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Digitale Revolution

Digitale Revolution Der Digitalisierungsschub durch Corona ist ein Mythos

Die Wirtschaft hat 2020 wegen der Coronakrise massiv in die Digitalisierung investiert. Der Durchbruch war das aber noch längst nicht. Eine Analyse.
30.12.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Damit der Corona-Schock zu einer nachhaltigen Digitalisierung führt, muss 2021 noch deutlich mehr passieren. Quelle: Siemens AG/Vario images
Digitalisierung der Wirtschaft

Damit der Corona-Schock zu einer nachhaltigen Digitalisierung führt, muss 2021 noch deutlich mehr passieren.

(Foto: Siemens AG/Vario images)

Düsseldorf Das zu Ende gehende Jahr wird gern als das Jahr gesehen, das der Durchbruch für die Digitalisierung in Deutschland war. Viele arbeiten im Homeoffice, Schüler lernen digital, und selbst immer mehr Kommunen beeilen sich, Bürgern Formalien wie den Antrag auf Elterngeld in Zukunft online anbieten zu können. Der externe Schock durch die Corona-Pandemie hat viel bewegt.

„Die Krise als Chance begreifen“ – dieser Satz ist vermutlich in keinem Jahr häufiger gefallen als 2020. Aber ob Unternehmen und Organisationen in Deutschland diese Chance wirklich ergreifen, ist noch längst nicht ausgemacht.

Beispiel Videokonferenzen: Sie verlegen analoge Prozesse in den digitalen Raum – aber sie verändern nichts am System. Damit der Corona-Schock zu einer nachhaltigen Digitalisierung führt, muss 2021 noch deutlich mehr passieren.

Das zeigt auch eine Studie, die der Digitalverband Bitkom im November veröffentlichte. „Die Corona-Pandemie ist eindeutig ein Digitalisierungstreiber für die deutsche Wirtschaft“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg. „Die gute Nachricht ist: Die Unternehmen wollen etwas tun und die Digitalisierung vorantreiben. Die schlechte Nachricht: Längst nicht alle sind dazu in der Lage.“

Dabei bezog er sich auf notwendige Investitionen für Digitalisierung: Weil vielen Unternehmen das Geschäft wegbrach, sinkt der Spielraum für Investitionen in die Technik. Allerdings sind die Ambitionen vielerorts auch bescheiden: Den meisten Managern geht es der Studie zufolge bei ihren Digitalisierungsbemühungen darum, durch die Krise zu kommen oder für eine nächste gewappnet zu sein. Nur 46 Prozent der Befragten planen, die Digitalisierung zu nutzen, um neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Zahl des Tages

46

Prozent

der Befragten einer Bitkom-Studie wollen die Digitalisierung nutzen, um neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Lebenszyklus von Produkten ist irgendwann vorbei

Anders gesagt: Im Jahr 2020 sieht die Hälfte der deutschen Wirtschaft die Digitalisierung offenbar immer noch als Mechanismus für die Optimierung des Bestehenden, aber nicht als Chance für etwas Neues.
Oftmals wird diese Haltung dem deutschen Ingenieurgeist zugeschrieben, bei dem der immer effizientere Ressourceneinsatz und die immer ausfallsicherere, schnellere Produktion im Vordergrund stehen.

Lange wurde in Deutschland etwa der Benziner optimiert. Diese nicht zu unterschätzende Tugend hat uns international viel Anerkennung und damit auch Wohlstand gebracht. Aber irgendwann ist ein altes Produkt vielleicht zu Ende optimiert, und es ist Zeit für ein neues.

Und so enttarnt sich bei genauerer Betrachtung die „Digitalisierungsoffensive“ des ein oder anderen Unternehmens – und dazu zählen ausdrücklich auch Großkonzerne – mehr als Bemühung, Verpasstes aufzuholen. Es werden Laptops für Mitarbeiter angeschafft, VPN-Clients eingerichtet, damit das Homeoffice sicher ist und Software gemietet, die die Zusammenarbeit auf Distanz erleichtert. All das gibt es seit Jahren, manches seit Jahrzehnten. Besser spät als nie, aber echte Digitalisierung ist anders.

