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Digitale Revolution

#DigitalDictionary Eventokratie - Die perfekte Herrschaftsform für das digitale Zeitalter

Wer schon heute das Morgen verstehen will, muss die Sprache der Zukunft sprechen. Dabei hilft das digital dictionary unserer digitalen Bildungsplattform ada. Folge 34: die Eventokratie.
02.03.2020 - 10:02 Uhr Kommentieren
Politiker wie US-Präsident Donald Trump sind wahre Meister darin, die modernen Medien zu ihren Gunsten zu nutzen. Quelle: AP
Donald Trump

Politiker wie US-Präsident Donald Trump sind wahre Meister darin, die modernen Medien zu ihren Gunsten zu nutzen.

(Foto: AP)

Düsseldorf Am 8. November 2016 trat Narendra Modi um 20 Uhr vor die Kameras und wendete sich in einer Rede an die indische Nation. Der Premierminister verkündete, dass in genau vier Stunden – also ab Mitternacht – alle existierenden 500- und 1000-Rupien-Scheine ungültig werden würden. Alle Inder*innen hätten noch bis zum Jahreswechsel Zeit, sie in neue 500- oder 2000-Rupien-Scheine zu tauschen.

Die Ankündigung traf eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt völlig unvorbereitet, entsprechend groß war der Schock. Immerhin machte Modi mal eben 86 Prozent des im Umlauf befindlichen Bargeldes wertlos. Die strenge Geheimhaltung und prompte Umsetzung seien jedoch notwendig, sagte der Premierminister, um Geldwäschern und Fälschern keine Zeit zur Vorbereitung zu geben.

Ob die Demonetisierung letztlich erfolgreich war, darüber streiten Ökonom*innen noch heute. Fakt ist jedoch, dass die Ankündigung niemanden kalt ließ, die Nation teilte sich unmittelbar in entsetzte und begeisterte Zuschauer. Und damit hatte Modi sein Ziel erreicht.

Für den indischen Journalisten Ravish Kumar passte die ungewöhnliche Entscheidung perfekt zur „eventocracy“. Der Begriff ist eine Wortschöpfung aus dem englischen „Event“ (Veranstaltung) und dem griechischen „krateĩn“ (herrschen). Frei übersetzt bedeutet er so viel wie „Ereignisherrschaft“. Die Eventokratie sei „eine neue Form der Demokratie“, schrieb Kumar, „in der immer ein einzelnes Ereignis im Mittelpunkt steht.“ Oder, um es flapsig zu formulieren: Herrschen durch Highlights. Und dafür sind die sozialen Netzwerke wie geschaffen.

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    Politiker wie Narendra Modi in Indien oder US-Präsident Donald Trump sind wahre Meister darin, die modernen Medien zu ihren Gunsten zu nutzen. Bei jeder politischen Ankündigung erscheinen sie auf der virtuellen oder tatsächlichen Bühne, um mit großem Tamtam neue, möglichst spektakuläre Entscheidungen verkünden. Ganz wichtig: Diese Entscheidungen müssen so spektakulär sein, dass sie die Bevölkerung automatisch spalten, in Fans und Gegner. Ignoranz und Gleichgültigkeit wären die Höchststrafe für jeden Eventokraten.

    ada - Heute das Morgen verstehen

    Doch diese neue Herrschaftsform bleibt nicht ohne Folgen. Der Wert politischer Inhalte bemisst sich nicht mehr an langweiligen Kriterien wie Langfristigkeit, Nachhaltigkeit oder Nützlichkeit – sondern einzig und allein daran, wie viel „buzz“ sie in den Sozialen Medien erzeugen können. Die Medienlandschaft bildet das politische Leben nicht mehr nur ab, sondern prägt es durch die Berichterstattung aktiv. 

    Dass der demokratische Diskurs darunter leidet, wird in Kauf genommen: „Wenn das einzelne Ereignis die Norm der Demokratie ist, werden Fakten von Fiktion ersetzt“, schrieb Kumar, „und die Absicht ist wichtiger als die Implementierung.“ 

    Der amerikanische Politikwissenschaftler Rohan Kalyan hat sich in einem neuen Essay ebenfalls mit dem Phänomen der Eventokratie beschäftigt. Er sieht vor allem die Gefahr, dass die Gesellschaft im permanenten Strudel neuer Ankündigungen den Überblick verliert und die wirklich wichtigen Dinge nicht mehr von den Banalitäten unterscheiden kann: „Aufmerksamkeit wird in einer Eventokratie zur Währung der politischen und wirtschaftlichen Macht.“

    Was sich dagegen tun lässt? Vor allem ist es sinnvoll, sich die Mechanismen der modernen Manipulatoren bewusst zu machen. Um nicht permanent auf ihre Tricks hereinzufallen, sollte man nicht ständig den Breaking News hinterherhecheln und nach jedem Tweet das Schlimmste befürchten (oder auf das Beste hoffen).

    In gewisser Hinsicht gleicht Medienkonsum in Zeiten der Eventokratie einer Droge: Je mehr man konsumiert, desto weniger kann uns noch schocken. Wem etwas an seiner eigenen geistigen Gesundheit liegt, muss diesem Strudel ab und zu entkommen.

    Mehr: Daniel Rettig ist Redaktionsleiter bei der digitalen Bildungsplattform ada. Wenn auch Sie schon heute das Morgen verstehen wollen, schauen Sie doch mal vorbei: join-ada.com

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