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Digitale Revolution

Digitale Revolution Autonomes Fahren: Der Streit um die Lidar-Technologie spaltet eine ganze Branche

Elon Musk nennt es Unfug, seine Kritiker nennen ihn „unverantwortlich“. Das Sensorsystem Lidar für selbstfahrende Autos erhitzt die Gemüter.
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Lidar-Systeme erkennt man an einem knubbeligen Drehturm auf dem Autodach. Quelle: Reuters
GM Bolt EV

Lidar-Systeme erkennt man an einem knubbeligen Drehturm auf dem Autodach.

(Foto: Reuters)

San FranciscoFür die einen ist es eine lebensrettende Technologie, für die anderen bloß überflüssiger Unfug. Für Elon Musk zum Beispiel: Für ihn ist Lidar (Light Detection And Ranging) nichts weiter als eine teure und nutzlose Fehlentwicklung, „vergebliche Mühe“. Wer die Geräte benutze, die pulsierende Laserstrahlen aussenden und aus den Reflektionen 3D-Bilder der Umgebung berechnen, dozierte der Chef des Autobauers Tesla im April vor Analysten, sei „dem Untergang geweiht“.

Lidar setzt da an, wo andere Technologien wie Kameras oder Radare Probleme haben: Es bringt Tiefe und Entfernungen in ansonsten zweidimensionale Bilder und kann Geschwindigkeiten messen. Dem Untergang geweiht wären laut Musk etwa Google-Tochter Waymo, Ford, General Motors (GM) oder das von Amazon finanzierte Start-up Aurora. Gut 1,2 Milliarden Dollar haben laut der Risikokapitaldatenbank CBInsights Investoren insgesamt in diverse Lidar-Start-ups gesteckt.

Für Musk ist das Technik aus der Vergangenheit. In einer Welt des maschinellen Lernens und der Künstlichen Intelligenz sei es seiner Meinung nach möglich, nur aus Kamerabildern und Radarinformationen alle nötigen Informationen zu extrahieren, zu analysieren und die Umgebung in Echtzeit exakt genug zu berechnen, um selbstfahrende Autos sicher von einem Ort zum anderen zu bewegen. Dafür will Tesla einen eigenen Super-Computerchip entwickelt haben, der selbst die autonomen Computersysteme des Chip-Spezialisten Nvidia weit hinter sich lassen soll. Nvidia bestreitet das.

Lidar-Systeme erkennt man an einem knubbeligen Drehturm auf dem Autodach und sie kosten einige Tausend Dollar. Lidar-Befürworter betonen allerdings, die Preise würden rapide fallen, wenn autonome Autos erst einmal in der Massenproduktion seien.

Experten wie Sanjay Sood geben zu bedenken, dass bei selbstfahrenden Autos gar nicht genug Systeme im Einsatz seien können, um die Sicherheit zu gewährleisten. Sood leitet die Entwicklung von Kartensystemen beim Kartenspezialisten Here. „Man könnte auch ein Auto ohne Airbags und ohne Antiblockiersystem bauen. Aber wahrscheinlich würde es keiner kaufen“, fasst er gegenüber CNN seine Sicht zusammen.

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Wenn Kameras und Radare widersprüchliche Angaben liefern, könnte das Lidar die Technologie sein, die die Pattsituation der Sensoren auflöst. Im schlimmsten Fall erfassen Kamera- und Radarsysteme wichtige Informationen überhaupt nicht: Zwei spektakuläre Tesla-Unfälle geben Musk-Zweiflern recht: In beiden Fällen war ein Tesla völlig ungebremst unter Lkw-Anhänger gerast, die vor den Fahrzeugen ein Wendemanöver durchgeführt hatten. Sie waren einfach von Radar und Kameras nicht erkannt worden. Die Frage steht im Raum, ob sie ein Lidar rechtzeitig gesehen und gewarnt hätte.

Bei einem anderen Unfall mit einem Uber-Fahrzeug war eine Fußgängerin getötet worden, die nachts die Straße überqueren wollte und vom Auto frontal erfasst wurde. Der vorläufige Bericht der US-Behörde für Straßensicherheit stellt fest, dass das montierte Lidar ein Objekt erkannt hatte. Aber das Notbremssystem war nicht ausgelöst worden.

Drastisch formuliert es Louay Eldada, Chef von Quanenergy Systems, einem Lidar-Start-up aus dem Silicon Valley: „Ein selbstfahrendes Auto nur mit Radar und Kameras ist unverantwortlich“, sagte er dem Online-Börsendienst Marketwatch. Damit meinte er nicht nur Tesla, sondern auch Nissan. Der Autobauer hatte ebenfalls angekündigt, in Zukunft ohne Lidar auskommen zu wollen. Quanenergy entwickelt kostengünstige Lidar-Lösungen und hat bislang 180 Millionen Dollar Risikokapital eingesammelt.

So bleibt die Frage, wie Musk es mit billigerer und einfacherer Technologie schneller schaffen will, eine Million selbstfahrende Roboter-Taxis ohne Sicherheitsfahrer („Level-5-Autos“) auf die Straßen zu schicken als alle anderen, die mit teureren und mehr Sicherheitssystemen arbeiten. Denn das hat Musk im April vor Analysten ebenfalls angekündigt. Und zwar schon für 2020.

Chris Urmson, Chef des Technologielieferanten Aurora, lässt sich jedenfalls nicht in seinem Glauben beirren. Urmson, der über Jahre Googles Aktivitäten auf diesem Sektor geleitet hat, bleibt dabei: „Lidar ist entscheidend für die Entwicklung der sichersten und zuverlässigsten selbstfahrenden Systeme.“

Das sieht Elon Musk ganz anders. Aber könnte er überhaupt zurück? Nicht, ohne alle Tesla-Kunden zu verprellen, denen er versprochen hat, dass ihre Autos dank Software- und Computernachrüstung nur immer wertvoller und besser werden. All das wäre Makulatur, wenn eine neue Tesla-Generation auf Lidar-Drehtürme setzen würde.

Bleibt autonomes Fahren eine Utopie?

Mehr: Autonom fahrende Autos brauchen exakte Karten. Mit der Gemeinschaftsfirma Here – Daimler, BMW und Volkswagen sind beteiligt – will die deutsche Autoindustrie Google den Kampf ansagen.

Egal, ob es um Künstliche Intelligenz oder um Blockchain geht – die Geschwindigkeit, mit der neue Schlagwörter aus der digitalen Welt auf uns einprasseln, ist enorm. Doch was davon hat Substanz, was ist nur Hype? In unserer Multimedia-Rubrik „Digitale Revolution“ beleuchten Handelsblatt-Redakteure, wie Digitalisierung unsere Unternehmen, unsere Gesellschaft und unseren Alltag verändert. Jede Woche nehmen sich die Redakteure eines Schwerpunktthemas an. Die unterschiedlichen Aspekte werden in mehreren Beiträgen multimedial aufbereitet. Dabei kommen interaktive Grafiken, Videos oder Bildergalerien zum Einsatz.

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