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Digitale Revolution

Alois Knoll, Professor für Robotik „Roboter sollten ihre Identität nicht verbergen“

Alois Knoll ist Professor für Robotik an der TU München. Im Interview erklärt er, warum Unternehmen sich um das Verhältnis von Menschen und Robotern kümmern sollten.
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Der Robotikprofessor untersucht die Interaktion zwischen Menschen und Robotern. Quelle:  Thorsten Jochim für Handelsblatt
Alois C. Knoll

Der Robotikprofessor untersucht die Interaktion zwischen Menschen und Robotern.

(Foto:  Thorsten Jochim für Handelsblatt)

Alois Knoll kennt sich aus mit Robotern. Seit fast 20 Jahren forscht der Professor an der Technischen Universität München mit und an ihnen. Er will sie fehlertolerant und intelligenter machen, aber vor allem sollen sie auf den Menschen und ihre Umgebung reagieren können.

Ein Interview über das Verhältnis von Mensch und Maschine.

Herr Knoll, warum sollten wir mehr über Gefühle zwischen Menschen und Robotern reden?
Zunächst sind Gefühle ja immer etwas zutiefst Menschliches. Sie sind wesentlicher Teil unserer Existenz und unseres Miteinanders. Und wenn wir intensiv mit anspruchsvollen Robotern zusammenarbeiten wollen, dann erwarten wir einfach, dass sie auf uns reagieren können. Dazu gehört auch, dass solche Roboter auf unsererseits geäußerte Gefühle sinnvoll mit Gefühlsäußerungen auf ihrer Seite antworten können, damit wir den Eindruck haben, Sie kommunizieren mit uns auf einer Ebene.

Nun könnte man einwenden, dass das überflüssig ist. Aber wenn wir irgendwann ein vertrauensvolles und damit auch für die Kommunikation effizientes Verhältnis zwischen Mensch und Roboter erreichen wollen, stellt der Austausch von Gefühlen einen ganz wesentlichen Faktor der Kommunikation dar, und um den muss man sich einfach kümmern.

Wie viel Gefühl muss ein Roboter zeigen, damit wir ihn verstehen?
Es ist erstaunlich, wie wenig an Ausdruck reicht, dass wir einem Gegenüber Gefühlsregungen zumessen. Da reichen schon die Gesichtszüge eines Strichmännchens. Oder Comics sind ein Beispiel dafür, dass ein ganz einfacher Gesichtsausdruck reicht, und ich trotzdem als Mensch die Gefühle des Gezeichneten verstehe. Aber komplexe Roboter können natürlich auch deutlich mehr Gesichtsausruck und Körperhaltung entwickeln. Einige Forscher arbeiten daran, das perfekte Gesicht zu formen, das Robotergesicht vom menschlichen ununterscheidbar zu machen. Allerdings verschreckt das manche Menschen auch. Es gibt die berühmte These des Roboterforscher Masahiro Mori.

Sie meinen seine These zum „Uncanny Valley“, also des gruseligen Tals.
Genau. Sie besagt, dass wir uns als Menschen wohler fühlen, wenn das Roboter-Gegenüber nicht zu menschenähnlich ist. Wenn es zu sehr uns Menschen ähnelt, entwickeln wir eher Abwehrreflexe, die Akzeptanzkurve sinkt in ein tiefes Tal. Sie steigt erst wieder, wenn der Roboter ganz genau wie ein Mensch aussieht und ihn perfekt imitiert. Das letztere ist natürlich nur hypothetisch, weil wir ja die perfekte Maschine noch nicht kennen und wahrscheinlich auch nicht bauen werden. Deswegen lässt sich das wissenschaftlich einstweilen nur schwer untermauern, aber es spricht einiges dafür. Wahrscheinlich ist es deswegen für die Marktentwicklung besser, auf jeden Fall aber ehrlicher, wenn der Roboter nicht zu sehr Mensch zu sein versucht, sondern seine Identität nicht verbirgt.

Ist das Bild von Robotern heute anders als früher, als es besonders durch gruselige Filme eher etwas Erschreckendes hatte?
Das kommt immer auf den Kulturkreis an, in Japan war das Bild noch nie negativ besetzt. Dort neigt man kulturhistorisch dazu, in allen natürlichen Dingen – also auch in unbelebten Objekten – eine Seele zu sehen. Deswegen ist ein Roboter dort anders als bei uns nicht ein stark abzugrenzendes Artefakt und der Umgang mit Robotern perspektivisch entspannter. Die Skepsis gegenüber Robotern ist eher typisch für den europäischen Kulturkreis, vor allem auch in Deutschland. Das ist eigentlich erstaunlich angesichts der Tatsache, dass wir eine der Nationen sind, die am meisten von Automatisierung mit Robotern profitieren. Ohne Roboterisierung hätten wir schon lange keine Automobilindustrie mehr im Land.

Lange Zeit wurden Roboter in der Industrie mit dem Verlust von Arbeitsplätzen assoziiert.
Das stimmt, doch diese Sorge aus den 70er Jahren hat sich nicht bewahrheitet. In den Siebzigern war die Skepsis so groß, dass man vor allem über das Argument der „Humanisierung der Arbeitswelt“ Roboter in die Industrie einführen konnte. Und tatsächlich ist der Roboter heute ja ein Garant für die stetige Verbesserung der Arbeitsverhältnisse in der Industrie.

