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Digitale Revolution

Digitale Revolution Joby Aviation, Volocopter, Lilium: Diese Flugtaxi-Firmen drängen auf den Markt

Joby Aviation und Lilium sind die größten Wetten der Investoren. Doch eine Studie sieht auch andere Technologieführer – etwa das deutsche Volocopter.
03.02.2021 - 04:00 Uhr 3 Kommentare
Weltweit arbeiten nach Expertenschätzungen über 200 Firmen an dem Thema. Quelle: Lilium
Flugtaxi von Lilium

Weltweit arbeiten nach Expertenschätzungen über 200 Firmen an dem Thema.

(Foto: Lilium)

Düsseldorf, Frankfurt Im Wettstreit um die Führung bei Flugtaxen hat die finale Runde begonnen. Im vergangenen Jahr floss mehr als eine Milliarde Dollar Risikokapital in den Zukunftsmarkt, deutlich mehr als je zuvor. Jetzt bereiten sich die Start-ups intensiv auf den Marktstart vor – mit ersten Zulassungsanträgen für ihre Fluggeräte und dem Aufbau der notwendigen Infrastruktur.

Eine Studie des Lufthansa Innovation Hubs, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, sieht das amerikanische Jungunternehmen Joby Aviation ganz vorne bei der Marktfähigkeit. Es überzeugt mit starker Kapitalisierung und weltweit gut gesicherten technischen Patenten.

Auch die beiden deutschen Unternehmen Lilium und Volocopter mischen vorne mit, wenn auch mit Abstrichen in verschiedenen Kategorien. „Volocopter und Lilium haben eine extrem hohe technische Relevanz im Markt“, sagt Mitautor Lennart Dobravsky und resümiert: Das funktionierende Fluggerät stehe vor dem Durchbruch.

Die Vision, mit elektrischen Vier- oder Fünfsitzern senkrecht zu starten und zu fliegen – im Fachjargon eVTOL genannt –, wurde über Jahre immer wieder als Utopie abgetan. Dennoch haben zahlreiche Luftfahrtbegeisterte und Entwickler nicht davon abgelassen.

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    Weltweit arbeiten nach Expertenschätzungen über 200 Firmen an dem Thema. Dazu zählen rund 150 Start-ups und das bereits börsennotierte Ehang aus China. Aber auch die etablierten Luftfahrtkonzerne Boeing und Airbus arbeiten an solchen Flugvehikeln, zudem interessieren sich Autohersteller für das Thema.

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    Manfred Hader, Partner der Beratungsgesellschaft Roland Berger, kalkuliert das Marktpotenzial bis 2050 in einer jüngst publizierten Studie auf jährlich 90 Milliarden US-Dollar: „Wir schätzen, dass 2050 etwa 160.000 kommerzielle Flugtaxis in der Luft sein werden.“

    Bemühungen um Zulassung

    Bei Lilium und Volocopter sind die Vorbereitungen auf den Marktstart schon zu beobachten. Lilium hat vor wenigen Tagen eine Partnerschaft mit dem Infrastrukturbetreiber Ferrovial geschlossen, um in Florida zehn Vertiports zu errichten, „Flughäfen“ für die Lilium-Jets.

    „Wir werden dort in zehn Jahren ein geschlossenes Hochgeschwindigkeitsnetz haben, wofür man auf der Schiene wahrscheinlich Dekaden brauchen würde“, sagte Lilium-CEO und -Mitgründer Daniel Wiegand. Auch mit deutschen Städten gebe es Kooperationen, weitere würden in diesem Jahr folgen. „Unser Ziel ist es, Ende 2023 in den USA und in Europa die Zulassung zu bekommen. Dann könnten wir 2024 die ersten Kunden befördern.“

    Volocopter hat im Dezember bei der amerikanischen Luftaufsichtsbehörde FAA die Zulassung des VoloCity-Taxis beantragt, parallel läuft die Musterzulassung bei der europäischen EASA. „Wir gehen bisher davon aus, dass wir die Zulassung bis Ende 2022 bekommen werden“, sagt Volocopter-CEO Florian Reuter. Der ADAC hat bereits zwei Fluggeräte bestellt.

