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Digitale Revolution

Digitale Revolution Die großen US-Techkonzerne betreiben digitalen Kolonialismus

Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft sind die Gewinner der Coronakrise. Während Unternehmen in vielen Ländern große Schwierigkeiten haben, bauen die Tech-Konzerne ihre Macht mit enormen finanziellen Ressourcen aus. Das hat Folgen für die gesamte Wirtschaft – und Abermillionen Menschen. Ein Essay.
03.06.2020 - 04:00 Uhr 6 Kommentare
Während Volkswirtschaften in aller Welt die schwerste Krise seit Jahrzehnten erleben, koppelt sich eine kleine Gruppe Unternehmen von dieser Entwicklung ab. Quelle: Visum, Reuters, dpa, laif, afp
Tim Cook, Jeff Bezos, Satya Nadella, Mark Zuckerberg, Sundar Pichai (v.l.)

Während Volkswirtschaften in aller Welt die schwerste Krise seit Jahrzehnten erleben, koppelt sich eine kleine Gruppe Unternehmen von dieser Entwicklung ab.

(Foto: Visum, Reuters, dpa, laif, afp)

Es war eine düstere Warnung, die der Internationale Währungsfonds Mitte April aussprach: Der wirtschaftliche Einbruch nach der Coronakrise werde „die schlimmste Rezession seit der Großen Depression“. Weit größere Verwerfungen seien zu erwarten als in der globalen Finanzkrise der 1930er-Jahre, in der weltweit Abermillionen Menschen ihre Jobs verloren.

Am selben Tag verkündete Amazon, in den nächsten Monaten 75.000 Stellen zusätzlich zu schaffen. Bei Facebook sah es ähnlich aus. Wenige Tage zuvor hatte Frontfrau Sheryl Sandberg verkündet: Ihr Netzwerk werde dieses Jahr 10.000 weitere Ingenieure und Produktexperten einstellen.

Während Volkswirtschaften in aller Welt die schwerste Krise seit Jahrzehnten erleben, koppelt sich eine kleine Gruppe Unternehmen von dieser Entwicklung ab: Für die großen amerikanischen Tech-Konzerne Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft, die GAFAM-Firmen, ist die Virus-Pandemie auch eine Erschütterung – nur anders als anderswo eine positive.

Viele traditionelle Konzerne werden – wenn sie überhaupt durchkommen – nach der Krise hochverschuldet sein. Die GAFAM-Unternehmen verfügen zusammen über Bargeldreserven von rund 560 Milliarden Dollar, was ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt Schwedens entspricht.

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    Dieses Geld nutzen sie nun, um ihr Einflussgebiet zu vergrößern. Facebook etwa hat sich gerade für 5,7 Milliarden Dollar an der Digitalsparte des indischen Reliance-Konglomerats beteiligt, die ein schnell wachsendes Mobilfunknetz und verschiedene digitale Unterhaltungsangebote betreibt.

    Mal kaufen die Tech-Riesen andere Firmen, um neue Branchen oder Regionen zu erobern, mal, um Wettbewerber auszuschalten, und dann wieder, um Fachleute an Bord zu holen – es ist das immer gleiche Vorgehen in der GAFAM-Wirtschaft.

    Google hat in den vergangenen zehn Jahren mehr als 120 Firmen übernommen, Facebook knapp 80 und Amazon rund 90. Und während die Pandemie den Rest der Welt verlangsamt, beschleunigen die großen Tech-Konzerne derlei Investitionen sogar. Dieses Jahr haben sie so viele Firmen gekauft wie seit Jahren nicht. Das könnte die Kräfteverhältnisse in der Wirtschaft in den nächsten Jahren gewaltig verschieben.

    Diese GAFAM-Ökonomie profitiert davon, dass die Menschen überall auf der Welt gerade zu Hause sitzen und digitale Dienste nutzen wie nie zuvor. Außerdem zeigt sich in der Krise, wie robust die Geschäftsmodelle der Unternehmen inzwischen sind, zumal sie allesamt auf einer monopolartigen Stellung in ihren Kernmärkten beruhen: Google ist die wichtigste Suchmaschine der Welt, Facebook das größte soziale Netzwerk und Amazon der alles beherrschende Onlinehändler.

