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Digitale Revolution

Digitale Revolution Dating-Apps – So funktioniert das digitale Geschäft mit der Liebe

Algorithmen versachlichen die Liebe. Aus Gefühlen werden Berechnungen. Das führt zu einer boomenden Onlinedating-Branche, die sich stetig verändert.
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Die App des US-Anbieters ist konsequent auf Bilder ausgerichtet. Quelle: Bloomberg
Tinder

Die App des US-Anbieters ist konsequent auf Bilder ausgerichtet.

(Foto: Bloomberg)

Hamburg Das Postfach der Liebessuchenden füllt sich schnell. „Buchhalterin, 38, hat Ihnen eine Nachricht geschrieben“, steht da. Oder „Unternehmer, 47, hat seine Fotos für Sie freigeschaltet“. Dazwischen Texte wie: „Hey Du, mir gefällt Dein Profil.“ Drei Millionen solcher Botschaften werden jede Woche allein über die Partnervermittlungsplattform Parship versandt. Die Mitglieder finden bei den Portalen vielleicht nicht ihre „bessere Hälfte“ oder ihren „Göttergatten“, aber sie klicken sich wacker durch Hunderte Profile ihres Beuteschemas, das der Algorithmus für sie errechnet hat.

Algorithmen spielen eine große Rolle in unserem Leben. Sie bestimmen, welche Filme und Serien uns bei Streaminganbietern wie Netflix angezeigt werden. Sie legen fest, welche Werbebotschaften uns im Internet angezeigt werden. Und sie filtern heraus, welche Nachrichten uns in den sozialen Netzwerken oder auf digitalen Nachrichtenseiten erreichen.

Warum also sollten Algorithmen bei der Liebe keine Rolle spielen? Die Digitalisierung der Liebe ist zu einer veritablen Branche herangewachsen. Die Erwartungen der Menschen an die Technik sind hoch. Eine aktuelle Studie der internationalen Werbeagentur Havas fand heraus, dass vier von zehn Befragten glauben, eine Software mit Künstlicher Intelligenz werde für sie irgendwann errechnen können, ob sie wirklich verliebt sind oder ob sie sich in einer Beziehung befinden, die tatsächlich zukunftsfähig ist. Schöne neue Liebeswelt?

Es ist ein Markt mit großem Potenzial. Vergangene Woche konkretisierte die weltgrößte Community Facebook ihre Datingpläne. Seit September können Nutzer in den USA den Flirt-Dienst, den Facebook auf seiner Plattform integriert hat, verwenden. Anfang 2020 können sich dann auch Mitglieder in Europa über die Plattform daten. Mehr als 200 Millionen Facebook-Nutzer geben als Beziehungsstatus „Single“ an – eine große Zielgruppe für den Flirt-Service.

Es ist das erste große Projekt von Facebook seit dem Skandal rund um die Datenfirma Cambridge Analytica – dementsprechend wortreich betonen die Manager den Schutz der Privatsphäre und die Sicherheitsstandards. Das ist auch dringend nötig: Erst in der vergangenen Woche tauchten Telefonnummern von rund 420 Millionen Mitgliedern im Internet auf.

„Alle elf Minuten ...“

Der Bedarf an einer computergestützten Beziehungsanbahnung ist groß. „Alle elf Minuten verliebt sich ein Single über Parship“, wirbt der Marktführer in Deutschland. Ein Claim, der wirkt. Etwa 1,8 Millionen neue Registrierungen zählt Parship jedes Jahr. Deutschland ist einer der wenigen Märkte, die zwischen ernsthafterer Partnervermittlung und eher lockerem Dating unterscheiden.

Ortstermin in der Zentrale der Parship Group in der Hamburger Innenstadt: Auf mehreren Etagen arbeiten rund 250 Mitarbeiter für die drei Marken der Firma. Da ist zum einen Parship, das als Pionier der als ernst geltenden Partnervermittlung 2001 gegründet wurde; außerdem Elite-Partner, drei Jahre später gestartet und 2015 von Parship übernommen; und da ist E-Harmony, ein 2018 gekauftes Portal für den englischsprachigen Raum. Tim Schiffers, CEO der Parship Group, sitzt im Konferenzraum in der sechsten Etage mit Blick auf die Sankt-Petri-Kirche, deren Glocken jeden Tag zur Mittagszeit minutenlang wie zur Mahnung läuten.

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„Die Partnersuche übers Internet ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt Schiffers. Heute schämt sich keiner mehr für die Verkupplungstante Internet. Etwa 143 Millionen Euro Umsatz erzielt sein Unternehmen, das heute mehrheitlich zum Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1 gehört, pro Jahr. Die Umsätze werden über die zahlungspflichtigen Accounts gemacht, die Nutzer erstellen müssen, wenn sie die Datenbanken der Portale nutzen wollen.

