Digitale Revolution: Diese chinesische Firma hat mit Drohnen den Massenmarkt erobert
Journalisten fotografieren die Drohne „Inspire 1“ der Firma DJI.
Foto: dpaShenzhen. Ganze 750 Tonnen Geröll krachten herunter. Beim Großbrand der Kathedrale Notre-Dame in Paris Mitte April 2019 stürzte der hölzerne Dachstuhl aus 1300 Eichenbalken ein, das Bleidach schmolz dahin, die Turmuhr erlitt einen Totalschaden. Bodenpersonal wurde untersagt, die Ruine zu betreten, weil sie als zu instabil galt.
Um den genauen Schaden zu ermitteln, setzten die französischen Behörden stattdessen Drohnen des chinesischen Herstellers DJI ein. Die Fluggeräte mit den integrierten Kameras sammelten Hunderte Stunden an Videomaterial, kundschafteten die verbliebenen Strukturen aus, suchten nach noch schwelenden Brandherden und erstellten 3D-Karten der Ruine.
„Wir haben erst später erfahren, welch hilfreiche Rolle wir dabei gespielt haben“, sagt Paul Pan, Senior-Produktmanager bei DJI. Den Satz, das Unternehmen habe erst im Nachhinein erfahren, wofür die Kunden seine Produkte noch verwenden, hört man immer wieder.
Denn DJI ist jung und teilweise so rasant gewachsen, dass es manchmal von seinem eigenen Erfolg überholt wurde. Innerhalb eines Jahrzehnts mauserte sich der Komponentenhersteller mit einer Kombination aus technologischer Innovation, Zeitgeist und Standortvorteilen zum Marktführer der zivilen Drohnen-Branche. 2016 machte DJI nach eigenen Angaben 1,5 Milliarden Dollar Umsatz, 2017 konnte es diesen auf 2,8 Milliarden Dollar fast verdoppeln. Seither aber hüllt sich das Unternehmen in Schweigen. Der geschätzte Marktwert der Firma beläuft sich auf 15 Milliarden Dollar.
DJI steht für den Erfolg der chinesischen Technologiebranche. Es sind nicht länger vor allem Firmen aus Nordamerika und Europa, die bahnbrechende Produkte entwickeln und global ausrollen. Unter die neuen Technologiestars mischen sich immer mehr Konzerne aus der Volksrepublik. Und DJI ist erst der Anfang. Die Zeit der billigen Produzenten aus Fernost, die Spitzentechnik kopieren, statt selbst zu entwickeln, geht zu Ende.
Vor dem Siegeszug der Firma aus Shenzhen waren Drohnen etwas für Spezialisten. Sie waren teuer und unhandlich. DJI machte sie zu einem Massenprodukt für Privatleute. Heute kann sich jeder Hobbypilot eine Drohne anschaffen. „Wir haben im Grunde die Produktkategorie ‚zivile Drohnen‘ erfunden“, sagt Pan. Ein gewaltiger Erfolg für DJI – und auch ein Symbol für die wachsende Bedeutung chinesischer Konzerne.
Zuletzt zog der Erfolg des Konzerns aber auch das Misstrauen der amerikanischen Behörden auf sich, die unter anderem befürchten, dass mit den fliegenden Objekten und ihren hochauflösenden Kameras Datensammlung und Spionage im Auftrag der chinesischen Regierung betrieben werden.
DJI, kurz für Da Jiang International Sciences and Technology, wurde 2006 von einem Ingenieur namens Wang Tao in der südchinesischen Küstenmetropole Shenzhen gegründet. 2012 brachte die Firma seine erste Drohne auf den Markt; inzwischen verkauft sie ihre Produkte in mehr als 100 Länder und beschäftigt nach eigenen Angaben rund 14.000 Mitarbeiter an 17 Standorten.
Die Größe des Marktes, den DJI mit seinen zivilen Drohnen zurzeit bedient, schätzt die Beratungsfirma Drone Industry Insight (DroneII) für 2019 auf 20 Milliarden Dollar. Bis 2024 soll er sich auf sogar 43 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln.