Gleichzeitig ist sogar in diesen noch etwas zarten Digitalisierungsbemühungen zumindest bisher zu beobachten: Nach anfänglichem – durchaus positivem – Aktionismus lässt der Enthusiasmus nach. Im ersten Lockdown haben die meisten schnell auf Videokonferenzen umgestellt. Die Lernkurve war zunächst sehr steil, kaum einer hatte sie vorher so intensiv genutzt.

Die Lernkurve flacht schnell ab. Quelle: E+/Getty Images
Videokonferenz

Die Lernkurve flacht schnell ab.

(Foto: E+/Getty Images)

Doch wurden bisher oft nur Abläufe digitalisiert, nicht die Prozesse hinterfragt. So kommt eine Studie der Initiative D21, die Anfang Dezember veröffentlicht wurde, zu dem Schluss, dass nur 26 Prozent der Personen, die im Homeoffice arbeiten können, Kollaborationstools für das gemeinsame Arbeiten in Dokumenten nutzen.

Stattdessen werden Videokonferenzen optimiert: Es gibt nun besseres Licht und virtuelle Hintergründe, damit die Kollegen nicht mehr den Wäscheständer im Arbeitszimmer sehen. Statt gemeinsam zu arbeiten, teilt man seinen Bildschirm, damit die anderen sehen, woran man allein gearbeitet hat. Die Lernkurve flacht ab.

Dabei sind diese Tools eine Möglichkeit, all die kulturwandelnden Methoden, die in so vielen Unternehmen seit Jahren gepredigt werden, sei es „lean“ oder „agile“, für Teams oder Tribes, auch tatsächlich im Alltag umzusetzen. Ein Miro-Board allein bringt zwar noch keinen Kulturwandel, aber es hilft.

Dabei muss sich Deutschland bei der Digitalisierung beeilen. Der Rückstand unseres Landes gerade bei der digitalen Wettbewerbsfähigkeit wird immer größer. Das mahnte nicht zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) beim Digital-Gipfel Anfang Dezember an. Die Feststellung ist nicht neu, darüber diskutieren, manchmal streiten die Digitalexperten seit Jahren und trotzdem passiert wenig.

Skepsis gegenüber Veränderungen

Es gibt ohne Frage Vorreiter in der Digitalisierung, Mittelständler, die ihr gesamtes Geschäft transformieren oder Großkonzerne, die sich für die digitale Industrie der Zukunft neu aufstellen. Doch das sind Einzelfälle. Zu viele sind erst am Anfang eines langen Weges.

Wichtig ist: Hinter großen Entscheidungen, auch in der Wirtschaft, stecken immer Menschen und die tun sich mit großen Veränderungen mitunter schwer. Dafür ist unter anderem der sogenannte Status-quo-Bias verantwortlich, der grob beschrieben aussagt, dass Menschen gern beim Gewohnten bleiben, selbst wenn die Veränderung einen positiven Effekt für ihr Leben hätte.

Der Grund: Sie scheuen Risiken und bleiben lieber beim Status quo. Dieses Phänomen wurde bereits Ende der 80er von William Samuelson und Richard Zeckhauser beschrieben. Und offenbar ist der Status quo gerade in Deutschland bei vielen in den betreffenden Positionen sehr komfortabel.

Neueren Studien zufolge verstärkt sich dieser Effekt des Status-quo-Bias noch, je mehr Entscheidungen getroffen werden müssen. Damit könnte die Digitalisierung mit ihren vielen Möglichkeiten für viele als noch höhere Hürde gesehen werden. Doch nur weil etwas möglich ist, heißt es nicht, dass es auch sinnvoll ist. Ein Bäcker muss sich vielleicht nicht mit VR-Touren durch die Filialen beschäftigen. Ein Autohändler aber vielleicht schon. Vielleicht muss der Bäcker aber das Wetter besser vorhersagen, weil die Kunden bei Regen keine Teilchen kaufen wollen.