    Viele Tech-Aktien wieder auf Vorkrisen-Niveau

    Big Tech wird am Ende der Krise noch größer und mächtiger sein. Die Unternehmen werden noch mehr Daten besitzen und weniger Wettbewerber haben. Gleichzeitig steht zu befürchten, dass sich diese Entwicklung unter eingeschränkter politischer und demokratischer Kontrolle vollzieht, weil Politiker in aller Welt gerade damit beschäftigt sind, ihre traditionelle Wirtschaft zu retten.

    Ein Indiz für diese Entwicklung sind die hohen Aktienkurse der Tech-Konzerne. An der Börse handeln Investoren Erwartungen über die Zukunft, und dort bewegen sich viele Technologiewerte schon wieder auf dem Niveau, das sie vor der Krise hatten. Der GAFAM-Aktienindex hat seit Mitte März um 45 Prozent zugelegt – und erreichte gerade ein neues Allzeithoch.

    Grafik

    In der Coronakrise haben die großen digitalen Spieler ihren Anteil an der Marktkapitalisierung im wichtigen US-Börsenindex S&P 500 auf deutlich über 20 Prozent gesteigert, eine in jüngerer Geschichte einmalige Konzentration, merkten die Banker von Goldman Sachs unlängst an.

    Während traditionelle Konzerne in aller Welt ihre Ausgaben zusammenstreichen und nicht selten Zukunfts- und Innovationsprojekte beenden, schlagen die Tech-Riesen zu, etwa im Medien- und Unterhaltungssektor. Amazon ist nicht nur der größte E-Commerce- und Cloud-Anbieter.

    Amazon zählt mittlerweile auch zu den weltgrößten Medienunternehmen: Sieben Milliarden Dollar hat der Konzern 2019 für Musik, Serien und Filme ausgegeben – und viel davon gleich selbst produziert. Dass die Qualität dieser Produktionen wie auch die erzählten Geschichten mitunter, nun ja, eher blass waren, muss bei Amazon niemanden kümmern. Der Konzern verschenkt die Inhalte ohnehin an seine 150-Millionen Prime-Kunden. Es gilt vor allem, die vielen Mitglieder im eigenen digitalen Ökosystem zu halten, damit sie dort Waren einkaufen.

    Ein ähnliches Bild bei Apple: Abgesehen von einigen Highlights bringt der Konzern ein mäßig attraktives Videoangebot zu Kampfpreisen unter die Leute, das allein schon durch den Zugang zu Abermillionen Nutzern von iPhones, iPads und Apple-Rechnern zu einem der weltweit wichtigsten Unterhaltungsangebote werden dürfte.

    Früher war eine gute Lage in den beliebtesten Fußgängerzonen der Großstädte entscheidend, um neue Produkte und Dienste bei der Kundschaft bekanntzumachen. Heute ist es eine prominente Platzierung auf dem Homescreen des Smartphones. In der Krise hat dieser Bereich bei Apple jedenfalls kräftig zugelegt.

    Lange waren Apple, Netflix und Amazon lediglich die uneinholbaren Marktführer bei Videostreaming. Nun werden sie auch zu dominierenden Film- und Serienproduzenten. Das verschiebt die Kräfteverhältnisse einer Milliardenindustrie. Gut möglich, dass das Disney der Zukunft Amazon oder Apple heißt. Das Original musste in der Coronakrise jedenfalls einen gewaltigen Gewinneinbruch um 90 Prozent verkraften – vor allem wegen gigantischer Verluste bei seinen Freizeitparks.

    Rivalen bleiben auf der Strecke

    So funktioniert die GAFAM-Ökonomie: Die Konzerne machen Gewinne auf Märkten, die sie beherrschen (wie Amazon im E-Commerce oder Google bei der Suche), und diese Monopolrenten nutzen sie, um in neue Branchen vorzustoßen. Das ist der wirtschaftliche Kolonialismus des digitalen Zeitalters: Mit überlegener Technik überrumpeln die Tech-Firmen ehedem eigenständige ökonomische Ökosysteme. Dazu kommt finanzielle Ausdauer. Die Rivalen bleiben dann entweder auf der Strecke oder werden übernommen.

