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Digitale Revolution

Ada Amsterdam will den Massentourismus bändigen – mit Hilfe von KI

Auf 800.000 Amsterdamer kommen im Jahr rund 16 Millionen Übernachtungsgäste. Die Stadt hat viele Probleme mit dem übermäßigen Tourismus – aber auch neue Lösungen.
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Die holländische Stadt wird von Touristen überschwemmt. Quelle: dpa
Amsterdam

Die holländische Stadt wird von Touristen überschwemmt.

(Foto: dpa)

Amsterdam Die drei Freundinnen halten ihre Smartphones hoch, strahlen und posieren für ein Selfie. Warum ausgerechnet hier? „Wir haben das Motiv auf Pinterest gesehen“, sagen die Wienerinnen, „da wollten wir unbedingt ein eigenes Foto.“

Die Gegend um den Damrak zählt nicht nur zu den wuseligsten Schauplätzen von Amsterdam, sondern ausweislich der entsprechenden Seiten im Internet auch zu den „Most Instagrammable Places“. Jene Orte also, die sich für ein Foto in den sozialen Netzwerken besonders gut eignen. Ständig staut sich hier der Fußgängerverkehr, weil gerade wieder jemand vor irgendeiner Smartphone-Linse posiert – wie an so vielen Stellen der Stadt.

Amsterdam gilt im Internet als optimaler Ort für das perfekte Bild. Doch das bleibt nicht ohne Folgen. Wenn immer mehr Menschen zu denselben Orten reisen und dieselben Dinge fotografieren, dann geht das der lokalen Bevölkerung irgendwann zwangsläufig auf die Nerven.

Overtourism (Übertourismus) heißt das Phänomen, das inzwischen selbst die Vereinten Nationen umtreibt. Deren Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) hat jüngst 12.000 Menschen aus 15 typischen Urlaubsländern befragt: 47 Prozent fanden, ihre Städte seien von Touristen überfüllt. Jede*r Achte sprach sich gar dafür aus, die Zahl der Tourist*innen zu deckeln.

In Europa gilt Overtourism als besonders großes Problem – auch weil es hier viele vergleichsweise kleine Städte gibt. Das Verhältnis zwischen Bewohner*innen und Besucher*innen Amsterdams illustriert das Problem: Im vergangenen Jahr zählten allein die örtlichen Hotels 16,7 Millionen Übernachtungsgäste, knapp 50.000 pro Nacht. In zehn Jahren könnten es gar 30 Millionen sein. Dem stehen gerade mal 864.000 Einwohner*innen gegenüber.

Die aktuellen Ausgabe des neuen Magazins „ada“ ist am 30. August erschienen.
ada - Ausgabe 3

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Dazu kommen auch noch all jene, die die Statistik nicht erfasst, weil sie bei Freund*innen und Verwandten unterkommen, sich im Internet eine Wohnung mieten oder aus den umliegenden Städten hineinpendeln. Zum Vergleich: Deutschlands beliebtestes Touristenziel Berlin hat zwar fast doppelt so viele Übernachtungsgäste im Jahr – aber auch viermal so viele Einwohner*innen und ein viermal so großes Stadtgebiet.

Claudio Milano, der an der Tourismus-Hochschule Ostelea in Barcelona lehrt, sieht den exzessiven Tourismus in manchen Städten als ernste Bedrohung – für Umwelt, Verkehr, Preise, Lebensqualität und sozialen Frieden: „Overtourism ist ein Symptom des beispiellosen Wohlstands und der Übermobilität“, sagt der Reiseforscher.

Städte müssten dringend darüber nachdenken, wie sie die Rechte der Einheimischen künftig wahren wollten – ein wichtiges Element sei es, die Besucherströme zu lenken. „Das ist unpopulär“, sagt Milano, „aber unausweichlich.“ Und Amsterdam zeigt, wie es gehen könnte. Denn die Stadt will die Touristenmassen mithilfe von Datenanalysen, künstlicher Intelligenz und Algorithmen bändigen.

Eine treibende Kraft ist Geerte Udo. Sie ist Direktorin der städtischen Tourismusagentur und hat die Marketingstrategie Amsterdams maßgeblich mitentwickelt. Inzwischen ist sie Opfer ihres eigenen Erfolgs. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Touristenzahl nahezu verdoppelt. Die Stadt wird förmlich überrannt, von Billigflugpublikum, Airbnb-Tourist*innen, Coffeeshop-Fans und Smartphone-Fotograf*innen.

Doch Udo findet: Es gibt nicht zu viele Besucher*innen, man muss sie bloß besser verteilen. „Tourist*innen stören ja nicht, nur weil sie die Stadt besuchen“, sagt sie. „Sie stören dann, wenn sie sich nicht korrekt verhalten oder alle zur selben Zeit am selben Ort sind.“

Mit dem Chip ins Museum

Um das Verteilungsproblem zu lösen, analysieren Udo und ihr Team inzwischen präzise das Verhalten der Tourist*innen. Die Daten kommen vor allem von der I-amsterdam-City-Card, mit der die Besucher*innen Bus und Bahn fahren können und Rabatte für viele Sehenswürdigkeiten bekommen.