„Bei Robotik für Endkunden hängen wir hinterher“

Müssen Industrieroboter auch Gefühle verstehen und zeigen?
Für kollaborative Roboter, sogenannte Cobots, die direkt mit Menschen an einfachen Aufgaben arbeiten, ist es natürlich nicht notwendig, dass sie ein Gesicht haben oder irgendwelche simulierten Gefühle zeigen. Der Einsatzbereich von solchen Cobots ist meist auf wenige Prozessschritte beschränkt. Aber es ist gut, wenn sie antizipieren können, was der Mensch möchte, damit es nicht zu Kollisionen kommt und die Zusammenarbeit reibungslos verläuft. Da kann es natürlich schon sehr nützlich sein, wenn sie den Gemütszustand des Gegenübers erfassen können. Ich sehe aber in einem anderen Feld viel mehr Bedarf.

Und der ist?
Die Industrierobotik bekommt in Deutschland viel Aufmerksamkeit. Aber die wesentlichen Wachstumsfelder sind in der Servicerobotik. Dort spielt die Frage der Nutzerfreundlichkeit der Produkte eine wesentliche Rolle. Und diese lässt sich deutlich verbessern, wenn man die Maschine in die Lage versetzt, sowohl die Gefühlsäußerungen des instruierenden und kooperierenden Menschen zu verstehen, als auch seitens des Roboters Gefühle äußern zu können.

Durch zusätzliche Nutzung dieser Kommunikationsebene lässt sich die Effizienz des Informationsaustausches erheblich steigern und damit eine sehr viel schnellere Anpassung der Roboterhandlungen an neue Situationen erreichen. Bei der Entwicklung von Industrierobotern stehen diese Fragen bislang nicht im Fokus. Angesichts des starken Wachstums im Bereich der Servicerobotik in den vergangenen zehn Jahren können wir aber davon ausgehen, dass dort ein weiteres solides Wachstum erfolgen wird. Da sollten wir an vorderster Front mitspielen und da sind solche Überlegungen und daraus entwickelte Produkteigenschaften früher oder später wettbewerbsdifferenzierend.

Spielen wir dort gar nicht mit?
Im Segment der professionellen Servicerobotik sind wir nicht schlecht, aber bei Robotik für Endkunden hängen wir weit hinterher. Das wird bei uns doch vielfach als Spielzeug angesehen. Nehmen sie den klassischen Staubsaugerroboter als Beispiel. Da ist unser Marktanteil irrelevant. Und das sollten wir versuchen zu ändern. 

Wird das Gefühl der Menschen bei der Entwicklung von Robotern schon ausreichend berücksichtigt?
Man kann immer mehr tun, aber „affective computing“ ist seit vielen Jahren ein Forschungsgegenstand. Es gibt dabei ganz unterschiedliche Fragestellungen. Auf der einen Seite ist es immer die rein technische Herausforderung, Emotionen als Äußerungen der Maschine darstellen zu können. Auf der anderen Seite ist die noch viel schwierigere Frage: Wie schätzen Sie den Gefühlszustand ihres Gegenübers ein? Und wie kann ein Roboter, wenn Sie als Mensch mit einem Roboter sprechen, zum Beispiel Ihre Sprachäußerungen mit Ihren synchronen Gefühlsäußerungen in Einklang bringen? Wie kann er dann sicher auf Ihren Gemütszustand schließen um dann daraus sinnvolle Reaktionen abzuleiten? Das ist ein hochkomplexes Zusammenspiel. Es sind noch viele Fragen offen, aber es ist ein als wichtig erkanntes Teilgebiet der Forschung.

Glauben Sie, dass wir irgendwann mit Robotern befreundet sind?
Das kommt darauf an, was Sie unter befreundet verstehen. Schwierig wird es immer, wenn die Menschen zu viel in eine Maschine hineininterpretieren. Man sieht das schon bei Smartphones, zu denen haben viele Menschen schon eine persönliche Beziehung, die teilweise in Sucht ausartet. Da sollten wir vorsichtig sein, ein dienstbarer Roboter sollte immer auf Distanz bleiben. Also maximal eine Freundschaft aufbauen, wie sie vielleicht klassisch zu einem Butler besteht. Sicher nicht mehr.

Kann von der emotionalen Bindung zu einem Roboter eine Gefahr ausgehen, etwa wenn eine Person in einer Gefahrensituation zögert, eine Maschine abzuschalten?
Das ist rein theoretisch schon denkbar. Wir sollten immer wachsam sein, aber im Moment sehe ich nicht, dass die Technik so weit wäre oder auf absehbare Zeit soweit sein wird. Andererseits: wir haben ja schon immer eine Bindung zu bestimmten Gegenständen unserer Umwelt gehabt. Denken Sie an Ihr Spielzeug als Kind. Wenn diese nun animiert sind oder menschliche Züge haben, dann könnte sich das noch einmal verstärken. Bei komplexen Robotern wären davon perspektivisch auch Erwachsene betroffen. Keinesfalls sollten solche skeptischen Überlegungen uns aber hindern, kraftvoll in das Feld zu investieren und sein Potential zu nutzen!

Herr Knoll, vielen Dank für das Gespräch. 

Mehr: Die Diskussion über die Arbeit mit Robotern dreht sich oft um Sicherheitsfragen. Der Aspekt, wie sich der Mensch dabei fühlt, blieb lange unbeachtet – doch das ändert sich.

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