    Für Innovationen ist das nicht nur segensreich. Kaum ein Investor würde Geld in eine junge Firma stecken, die in einem Feld unterwegs ist, in dem auch Google, Apple, Facebook oder Amazon aktiv sind. Und Big Tech ist in immer mehr Feldern aktiv. Am interessantesten sind diejenigen Märkte für die GAFAM-Ökonomie, die bislang wenig digitalisiert sind – und in denen viel Geld zu verdienen ist. Der Gesundheitssektor ist so ein Fall.

    Allein dass eine Einigung von Apple und Google nötig war, um die Hoffnung auf Corona-Apps zu erfüllen, zeigt die Macht und Abhängigkeit moderner Gesellschaften von Big Tech. Die Apps sollen nachvollziehbar machen, ob Menschen Kontakt hatten mit Infizierten. Das geht aber nur, wenn sie die Grenzen der Betriebssysteme Android und iOS überwinden. „Wir alle bei Apple und Google glauben, dass es nie einen wichtigeren Moment gegeben hat, zusammenzuarbeiten, um eines der drängendsten Probleme dieser Welt zu lösen“, ließen die Konzerne die Welt nach einer Einigung wissen.

    Die Rettung der Menschheit vor dem Coronavirus findet nämlich statt in einem Bereich, der als Nächstes der großen digitalen Kolonialisierung zum Opfer fallen könnte. Seit Jahren arbeiten die Technologiefirmen an ihrem Einstieg ins Gesundheitswesen. Google hat es unter anderem (wenn auch wegen der fehlenden Nutzer vergeblich) mit einer Art elektronischer Patientenakte versucht und betreibt mit Verily eine medizinische Forschungsfirma.

    Apple positioniert seine Smartwatch als Gesundheits-Coach und kauft laufend Start-ups in dem Feld. Tueo Health ist so ein Beispiel, dessen Technik Kinder überwacht, die unter Asthma leiden. Doch so richtig gelang Google und Apple der Einstieg in dieses Multimilliardengeschäft nie. Bis jetzt.

    Nun könnten bald Abermillionen Menschen erstmals auch im Gesundheitskontext mit ihren Technologien in Berührung kommen. Die Konzerne können Behörden in aller Welt zeigen, dass sie im Feld der Gesundheit ein verlässlicher Infrastrukturanbieter sind. Regierungen haben sich bei Tech-Firmen schon Hilfe beim Aufbau eigener Corona-Tracking-Apps geholt. Eben waren Kritiker noch in Sorge wegen dem „Überwachungskapitalismus“. Nun starten die Staaten selbst einen Überwachungswettlauf, powered by Big Tech.

    Apple und Google setzten sich bei Corona-App durch

    Der Gesundheitssektor droht auf diese Weise zum nächsten Feld zu werden, das die GAFAM-Konzerne nach ihren Regeln gestalten können. Die Einführung der Corona-App in Deutschland hat die Macht von Big Tech eindrücklich vor Augen geführt: Das Gesundheitsministerium hatte zunächst auf eine Technologie gesetzt, bei der die Nutzerdaten teilweise auf einem zentralen Server der Behörden verwaltet werden. Doch Apple und Google hatten andere Pläne. Sie bewegten sich keinen Millimeter.

    Und so musste die Bundesregierung im letzten Moment einlenken, eine bereits öffentlich verkündete Entscheidung kassieren und umschwenken – auf eine Technik, bei der die Daten der Nutzer weitgehend auf ihren Smartphones verarbeitet werden.

    Nun gibt es gute Argumente für beide Wege, und die Lösung einer Regierung ist natürlich nicht per se die beste. Ungeachtet dessen zeigt der Konflikt um die Corona-App aber, wer sich im Zweifel durchsetzen kann. Das Kräftemessen hat die Bundesregierung klar verloren.

    Mit dem Einstieg ins Gesundheitswesen schließen die Konzerne auch eine letzte große Datenlücke. Denn die Gesundheitsinformationen ihrer Nutzer werden in vielen Ländern immer noch per Papierakte und allenfalls Fax weiterverarbeitet. Doch diese Daten sind wertvoll, wenn es darum geht, ein komplettes Bild der Nutzer zu zeichnen, um ihnen – wie im Fall von Google – auf sie zugeschnittene Werbung zeigen zu können.

