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Digitale Revolution

Datenanalysefirma Überraschend mühselig und europäisch: Einblicke in das Geschäft von Palantir

Kaum ein Unternehmen ist so geheimnisvoll wie Palantir. Ein Insiderbericht über das Geschäftsmodell der Datenanalysefirma, die in dieser Woche an die Börse geht.
28.09.2020 - 03:45 Uhr Kommentieren
Palantir-Aktie: Der mühsame Börsengang der Datenanalysefirma Quelle: Bloomberg
Logo von Palantir

Palantir verlegt seinen Konzernsitz von Paolo Alto im Silicon Valley nach Denver.

(Foto: Bloomberg)

Düsseldorf Ein Airbus A350 hat mehr als fünf Millionen Teile, um die sich Hunderte Teams in vier Ländern in mehr als acht Fabriken kümmern. Diese Zahlen nennt Palantir in seinem Börsenprospekt. Airbus ist seit 2016 ein wichtiger Kunde. Gemeinsam mit Palantir baute der Flugzeughersteller seine Plattform „Skywise“ für das Lieferkettenmanagement und vorbeugende Wartung auf, 100 Airlines und 15 Lieferanten sind laut Palantir mit dabei. Mit der Software können etwa Höhenruder in Flugzeugen ausgewechselt werden, bevor sie defekt gehen, und auch die Kerosinmenge im Tank lässt sich genau anpassen – was Gewicht spart.

Marc Fontaine, der bei Airbus für den digitalen Wandel verantwortlich war, inzwischen aber das Unternehmen verlassen hat, sagte dem Handelsblatt: „Bei der Analyse großer Mengen an sehr heterogenen Daten ist Palantir seinen Wettbewerbern überlegen.“

Allerdings gab es auch Bedenken bei Airbus und den Fluggesellschaften. Was passiert mit den Daten? Airbus verlangte, dass die Amerikaner für „Skywise“ zwei Landesgesellschaften in Frankreich und Deutschland etablieren und dass die verarbeiteten Daten auf Servern in Europa liegen.

Über sein Geschäft schwieg das Unternehmen – bislang. Jetzt steht der Börsengang an. Gespräche mit zahlreichen Kunden, Konkurrenten und Experten sowie die Analyse des Emissionsprospekts zeigen ein genaueres Bild von Palantir. Danach ist das Geschäft vor allem überraschend mühselig und überraschend europäisch.

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    Kaum ein Unternehmen ist so geheimnisvoll wie Palantir, benannt nach Kristallkugeln aus Tolkiens „Herr der Ringe“, die in Wahrheit Instrumente der Knechtschaft sind. Palantir analysiert gewaltige unsortierte Datenmengen mit einer intelligenten Software, um daraus verborgene Zusammenhänge zu erkennen. Zu seinen ersten Investoren zählt der US-Geheimdienst CIA. Regierungen, das Militär und Behörden sorgen für rund die Hälfte des Umsatzes von 743 Millionen Dollar.

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    Großbritannien und Frankreich waren 2019 mit einem Umsatz von zusammengenommen 196 Millionen Dollar die größten Märkte, nur übertroffen von den USA mit 296 Millionen Dollar. Länder wie China sind keine Kunden. Manche Unternehmen würden „mit den Feinden der USA zusammenarbeiten“, heißt es in dem Börsenprospekt. „Wir nicht.“ Also: „Wir expandieren mit den amerikanischen Alliierten in der Welt.“

    Auch in Deutschland ist Palantir präsent, der Datenanalyst umwirbt Regierungen und Unternehmen. Der Pharmakonzern Merck, das Medienhaus Springer oder Polizeibehörden sind Kunden.

    Palantir-Chef Alexander Karp hat wie Mitgründer Peter Thiel eine enge Beziehung zu Deutschland. Thiel ist in der Nähe von Frankfurt geboren, seine Eltern wanderten in die USA aus. Karp studierte an der Frankfurter Goethe-Universität bei Jürgen Habermas. Eine Zeit lang saß Karp in den Aufsichtsräten des Chemiekonzerns BASF und von Springer.

    Der Palantir-Chef spricht fließend Deutsch. Quelle: Andrew Testa/Panos Pictures/VISUM
    Alexander Karp

    Der Palantir-Chef spricht fließend Deutsch.

