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Digitale Revolution

Digitale Revolution Blick ins Roboterlabor der Welt – Was sich auch in unserem Alltag durchsetzen könnte

Im täglichen Leben spielen Roboter noch keine große Rolle – selbst im technikverrückten Japan nicht. Doch das könnte sich mit der Coronakrise verändern.
22.12.2020 - 13:04 Uhr Kommentieren
Als eine Art Roboterlabor der Welt zeigt Japan, was anderswo in den nächsten Jahren zum Thema werden könnte. Quelle: SharpEurope, Qoobo, imago, Reuters, Getty Images [M]
Roboter

Als eine Art Roboterlabor der Welt zeigt Japan, was anderswo in den nächsten Jahren zum Thema werden könnte.

Quelle: SharpEurope, Qoobo, imago, Reuters, Getty Images [M]

Tokio Während sich in der Pandemie die Menschen in ihre Wohnungen zurückziehen, rücken in Japan die Roboter aus. Eine Supermarktkette testet ein Gerät mit zwei Armen und drei Fingern, das Regale füllt. Eine Universität hat eine Art rollenden Tablet-PC mit langem Hals eingesetzt, damit die Studenten bei der Abschlussfeier zumindest virtuell dabei sein konnten.

Auch im Virenkampf sollen Maschinenwesen helfen. Aufgerüstete Auslieferungsroboter des Entwicklers ZMP desinfizierten Geländer und Knöpfe in Bahnhöfen. Rollende Serviertische transportierten Essen in Restaurants.

Sogar Partnerroboter, die schon unter uns Menschen wirken, gewinnen wieder an Mehrwert. Softbanks Roboter „Pepper“ animiert nun plötzlich nicht mehr nur Kunden, sondern auch Senioren in Altersheimen.

In der Industrie sind Roboter längst nicht mehr wegzudenken. Doch im Alltag haben sich die Maschinenwesen bislang nicht durchgesetzt, selbst im technikverrückten Japan nicht. Doch durch die Pandemie wächst die Hoffnung, dass mit dem Leben auf Abstand die einst gehypten Partner- und Serviceroboter mehr zum Einsatz kommen könnten. Als eine Art Roboterlabor der Welt zeigt das Land, was anderswo in den nächsten Jahren zum Thema werden könnte.

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    Die neue große Begeisterung für gesprächige Roboter begann 2015, als Softbank Pepper präsentierte: Der weiße Humanoid in der Größe eines Grundschülers, der einen Touchscreen vor der Brust trägt, sah nicht nur süß aus. Softbank-Gründer Masayoshi Son versprach zudem einen Durchbruch: „Vielleicht werden die Menschen in 100 oder 200 Jahren zurückblicken und sagen, dass der heutige Tag ein historischer Moment war.“

    Stattdessen stehen die Pepper-Roboter meist unterbeschäftigt oder gar ausgeschaltet mit hängenden Köpfen in Geschäften. Die Geräte sind mehr Gimmicks als Helfer: irgendwie nett, aber nicht besonders nützlich.

    Chance für die Japan AG

    Doch in Zeiten, in denen persönliche Gespräche schwierig sind, beweisen die Geräte ihre Stärke. „Was wir gerade insbesondere mit der Pandemie erleben, könnte ein Auslöser für ein Wachstum des Markts für Roboter unter Menschen sein“, meint Takashi Ando, der Chef der Roboterentwicklung des Technikkonzerns Panasonic.

    Durch die Coronakrise ergibt sich für die Geräte eine neue Chance. Quelle: Reuters
    Roboter Pepper in einer Pflegeeinrichtung

    Durch die Coronakrise ergibt sich für die Geräte eine neue Chance.

    (Foto: Reuters)

    Auch die Marktanalysten beginnen, daran zu glauben. Im August sagte eine Studie von Research And Markets voraus, dass der Markt für Dienstleistungsroboter von 2019 bis 2025 von 14 Milliarden auf 64 Milliarden Dollar wachsen könnte.

    Und die Japan AG hofft darauf, mit ihrem Frühstart bei Partner-, Kommunikations- und Dienstleistungsrobotern im Kampf gegen die wachsende Konkurrenz aus China und anderen Ländern große Marktanteile zu erobern.

    Da ist zum Beispiel Avatar-in, ein Start-up von Japans größter Fluggesellschaft ANA: Es setzte seinen fernbedienbaren Telepräsenzroboter Newme bei der Abschlusszeremonie einer Universität und in Stationen mit Covid-19-Patienten ein.