    Auch Amazon dürfte ab sofort massenhaft solche Informationen im System haben: Der Alexa-Sprachassistent will Nutzern nämlich helfen, ihre Gesundheitsinformationen zu verwalten. Da ist es sicher kein Zufall, dass der Konzern den Verkauf von Medikamenten gerade erst als neues Wachstumsfeld entdeckt hat.

    Und die Gesundheit ist ja nur eines von vielen Wachstumsfeldern für die Branche.

    Einige Wochen standen wegen der Corona-Pandemie auch die Roboterautos von Googles Schwesterfirma Waymo still. Nun aber treibt der Tech-Konzern die Entwicklung weiter, anders als die klassischen Autohersteller, die jetzt ganz andere Probleme haben. Ihnen sind in der Krise die Einnahmen weggebrochen. Autonomes Fahren, Auto-Betriebssysteme und E-Mobilität: Die Industrie könne nicht gleichzeitig in alle drei Bereiche investieren, klagte vor einigen Wochen Continental-Chef Elmar Degenhart. VW-Vorstand Andreas Renschler schreibt fahrerlose Robotertaxis für dieses Jahrzehnt sogar komplett ab. Und auch Hersteller wie GM und Ford fahren ihre Pläne in dem Feld aus finanziellen Gründen zurück.

    Ganz anders Waymo: Das Unternehmen sammelte gerade 2,25 Milliarden Dollar von Investoren ein – und legt jetzt richtig los.

    Plattformen für den gesamten Alltag

    Es mag sein, dass autonome Fahrzeuge nicht so bald die Straßen beherrschen, wie mancher Technik-Apologet jetzt träumt. Wenn es aber so weit ist, wird das Google-Imperium in einem weiteren Feld führend sein. Und auch Amazon hat die Roboterautos im Blick: Vor wenigen Tagen machten Berichte die Runde, dass der Onlinehändler das mit 3,2 Milliarden Dollar bewertete Start-up Zoox übernehmen will, ein Unternehmen, das sich auf autonome Transporter für Pakete spezialisiert hat.

    Den Tech-Konzernen geht es schon lange nicht mehr nur darum, in einem Sektor zu dominieren. Ziel der GAFAM-Ökonomie ist es, ihre Systeme zu einer Plattform für den gesamten Alltag von Behörden, Krankenhäusern, Unternehmen und letztlich jedem Einzelnen zu machen.

    Amazon ist dabei schon ziemlich weit gekommen. Der Konzern ist mit seinem Sprachassistentin Alexa weiter als die Rivalen Microsoft, Apple und auch Google, der Konzern betreibt das größte digitale Kaufhaus der Welt – und ist zugleich der wichtigste Marktplatz, auf dem andere Händler ihre Waren anbieten. Darüber hinaus betreibt das Unternehmen mit Amazon Web Services (AWS) die wichtigste Cloud-Plattform der Welt, auf der all die anderen Dienste laufen, die in der Krise gefragt sind: Videokonferenztools wie Zoom, Messenger wie Slack, aber auch Anwendungen von Volkswagen, Zalando oder Nike.

    Amazon stellt einerseits die Infrastruktur, die für einen immer größeren Teil der Internetwirtschaft lebensnotwendig ist – und konkurriert gleichzeitig mit vielen dieser Unternehmen auf eben dieser Infrastrukturebene. Der Konzern ist im Internet so etwas wie die Bank im Kasino: Alle spielen – aber am Ende gewinnt immer Amazon.

    Eigentlich wäre das ein Fall für die Kartellwächter. Doch die notwendige Diskussion über die Aufspaltung dieser schnell wachsenden Tech-Konglomerate stockt. In einer Zeit, in der Regierungen in aller Welt vor allem Rettungspakete für den Rest der Wirtschaft schnüren, ist das Thema ein wenig aus dem Blick geraten.