    In Singapur hat sich das Jungunternehmen Gelände für Volo-Ports gesichert und baut ein Team auf. In Europa will man bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris erste Flüge anbieten. „Volocopter ist der ausgewählte Partner für die erstmalige Implementierung von Flugtaxen, auch wenn dort andere Anbieter wie Ehang mit einer Teilnahme am Testfeld werben“, so Reuter.

    Joby wiederum hat sich gerade mit der Übernahme von Uber Elevate noch mal deutlich verstärkt, den Lufttaxi-Aktivitäten des Mobilitätsdienstleisters Uber. Zuvor hatte die US Air Force dem Unternehmen ein Lufttüchtigkeitszertifikat erteilt. Das ist zwar noch nicht vergleichbar mit der offiziellen Zertifizierung durch die FAA, aber ein wichtiger Schritt Richtung Markteinführung.

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    Doch bis dahin wird noch viel Kapitaleinsatz nötig sein. Seit Kurzem kursieren Gerüchte, dass Joby Aviation über einen SPAC-Börsengang nachdenkt. „Special-purpose acquisition companies“ sind leere Mantelgesellschaften, die erst an der Börse Kapital einsammeln und dann ein Unternehmen übernehmen.

    Laut den Marktforschern der Gartner Group könnte auch das deutsche Lilium diesen Weg einschlagen. Bestätigt wurden solche Pläne aber bisher von keiner der Firmen. Nur so viel: „Die elektrischen Senkrechtstarter sind in der Mitte des Finanzmarktes und auch der Luftfahrt angekommen“, sagt Daniel Wiegand von Lilium: „Das ist auch gut so. Wir wünschen uns ein Ökosystem, der Markt ist zu groß für nur einen Anbieter.“

    Joby Aviation, Lilium und Volocopter im Vergleich

    Die Wettbewerber positionieren sich zudem mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen, die Implikationen für die Gestaltung der Fluggeräte haben.

    Der Lilium-Jet soll längere Strecken bis zu 300 Kilometer bedienen – ICE-Strecken, wie CEO-Wiegand sagt: „Wir haben festgestellt, dass Zeitersparnis entscheidend für die Nutzung von Flugtaxen ist. Diesen Vorteil kann man am besten auf längeren Strecken ausspielen.“

    Deshalb hat der Lilium-Jet eine deutlich komplexere Konstruktion als die der meisten Wettbewerber. Der Jet hat Flügel für den Gleitflug. Die 36 elektrisch betriebenen Propeller werden für den Senkrechtstart nach unten geklappt und gehen danach wieder in die Horizontale für den Vortrieb.

    Volocopter setzt auf kürzere Strecken, etwa vom Flughafen in die Innenstadt oder zum Messegelände. „Wir sehen in den Metropolen aktuell die größte Nachfrage“, sagt CEO Reuter. „Wir haben drei Zielgruppen: den Geschäftskunden, der es eilig hat, die Touristen, die zum Beispiel gern mal Helikopterangebote buchen, und langfristig auch die Berufspendler.“

    Deshalb hat sich das Unternehmen für einen sogenannten Multicopter entschieden. 18 Elektromotoren treiben ringförmig angeordnete und fest installierte Propeller an. „Unser VoloCity Multicopter ist auf viele vertikale Starts und Landungen ausgelegt mit kurzen Gleitstrecken dazwischen und hier besonders effizient“, erklärt Reuter.

    Ein Flugtaxi des deutschen Start-ups bei einer Demonstration in Singapur im Oktober 2019. Quelle: Reuters
    Volocopter

    Ein Flugtaxi des deutschen Start-ups bei einer Demonstration in Singapur im Oktober 2019.

    (Foto: Reuters)

    Das Geschäftsmodell von Joby Aviation ist bisher nicht so ganz klar. Das Fluggerät des Unternehmens soll extrem leise sein, besitzt sechs elektrisch betriebene Propeller, soll bis 320 Stundenkilometer schnell und bis zu 240 Kilometer weit fliegen können.

    Das spricht für den Einsatz auf eher längeren Distanzen – analog zu Lilium. Andererseits hatte sich das zugekaufte Elevate auf die Mobilität innerhalb der Metropole konzentriert.

    Um sich trotz solch elementarer Unterschiede ein Bild von der Wettbewerbssituation im Flugtaxi-Markt zu verschaffen, haben die Experten des Lufthansa Innovation Hubs die Unternehmen anhand mehrerer Kategorien verglichen.

    Kapitalisierung: Wer ist am besten finanziert?