„Eigentlich hat DJI momentan keinen Konkurrenten, der einen ähnlich hohen Marktanteil hat“, sagt Kay Wackwitz, Gründer von DroneII. Um zu begreifen, wie groß die Dominanz des chinesischen Herstellers ist, muss man nur auf seinen Marktanteil in den USA schauen: Mit 77 Prozent liegt Primus DJI weit vor dem US-Konzern Intel, der mit 3,7 Prozent den zweiten Platz belegt.
Schon früh meisterte DJI in zweierlei Hinsicht eine Disziplin, die sowohl fürs Fliegen als auch Filmen ausschlaggebend ist: Stabilität. Einmal durch das sogenannte „Hovering“, womit man die Fähigkeit einer Drohne bezeichnet, trotz unterschiedlicher Luftströmungen an einem Punkt in der Luft zu schweben. Und zum anderen mit gut gebauten „Gimbals“, sogenannten kardanischen Aufhängungen, die es ermöglichen, die an den Drohnen angebrachten Kameras ohne Wackler zu drehen.
„Wenn man eine DJI-Drohne im eigenen Haus herumfliegen lässt, dann liegt das Gerät gut in der Luft. Nichts geht kaputt. Das ist bei den Konkurrenten anders“, sagt Lanier Watkins, der an der renommierten Johns Hopkins University in Baltimore über kritische Infrastruktur und Netzwerk-Sicherheit von Drohnen forscht.
Wie wichtig gute Gimbals sind und wie groß der Bedarf für Filmdrohnen war, bemerkte das DJI-Team während eines Gesprächs mit einer neuseeländischen Vertragshändlerin im Jahr 2010. Sie erzählte, dass 95 Prozent ihrer Kunden die gekauften Gimbals dazu nutzen, sie an Drehflüglern zu befestigen, um daran eine Kamera zu installieren.
Bis DJI diese Erkenntnis in ein Produkt umsetzen konnte, dauerte es noch zwei Jahre. 2012 begann dann der Erfolgszug, als die erste DJI-Drohne der Serie Phantom auf den Markt kam. Im Oktober 2013 folgte die Phantom 2 Vision als erste Drohne mit einem Gimbal, auf den die Kunden ihre eigenen Kameras installieren konnten.
Dabei schaffte es DJI früh, fortschrittliche Technik mit einer nutzerfreundlichen Handhabung zu einem günstigen Preis zu entwickeln, während Konkurrenten wie 3D Robotics Schwierigkeiten mit der Qualität ihrer Gimbals hatten und bei den Drohnen von GoPro schon mal mitten im Flug die Batterie herausfiel.
Beliebt an Filmsets
2015 begann DJI dann auch, Gimbals für Kameras und Smartphones herauszubringen. Schon bevor die Stabilisatoren-Serien Ronin und Osmo auf den Markt kamen, wurden DJIs Gimbals in der Kamera-Fachwelt für ihre Fähigkeiten geschätzt. Er habe einmal eine DJI-Drohne gekauft, um sie an ein Auto zu montieren und stabile Fahrtbilder zu machen, erzählte ein Kameramann. Geschichten wie diese, so Wackwitz, gebe es zuhauf.
Fachleute wie auch Laien loben DJI dafür, bedarfsgesteuert zu sein und praktikable Lösungen anzubieten. Als Pan ein Filmset besuchte, bemerkte er zum Beispiel, dass beim Linsenwechsel die Stabilisatoren immer wieder neu zeitaufwendig eingestellt werden mussten. Danach setzte er sich in seine Werkstatt und fand einen Weg, diesen Vorgang auf 30 Sekunden zu verkürzen. Für eine Filmproduktion, wo Zeit Geld ist, sind solche Verbesserungen extrem wertvoll.
Die Nachricht, dass es eine relativ preisgünstige, leicht zu bedienende Filmdrohne gibt, sprach sich auch bei den sogenannten Content Creators schnell herum. Die jungen Youtube- und Instagram-Stars produzieren ihre Programme oft selbst oder mit einem kleinen Team. Für sie sind Geräte, mit denen man für wenig Geld spektakuläre Hochglanzbilder produzieren kann, sehr attraktiv. Und was die Stars benutzen, wollen ihre Fans natürlich auch besitzen. 2015 kam mit der Phantom 3 ein Produkt auf den Markt, das auch für Normalverbraucher erschwinglich war.