    (Foto: Andrew Testa/Panos Pictures/VISUM)

    Anders als viele Silicon-Valley-Unternehmen kann Palantir seine Software nicht so leicht in hoher Stückzahl verkaufen. Palantir muss erst Techniker, Entwickler und Berater zum Kunden schicken, die die Software „Foundry“ für Unternehmen und „Gotham“ für Behörden installieren und anpassen. Vor einem Jahr verbrachten sie laut Börsenprospekt stolze 70 Tage im Schnitt beim Kunden, 2020 waren es zwei Wochen. „Das erinnert eher an eine Beratungsfirma“, sagt Dan Morgan, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Synovus.

    Morgan muss entscheiden, ob seine Firma Aktien von Palantir kauft, die ab Mittwoch an der Börse zu haben sind. Ihn stört die hohe Bewertung von 22 Milliarden Dollar; das ist das rund 22-Fache des aktuellen Jahresumsatzes. Das Wachstum sei dafür einfach zu schwach: „Die können ihre Produkte nicht so einfach skalieren wie klassische Softwareunternehmen“, so Morgan.

    Die mühselige Kundenakquise ist eine Erklärung für die hohen Verluste: Mit jeweils 580 Millionen Dollar lag die Softwarefirma 2018 und 2019 in den roten Zahlen. Im ersten Halbjahr 2020 verbesserte sich die Situation, mit 169 Millionen Dollar schrieb die Firma deutlich weniger Verluste als im Vorjahr.

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    Wie aufwendig das Geschäft ist, davon kann Stefan Wess vom Konkurrenten Empolis mit Sitz in Kaiserslautern ein Lied singen. „Das sind sehr individuelle Lösungen“, sagt der Geschäftsführer. Das Geschäft von Palantir sei nicht vergleichbar mit Google oder Facebook. „Es gibt kein exponentielles Wachstum, kein gigantisches Potenzial.“ Palantir spricht allerdings von einem „ansprechbaren Markt“ von 119 Milliarden Dollar.

    Merck zählt mit zu den frühen kommerziellen Kunden von Palantir. Seit Anfang 2017 verbessert der Pharmakonzern mit Palantir seine internen Prozesse. Merck-Chef Stefan Oschmann reiste dazu damals eigens ins Silicon Valley. Durch die Entwicklung einer gemeinsamen Daten- und Analyseplattform sollen sowohl die Pharmaforschung als auch die Supply-Chain-Operationen im Konzern optimiert und beschleunigt werden.

    James Kugler, der Chief Digital Officer von Merck, äußert sich intern und extern durchweg positiv zu der Allianz, lobt sie als sehr befruchtend. Mehrere Palantir-Mitarbeiter seien bei Merck permanent im Einsatz und brächten dort frischen Wind in die IT-Abteilungen, heißt es aus Unternehmenskreisen.

    Seit Herbst 2018 baut Merck mit Palantir das Projekt Syntropy auf. Oschmann bezeichnete es schon mal als „Spotify der Krebsforschung“. Es soll Wissenschaftlern und Forschungszentren in aller Welt ermöglichen, ihre Daten besser zu aggregieren und zu analysieren. Merck ist aus Oschmanns Sicht für ein solches Vorhaben gut positioniert, weil die Firma mit ihre Sparte Lifesciences ein wichtiger Lieferant für die molekularbiologische und pharmazeutische Forschung ist.

    Allerdings deutet sich an, dass nicht alles so schnell vorangeht wie ursprünglich erhofft. Die Gründung von Syntropy wurde im November 2018 vereinbart. Effektiv ging es aber erst vor wenigen Monaten an den Start, und dies in aller Stille. Oschmann sprach Ende des vergangenen Jahres im Interview mit dem Handelsblatt von wichtigen Fortschritten bei dem „komplexen Vorhaben“, die Verhandlungen mit einigen möglichen Kunden seien auf einem guten Weg.

    Als Hürde für das Projekt erweist sich nach Informationen aus Unternehmenskreisen unter anderem das Thema „digitale Ethik“. Insbesondere geht es dabei um den Schutz von Patientendaten. Das sei ein Hochsicherheitsthema für Merck und Palantir. Kooperationspartner für das Syntropy-Netzwerk oder Teilnehmer wurden bisher nicht genannt.

    Kontakte in höchste Kreise

    Einen Coup landete Palantir Anfang 2018, als es Fabrice Brégier als Frankreich-Chef verpflichten konnte. Der war zuvor Anwärter auf den Chefposten bei Airbus, schied aber nach einem verlorenen Machtkampf mit dem damaligen CEO Tom Enders aus. Als langjähriger Chef der Zivilsparte von Airbus kennt er so gut wie alle wichtigen politischen Entscheider in Frankreich persönlich.

    Bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte sagte Brégier im Februar 2020, das Geschäft von Palantir verteile sich jeweils hälftig auf Regierungsaufträge im Bereich Terrorbekämpfung und Sicherheit sowie private Aufträge. Einer der wichtigsten Kunden in Frankreich ist der Inlandsgeheimdienst DGSI. „Strikteste Auflagen für den Datenschutz“ würden befolgt. Seine Firma ermächtige den Kunden, die unterschiedlichsten Quellen für die Analyse von Daten zu nutzen, die für das eigene Business relevant seien. Der Kunde bleibe aber immer Herr der Daten.

    Brégiers Arbeit zahlt sich aus. Nur 76 Millionen Dollar setzte Palantir 2019 in Frankreich um. Aber in den ersten sechs Monaten 2020 erlöste es 55,4 Millionen Dollar, eine Steigerung um gut zwei Drittel gegenüber dem Vorjahr.

    Auch in Deutschland will Palantir wachsen. Mitte März gingen bei der Bundesregierung E-Mails ein, adressiert an Fachbeamte im Gesundheits- und im Innenministerium. Palantir hatte ein Konzeptpapier „Palantir gegen Covid-19 “ erarbeitet – und bot der Bundesrepublik seine Datendienste an, um das Coronavirus zu bekämpfen. Kostenlos. Palantir wirbt damit, dass seine Programme Ausbrüche vorhersagen und Risiken in Lieferketten analysieren können. Doch die Bundesregierung lehnte dankend ab.

    Dabei gibt es in deutschen Ministerien durchaus Sympathien für Palantir. Sicherheitsexperten in den Ministerien fasziniert das Unternehmen und sein enges Zusammenspiel mit amerikanischen Behörden. Letztlich aber überwiegen die Bedenken, die auf ebendiesen Kontakten beruhen. Selbst wenn es gelänge, sensible Daten so abzuschirmen, dass sie von Palantir-Software genutzt werden können, ohne in die USA geschickt zu werden – es könnte ein grundsätzliches Wissen über deutsche Sicherheitsstrukturen abfließen.

    Auf Landesebene gibt es weniger Berührungsängste. So setzt Hessens Covid-19-Krisenstab Palantir-Software ein. Diese soll die Pandemie in Echtzeit darstellen, erklärte ein Sprecher des hessischen Innenministeriums: Allgemein zugängliche Informationen wie die Verteilung von Infektionen, Bettenkapazitäten oder die Versorgung mit Schutzausstattung würden ein „umfassenden Lagebild“ darstellen.

    Umstrittene Zusammenarbeit

    Die hessische Polizei setzt seit Ende 2017 mit „Hessen-Data“ eine Datenanalysesoftware von Palantir ein. Im Zentrum steht der Bereich des islamistisch motivierten Terrorismus, aber auch schwere und organisierte Kriminalität. Die Beamten sollen auf diese Weise leichter Bedrohungslagen erkennen und sogenannte Gefährder identifizieren können. Mit der Palantir-Software werden keine neuen Daten erhoben, sondern vorhandene werden zusammengeführt und ausgewertet.

    Die Zusammenarbeit ist umstritten. Erst beschäftigte sich ein Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags mit der Vertragsvergabe an Palantir. Nun beleuchtet der hessische Datenschutzbeauftragte die Kooperation mit der Polizei.

    Auch die Sicherheitsbehörden in Nordrhein-Westfalen haben sich für das US-Unternehmen entschieden. Der Auftragswert in NRW beträgt etwa 14 Millionen Euro. Das neue System zur „Datenbankübergreifenden Analyse und Recherche“ (DAR) soll die Arbeit der Ermittler erleichtern. Bisher habe man Informationen zum Beispiel zu einer Person „in jedem System einzeln suchen und dann per Hand zusammentragen“ müssen, erläuterte der LKA-Projektleiter Dirk Kunze zu Jahresbeginn. Die Palantir-Software soll per Mausklick alles auf einmal liefern.

    Die Wahl sei nach einem langen Ausschreibungs- und Auswahlverfahren auf Palantir gefallen, erläutert das LKA. Fünf Finalisten hätten konkrete Angebote eingefordert – Palantir habe am besten abgeschnitten. „Wir sind uns sicher, mit der Firma Palantir Deutschland GmbH einen kompetenten und verlässlichen Partner gefunden zu haben“, betonte LKA-Chef Frank Hoever.

    Mehr: Palantir plant seinen Börsengang und legt dafür auch Geschäftszahlen vor. Demnach hat die Firma allein 2019 fast 600 Millionen Dollar Verlust gemacht.

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