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Digitale Revolution

Cyberkriminalität Zärtliche Betrüger: Wie Kriminelle bei Tinder ihre Opfer ködern

Mit der Partnersuche im Internet boomt auch eine neue Form des Heiratsschwindels. Neuerdings nutzen die Täter die Betrugsmasche auch für Anlagebetrug.
02.12.2020 - 04:10 Uhr Kommentieren
In einer Zeit, in der viele Menschen ihre Partner in Online-Partnerbörsen und sozialen Netzwerken kennenlernen, tummeln sich dort auch immer mehr Betrüger. Quelle: Getty Images, Tinder [M]
Anlagebetrug via Tinder

In einer Zeit, in der viele Menschen ihre Partner in Online-Partnerbörsen und sozialen Netzwerken kennenlernen, tummeln sich dort auch immer mehr Betrüger.

(Foto: Getty Images, Tinder [M])

Düsseldorf, Berlin Braune Mandelaugen, dezenter roter Lippenstift, ein sorgfältig drapierter Fransenpony, um den Hals ein edler Schal: Das Foto der Frau, die sich Nuo Yi nannte, sprach Benedikt Langenbach auf der Dating-Plattform Tinder sogleich an. Der Berliner Lehrer wischte das Bild auf dem Handybildschirm nach rechts, sie auch.

So begann ein Chat, der den Deutschen nach einigen Tagen und Hunderten Nachrichten auf eine Begegnung mit einer erfolgreichen und hübschen Geschäftsfrau hoffen ließ, die in Frankfurt lebte. Und bald auch von einer fantastischen Investitionsmöglichkeit, wenn er nur schnell ein paar Tausend Dollar Startkapital aufbringt.

Die Frau, mit der Langenbach sich über Wochen austauschte – über die Unterschiede zwischen China und Deutschland, über Kunst und Musik, das Leben und die Liebe –, meldete sich ein paar Tage später jedoch nicht mehr. Und die rund 6000 Euro, die er auf eine chinesische Handelsplattform für Kryptowährungen überwiesen hatte, waren weg.

„Nüchtern betrachtet ist es dumm, einer Person zu vertrauen, die man nicht kennengelernt hat“, sagt er mit ein paar Wochen Abstand. „Aber es wirkte realistisch.“ Heute weiß Langenbach, dass er einer weit verbreiteten Betrugsmasche aufgesessen ist. In einer Zeit, in der viele Menschen ihre Partner in Online-Partnerbörsen und sozialen Netzwerken kennenlernen, tummeln sich dort auch immer mehr Betrüger.

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    Der Heiratsschwindel ist digital geworden und hat dort einen eigenen Namen: „Romance Scam“ oder „Love Scam“. Der Fall des Berliners ist ein Lehrstück darüber, wie sich Menschen von ihren Sehnsüchten verleiten lassen – und Kriminelle es schaffen, in der Anonymität des Internets Intimität vorzugaukeln.

    Benedikt Langenbach hat ein Faible für China. Zwei Jahre arbeitete er als Sprachlehrer in Peking, dort hatte er auch eine Beziehung mit einer Chinesin. Zurück in Berlin sehnte er sich nach Fernost. Deswegen freute er sich über den Chat in der Flirt-App Tinder, der bald auf Wunsch seiner Gesprächspartnerin auf WhatsApp weiterging.

    Erst Vertrauen aufbauen, dann nach Geld fragen

    In den nächsten Tagen entspann sich eine Unterhaltung, teils über Stunden. Und schnell wurde der Ton vertraulich: Sie redete ihn bald konsequent mit „Schatz“ („dear“) an und stellte ein baldiges Treffen in Aussicht. Dieses Vorgehen ist typisch.

    „Die Absicht des Betrügers ist es, so schnell wie möglich eine Beziehung aufzubauen, sich beim Opfer einzuschmeicheln und Vertrauen zu gewinnen“, schreibt die US-Bundespolizei FBI, die auf ihrer Website umfassend über die Masche informiert. Die Kriminellen seien dabei sehr professionell: „Sie werden aufrichtig, fürsorglich und glaubwürdig wirken“ – und dann irgendwann nach Geld fragen.

    Mit einem authentisch wirkenden Profil bauen die Betrüger eine Beziehung zum Opfer auf. Quelle:  privat
    Chatpartnerin Nuo Yi

    Mit einem authentisch wirkenden Profil bauen die Betrüger eine Beziehung zum Opfer auf.