Sobald ein*e Besucher*in mit der Karte ein Museum betritt, werden Ort und Uhrzeit über einen RFID-Chip erfasst. Die Daten zeigen, dass die Menschen morgens lieber Museen besuchen und nachmittags eine Kanalfahrt buchen. Wer das Rijksmuseum besucht, geht häufig direkt nebenan ins Van-Gogh-Museum. „Wir müssen solche Muster dekodieren“, sagt Udo, „nur dann können wir daran arbeiten.“ Die Internetplattform von „I amsterdam“ schlägt Tourist*innen je nach Datenlage unterschiedliche Routen durch die Stadt vor, sodass nicht alle dieselben Straßen verstopfen.

Eine weitere Erkenntnis aus den Daten: Wer Amsterdam zum ersten Mal besucht, steuert die Hotspots an. Rückkehrer*innen hingegen wollen versteckte Ecken sehen. Deswegen hat „I amsterdam“ die Reichweite der Tickets erhöht. So können die Tourist*innen jetzt auch weniger überlaufene Attraktionen im Umland besuchen. Wie etwa die Tulpenfelder um den Keukenhof, die Windmühlen bei Zaanse Schans oder Nachbarstädte wie Haarlem.

Menschen seien durchaus bereit, eine Stunde Weg auf sich zu nehmen, wenn sich das Reiseziel lohnt und sie leicht dort hinkommen, sagt Udo. Deshalb investierte die Stadt in die Infrastruktur, sodass Besucher*innen mit öffentlichen Verkehrsmitteln schneller und ohne viele Umsteige an zuvor abgelegene Orte gelangen – etwa den Küstenvorort Zandvoort, den man sogar in „Amsterdam Strand“ umbenannte, um Touristen aus der Stadt hierher zu locken.

Doch nicht die schiere Masse an Besucher*innen allein stellt die Stadt vor Herausforderungen, sondern vor allem deren Verhalten. Amsterdam gilt als beliebtes Ziel bei Sauf- und Kiff-Tourist*innen, die vorzugsweise das Rotlichtviertel oder den Rembrandtplatz ansteuern. Das stört vor allem die Bewohner*innen. Auch für dieses Problem liefert Technologie eine Lösung: „Wir können anhand von Daten feststellen, wer die Störenfriede sind, und ihnen gezielt Werbung ausspielen“, sagt Udo.

Gemeinsam mit Stadtverwaltung, Ordnungsamt, Anwohner*innen, Bars und Restaurants, Unternehmen sowie der Amsterdamer Polizei kreierte das Stadtmarketing eine Aufklärungskampagne. Die pädagogische Werbebotschaft: Ihr seid herzlich willkommen – aber nur, wenn ihr euch anständig verhaltet.

Benimmtipps via Google

Wenn junge Männer zwischen 18 und 34 Jahren aus England oder den Niederlanden im Internet nach einschlägigen Begriffen suchen, bekommen sie über Google Ads die entsprechenden Slogans der Stadt zu sehen. Dank Geotagging erhalten auch alle, die zur Zielgruppe gehören und sich in bestimmten Bereichen der Stadt aufhalten, eine nette Warnung auf das Smartphone, sobald sie auf Google suchen. Und wenn potenzielle Störenfriede eine Übernachtung in Amsterdam buchen, erhalten sie mit ihrer Buchungsbestätigung gleich noch eine E-Mail, die sie zu ordentlichem Verhalten ermahnt.

Als Udo im Jahr 2006 mit dem Stadtmarketing anfing, wollte die Stadt unbedingt mehr Touristen anziehen. Man renovierte Museen, baute Hotels, schaltete fleißig Werbung. Ein paar Jahre später war die Stadt dann bereits vielen zu voll. Daraufhin stoppte sie ihre Werbung nahezu vollständig, doch da war es schon zu spät.

Die sozialen Medien hatten einen neuen Hype kreiert: Travel-Blogger*innen posteten Fotos von Amsterdam, Besucher*innen teilten ihre schönsten Schnappschüsse auf Instagram. Werbung gab es mehr als genug, und das unbezahlt. Jetzt will Amsterdam ein Problem technisch lösen, das erst durch die Digitalisierung entstanden ist.

Die Analysen stecken noch in den Anfängen, auch weil nicht alle Informationsquellen vernetzt sind. Daten zu Hotelübernachtungen sammelt die Stadt, jene der City Card liegen bei der Marketingagentur, registrierte Nutzer*innen und Besucher*innen der Sehenswürdigkeiten hinterlassen weitere Datenspuren.

Nur ein Verhalten eint nahezu sämtliche Tourist*innen: Die Liebe zum „I amsterdam“-Zeichen. Bis vor kurzem stand der Schriftzug als überlebensgroße Skulptur vor dem Rijksmuseum, innerhalb kürzester Zeit wurde er zum „Most Instagrammable Spot“ und zur Staufalle. Die Stadt ließ ihn abmontieren.

Der Text ist in der aktuellen Ausgabe des neuen Magazins „ada“ der Handelsblatt Media Group erschienen.

Mehr: Finnland macht seine Bürger*innen fit für die digitale Transformation – und das kleine Land zu Europas KI-Testlabor.

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