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Digitale Revolution

Digitale Revolution Warum es für Intel wichtig ist, was in afrikanischen Bergwerken passiert

Eine EU-Verordnung zwingt Firmen, ihre Lieferketten für Gold, Zinn, Tantal und Wolfram zu kontrollieren. Der weltgrößte Chiphersteller hofft, dass das zum Standard wird.
29.07.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Ab 2021 sind Importeure verpflichtet, geeignete Strukturen zu schaffen, um nur noch konfliktfreie Mineralien zu verwenden.
EU-Verordnung

Ab 2021 sind Importeure verpflichtet, geeignete Strukturen zu schaffen, um nur noch konfliktfreie Mineralien zu verwenden.

München Leistung hoch zehn: So bewirbt Intel seine neueste, zehnte Generation der sogenannten „Core“-Prozessoren. Es ist kein Zufall, dass Intel die Rechenpower seines Bestsellers in der Reklame hervorhebt. Für viele Kunden sind die Chips ein Argument, sich einen neuen Computer anzuschaffen.

Wie die kleinen elektronischen Bauteile jedes Jahr besser werden können, schert kaum einen Konsumenten. Und noch weniger Kunden fragen nach, aus was sie bestehen und woher die Materialien dafür eigentlich stammen. Für den weltgrößten Halbleiterhersteller ist das trotzdem eine zentrale Frage. Denn einige wenige, dafür umso einflussreichere Institutionen interessieren sich brennend für die Herkunft der Rohstoffe.

Vor allem die EU-Kommission macht Druck: Zum 1. Januar 2021 tritt eine Verordnung in Kraft, die den Umgang mit sogenannten Konfliktmineralien regelt. Konkret geht es um Gold, Zinn, Tantal und Wolfram. Mineralien, mit denen mitunter bewaffnete Konflikte finanziert oder die in Zwangsarbeit abgebaut werden.

Vom nächsten Jahr an sind Importeure verpflichtet, geeignete Strukturen zu schaffen, um nur noch konfliktfreie Mineralien zu verwenden. Das wird durch Dritte überprüft und die Firmen müssen jährlich darüber berichten. Die Verordnung wurde bereits im Frühjahr 2017 beschlossen, tritt aber erst am 1. Januar 2021 in Kraft. Laut EU-Kommission sollen die Unternehmen so ausreichend Zeit für Anpassungen an die neuen Vorschriften haben.

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    Nun sind die vier Jahre Vorbereitungszeit fast vorbei, viele Prozesse mussten mit viel Aufwand angepasst werden. Trotzdem begrüßt Intel die neuen EU-Regeln: „Mit der Verordnung könnte Europa einen weltweiten Standard setzen“, sagt Julian Lageard. Der Intel-Lobbyist in Brüssel kümmert sich seit Jahren um die sogenannten Konfliktrohstoffe. Ein einheitliches, globales Vorgehen wäre für Intel äußerst vorteilhaft. Schließlich verkauft der Halbleiterhersteller seine Chips rund um den Globus und betreibt Fabriken in Amerika, Asien und Europa.

    In Amerika ist Intel wie alle anderen Firmen bereits Jahren verpflichtet, über seine Lieferkette zu berichten. Die Börsenaufsicht fordert eine Bestätigung, dass die Beschaffung der Mineralien aus der Demokratischen Republik Kongo und den Nachbarstaaten „konfliktfrei“ erfolgt. Das regelt der Dodd–Frank Act, den der damalige Präsident Barack Obama vor genau zehn Jahren unterzeichnete. Die EU geht nun aber noch einen Schritt weiter und bezieht alle anderen Regionen der Welt mit ein. Auch die Arbeitsbedingungen spielen eine Rolle. Ein Ansinnen, das Intel ausdrücklich unterstütze, so Lageard.

    Intel ist in jedem Büro

    Was Intel unternimmt, hat Signalwirkung: Denn die Prozessoren der Kalifornier sind in praktisch jedem Büro weltweit zu finden, keine andere Chipfirma ist so bekannt. Prozessoren sind das Gehirn eines jeden Rechners und das Kerngeschäft des Halbleiter-Riesen. Ohne Gold, Zinn, Tantal und Wolfram kommt der Konzern in diesen Bauelementen nicht aus. Mehrere Hundert Millionen Stück verkauft das Unternehmen jedes Jahr. Es geht also um gewaltige Mengen.

    Intel dominiert seit Jahrzehnten den Prozessor-Markt für PCs und Notebooks und auch für Netzwerkrechner, die sogenannten Server. Das ist ein hochprofitables Geschäft: Intel erzielte vergangenes Jahr 72 Milliarden Dollar Umsatz (rund 62 Milliarden Euro). Unterm Strich blieben 21 Milliarden Dollar übrig. Das ist rund sechsmal so viel wie SAP zuletzt an Gewinn erwirtschaftete, Deutschlands wichtigster IT-Konzern. Auch in der Krise läuft das Business rund: Im gerade beendeten zweiten Quartal schossen Umsatz und Gewinn um ein Fünftel in die Höhe. Sorgen machen den Investoren momentan lediglich Probleme in der Fertigung, die mit Corona aber nichts zu tun haben.