Ungefähr zu dieser Zeit begann DJI auch damit, mehr Ressourcen in Kameras zu investieren. 2016 erwarb DJI zuerst einen Minderheits-, und ein Jahr später dann einen Mehrheitsanteil am schwedischen Kamerahersteller Hasselblad.
Pan erklärt DJIs Strategie, möglichst alle Aspekte des Produkts innerhalb der eigenen Firma zu entwickeln, damit: „Wir wollen sicherstellen, dass alle Komponenten reibungslos im System integriert sind.“ Das mache DJI von Zulieferern weitestgehend unabhängig und sei neben dem kompetitiven Preis und der guten Qualität der Produkte DJIs schlagender Vorteil, sagt Wackwitz.
Inzwischen versucht das Unternehmen, neue Konsumentengruppen zu erschließen. Mit dem faltbaren Mavic Pro begann DJI, weibliche Nutzer und Familien anzusprechen. Tello wiederum ist eine Drohne, die vor allem an Kinder gerichtet ist.
Ein weiterer Vorteil in der Entwicklung ist DJIs Standort: Shenzhen hat sich einen Ruf als Silicon Valley des Ostens erarbeitet und zieht Talente aus ganz China und der Welt an. Außerdem habe die Stadtregierung mit Räumlichkeiten, Miete und Steuervergünstigungen ausgeholfen, erzählt Pan.
Das Attraktivste an der Stadt sei jedoch ihre enge Vernetzung mit den Hightech-Lieferketten und Produktionsstätten. Man könne so die vertikale Integration der Systeme vorantreiben und eine hohe Umschlagsquote in der Forschung und Entwicklung erreichen, sagt Pan.
„Wenn ich an einem neuen Produkt arbeite, kann ich mein Design an eine Fabrik schicken und bekomme innerhalb von fünf Tagen ein Muster zurück“, erzählt er. In den USA, wo er früher beschäftigt war, dauerte so etwas mehrere Wochen oder gar Monate, und man musste für die Dienstleistung zahlen.
„Hier unterbieten sich die Fabriken gegenseitig, um den Auftrag zu bekommen. Und die Qualität der Muster ist meistens besser“, sagt er. Natürlich, gibt er zu, sei dabei auch die Quote der Versuche und Fehler höher. Rund 25 bis 30 Prozent des Umsatzes werden nach Unternehmensangeben in Forschung und Entwicklung gesteckt.
Wettbewerber kommen bei DJIs Geschwindigkeit oft nicht mit. Während sich das chinesische Unternehmen innerhalb eines Jahres oft mit eigenen Produkten aus unterschiedlichen Serien interne Konkurrenz macht und die eigenen Preise unterbietet, setzen amerikanische oder europäische Firmen oft nur auf ein Modell. 2016 gab Jeevan Kalanithi, der ehemalige Präsident des Drohnenherstellers 3D Robotics, in einem internen Schreiben an seine Mitarbeiter zu, mit einem einzigen Produkt bei der Preisschlacht nicht mithalten zu können.
Nun aber wird DJIs chinesische Herkunft, die dem Konzern bisher so viele Wettbewerbsvorteile verschafft hat, zu einer immer größeren Last. Bereits 2017 hörte die amerikanische Armee auf, Produkte des chinesischen Unternehmens zu verwenden, weil diese angeblich Sicherheitsrisiken aufwiesen. Damals gab DJI zu, dass Chinas Behörden Zugriff auf die von den Drohnen generierten Daten hatten. In dem Falle, so betonte die Firma, würden aber die Nutzer darüber informiert werden.
Um die zahlreichen Sicherheitsfragen zu adressieren, rief DJI 2017 ein sogenanntes Bug-Bounty-Programm aus. Wer Lücken ausfindig machen konnte, wurde belohnt. Tatsächlich sei es „ziemlich leicht“, eine DJI-Drohne zu hacken, solange sie Wi-Fi benutze, sagt Watkins. Auch er machte damals beim Programm mit und reichte Verbesserungsvorschläge ein.
