Biotech-Firmen Unterschätzte Newcomer

Big Pharma zahlt einen hohen Preis, um beim Biotech-Boom dabei zu sein – dieser lohnt sich: Großkonzerne glänzen mit neuen Produkten. Doch die Hälfte aller Neuentwicklungen stammt von Vertretern aus zweiter Reihe.
01.09.2014 - 13:52 Uhr Kommentieren
Entwicklung neuer Medikamente: Aufstrebende Biotech-Firmen machen den etablierten Pharmakonzernen zunehmend Konkurrenz. Quelle: dpa

Entwicklung neuer Medikamente: Aufstrebende Biotech-Firmen machen den etablierten Pharmakonzernen zunehmend Konkurrenz.

(Foto: dpa)

Im Pharmasektor vollzog sich in den vergangenen beiden Jahren eine Wende, die für die Unternehmen, Investoren und Patienten gleichermaßen erfreulich erscheint: Die Zahl der erfolgreichen Produktentwicklungen nimmt wieder deutlich zu, trotz mehr oder weniger stagnierender F+E-Budgets. Im laufenden Jahr dürfte die Branche in etwa doppelt so viele neue Wirkstoffe durch die Zulassungen bringen wie noch zu Beginn des Jahrzehnts.

Nach Jahren der Flaute deutet sich damit eine kräftige Produktivitätssteigerung in der Forschung an und damit auch die Aussicht auf wachsende Umsätze. Ein Schwachpunkt, der vor einigen Jahren noch Zweifel am Geschäftsmodell der Arzneimittelindustrie weckte, scheint endlich überwunden.

Neuentwicklungen aufstrebender Firmen

Hinter dem Turn-around verbirgt sich indessen ein Wandel, der nicht nur die jüngste Welle an Übernahmen antreibt, sondern auch die Struktur der Branche nach und nach verändert. Denn der neue Boom in den Labors ist alles andere als gleichmäßig über die Branche verteilt. Die Diskrepanz zwischen Gewinnern und Verlierern ist zum Teil beträchtlich. Und das gilt nicht nur mit Blick auf die schiere Zahl an neuen Produkten, sondern auch, was das kommerzielle Potenzial betrifft.

Zwar glänzten zuletzt auch mehrere etablierte Großkonzerne wie etwa Johnson Johnson und Bayer mit einer Serie an neuen Produkten. Insgesamt jedoch gewinnen kleinere Biotechfirmen und Pharmaspezialisten zusehends an Boden. Etwa die Hälfte aller Neuentwicklungen stammt von solchen Vertretern aus der zweiten und dritten Reihe.

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    Die Vernetzung des Gesundheitswesens
    Gesundheitskarte
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    Die neue Gesundheitskarte: Die Bundesregierung  plant ein E-Health Gesetz. Wichtiger Bestandteil: Die elektronische Gesundheitskarte. Hier können Patientendaten gespeichert werden, etwa Untersuchungsergebnisse und verordnete Medikamente aber auch Impfungen, Allergien oder Vollmachten.

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    Altpeter fordert Konsequenzen nach Ärzte-Skandal
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    Alles auf einen Blick: Alle Patientendaten wie Blutbilder und Röntgenaufnahmen liegen zentral vor, das erleichtert die schnelle und richtige Behandlung bei jedem Arzt-, Krankenhaus-, Reha- oder Apothekenbesuch. Teure und zeitaufwändige Doppeluntersuchungen können vermieden werden. Vor allem für Patienten, die von verschiedenen Medizinern behandelt werden, macht die Speicherung ihrer  medizinischen Daten Sinn.

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    Sicher muss es sein: Eigentlich sollte die elektronische Gesundheitskarte schon 2006 kommen.  Datenschutzrechtliche Bedenken  gegen die zentrale Speicherung  der Patientendaten waren einer der Gründe für das Scheitern einer Einführung. Umso mehr Wert legen die Verantwortlichen jetzt auf Aufklärung und Transparenz:

    Jeder Versicherte entscheidet selbst, welche Daten auf der Karte abrufbar sein sollen und wer sie sich anschauen darf. Auf Wunsch des Patienten können alle gespeicherten Daten wieder gelöscht werden. Nur Personen mit einem medizinischen Berechtigungsausweis haben Zugriff auf die elektronische Gesundheitskarte.

    (Foto: Reuters)
    Grippe
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    Gefahren früh erkennen: Eine moderne Health-IT erlaubt es, auf auffällige Entwicklungen schnell zu reagieren. Durch ein System, das Krankheitsmeldungen aller Arztpraxen erfasst, lassen sich etwa Grippewellen schneller erkennen und behandeln. Für gehäuft auftretende Nebenwirkungen eines Medikaments gilt das ebenso. Schließlich erleichtert die elektronische Kommunikation die Rückverfolgung von Medizinprodukten. Im Fall der fehlerhaften Brustimplantate hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, die betroffenen Patienten schnell identifizieren zu können.

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    Personen, CRM, Home MonitoringBiotronik Patientenüberwachung
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    Aus Flickenteppich mach Gesundheitsnetz: Die digitale Erfassung von Patientendaten in Praxen und Krankenhäusern ist nicht neu. Doch die Dokumente werden bisher nur an einem Ort gespeichert, etwa im Krankenhaus, im Labor, der Apotheke oder der Praxis. Ebenso werden sie meist nur an eine einzelne andere Einrichtung verschickt, etwa vom Fach- zum Hausarzt. Weitere behandelnde Ärzte bleiben außen vor, müssen wiederum die Befunde anfordern. Das kostet Zeit und Geld.  Durch den Aufbau eines zentralen Daten-Portals sowie die Einführung einheitlicher Software und Schnittstellen in Krankenhäusern und Arztpraxen ließe sich der Austausch verbessern. 