    (Foto:  privat)

    Im Chat zwischen „BeneCake“ und „Inno“ – so ihre Namen bei WhatsApp – kamen finanzielle Themen schnell zur Sprache. Die Chinesin ließ wissen, dass sie mehrere Schönheitssalons und Restaurants in Hongkong betreibe und prahlte mit ihrer klugen Geldanlage.

    Als sie berichtete, dass sie beim Handel mit Gold 3000 Dollar Gewinn gemacht habe, antwortete er: „Haha, du bist so chinesisch!“ Die Staatsform mag kommunistisch sein, doch kaum ein Land ist so materialistisch wie China.

    Dass Nuo Yi unverblümt nach den finanziellen Möglichkeiten des Deutschen fragte, fand der daher nicht auffällig. „Wenn sich Frauen in China für einen interessieren, geht es schnell um das Einkommen“, sagt er. So hat er es auch im Land erlebt. „Mein Eindruck war: Das ist eine knallharte Business-Frau – wenn ich die überzeugen will, muss ich was bringen.“

    Erst 100 Dollar, dann immer mehr

    Als sie ihn aufforderte, auf einer Plattform für Kryptowährungen 100 Dollar zu investieren, machte er mit. „Ich dachte: Das Risiko bin ich bereit einzugehen, ich mache das mal.“ Im Chat leitete sie ihn an, Schritt für Schritt. Nach einer Stunde war die Summe auf dem Konto um 20 Prozent gestiegen. „Damit war für mich bewiesen, dass das System funktioniert“, sagt Langenbach. „Da erschien es mir logisch, noch mehr Geld zu investieren.“

    Bald drängte die Chinesin den Deutschen, 10.000 Dollar aufzutreiben – wegen eines Bonus der Plattform und wegen der Gewinnmöglichkeiten. Da er nicht so viel parat hatte, riet sie ihm, sich Geld von Freunden zu leihen oder es mit der Kreditkarte abzuheben. Und immer stellte sich die Beziehung in den Vordergrund: „Ich will nur, dass mein Schatz sein Leben schnell verbessert, ich habe keine andere Absicht.“

    Der Deutsche kratzte einige Tausend Dollar zusammen. Und tatsächlich: Auf der chinesischen Website, zu der ihn seine chinesische Freundin gelotst hatte, vermehrte sich das Geld rasant. Doch als er es auf sein Bankkonto zurücküberweisen wollte, scheiterte er. Ihm dämmerte, dass er Betrugsopfer geworden war. Im Chat kippte die Stimmung: „Hör auf, andere Leute zu bestehlen. Verändere dein Leben!“, forderte er sie auf.

    Der Verlust belief sich am Ende auf rund 6000 Euro, eine schmerzhafte Summe. In vielen Fällen dürfte der Schaden aber deutlich höher sein. Das FBI hat aufsehenerregende Zahlen zu „Romance Scam“ veröffentlicht: Bei der Meldestelle für Internetbetrug gingen im vergangenen Jahr fast 20.000 Anzeigen ein, der Schaden summierte sich auf 475 Millionen Dollar. Pro Fall sind das im Schnitt deutlich mehr als 20.000 Dollar.

    Die Investitionen in die Kryptowährung gingen verloren. Quelle:  privat
    Chinesische Handelsplattform

    Die Investitionen in die Kryptowährung gingen verloren.

    (Foto:  privat)

    Mehr noch: Die Summe ist in den vergangenen Jahren nach Einschätzung der Ermittler deutlich gewachsen. Die Masche funktioniert so gut, dass die Täter immer häufiger damit zum Erfolg kommen. Längst zählt der moderne Heiratsschwindel zu einem der ertragreichsten Delikte der Cyberkriminalität. In Deutschland erfasst die Polizei die Fälle nicht gesondert, doch auch hier dürfte der Schaden beträchtlich sein.

    Bei dieser Masche handle es sich nicht um einen klassischen Cyberangriff, betonte Sebastian Schreiber, Geschäftsführer des IT-Sicherheitsspezialisten Syss, am Montag auf der Handelsblatt-Tagung Cybersecurity. Ähnlich wie bei geheimdienstlichen Operationen in der analogen Zeit gehe es darum, eine Beziehung aufzubauen, um die andere Person auszunutzen. Neudeutsch heißt diese Art der Manipulation Social Engineering.