Die Marge der Firmengruppe liegt bei 20 Prozent. „Es gibt nicht den einen Preis, wir arbeiten mit Promotionsaktionen und ausgefeilten CRM-Systemen“, erzählt Schiffers. Aus der Sicht des CEO wird der Partnervermittlungsmarkt vor allem von der Technologie bestimmt. Etwa 60 Softwareentwickler arbeiten bei der Parship Group. In den vergangenen Jahren ging es vor allem darum, die Nutzung über das Smartphone, über das inzwischen drei Viertel der Mitglieder die Plattform ansteuern, in den Mittelpunkt zu stellen. Ein Paradigmenwechsel im Vergleich zu den Gründungsjahren, als der Desktop die entscheidende Oberfläche war.

Mithilfe eines Fragebogens sortiert Parship die neuen Mitglieder in Gruppen ein und errechnet daraus die Kompatibilität der Paare. Je höher der numerische Wert, desto erfolgversprechender die Vermittlung. „So viel Übereinstimmung wie möglich, so viel Unterschiede wie nötig“, zitiert Schiffers das Motto des Matchings. Soll heißen: Es muss eine gesunde Mischung geben aus „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ und „Unterschiede ziehen sich an“.

Paare, die sich auf diesem Weg gefunden haben, sind dankbar. Sie schicken Fotos von sich und in späteren Jahren von ihrem Nachwuchs. In der sechsten Etage schmücken die Bilder eine ganze Wand. Inzwischen soll es rund 120.000 Parship-Babys geben. Auf 40 Prozent taxiert Schiffers die Erfolgsquote seiner Portale.

KI soll Betrüger aufspüren

Damit das funktioniert, muss das Unternehmen die Vermittlungsplattform sauber halten. Mit einer selbstlernenden Software versucht Parship, Betrügern auf die Spur zu kommen und sie bereits im Vorfeld auszusortieren. Maschinelles Lernen erkennt Muster in deren Verhalten bei der Registrierung und schlägt Alarm. Aber es sind nicht nur Heiratsschwindler, sondern auch Werbefirmen, die getarnt als Partnersuchende die Mailadressen erfragen.

Wert legt die Parship Group auch auf das sichere Speichern der sensiblen Daten. In eigenen Rechenzentren in Berlin und Frankfurt stehen die Server des Unternehmens; eine Verlagerung in die Cloud lehnt Parship ab. „Wir haben gerne unsere Daten im Griff“, sagt Marc Schachtel, als Managing Director verantwortlich für Technologie. Datensicherheit ist beim Onlinedating ein sensibles Thema.

Das eigentliche Produkt im Onlinedating-Markt ist die Datenbank mit den richtigen Menschen, die zueinanderfinden wollen. „Da stecken wir viel rein, um das aufrechtzuerhalten“, sagt Parship-Manager Schachtel. Um diese Menschen zu finden, investieren die Firmen beispielsweise Millionen von Euro für Werbekampagnen. „Der Markt ist dynamisch und wächst sehr stark“, meint CEO Schiffers. Das lockt weitere Anbieter an.

Arne Kahlke, Mitgründer von Elite-Partner und in späteren Jahren auch Macher der „Alle elf Minuten ...“-Parship-Kampagne, hat vor drei Jahren eine neue digitale Partnervermittlung ins Leben gerufen: Lemonswan schreibt sich auf die Fahne, weibliche Türsteherinnen zu haben, die die Nutzer genau unter die Lupe nehmen. Das müsse man sich vorstellen wie in einem Club, sagt Kahlke. „Dadurch gewährleisten wir eine hohe Qualität der männlichen Mitglieder.“ Der Firmengründer will allerdings weder den Umsatz noch die Zahl der Mitarbeiter oder gar die Anzahl der Mitglieder der Partnervermittlung mit dem grünen Schwan als Logo verraten.

Früher fanden sich Paare meist über gemeinsame Freunde, heute ist das Chatten im Netz die häufigste Kennenlernform, berichten Forscher von der Stanford University. Ein Markt mit Zukunft. Nicht nur für Partnervermittlungen, sondern vor allem auch für Datingportale. Ein Markt, der sich allerdings nicht leicht monetarisieren lässt, wie Start-up-Gründer Kahlke findet.

Analysten schätzen, dass der weltweite Markt für Dating-Apps bis 2025 bei mehr als neun Milliarden Dollar liegen wird. „Es gibt ein großes Interesse an schnellen und oberflächlichen Kontakten“, meint Lemonswan-Chef Kahlke. Zugleich gebe es eine immer größer werdende Sehnsucht nach einer festen Partnerschaft. „Die Menschen haben heute immer mehr Probleme, sich zu binden.“

Getrieben werden die Plattformen von einem mächtigen Anbieter: der Dating-App Tinder, die zur amerikanischen Match Group gehört und weltweit 4,1 Millionen zahlende Nutzer zählt. Das 2012 gegründete Unternehmen hat das Wischen (neudeutsch: Swipen) nach rechts (für „gut“) und nach links („schlecht“) erfunden.