    Das Gerät besteht aus einem giraffenförmigen Hals mit einem Tablet-PC statt eines Kopfs, auf dem das Antlitz des Nutzers eingespielt wird. So wird die Kommunikation aus der Ferne möglich.

    Der Elektronik- und Unterhaltungskonzern Sony hat dem Roboterhund „Aibo“ neue Tricks beigebracht. Das stubenreine und fusselfreie Haustier kann nun auf Befehl treu an der Haustür willkommen heißen, wenn Frauchen oder Herrchen von einem ihrer seltenen Bürobesuche heimkehren sollten. Außerdem ermuntert der Roboterhund musikalisch zum Händewachsen und putzt sich als Vorbild selbst putzig die Pfoten.

    Sony hat das Konzept nach einigen Jahren wiederbelebt. Quelle: Reuters
    Roboterhund Aibo

    Sony hat das Konzept nach einigen Jahren wiederbelebt.

    (Foto: Reuters)

    Ein niedriger Preis allein reicht nicht

    Einer der Pioniere der Branche ist Shunsuke Aoki, Gründer von Yukai Engineering. Sein Traum vom globalen Roboterkonzern überlebt in einem alten, kleinen Bürohaus im Tokioter Stadtteil Shinjuku. In dieser schlichten Atmosphäre verhilft Aoki mit seinem Team Robotern zum Leben, mit denen er die Welt erobern will.

    Das Team arbeitet an „Qoobo“, einem Haustierersatz. Der Roboter sieht aus wie ein pelziges Kissen mit Schwanz. Wird er gestreichelt, wedelt der Schwanz. Mit etwas Wohlwollen kann man das Surren der Elektromotoren sogar als behagliches Schnurren interpretieren.

    Beim Design haben die Schöpfer absichtlich darauf verzichtet, das Gerät Hunden oder Katzen nachzuempfinden: Die „Tierart“ des Kissens entsteht erst im Auge des Betrachters, so die Idee.

    Der Clou ist gleichzeitig die Krux: Aoki wollte durch simple Technik den Preis drücken, um schnell einen Massenmarkt zu schaffen. So misst nur ein Beschleunigungssensor die Stärke des Streichelns, während ein Akku Strom für zwei Motoren liefert, die den Schwanz bewegen. Aoki gelang es so immerhin, den Preis auf umgerechnet unter 100 Euro zu halten.

    Doch auch das reichte nicht für einen Bestseller aus, trotz guter Kritiken. Zwar hat Yukai Engineering in Japan, Taiwan, Hongkong und den USA 20.000 der wedelnden Kissen verkauft. „Aber ich hatte mir mehr erwartet, weil Qoobo in sozialen Medien ein riesiges Echo ausgelöst hatte“, gesteht der Ingenieur. Vielleicht war das Gerät doch nicht smart genug.

    Die Entwicklung von Qoobo zeichnet im Kleinen die bisherige, fast schon buddhistisch anmutende Evolution von Partnerrobotern nach: Die Entwicklung gleicht einem Kreislauf aus Hoffnung, Niedergang und Wiedergeburt.

    Nutzwert statt Partnerschaft

    Ein Grund ist dabei Japans schizophrene Roboterkultur: Viele Ingenieure entwickeln nicht nur gesichtslose Industrieroboter, sondern träumen gleichzeitig davon, das Ebenbild des Menschen zu schaffen. Buchstäblich den ersten Schritt auf dem Weg zum Humanoiden unternahm bereits 1973 der „Wabot-1“, ein eckiger Roboter von der Waseda-Universität. Seither folgten viele zweibeinige Schöpfungen, ohne jedoch im Alltag der Menschen eine Rolle zu spielen.

    Die erste kommerzielle Ära der Partnerroboter begann zur Jahrtausendwende mit einem Kläffen. 1999 präsentierte Sony die erste Generation seines Roboterhunds Aibo. Das Konzept schlug anfangs grandios ein. Doch als Sony in die Krise geriet, schläferte Sony seinen Image- und Sympathieträger ein, bevor es diesen 2016 wiederbelebte.

    Der Aibo-Schock und die Weltfinanzkrise setzten unter Japans Roboterentwicklern ein Umdenken in Gang. Zwar begeistern sich bis heute Ingenieure immer wieder für Humanoide und Partnerroboter. Aber dieser Enthusiasmus sei „ein Zaubertrank, der zum Gift werden kann“, sagt Ando. „Es ist wichtig zu verstehen, dass Kunden nicht besonders nach Robotern suchen, sondern nach einer Lösung für Probleme.“ Und die kann, aber muss nicht ein Roboter sein.