    Über das Internet sei es allerdings möglich, den Heiratsschwindel im großen Stil durchzuführen, so der Informatiker. „Bei Tinder geht das ratzfatz, da kann der Täter womöglich zu 40 Personen gleichzeitig Kontakt halten“ – da die Kommunikation weitgehend auf Chats basiert, lässt sich diese Illusion aufrechterhalten, wenn die Gesprächspartner nicht kritisch sind. Angesichts dieser Möglichkeiten, so Schreiber, sei ein Boom dieser Betrugsmasche zu beobachten.

    Dabei geht es nicht immer um angeblich sensationelle Investitionen in Kryptowährungen, auch wenn Polizeibehörden in aller Welt zunehmend vor dieser Betrugsmasche warnen. Die Betrüger geben sich häufig als Ingenieure oder Soldaten, Ärztinnen oder Geschäftsfrauen aus, die gerade im Ausland weilen und unerwartet in eine Notlage geraten.

    Mal müssen sie überraschend Steuern nachzahlen, mal liegen sie nach einem Unfall im Krankenhaus, mal kommen sie gerade nicht an ihr Bankkonto, um den Flug zur neuen Liebschaft zu bezahlen. Beispiele gibt es zuhauf – in dem Forum „Romance Scambaiter“ tragen Betroffene diese zusammen.

    Und nicht immer geht es nur ums Geld, wie das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen (LKA NRW) warnt. Einige Täter haben es auf Kopien von Ausweisen oder Pässen abgesehen, mit denen sich Dokumente leicht fälschen lassen, andere bitten darum, Überweisungen oder Päckchen unbekannten Inhalts weiterzuleiten. Wer das tue, mache sich womöglich der Geldwäsche strafbar, warnt die Polizeibehörde.

    Es gibt deutliche Warnzeichen

    Eine Frau, die er nie gesehen hatte, eine Handelsplattform, die er selbst nicht verstand: wie konnte Benedikt Langenbach auf diesen Betrug hereinfallen? Diese Frage stellt sich der Lehrer bis heute. „Es ist alles nur, was man sich einbildet“, lautet mit etwas Abstand sein Fazit. Dazu hat die Gesprächsführung der Person – oder Personen – am andere Ende allerdings auch beigetragen: „Es wirkt total realistisch chinesisch auf mich.“ Er vermutet professionelle Betrüger am Werk.

    Dass er irgendwann misstrauisch geworden ist, verdankt er einem technikkundigen Freund, dem er sich anvertraute. Der Computerspieledesigner untersuchte die Handelsplattform – und stellte fest, dass es praktisch keine Zugriffe darauf gab. Höchst ungewöhnlich für so ein Portal.

    Daraufhin suchte er im Internet nach weiteren Informationen und stieß schnell auf die Betrugsmasche. „Mein Kumpel hat mir dann die brachiale Wahrheit um die Ohren gehauen“, sagt Langenbach.

    Tatsächlich gibt es Warnzeichen, die auch ohne technischen Sachverstand zu erkennen sind. Virtuelle Profile seien nur schwer zu überprüfen, erklärt das LKA NRW: „Ein gesundes Misstrauen bis zum persönlichen Kontakt ist hier angebracht.“

    Gerade Informationen zu persönlichen Umständen und der finanziellen Situation seien bis dahin „ein Tabuthema“. Gebe es Forderungen nach Geld oder Ausweisdokumenten, sollte der Kontakt abgebrochen und das Geschehen angezeigt werden, rät die Behörde.

    Tinder weist darauf hin, dass bei „Betrug und Schwindel“ eine „Null-Toleranz-Politik“ gelte. Wenn ein Nutzer finanzielle Informationen verlange, könne man diesen über die Reporting-Tools melden. Zudem gebe es eine Funktion zur Verifizierung von Mitgliedern. „Diese beiden Schritte helfen dabei, fast jeden Betrug zu stoppen und das nächste potenzielle Opfer zu schützen.“

    Die Liebe für China ist bei Benedikt Langenbach ungebrochen. „Aber es ist wichtig, kritische Themen auf den Tisch zu bringen.“ Er ist überzeugt: Den ausspähfreudigen chinesischen Behörden und der Kommunistischen Partei ist die Betrugsmasche bekannt – aber sie werde geduldet.

    Mehr: Wie sich Cyberkriminelle den Trend zum Homeoffice zunutze machen

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