    Finanziell gesehen haben Joby Aviation und Lilium die besten Voraussetzungen durchzustarten. Allein im vergangenen Jahr konnten die beiden zusammengenommen 940 Millionen Dollar einsammeln, einen Großteil des insgesamt zur Verfügung gestellten Kapitals. Die Risikokapitalgeber sind sich offenbar schon sicher, dass diese Start-ups „fliegen“ werden.

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    Joby Aviation wird nach Gesamtinvestitionen von 803 Millionen Dollar laut der Lufthansa-Innovation-Hub-Studie mit 2,6 Milliarden Dollar bewertet. Lilium hat insgesamt 392 Millionen Dollar eingesammelt und zählt zu den deutschen Einhörnern, also den Start-ups mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar. Auf Rang drei der bestfinanzierten Start-ups steht Volocopter aus Bruchsal, das insgesamt 135 Millionen Dollar einsammeln konnte.

    Die Kapitalisierung sei extrem wichtig, sagt Lilium-CEO Wiegand. Es werde häufig unterschätzt, wie schwer es ist, ein neues Fluggerät in die Luft zu kriegen. „Wir reden in unserem Markt von Kosten zwischen 500 Millionen bis zu einer Milliarde Euro, je nachdem, wie das Fluggerät und das Geschäftsmodell konzipiert sind.“

    Der Volocopter-Chef verweist allerdings darauf, dass der alleinige Blick auf die Kapitalisierung in die Irre führe. „Man muss das auch in Relation zum Geschäftsmodell sehen“, so Reuter: „Unser Multicopter ist weniger komplex, wir brauchen deshalb auch weniger Geld.“ Zudem arbeite man natürlich weiter am Thema Fundraising.

    Strategische Investoren: Wer hat die wertvollsten Partner?

    Interessant ist zudem der Blick auf das Engagement von strategischen Investoren, die maßgeblich dazu beitragen können, das geplante Geschäftsmodell in die Realität umzusetzen. Hier punkten vor allem Joby Aviation und Volocopter.

    Hinter Joby stehen unter anderem die Investoren von Intel Capital, JetBlue und Toyota AI Ventures. Volocopter hat bekannte Namen wie Daimler, Geely Japan Airlines, Intel Capital, DB Schenker oder Micron ins Boot geholt.

    Lilium dagegen hat mit dem chinesischen Technologieinvestor Tencent nur einen strategischen Investor neben den Finanzinvestoren. Laut CEO Wiegand ein bewusster Entschluss: „Wir wollten das notwendige Know-how etwa im Bereich Luftfahrt direkt im Unternehmen haben. Deshalb haben wir in den zurückliegenden Wochen auch viele Personalentscheidungen getroffen, um unser Team weiter zu professionalisieren.“ In Zukunft könne er sich durchaus auch strategische Investoren vorstellen.

    Patente: Wer hat die stärkste Technologie?

    Kritisch sehen die Verfasser der Studie des Lufthansa Innovation Hubs auch Liliums Position beim Thema Patente. Lilium „scheint seine Investoren weniger durch eine vorhandene Technologie“ gewonnen zu haben, sondern vielmehr mit einem „eindrucksvollen Team aus Veteranen der Automobil- und Luft- und Raumfahrtindustrie“, schreiben sie.

    Neben der Anzahl bewerteten die Autoren die Stärke der Patentportfolios gemäß Patent-Asset-Index, bei dem Zitationen in späteren Patenten sowie die ökonomische Bedeutung der geschützten Märkte berücksichtigt werden.

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    Lilium habe nur vier Schutzrechte angemeldet, zudem fehle der internationale Schutz, bemerken die Autoren kritisch. Der Rivale Volocopter steht hingegen mit 21 Patenten auf Rang acht aller Unternehmen und noch vor Joby Aviation. Die Firma erreicht zudem knapp die von Boeing angeführte Top 10 der Firmen mit dem stärksten Patentportfolio.

    Noch wichtiger: Die Experten zählen Volocopter mit der kalifornischen Jungfirma Overair, dem Technologieunternehmen URGroup und Uber zu den Technologieführern, weil sie am häufigsten in späteren Patenten erwähnt wurden. „Volocopter kann nach unserer Einschätzung zusammen mit Joby die Führung bei der Marktfähigkeit erreichen, wenn die Firma eine weitere große Finanzierungsrunde einwirbt“, sagt Lennart Dobravsky.