    Viele Probleme lassen sich einfacher lösen: Warum soll ein Roboter beispielsweise bügeln können? Knitterfreie Textilien tun es meist auch. Stattdessen rüsten die meisten japanischen Konzerne nun Alltagsprodukte technologisch zu Robotern auf.

    Japans Spitzentoiletten beispielsweise öffnen automatisch den Deckel und wärmen die Klobrille, wenn ein Nutzer sich nähert. Und nach dem Geschäft spülen sie automatisch.

    Auch Softbank ist umgeschwenkt. Pepper wird zwar weiterhin verkauft. Aber der Fokus liegt auf Nutzwertrobotern für Restaurants: Der Technikinvestor verkauft bereits den Saugroboter „Whiz“. Im Herbst folgte „Servi“, eine Weiterentwicklung des Servierroboters von Softbank-Partner Bear Robotics. Der rollende Serviertisch hat zwei Tablettebenen und einen Korb für abgeräumtes Geschirr. Er kann mit bis zu 35 Kilogramm an Speisen und Getränken beladen werden.

    Kleiner, simpler – und weniger realistisch

    Die Partnerroboterfans suchen derweil weiter nach dem Sesam-öffne-dich, das Robotern den Weg in die Menschenherzen ebnet. Professor Tomotaka Takahashi ist mit seinem Labor „Robot Garage“ einer der Pfadfinder. Er hat den kommerziell erfolgreichsten Partnerroboter der Welt entwickelt: „Robi“, einen Roboter als Bausatz. Ein Verlag verkaufte die Bauteile verteilt auf 70 Magazinausgaben.

    Damit umging der Roboter das Problem seiner Artgenossen, die in der Regel ihre neuen Herrchen und Frauchen schnell langweilen, erklärt der Experte. „Die Menschen haben schon den Zusammenbau genossen und damit eine Zuneigung zu dem Roboter entwickelt.“ Ein Großteil der Herausforderung war somit schon überwunden.

    Seither geht Takahashi absichtlich den Weg weiter, Miniroboter zu entwickeln. Größere Modelle wie Pepper hält er beim derzeitigen Stand der Technik für einen Irrweg. Von denen würden die Menschen zu viel erwarten und wären dann enttäuscht. Kleine Roboter sind nicht nur sicherer.

    „Die Menschen erwarten auch weniger von kleinen als von großen Humanoiden“, erklärt Takahashi. „Kleine Roboter können daher die Erwartungen übererfüllen. Und das ist besonders in dieser frühen Entwicklungsphase der Roboterindustrie wichtig.“

    Mit dem Elektronikkonzern Sharp brachte er daher den tanzenden und singenden Kommunikationsroboter „Robohon“ (spricht: Robofon) auf den Markt. Der ist nur knapp 20 Zentimeter groß, aber anscheinend mit etwas über 1600 Euro für die per Mobilfunk vernetzte Version noch zu teuer.

    Der Kommunikationsroboter kann singen und tanzen. Quelle: AFP
    Mini-Roboter Robohon

    Der Kommunikationsroboter kann singen und tanzen.

    (Foto: AFP)

    „Um ehrlich zu sein, ist Robohon nicht so erfolgreich, wie wir uns vorgestellt haben“, gesteht der Roboterpionier. Aufgeben will er trotz des Rückschlags nicht. „Wir brauchen diese kleinen Schritte, um die konservativen Konsumenten an neue Technik zu gewöhnen“, meint er. „Für die Zukunft haben wir große Pläne.“ Er hat auch schon ein neues Konzept entwickelt, über dessen genaue Funktionen und den neuen Handypartner er sich noch in Schweigen hüllt.

    Für den Vordenker ist es nur eine Frage der Zeit, bis Partner- und Kommunikationsroboter ihren Kreislauf aus Hoffnung, Niedergang und Wiedergeburt endlich durchbrechen. Es gehe jetzt darum, zum richtigen Moment das richtige Produkt zu lancieren, sagt Takahashi. „Wir müssen den Gamechanger finden.“ Die Pandemie könnte nun zum Katalysator werden, nicht nur für Serviceroboter in Restaurants, sondern auch für Partnerroboter.

    Mehr: Warum die Industrie vor einem disruptiven Wandel steht

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