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Digitale Revolution

Digitale Revolution Gesichtserkennung trotz Motorradhelm: Russische Firma liefert den Algorithmus für den Überwachungsstaat

Die russische Sicherheitsfirma NtechLab gehört zu den Vorreitern bei der Gesichtserkennung. Die Technologie ist revolutionär – und gefährlich.
13.11.2019 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Vor allem die russische Polizei interessiert sich für den NtechLab-Algorithmus. Quelle: ntechlab
Metro-Station in Moskau

Vor allem die russische Polizei interessiert sich für den NtechLab-Algorithmus.

(Foto: ntechlab)

Moskau Unten am Eingang steht der Wachmann. Wie vor allen russischen Bürogebäuden, öffentlichen Institutionen, ja selbst vor Schulen oder Kliniken. Im vierten Stock jedoch begegnet man in diesem Gebäude nahe der zentralen Moskauer Metrostation Belorusskaja der Zukunft: Ein Scanner führt an der gläsernen Büro-Eingangstür die „Fejskontrol“ bei NtechLab durch. „Unsere Mitarbeiter erkennt das Gerät in jeder Verkleidung, ob mit Sonnenbrillen, hochgezogenem Schal oder wucherndem Vollbart“, sagt Generaldirektor Alexander Minin stolz.

Mit Gesichtserkennung ist NtechLab bekannt geworden. Im Winter 2016 ließ der Algorithmus „FindFace“ des NtechLab-Gründers Artjom Kucharenko bei einem internationalen Wettbewerb zur Wiedererkennung von Fotos im Internet das Konkurrenzprogramm von Google alt aussehen. Für NtechLab-Chef Minin ist das schon Schnee von gestern. Längst habe die Firma bei weiteren Ausschreibungen Preise gewonnen, sagt er und verweist stolz auf die Urkunden an der Wand. „Der Kampf um die Spitze wird von Unternehmen aus China, Russland und teilweise Israel geführt“, sagt Minin.

Tatsächlich sind Sensetime und Yitu aus China oder Anyvision aus Israel zwar noch keine weltweit bekannten Marken, doch auf dem Markt digitaler Sicherheitstechnologien internationale Spitze. Amerikaner und Europäer hingegen sind laut Minin wegen ihrer Gesetzgebung und ihrer „Vorstellung vom Schutz persönlicher Daten“ auf dem Gebiet Nachzügler.

Elektronische Gesichtserkennung wird bereits jetzt breit angewendet, sei es auf dem Flughafen bei der Passkontrolle oder auch bei Zugangskontrollen zu sensiblen Daten. Das für NtechLab allerdings wichtigere Geschäftsfeld liegt in der sogenannten nicht kooperativen Erkennung, wenn die Person nicht direkt ins Objektiv schaut, halb verdeckt ist, die Kamera weit entfernt und Wetter und Beleuchtung schlecht. „Hier liegt die Zukunft, hier gibt es große Projekte“, schwärmt Minin.

Das sieht die staatliche Rüstungsholding Rostech ähnlich, die sich 2018 bei NtechLab einkaufte. „Wir haben eine Weltmarktanalyse durchgeführt und schätzen das Potenzial der Kapitalisierung eines Unternehmens, das über solche Technologien verfügt, in den nächsten fünf Jahren auf eine Milliarde Dollar“, sagte der für Spezialaufgaben zuständige Rostech-Direktor Wassili Browko. 

Die Technologie funktioniert so: Sie greift die vorhandenen Bilder einer Kamera ab und sucht das beste heraus. Daraus erstellt sie im nächsten Arbeitsschritt ein digitales Abbild. Für jeden Menschen ist dieser digitale Code einmalig. In einem dritten Schritt wird dieser Code dann in einer Datenbank eingespeichert, die allerdings laut NtechLab außer den Gesichtscodes keine persönlichen Daten enthält.

Zu den Details der Wiedererkennung macht das Unternehmen keine Angaben. Doch das System nimmt nicht nur lineare Vermessungen wie den Augenabstand vor, sondern erkennt und registriert auch Hautbeschaffenheiten und andere Merkmale. Daher ist der Algorithmus auch von der Qualität der Fotografie abhängig. Je besser das Foto, desto mehr Details kann das System in die Berechnung einbeziehen. „Derzeit können wir Gesichter erkennen, die zu 40 Prozent verdeckt sind, selbst im Motorradhelm erkennen wir sie wieder“, sagt Minin.

Polizei nutzt den NtechLab-Algorithmus

Interessant ist das in erster Linie für die Polizei. Die russischen Sicherheitsorgane haben den NtechLab-Algorithmus bereits in ihr Überwachungssystem aufgenommen. Etwa 170.000 Kameras sind an das Videoüberwachungssystem in Moskau angeschlossen; in praktisch jedem Hauseingang und Hinterhof, in Parks und öffentlichen Gebäuden gibt es sie. Laut Rostech-Chef Sergej Tschemesow, ein langjähriger Vertrauter Wladimir Putins aus gemeinsamen Agententagen, sind derzeit bereits 1500 von ihnen mit der NtechLab-Technologie ausgestattet.

Medienberichten zufolge sollen bis Jahresende die übrigen Kameras ebenfalls an das System angeschlossen werden. Mittels der FindFace-Funktion können diese Kameras nun Straftäter auf der Straße leichter wiedererkennen – oder Demonstranten identifizieren, wie die Polizei bei den jüngsten Protesten in Moskau mit ihrer anschließenden schnellen Strafverfolgung unter Beweis stellte.

Doch gegen „Big Brother“ regt sich in Russland Widerstand: Die Moskauerin Aljona Popowa hat im Oktober Klage eingereicht: Die Gesichtserkennung im städtischen Videoüberwachungssystem verstoße gegen ihr Recht auf Privatsphäre, argumentiert sie. Popowa hatte im April 2018 eine Mahnwache vor der Staatsduma gehalten und wurde deswegen zu einer Ordnungsstrafe von umgerechnet knapp 300 Euro verurteilt. Während des Prozesses hatte das Gericht auch Aufnahmen von Überwachungskameras genutzt, auf denen das Gesicht Popowas fixiert und vergrößert worden war. Diese allgemeine und ständige Überwachung aller Moskauer sei von der Verfassung nicht gedeckt, so Popowa.

Die NGO „Roskomswoboda“ unterstützt Popowa beim Prozess und hat zugleich eine Unterschriftensammlung zum Verbot der Gesichtserkennungstechnologien gestartet. Die russische Obrigkeit habe die Rechte der Bürger auf freien Briefwechsel durch die Kontrolle der Server schon stark eingeschränkt. Wenn nun auch noch die völlige Videoüberwachung dazukomme, sei der Überwachungsstaat Realität, meint Roskomswoboda-Jurist Sarkis Darbinjan.

Seitenhieb gegen die US-Konkurrenz
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1 Kommentar zu "Digitale Revolution: Gesichtserkennung trotz Motorradhelm: Russische Firma liefert den Algorithmus für den Überwachungsstaat"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Muss ja so sein, da die Technik aus Russland kommt.
    Wie würde die Überschrift lauten wenn diese technik aus USA; Deutschland usw. käme.
    Und überwacht werden wir so oder so.

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