    Auch Lilium erreicht trotz der geringen Patentanzahl eine relativ hohe Anzahl an Zitationen. „Bei den Patenten, die Volocopter und Lilium angemeldet haben, handelt es sich anscheinend um sehr, sehr wichtige Basistechnologien, sonst würden sich andere Firmen nicht darauf beziehen“, sagt Dobravsky.

    Und Lilium-CEO Wiegand versichert: „Wir haben eine ganze Reihe von Patenten angemeldet, die aber noch nicht sichtbar sind.“ Tatsächlich könne ihre Erhebung nur den Stand von vor 18 Monaten repräsentieren, sagen die Autoren. Denn so lange könne es bis zur Veröffentlichung eines Patents dauern. Hinzu kommt laut Wiegand von Lilium ein weiterer Aspekt: Der richtige Zeitpunkt für eine Patentanmeldung sei immer auch eine strategische Frage.

    Mehr: Airbus startet mit Lufttaxi-Tests in Bayern

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    3 Kommentare zu "Digitale Revolution: Joby Aviation, Volocopter, Lilium: Diese Flugtaxi-Firmen drängen auf den Markt"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Beim Thema Flugtaxi frage ich mich immer, ob sich die Frage nach dem praktikablen Einsatz jemals gestellt wurde, oder ob nur hinter einem weiteren Hype hinterhergelaufen wird.
      Hier mal ein paar Punkte zum nachdenken:
      - Für den Betrieb eines entsprechenden Flugtaxi-Ports wird viel Platz benötigt. Der ist aber in dicht besiedelten Gebieten Mangelware und daher äußerst teuer. Also werden diese Ports eher am Stadtrand gebaut werden. Und wie kommen die Leute dann dorthin oder von dort weg? Mit dem Taxi oder dem eigenen Auto => Stau
      - Selbst wenn es innerhalb von Städten Ports geben würde, benötigen die Menschen zusätzliche Verkehrsmittel um an ihr endgültiges Ziel zu kommen. Den Stau in der Stadt hat man damit nicht beseitigt.
      - Als Massentransportmittel ist das Flugtaxi absolut ungeeignet. Allein um die Menschen+deren Gepäck eines einzigen Zuges zu transportieren, werden bis zu 100 Flugtaxis benötigt. Von dem Platz für Landung und Start, den diese 100 Flugtaxis benötigen, ganz zu schweigen.
      - Man könnte auf die Idee kommen, Mangels Platz die Flugtaxis auf den Häuserdächern landen zu lassen. Nur müssten die Dächer entsprechend umgebaut/ausgerüstet werden und warum sollte ein Hausbesitzer diese Investition tätigen wollen? Zusätzlich müssen die Leute ja irgendwie auf das Dach und vom Dach wieder runter. Sie könnten durch das Treppenhaus bzw. den normalen Lift (der selten bis aufs Dach fährt) nehmen, aber das fänden die anderen Mieter sicherlich nicht so gut. Also müsste außen noch ein separater Lift hin (warum sollte ein Hausbesitzer diese Investition tätigen wollen?).
      - Airportzubringer?? Ich fahre also mit dem Taxi ans eine Ende der Stadt um dann mit dem Flugtaxi ans andere Ende der Stadt zu fliegen. Somit haben wir kein Stau mehr vor dem Flughafen, sondern vor dem Flugtaxi-Port. Wo ist da der Sinn??

    • Müssten dichtbesiedelte Gebiete wie Deutschland oder Europa hier nicht eine Vorreiterrolle einnehmen? Schließlich stellen wir in Zukunft - aufgrund der schlechten Infrastruktur (viel Stau auf kurzen Distanzen) - den größten Absatzmarkt.

    • Sehr interessante Beiträge.
      Leider in Deutschland nur Gerede und die Zuständigen reden sich alles nur schön und keiner wird für diese Misswirtschaft zur Verantwortung gezogen. Man stellt immer nur fest, was man nun oder später machen muss.
      Die es vormachen wie es funktioniert werden; In Deutschland gibt es hervorragende Wissenschaftler !
      Leider sind die Rahmenbedingungen sehr schlecht
      (Impfdebakel; Homeschooling; 5G- und Breitbandausbau als Grundlage für Industrie 4.0; etc....)

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