Vernetztes Wohnen im Quartier Wie Ältere möglichst lange daheim bleiben können

Die Zahl alter Menschen in Deutschland steigt stetig. Die stationäre Altenpflege kann da auf Dauer nicht mithalten. Ein von der EU gefördertes Projekt sucht daher in Hamburg nach Wegen, wie Ältere möglichst lange in ihren Wohnungen bleiben können.
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Forschungsprojekt für Senioren: Ein Schlüsselhalter schaltet beim Annähern einer Person an die Wohnungstür ein Licht ein, um an das Mitnehmen der Schlüssel zu erinnern. Quelle: dpa

Forschungsprojekt für Senioren: Ein Schlüsselhalter schaltet beim Annähern einer Person an die Wohnungstür ein Licht ein, um an das Mitnehmen der Schlüssel zu erinnern.

(Foto: dpa)

HamburgGisela Parchmann und ihrem Mann Heinrich hat es das Schlüsselbrett angetan. Wann immer sie die Musterwohnung im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst betreten oder verlassen, stets geht über dem neben der Tür installierten Haken ein Licht an - erinnert daran, den Hausschlüssel mitzunehmen oder ihn wieder an seinen Platz zu hängen. „Wie oft weiß man nicht mehr, wo man ihn hingelegt hat“, sagen beide. Und die per Tablet-PC oder Fernbedienung regelbaren Vorhänge, Fenster und Lampen halten die 66-Jährige und ihr 65-jähriger Mann für ebenso gelungen wie elektronische Warnhinweise, dass der Herd noch an ist.

„Vernetztes Wohnen im Quartier“ heißt das von der Europäischen Union geförderte Projekt, für das die Parchmanns aus Neumünster zum Testen nach Hamburg gereist sind. Zum einen geht es darum herauszufinden, welche technischen Hilfsmittel sinnvoll sind, um ältere Leute lange in ihren vier Wänden zu halten. Zum anderen gehen die Initiatoren der Frage nach, wie sich Senioren und Nachbarn über Apps so verknüpfen lassen, dass eine Gemeinschaft entsteht. Zudem treibt es sie um, wie Dienstleistungen - etwa ein Wäscheservice oder Lieferungen vom Supermarkt oder Gemüseladen um die Ecke - integriert werden können.

Eine Verjüngungskur für unser Gesundheitssystem
Wer zahlt die Zeche?
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Ganze 11,2 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes werden für die Vollversorgung im Gesundheitsbereich ausgegeben. Die ohnehin schon stark beanspruchten öffentlichen Kassen werden in Bälde mit noch höheren Belastungen konfrontiert werden: Die deutsche Lebenserwartung ist mit 82,8 Jahren bei Frauen und 77,7 Jahren bei Männern eine der höchsten weltweit. Jeder achte Deutsche soll 2050 80 Jahre und älter sein.

Einmal visualisieren, bitte!
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Nach einem Bericht des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2014 rund 19,1 Millionen Menschen in Deutschland stationär im Krankenhaus behandelt. Das bedeutet einen Anstieg von 1,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Maßnahmen zur Effizienzsteigerung sind also dringend notwendig. Das norwegische Unternehmen Imatis hat „Visual Health“ entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Anwendung, die die Diagnose erleichtert, indem sie klinische Aufzeichnung mit einem 3D-Modell der menschlichen Anatomie verbindet. Probleme sollen so schneller identifiziert und behandelt werden.

Der Sensor wünscht „Gesundheit“
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Tragbare Sensoren können älteren Menschen dabei helfen, ein unabhängigeres Leben in den eigenen vier Wänden zu führen. Die Geräte alarmieren Familie und Ärzte bei ungewöhnlichen Aktivitäten. Das Startup-Unternehmen CarePredict aus dem US-amerikanischen Florida bietet beispielsweise einen Sensor an, der übliche Tagesabläufe (wie Mittagsschlaf und Schrittgeschwindigkeit) verfolgt und Abweichungen meldet.