Wenn Parship-CEO Schiffers über Parship spricht, zieht er oft Vergleiche zu dem amerikanischen Herausforderer Tinder. Auch wenn das Interesse der Tinder-Nutzer an einer ernsten Beziehung nicht allzu hoch eingestuft wird, so gibt es doch Überschneidungen der Dienste. Vor allem der spielerische Ansatz des US-Anbieters sowie seine konsequente Ausrichtung auf Bilder zeigen Schiffers, wohin die Reise geht.

Instagram ist auch eine Art Dating-App

„Die Welt wird immer bilderlastiger. Da denken wir schon darüber nach, wie wir damit umgehen“, sagt Schiffers. Auch die Kommunikation auf den Plattformen von Parship und Elite-Partner hat sich verändert. Die Portale begannen einst mit einer Art E-Mail-System. „Heute ähneln sie eher Messaging-Systemen“, meint Technologiechef Schachtel.

Es sind die Zeichen der Zeit: Nicht nur Facebook mit seinen insgesamt 2,4 Milliarden Mitgliedern wird den Datingmarkt verändern. Auch andere Unternehmen sind hinzugekommen. So startete eine Tinder-Gründerin die Dating-App Bumble, bei der die Frauen die Initiative beim Kennenlernen ergreifen. In Frankreich wurde die Tinder-Alternative Once gegründet, die nur eine begrenzte Anzahl von Kontaktvorschlägen pro Tag zulässt und sich damit als „Slow-Dating-App“ versteht. Und als europäisches Pendant zu der amerikanischen App Bumble gilt wiederum Pickable.

Laut Ines Imdahl, Chefin des Marktforschungsinstituts Rheingold Salon, ist Facebook längst auf dem Datingmarkt präsent – und zwar inoffiziell mit seiner Bilder-Tochter Instagram. „Auf der Plattform geht es vorrangig um ‚Sehen und Gesehenwerden‘“, meint die Psychologin. Vor allem jüngere Nutzer würden das Portal bereits als Dating-App nutzen.

Gesellschaftlich hat die Digitalisierung der Liebe weitreichende Folgen. „Es findet eine Versachlichung der Liebe statt“, sagt Imdahl. Die Algorithmen sollen dafür sorgen, dass „Liebe ohne Herzschmerz“ geschieht. Ein Irrglaube, wie sie sagt.

In der Studie der Werbeagentur Havas heißt es: Mehr als ein Drittel der Befragten ist mehr am Empfang der Nachrichten interessiert als an einer wirklichen Begegnung mit einem Menschen. Haben sich die Online-Dater zu einer Partnerschaft durchgerungen, nage oft ein Restzweifel an ihnen. Die große Auswahl potenzieller Partner mache es auch schwieriger, sich auf „den einen“ festzulegen. Mehr als ein Drittel der Befragten geben zu, dass sie manchmal in einer Beziehung sind und sich fragen, ob da draußen nicht noch jemand Besseres wartet. Ewige Verabredung statt ewiger Liebe, heißt es dann. Längst haben sich Datingprofil-Optimierer wie Meredith Golden aus New York am Markt etabliert.

„Der Datingmarkt wird künftig immer spitzer“, glaubt Werberin Vanessa Kerkhoff, Managing Director von Havas Düsseldorf. Es kommen immer mehr Anbieter auf den Markt, die kleinste Zielgruppen ansteuern, von Fitnessfanatikern über Disney-Fans bis hin zu Cannabisrauchern. Der Elektronikkonzern Samsung hat sogar eine App gestartet, mit der Singles Partner anhand von Bildern ihres Kühlschrankinhalts auswählen.

Auch die Analyse der DNA könnte bald eine Rolle im Datingmarkt spielen. Laut der Havas-Studie ist ein Drittel der Befragten aufgeschlossen gegenüber DNA-Tests, wenn es um eine Vorauswahl der Kandidaten geht. Die US-Matchingplattform DNA Romance wertet solche Ergebnisse bereits aus und stellt geeignete Kandidaten einander vor. „Je mehr technologische Möglichkeiten es gibt, desto eher versuchen Menschen, sie auszuschöpfen, um ihr Liebesglück zu optimieren“, meint Werberin Kerkhoff. Die Entwicklung wird voranschreiten. Eine Haarprobe ersetzt dann bald den ersten tiefen Blick in die Augen des Gegenübers.

Mehr: Dating-Portale im Internet gaukeln den Nutzern eine Berechenbarkeit der Liebe ohne Drama vor, glaubt Psychologin Ines Imdahl. Die Verantwortung wird auf den Algorithmus abgewälzt.

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