Reiche Stromernte 100.000 Euro Pacht für ein Windrad

Da die Stellflächen für Windräder begehrt sind, verlangen Grundbesitzer immer höhere Summen. Nutznießer sind zumeist Landwirte – und am Ende zahlen Stromverbraucher die hohen Pachten über ihre Stromrechnung.
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Windräder auf Äckern in Baden-Württemberg: Leben von der Landwirtschaft und vom Wind. Quelle: dpa

Windräder auf Äckern in Baden-Württemberg: Leben von der Landwirtschaft und vom Wind.

(Foto: dpa)

BerlinWo werden in Deutschland die höchsten Pachten bezahlt? In den beliebten Metropolen München, Hamburg und Düsseldorf? Nein, auf dem platten Land, wo der Wind kräftig weht und Windräder eine reiche Stromernte versprechen. "In der Spitze werden in Norddeutschland mittlerweile 100.000 Euro pro Jahr und Windrad verlangt", heißt es bei der Thüga, dem deutschlandweit größten kommunalen Netzwerk kommunaler Energiedienstleister. Nutznießer sind zumeist Landwirte, Leidtragende die Stromverbraucher, die die hohen Pachten am Ende über ihre Stromrechnung bezahlen.

Seit Jahren kennt die Entwicklung der Windrad-Pachten nur eine Richtung: aufwärts. Doch in den vergangenen Monaten ist zusätzliche Dynamik ins Spiel gekommen. Noch im Frühjahr galten Jahrespachten von 90.000 Euro als Spitzenwert. "Bei den Pachten sehen wir Fehlentwicklungen", klagt Sylvia Pilarsky-Grosch, Präsidentin des Bundesverbandes Windenergie.

Für diese Fehlentwicklungen gibt es verschiedene Gründe: Nach kräftigen Einschnitten in die Vergütungen für Solarparks suchen viele Projektentwickler ihr Heil in der Windkraft. "Da ist ein enormer Druck auf dem Kessel. Sobald die Behörden irgendwo neue Vorranggebiete für Windräder ausweisen, beginnt sofort der Wettlauf der Projektentwickler", heißt es in der Branche. Das treibe die Pachten.

Nutznießer steigender Pachten sind nicht nur Landwirte, sondern häufig auch staatliche Verpächter, etwa Landesforste. Der Flächeneinsatz ist überschaubar: Für das Fundament eines Windrades wird eine Fläche von 15 mal 15 Metern beansprucht, hinzu kommt der Zufahrtsweg, die Stellfläche für einen Kran, der für Wartungsarbeiten oder im Havariefall benötigt wird, und Platz für ein Trafohaus. Rundherum kann weiter Landwirtschaft betrieben werden.

Die Höhe der Pacht richtet sich nach einer einfachen Formel: Der Verpächter will heute in der Spitze mit 13 Prozent an den Stromerträgen eines Windrades beteiligt werden. Für ein Windrad, das an einem durchschnittlichen Standort in Deutschland pro Jahr rund sechs Millionen Kilowattstunden Strom produziert, ergeben sich so Pachteinnahmen von rund 70.000 Euro. An windreichen Standorten sind aber auch 100.000 Euro möglich. Die 13 Prozent für den Verpächter sind eine neue Entwicklung. Es ist noch nicht lange her, da galten zehn Prozent als absolute Spitze.

Spielraum für Kürzungen ist da

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Die Explosion der Pachten stellt ein wichtiges Signal an die Politik dar: Offenbar steckt noch Spielraum für Kürzungen der Vergütungen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) im System. Das Thema dürfte daher beim Treffen der AG Energie im Rahmen der Koalitionsverhandlungen von Union und SPD am Donnerstag zur Sprache kommen. Eine EEG-Reform mit Einschnitten in das System fester Einspeisevergütungen steht dort ganz oben auf der Tagesordnung.

Nach Ansicht von Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena), bedarf es eines Kurswechsels: "Das EEG darf so nicht fortbestehen", sagte Kohler dem Handelsblatt. Das EEG mit seinen festen Einspeisevergütungen und einem Einspeisevorrang für alle sei "dumm". Es müsse jetzt die Markt- und Systemintegration der Erneuerbaren in den Vordergrund gerückt werden.

Kohler schlägt den Verhandlungsführern von Union und SPD vor, künftig ein jährliches Ausschreibungsverfahren für den Ausbau der erneuerbaren Energien einzuführen. In diesem Verfahren soll ein größerer Teil technologieoffen ausgeschrieben werden, ein kleinerer Anteil technologiespezifisch. Der technologiespezifische Teil soll dabei solche Technologien fördern, die noch nicht komplett ausgereift sind, also etwa die Offshore-Technologie.

Die Anbieter, die in den beiden Kategorien mit dem geringsten Zuschussbedarf je Kilowattstunde auskommen, sollen den Zuschlag bei der Auktionierung bekommen. Dabei soll aber auch der Netzausbau eine Rolle spielen: Bieter, die sich an frei verfügbaren Netzkapazitäten orientieren, erhöhen ihre Zuschlagschancen. Erfordern Anlagen-Zubauten dagegen auch neue Netze, so gehen diese Kosten in die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung ein. Allen erfolgreichen Teilnehmern am Ausschreibungsverfahren soll nach den Plänen der Dena eine Netzanschluss-Garantie und ein Einspeisevorrang zugesichert werden. Das Konzept, sagt Kohler, sei innovativ, marktgetrieben und werde den beihilferechtlichen Vorgaben der EU gerecht.

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