Innovation wird niemals alt
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Ältere Menschen laufen Gefahr, sich sozial zu isolieren. Das US-Telekommunikationsunternehmen GreatCall plant die Analyse von Telefondaten, um Alarm zu schlagen, wenn ältere Menschen nicht mehr mit ihren Freunden sprechen. Das Fraunhofer Institut in München wiederum entwickelt einen interaktiven Roboter, dessen Videobildschirm Nutzer mit freundlichen Mitarbeitern verbindet.

Am Puls der Zeit
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Das deutsche Gesundheitssystem bietet auf 1000 Einwohner gerechnet mehr Kapazitäten und Ärzte als die meisten anderen Länder. Doch diese ausgezeichnete Struktur aufrechtzuerhalten, während Arbeitskräfte altern und das Steueraufkommen sinkt, ist schwierig. Schlaue Geräte, innovative Forschung und Investitionen in Pflegekapazitäten können bei der Lösung helfen.

Gut 1,2 Millionen Euro kostet das von der Universität Hamburg begleitete Projekt. Fast die Hälfte (rund 550.000 Euro) übernimmt dabei die EU über den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Insgesamt erhielt Hamburg nach Angaben der Wirtschaftsbehörde für die Förderperiode 2007 bis 2013 knapp 151 Millionen Euro EU-Mittel. Das Meiste, rund 91 Millionen, floss aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF), der sich mit der Stärkung des Arbeitsmarkts, der Eingliederung und der Bildung befasst. Für die Förderperiode 2014 bis 2020 sieht der 960 Milliarden Euro umfassende EU-Haushalt etwa 134 Millionen Euro für Hamburg vor.

Neben der EU und Privatunternehmen beteiligt sich auch Hamburgs Gesundheitsbehörde mit knapp 300.000 Euro an dem Projekt - aus einem einfachen Grund: Das Statistische Bundesamt und die OECD weisen seit Jahren darauf hin, dass die Alten in Deutschland immer mehr werden. So steige der Anteil der über 65-Jährigen bis 2030 wohl auf fast ein Drittel, 20 Jahre später werde jeder Sechste sogar über 80 Jahre alt sein - und sie zu betreuen ist teuer. Sozialverbände warnen schon jetzt vor einem finanziellen Kollaps und auch die Politik fürchtet, dass eine Heim-Betreuung bald nicht mehr bezahlbar sein könnte.

Für Projektkoordinator Bernd Hillebrand ist das „Vernetzte Wohnen“ dennoch „kein gerontologisches Projekt“. Denn im Grunde seien die technischen Helferlein für jede Altersgruppe interessant. Während sie bei den Jüngeren eher Wellness-Charakter hätten, böten sie den in der Regel längst internet-affinen Älteren tatsächliche Lebenshilfe - wenn auch derzeit noch eine kostspielige, wie der Geschäftsführer des Hamburger Informations- und Elektrotechnikunternehmens Q-Data Service, Reinhard Heymann, einräumt. Er geht jedoch davon aus, dass die Preise mit der Nachfrage purzeln - sofern die Wohnungswirtschaft bereits beim Neubau entsprechende Umrüstmöglichkeiten vorsehe.

Die Parchmanns sind von einem Heimaufenthalt weit entfernt. Dennoch sind sie bei ihrem Besuch etwas ins Grübeln geraten, wenn sie sich ihr Leben in 20 Jahren im zweiten Stock ohne Aufzug vor Augen führen. Gut, der in der Musterwohnung unter dem Parkett verlegte Sensorboden zum externen Erkennen möglicher Stürze der Bewohner geht ihnen doch zu weit. Und das dem Wohlbefinden dienende LED-Lichtspektakel halten sie für etwas übertrieben. Doch ansonsten ist Gisela Parchmann schon beeindruckt von den Möglichkeiten: „Das stelle ich mir toll vor.“

  • dpa
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