Die gute Nachricht ist: Die Unternehmen wollen etwas tun und die Digitalisierung vorantreiben. Die schlechte Nachricht: Längst nicht alle sind dazu in der Lage. Achim Berg, Bitkom-Präsident

In einer Werbeagentur ist es vielleicht wichtig, dass die Menschen dort arbeiten können, wo sie sich kreativ fühlen. In einem Industriekonzern ist es auch gut, wenn die Buchhaltung aus dem Homeoffice arbeiten kann, aber noch viel wichtiger ist die Digitalisierung der Maschinen und der Produkte, um zum Beispiel flexibel auf Nachfrageveränderungen reagieren zu können.

Die wichtigste Frage bei der Digitalisierung ist damit die gleiche wie sonst auch: die Sinnfrage. Oder anders ausgedrückt: Warum machen wir das überhaupt? Und mit dieser Frage rückt sofort der Mensch in den Mittelpunkt – der Schüler, die Einwohnerin, die Kundin. Denn klar ist: Ein Angebot wird seine Nachfrage finden, wenn es ein Problem löst oder einen Wunsch erfüllt zu dem Preis, den Menschen bereit sind, dafür zu bezahlen. Je einfacher und intuitiver, desto besser.

Und genau da gibt uns die Digitalisierung die Chance, Antworten zu finden. Mithilfe von mittlerweile teils recht günstiger Technologie, die Daten sammelt und auswertet – kleine Sensoren und Clouds etwa –, können Unternehmen viel besser verstehen, was ihre Kunden brauchen oder wollen. Sie können – wie so oft versprochen – den Menschen tatsächlich in den Mittelpunkt stellen. Dann können sie klare Ziele definieren und Wege, wie sie deren Bedürfnisse und Wünsche befriedigen. Dann verliert die Digitalisierung ihren Sisyphus-Status.

Der Markt verändert sich

Die Technologie kann und wird dabei helfen, sogar wenn wir nicht konkret danach suchen. Künstliche Intelligenz kann Zusammenhänge erkennen, die uns helfen werden zu verstehen. Sie kann zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen Staus auf der Straße und Umsatz sehen, selbst das für den Ladenbesitzer nicht sichtbar ist. Dafür brauchen wir Daten – sauber aufbereitet und immer mit der Prämisse, dass die Privatsphäre der Menschen geschützt ist. Und die können wir bekommen: aus den Maschinenparks, von den Straßen, aus den Böden, Flüssen, Wäldern, der Luft, dem Stromnetz, den Flugzeugen, aus den Laboren.

Diese Antworten werden auch zunehmend eingefordert. Der Markt verändert sich. Durch die Digitalisierung hat sich auf Kundenseite schon mehr getan als auf Anbieterseite: Die Menschen sind durch die verfügbaren Informationen mündiger und gleichzeitig bequemer geworden. Und weil viele digitale Angebote günstiger sind oder nicht mit Geld, sondern mit persönlichen Daten abgegolten werden, hat sich auch die Zahlungsbereitschaft verändert.

Zunehmend steuert nicht mehr das Angebot den Markt, sondern die Nachfrage. Deswegen ist es essenziell, diese Nachfrage zu verstehen. Wenn uns das gelingt, optimieren wir nicht nur den Bestand, sondern können Neues schaffen. Dann sollte uns auch die Digitalisierung nicht mehr aufgrund ihrer Möglichkeiten überwältigen. Dann sind wir resilienter für kommende Krisen.

All das hat das Jahr 2020 noch nicht mit sich gebracht. Allein die vielen Fragezeichen bei Unternehmen rund um die europäische Cloud-Initiative Gaia X zeigt: Viele Unternehmen sehen sie als Möglichkeit, ihre Daten sicher im europäischen Datenraum zu speichern. Aber noch nicht als Chance, einen Teil ihrer Daten mit anderen zu verknüpfen und daraus einen Mehrwert zu kreieren. Nach einem Jahrzehnt der Diskussion um den Nutzwert von Daten sind wir noch nicht weit genug gekommen.

Damit sich Homeoffice nicht als Synonym für Digitalisierung durchsetzt, müssen 2021 die nächsten Schritte folgen. Doch dafür braucht es die Analyse des Mehrwerts für den Verbraucher. Dann könnte 2021 tatsächlich den Durchbruch für die Digitalisierung bringen, über den wir schon so lange sprechen.

Mehr: Blick ins Roboterlabor der Welt – Was sich auch in unserem Alltag durchsetzen könnte

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