    Wenn diese Krise eines Tages überstanden, die Schuldenberge aufgetürmt und die Zahl der gescheiterten Unternehmen gezählt ist, dann wird sich zeigen, wie mächtig Big Tech geworden ist. In der Wirtschaft, im Bildungssystem, im Gesundheitswesen, im Mobilitätssektor – vor allem aber im Leben eines jeden Nutzers. Es ist eine Macht, die dann immer schwerer zu bändigen sein wird, und die in diesen Tagen gerade wegen ihrer Nützlichkeit von ihren Nutzern noch mächtiger gemacht wird. Sie liefern der GAFAM-Ökonomie nämlich einen zentralen Treibstoff, von dem es lange hieß, er sei das neue Öl: Daten. Nun zeigt sich, dass die Metapher vom neuen Öl so falsch nicht ist, wenn man Daten als Treibstoff versteht, der die Tech-Konzerne bei ihrer Ausbreitung antreibt.

    Preis für Daten müsste sichtbar werden

    Die Coronakrise hat eine Art Zwangsdigitalisierung des Alltags ausgelöst. Die Menschen nutzen so viele digitale Angebote der Tech-Riesen wie nie zuvor. Sie bestellen öfter Lebensmittel übers Netz, kommunizieren mehr digital wie es das Wachstum bei Videokonferenzen zeigt, bezahlen häufiger mit dem Smartphone, und nutzen Angebote wie Google Classroom oder Youtube, damit ihre Kinder überhaupt noch etwas vom Unterrichtsstoff mitbekommen.

    Viele dieser Dienste machen das Leben der Menschen leichter. Doch bei jeder digitalen Interaktion, bei jeder Pizzabestellung, jedem bezahlten Einkauf über Google Pay, ja, schon beim bloßen Wischen über das Smartphone-Display, entstehen noch mehr Daten. Laut einem Report der Bank of America ist deren Menge seit Beginn der Corona-Pandemie um 50 Prozent gewachsen. Diese Daten wiederum helfen den Tech-Konzernen, ihre Dienste zu verbessern, ihre Algorithmen zu trainieren, ihre Kunden besser kennen zu lernen, ihnen passende Werbung auszuspielen, ihnen mehr zu verkaufen – und noch mehr Geld zu verdienen und Konkurrenten zu verdrängen oder zu übernehmen.

    Schon seit einigen Jahren kaufen vor allem Google, Facebook und Amazon überall auf der Welt die besten Experten für Künstliche Intelligenz, Menschen also, die jene Algorithmen programmieren, die einmal den Alltag bestimmen werden. Welche Nachrichten die Nutzer lesen, wie sie zur Arbeit fahren, welche Bewerber zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden – all das wird heute schon von solchen Programmen geregelt.

    In den USA entscheiden sie sogar darüber, wie Schüler auf Schulen verteilt werden und welche Häftlinge auf Bewährung freikommen. Künstliche Intelligenz wird zu einer Art Betriebssystem des Alltags. Und die Organisationen, die dieses Betriebssystem am besten überblicken, sind die GAFAM-Konzerne. Denn keiner investiert so viel Geld in die Technik wie sie.

    Diese Macht zu brechen ist die große Aufgabe für Regulierer in den nächsten Jahren. Denn Monopole nutzen langfristig wenigen und schaden dem Gemeinwohl, sie führen zu überhöhten Preisen und hemmen Innovationen. Die Tech-Firmen sollten dafür in kleinere Einheiten aufgespalten werden. Amazon etwa könnte das Cloud-Geschäft an die Börse bringen. Facebook wiederum WhatsApp verkaufen.

    Am wichtigsten aber ist, dass das Eigentumsrecht an den Daten künftig nicht bei den Konzernen liegt, sondern bei den Nutzern. Sie sollten sämtliche Informationen über sich jederzeit zu anderen Anbietern mitnehmen, löschen – oder verkaufen können. Es wäre nun an der Zeit, dem Vorstoß zweier US-Senatoren zu folgen, die im vergangenen Jahr eine einfache Forderung hatten: Zwingt die Konzerne, den Daten einen Preis zu geben. Das wäre ein guter erster Schritt, weil dann viele Menschen verstehen würden, was ihnen die Tech-Konzerne schuldig sind. Denn das dürfte weit mehr sein als ein kostenloses E-Mail-Postfach.