„Am besten wäre es, wenn DJI den Kunden ermöglichen würde, ihre Kamera-, Mikrofon- oder Ortungsdaten zu verschlüsseln und nur diese den Schlüssel dazu besäßen“, sagt er. Bisher aber geschieht das nicht automatisch. Wer die eigenen Daten vor illegalen Übertragungen schützen möchte, dem gibt die Firma stattdessen Anleitungen.
„Das Unternehmen ist ziemlich ehrlich bei der Frage, was es besser machen kann und wo ihm die Hände gebunden sind“, sagt Watkins. Zum Beispiel könne man die Datenübertragung zwischen der Drohne und dem Smartphone noch sicherer machen, indem man statt Wi-Fi Radiofrequenzen nutzen würde. Aber dafür müssten die Smartphone-Hersteller mitspielen und ihre Geräte entsprechend ausstatten. Anders als seine Rivalen, so Watkins, versuche DJI aber, die meisten seiner Programm-Bugs zu lösen.
In den sozialen Medien in China kursiert seit einigen Monaten der Witz, dass die USA keinen Handelskrieg und Tech-Wettkampf mit China, sondern nur mit den in Shenzhen ansässigen Firmen wie Huawei, DJI oder dem Biotech-Start-up iCarbonX führen. „Wer nicht ins Visier gerät, der hat bloß keine international wettbewerbsfähigen Produkte hergestellt“, scherzen die Internetnutzer.
US-Flugverbot für Drohnen
Doch die Zahl der Vorwürfe gegen DJI nimmt zu. Im Mai 2019 warnte das amerikanische Sicherheitsministerium, dass in China hergestellte Drohnen sensible Daten nach China versenden. DJI bestreitet diese Vorwürfe. Wie auch im Falle des umstrittenen Tech-Konzerns Huawei legten die amerikanischen Behörden bisher keine konkreten Belege für ihre Anschuldigungen öffentlich vor.
Ende Oktober ordnete das amerikanische Innenministerium ein Flugverbot für seine 810 Drohnen an. Mindestens 15 Prozent, so berichtet das „Wall Street Journal“, stammten von DJI. Der Grund: Die Amerikaner befürchten, dass in China hergestellte oder mit chinesischen Komponenten ausgestattete Drohnen zur Spionage genutzt werden können und somit eine Bedrohung der nationalen Sicherheit darstellen.
Schon vor drei Jahren war DJI in Schwierigkeiten geraten, als ein Firmensprecher gegenüber dem Handelsblatt und anderen Medien eingeräumt hatte: „Wir haben den Regulatoren gesagt, dass wir bereit sind, unsere Daten mit ihnen zu teilen.“ Unter Umständen hätten damals Daten, die mit Drohnen in Deutschland aufgezeichnet wurden, in Peking landen können. DJI hat diese Praxis nach eigenen Angaben mittlerweile verändert.
Ein Sprecher des Außenministeriums in Peking sagte, China hoffe, dass die US-Regierung aufhören werde, „das Konzept der nationalen Sicherheit zu missbrauchen“. Chinesische Firmen dürften nicht diskriminiert werden. DJI erklärte dazu, dass man das US-Innenministerium bei der Untersuchung unterstütze und hoffe, dass die Drohnen bald wieder ihre Arbeit aufnehmen können.
Um die Bedenken der amerikanischen Regierung zu minimieren, hatte DJI bereits im Sommer vorgeschlagen, einen Teil seiner Drohnen in den USA zusammenzubauen und eine sogenannte „Government Edition“ mit speziellen Sicherheitsvorkehrungen anzubieten.
Eine US-Sanktion würde DJI empfindlich treffen, glaubt Wackwitz. „Das ist aktuelle US-Politik. Man versucht, Gründe zu finden, um Produkte vom Markt zu drängen oder zumindest unattraktiv zu machen.“ Die USA seien noch immer DJIs größter und wichtigster Markt, gibt das Unternehmen zu, auch wenn man vor allem in Asien derzeit rasant wächst. Um noch Schlimmeres zu verhindern, gab DJI im dritten Quartal rund 200.000 Dollar für Lobbyarbeit in den USA aus. Noch ist unklar, ob sich diese Investition für das Unternehmen gelohnt hat und es auch in Zukunft noch so rasant wachsen kann.
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