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Digitale Revolution

Digitale Revolution Warum der Weg zum Roboter-Anwalt in Deutschland lange dauert

Rechtsdienstleistungen in Deutschland digital neu zu erfinden, ist schwer. Das Anwaltsmonopol schottet den Markt ab – und der Staat verweigert sich der Digitalisierung.
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Roboter-Anwalt: Warum es in Deutschland lange dauert
Legal-Tech-Branche

Rechtsdienstleistungen in Deutschland digital neu zu erfinden, ist schwer. Das Anwaltsmonopol schottet den Markt ab – und der Staat verweigert sich der Digitalisierung.

Hamburg Ein enges Treppenhaus führt zu dem Ort, von dem aus Jan und Niclas Stemplewski mit Iubel viel versprechen. Unweit der Hamburger Alster haben sich die Brüder in ein helles Büro eingemietet – Backstein und Holzfußboden, die typische Atmosphäre eines Start-ups mit seriösem Anstrich.

Eine alte Seilwinde erinnert an die Vergangenheit des Baus als Werkstatt. Das Team ist klein: Eine Handvoll Mitarbeiter teilt sich die offene Büroetage mit einem anderen jungen Unternehmen. Der Anspruch ist jedoch groß. Iubel will das deutsche Rechtssystem mit Digitaltechnik radikal verändern.

Junge Tech-Unternehmen wie Iubel entdecken zunehmend das juristische Feld für sich. Die Hoffnungen sind groß, die Branche umkrempeln zu können. Viele Unternehmen wollen Anwälte und Rechtsabteilungen effizienter machen. Sie lockt der 23 Milliarden Euro große Markt für Rechtsberatung in Deutschland, von dem sie auch profitieren wollen.

Andere hingegen wollen den Markt noch ausdehnen, indem sie Verbrauchern Klagen ermöglichen, die bislang teure Prozesse scheuten. Seitdem spezialisierte Start-ups wie Flightright die Fluggesellschaften bei Verspätungen vor Gericht zerren, nehmen die Airlines endlich die EU-Entschädigungsregeln ernst, die sie zuvor oft einfach aussaßen.

Die Gründer von Iubel wollen dieses Prinzip ausreizen. Sie wollen sich nicht auf ein einziges Feld wie Fluggastrechte beschränken, sondern Fälle quer durch das Zivilrecht finanzieren – und das schon ab einem recht niedrigen Streitwert von 1 000 bis 50.000 Euro. Öffentliche Aufmerksamkeit erhoffen sich die Brüder durch den Fokus auf Diesel-Schadensersatz. Dabei soll die Analyse von Daten helfen.

„Wir behaupten nicht, dass unser Algorithmus schon funktioniert. Er ist aber unser Ziel“, sagt Jan Stemplewski. In dieser Vision leitet der Computer automatisch aus vielen Datensätzen zu vergangenen Fällen ab, welches Gericht mit welcher Wahrscheinlichkeit bei einer gegebenen Rechtslage eine Entschädigung zuspricht. Die Fälle, die lohnend scheinen, finanziert Iubel dann.

Wenige Falldaten in Deutschland

Ein Problem für Iubel ist, dass in Deutschland nur wenige solcher Falldaten publik werden. Teure Fachmagazine veröffentlichen einzelne, von den Richtern als besonders interessant angesehene Urteile. Die Masse, die für eine statistische Analyse interessant wäre, bleibt hingegen unveröffentlicht. Vieles, was etwa in den USA möglich ist, klappt in Deutschland daher nicht. In den USA liegen die Daten offen – und es winken oft höhere Summen.

In der Not wollen die Iubel-Gründer ihre eigene Datenbasis aufbauen. Dafür haben zwei Iubel-Programmierer und externe Teams eine eigene Datenbank geschaffen. Sie soll erfassen, wie lange Zivilprozesse vor bestimmten Gerichten dauern, wie die Siegeschancen abhängig von Gericht und Streitwert sind. 3500 publizierte Fälle habe Iubel selbst ausgewertet und dabei per Computer Stichworte registriert und das Ergebnis erfasst.

Dabei hilft Texterkennung. Künftig sollen Fälle aus der eigenen Finanzierung dazukommen – bislang allerdings sind es erst „deutlich über 300“ von einer vierstelligen Zahl von Anfragen. Neben den einfach gelagerten Fällen, in denen Dieselkunden Entschädigung erstreiten wollen, sind das etwa Arbeitsrechtsklagen, deren Erfolgschance für eine Prozessfinanzierung oft recht einfach einzuschätzen ist.

Inhaltlich bleibt dabei die Einschätzung eines Anwalts maßgeblich, basierend auf dem Bericht des möglichen Klienten. „Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass es noch lange Zeit dauern wird, bis ein Algorithmus einen Fall über den Gegenstand auf seine Erfolgsaussichten prüfen kann“, sagt Niclas Stemplewski. Besonders in der Anlaufphase wollen die Gründer die finanzierten Fälle nutzen, um zu lernen.

Auch Dirk Hartung, Experte an der Hamburger Bucerius Law School, dämpft die Euphorie. In Deutschland seien die Bedingungen für Legal Tech besonders schlecht. Nur rund ein Prozent aller Urteile sei digital verfügbar, schätzt der Experte. Gerade in Routinefällen etwa im Mietrecht sei wenig verfügbar.

Erst 2026 soll die digitale Akte eingeführt werden. Doch das ist nicht das einzige Hindernis: „Die stärkste Kraft im Markt ist, dass allen außer Rechtsanwälten verboten ist, umfassende Rechtsberatung anzubieten“, sagt Hartung. Legal Tech ist daher weniger attraktiv für Investoren als Fintech, bei dem klarer ist, was erlaubt ist. Zudem blühen Grenzbereiche, etwa Inkasso.

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