    Big Tech sollte wie alle anderen für ihr Öl bezahlen müssen. Denn so wie das echte Öl Auswirkungen auf die Umwelt hat, für die lange niemand aufkommen musste, bis Emissionen einen Preis bekommen haben, ist es auch mit den Daten: Erst wenn ihre Kosten für den Wettbewerb und die Gesellschaft sichtbar und eingepreist sind, lassen sich auch die Lasten angemessen verteilen.

    Mehr: Aufstand gegen Zuckerberg: Facebook-Mitarbeiter fordern mehr Mut gegen Trump

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    6 Kommentare zu "Digitale Revolution: Die großen US-Techkonzerne betreiben digitalen Kolonialismus"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Wie ich finde ein sehr guter und qualifizierter Artikel, der das Gesamtproblem beschreibt.

      Staatliche Aufgaben sind u.a. Infrastruktur zu schaffen und vorzuhalten. Es sollten nicht nur Straßen, Schulen, Eisenbahnschienen u.ä. sein, sondern die wichtigste ist die digitale Infrastruktur, denn nur so können wir unsere Bedürfnisse befriedigen und auch schützen. Das wäre mal ein vernünftiges europäisches Projekt und nicht Vergemeinschaftung der Staatsschulden.
      Vielleicht bekommt Herr Altmaier gegen Ende seiner politischen Karriere doch noch ein nachhaltig wichtiges Projekt umgesetzt - wünschen würden wir es ihm und uns.

    • MIr ist 100 Mal lieber die Tech Giganten haben meine Daten als die Regierungen.
      Wenn wir auf die Regierungen warten würden dann würde wir noch heute mit Felljacken rumlaufen und um ein Lagerfeuer in Höhlen sitzen. Die Fehlallokation von Kapital ist generell unfassbar sobald irgend welche Regierungsbeamte, die noch nie auch nur eine Minute selbststandig ihr Geld verdienen mußten wichtige Entscheidungen für die Masse zu treffen. Wo wären all die kleinen Unternehmen, die plötzlich im Stande sind über Amazon Ihre Waren weltweit zu verkaufen?? Oder ich auf dem Land lebend binnen Minuten die ausgefallendsten Artikel ordern kann, die der Einzelhandel nicht einmal annähernd besorgen könnte.
      Wenn diese Giganten in Zukunft faire Steuern bezahlen werden, haben wir ein System das für den Normalverbraucher besser nicht sein könnte.
      Diese ewige Jammerei über die Effizienz dieser Unternehmer die dem Normalverbraucher so viel Erleichterungen gebracht haben nervt.
      Ich ziehe meinen Hut vor Leuten wie Jeff Bezos, Elon Musk und die Gründer von Google.
      Sie sind es de die Welt voranbringen und nicht die Tausenden von Regierungsbeamten.
      Wenn der uneffiziente Einzelhandel dabei geschwächt hat ist das ein Preis der unumgäglich ist.
      WIe viel Unternehemen soll der Steuerzahler denn noch künstlich erhalten.
      Der Staat fängt dese Leute sowieso mit dem dichtesten Sozialnetz des Planeten auf.
      DIe Kinder dieser Leute gehen dann auf die Uni und werden IT Spezialisten. 120,000 Leut fehlen momentan nur in Deutschland. Das ist der Beruf der Zukunft, nicht Literaturgeschichte. Jeff Bezos wartet auf diese Programmierer.

    • Gut auf den Punkt gebracht, Danke!

    • Wunderbarer Artikel, Danke.

    • Da ist doch die Altmaierinitiative die richtige Antwort.... nivht gewinnorientiert...das hätte eine Chance......

    • Wer jemals eine App selber geschrieben hat, der weiß wie man selbst mit Freeware Tools wie z.B. Apache Cordova, Unmengen an Tools an die Hand bekommt, um einen Handy Benutzer auszuspähen. Dabei sind die Handy Daten an sich noch harmlos aber in Verbindung mit den vielen anderen Daten, die diese Tech Giants haben eben doch, Deswegen kann ich dieser verkürzte Debatte um 5G und Huawei überhaupt nicht verstehen. Ist das auf der Amerikanischen Seite mit NSA und den oben genannten Tech Giganten irgendwie besser. Snowdons Antwort dazu war eindeutig. Wir müssen erkennen, das weder China noch die USA unserer Souveränität akzeptieren. Wir müssen um sie kämpfen sonst gehen wir unter!

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