    (Foto: BIOTRONIK GmbH u. Co. KGPR)
    World Cup 2014 - Fanfest Hamburg
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    Bei der Gesundheits-IT (noch) kein Weltmeister: Die IT-Infrastruktur ist in Deutschland im medizinischen Bereich noch schwach. Nur sechs Prozent der deutschen Krankenhäuser sind mit anderen Akteuren des Gesundheitssystems in ihrer Umgebung vernetzt. In den skandinavischen Ländern sind hingegen gut 50 Prozent der Klinken miteinander vernetzt. Hier will das E-Health-Gesetz nachbessern und mittelfristig ein effizientes IT-Netz zum sicheren Datenaustausch aufbauen.  

    (Foto: dpa)
    Brüssel soll Klage gegen Microsoft im Browser-Streit vorbereiten
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    Ein Wikipedia für Ärzte: Der Aufbau eines zentralen interaktiven Gesundheitsnetzes eröffnet neue Möglichkeiten. Die meisten Patienten gehen zu verschiedenen Fachärzten oder werden in mehreren Abteilungen eines Krankenhauses behandelt. Eine Web- oder Cloud-basierte Plattform hilft den Ärzten, sich optimal abzustimmen. Ärzten und Patienten spart das Zeit, Wege und Kosten.  

    Mit Centricity 360 bietet GE eine technische Lösung, durch die alle beteiligten Akteure Patientendaten leicht einsehen, ergänzen und auf den neuesten Stand bringen können: Welche Untersuchung hat der Kollege durchgeführt und wie lautete seine Diagnose? Wie waren die Blutwerte bei der letzten Untersuchung beim Hausarzt? Gegen welche Krankheiten ist der Patient geimpft und welche Allergien hat er?

    (Foto: dpa)

    Anders als in der Vergangenheit gelingt es ihnen heute in größerem Umfange, die eigenen Neuentwicklungen auch selbst zu vermarkten. Und erstmals trumpfen diese Firmen auch mit kommerziell schwergewichtigen Produkten auf, das heißt mit potenziellen Blockbustern mit Milliardenumsätzen. Die auffälligsten Neuentwicklungen des vergangenen Jahres zum Beispiel - das Multiple-Sklerose-Mittel Tecfidera und das Hepatitis-Medikament Sovaldi - stammten nicht etwa von etablierten Pharmariesen wie Pfizer, Glaxo oder Novartis, sondern von den aufstrebenden Biotechfirmen Biogen und Gilead.

    Den Newcomern Spielraum überlassen

    Solche Einzelerfolge sollten zwar nicht dazu verleiten, die Forschung des Biotechsektors völlig zu überschätzen. Nach wie vor tummeln sich in der Branche auch Hunderte von Firmen, die noch nicht viel vorzuweisen haben. Insgesamt jedoch ist die Produktivität bei weitem nicht so schwach wie noch vor ein paar Jahren angenommen. Zudem haben inzwischen etliche Firmen bewiesen, dass man mit scheinbar obskuren, aber hochpreisigen Nischenprodukten beachtliche Umsätze erzielen kann.

    Viele in der Pharmabranche haben diesen Trend unterschätzt und damit den Newcomern Spielraum überlassen, um eigene Marktpositionen aufzubauen. Vor allem diese Entwicklung erklärt die zum Teil atemberaubenden Preise, die in jüngerer Zeit im Pharmabereich aufgerufen werden. Der US-Konzern Abbvie zahlt für Shire immerhin etwa das Zehnfache des aktuellen Umsatzes. Roche legt bei der acht Milliarden Dollar teuren Übernahme von Intermune gut das Hundertfache des Umsatzes auf den Tisch.

    Die Erfahrungen der Vergangenheit sprechen durchaus für solche produkt- und technologieorientierten Transaktionen. Viele Deals, die auf den ersten Blick teuer erschienen, rechneten sich später durch Produkterfolge. Bei einigen der spektakulärsten Übernahmen waren Biotechfirmen selbst die Käufer. Die elf Milliarden Dollar teure Akquisition der kleinen Firma Pharmasset etwa hat sich für Gilead mehr als gelohnt.

    Den Großunternehmen laufen die Preise davon

    Der Biotech-Börsenboom der letzten beiden Jahre hat die Situation allerdings um einiges verschärft. Die Aktienkurse vieler Biotechs haben sich in diesem Zeitraum vervielfacht. Mit Gilead, Amgen, Biogen und Celgene bewegen sich inzwischen vier Biotechvertreter bewertungsmäßig bereits auf Augenhöhe mit Big Pharma. Rund ein Dutzend Firmen folgt mit Marktkapitalisierungen zwischen zehn und 40 Milliarden Dollar.klei

    Etablierte Pharmakonzerne mit Akquisitionsplänen sehen sich damit zusehends in der Situation, dass ihnen die Preise davonlaufen. Roche etwa erlebte das vor zwei Jahren beim gescheiterten Versuch, die Genanalytikfirma Illumina für acht Milliarden Dollar zu übernehmen. Inzwischen ist die US-Firma an der Börse dreimal so viel wert.

    Das heißt, um Schwächen in der eigenen Forschung durch Zukäufe auszugleichen, müssen Unternehmen finanziell heute weitaus höhere Risiken eingehen als noch vor zwei oder drei Jahren. Andernfalls besteht die Gefahr, nach und nach von neuen Akteuren im Pharmageschäft verdrängt zu werden. Wer zu spät kommt, den überrunden die Biotechs.

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