen junge Spieler wie etwa HSV-Ikone Uwe Seeler. Und es wäre sogar noch mehr möglich gewesen, wenn Erich Juskowiak im Hass-Spiel gegen Schweden (1:3) im Halbfinale nach einem Revanche-Foul nicht die Rote Karte gesehen hätte.

Für die erfolgreiche Titelverteidigung gegen Brasilien mit dem neuen Superstar Pelé hätte es aber wohl nicht gereicht. Dieses Kunststück bleibt nun vielleicht Löw und seiner Mannschaft vorbehalten.

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  • dpa
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