    Intel macht keine Angaben, wie viel das Unternehmen von den jeweiligen Mineralien verwendet. Im Kern bestehen Chips aus Silizium. Ein Grundstoff, an dem kein Mangel besteht und der von Lieferanten wie der Münchener Siltronic kommt. Bei den Mineralien ist das anders, die stammen vor allem aus Entwicklungsländern der südlichen Erdhalbkugel.

    Das wertvolle und in Bergwerken aufwendig geförderte Gold setzt der Konzern vor allem für die klitzekleinen Kontaktstifte auf den Prozessoren ein. Denn das Metall ist leitend und gleichzeitig korrosionsbeständig. Zinn hat das früher gebräuchliche Blei ersetzt und wird zum Verlöten der Bauelemente mit anderen Teilen benutzt. Wolfram dient dazu, Strom durch die Schaltkreise zu führen. Und Tantal ist Kernbestandteil von Kondensatoren, eines Bauteils der Prozessoren.

    Konfliktfrei einzukaufen ist gar nicht so einfach in einem Konzern wie Intel. Die Amerikaner beziehen ihr Material von mehr als 10.000 Lieferanten in 89 Ländern. Die Palette reicht von Rohstoffen, Maschinen und Werkzeugen bis hin zum Büromaterial.

    Druck der Investoren

    Intel hat dabei auch die Arbeits- und Menschenrechte im Blick. Eigener Anspruch ist es, dass alle Lieferanten auf Zwangsarbeit, Gefängnisarbeit und Kinderarbeit verzichten. Offenbar ist das Unternehmen dabei durchaus erfolgreich. Vor zwei Jahren belegte der Konzern den ersten Platz in der Rangliste von „Know The Chain“, einem Projekt der Humanity United Foundation. Die Initiatoren bewerten eigenen Angaben zufolge Technologieunternehmen danach, wie aktiv sie im Kampf gegen Ausbeutung und Zwangsarbeit sind.

    Es sind aber auch die Investoren, die den Chipfirmen Dampf machen im Umgang mit den Konfliktmineralien. Das zeigt das Beispiel Infineon, Deutschlands größter Halbleiterhersteller. „Kann Infineon die Verwendung von Konfliktmineralien in seinen Produkten ausschließen?“, fragte vor zwei Jahren ein Vertreter der Fondsgesellschaft Union Investment auf der Hauptversammlung in München. Neben Reputationsrisiken und Imageverlust bestehe für den Dax-Konzern auch das Risiko, viele nachhaltig orientierte Investoren zu verlieren, wenn sich das Management nicht ausreichend darum kümmere.

    Im Jahr darauf stellte der Sprecher von Union Investment auf dem Aktionärstreffen anerkennend fest, dass Infineon einen Beitrag leiste, „um durch die Vermeidung von Konfliktmineralien in der Lieferkette Menschenrechtsverletzungen zu verhindern“. Gleichzeitig aber stellte Fondsmanager Markus Golinski weitere Fragen zur Einhaltung der Menschenrechte.

    Dieses Frühjahr bohrte Golinski auf der Hauptversammlung nicht weiter nach. Offenbar hat Infineon die Forderungen der Fondsgesellschaft erfüllt. Eins betonte der Manager aber ausdrücklich: „Als nachhaltiger Investor achten wir besonders auf die sogenannten ESG-Kriterien, also ökologische, soziale und Governance-bezogene Kriterien, die die Einhaltung der Regeln guter Unternehmensführung betreffen.“

    Hilfe für Frauen in Simbabwe

    Damit nicht genug. Es sind auch Nicht-Regierungsorganisationen, die das Thema auf der Agenda haben. So wie Transparency International. Die Lobbyorganisation macht sich derzeit für ein sogenanntes Lieferkettengesetz in Deutschland stark. Es würde über die EU-Verordnung hinausgehen und sämtliche Branchen umfassen.

    Im Kern argumentiert Transparency wie Intel: dass derartige Regeln wichtig seien für einen fairen Wettbewerb. „Es kann nicht sein, dass Unternehmen, die auf Menschenrechte, Umweltschutz und Bekämpfung von Korruption achten, im Wettbewerb weiterhin gegenüber Unternehmen benachteiligt sind, die sich unethisch verhalten“, sagt Helena Peltonen-Gassmann, stellvertretende Vorsitzende von Transparency Deutschland.

    Bei den konfliktfreien Mineralien arbeiten Tech-Firmen, internationale Organisationen wie die UNO, Regierungen und Aktivisten inzwischen Seite an Seite. Sie haben sich in der Europäischen Partnerschaft für verantwortungsvolle Mineralien zusammengeschlossen. Intel ist dabei, aber auch Kunden wie HP oder Samsung und andere Chipfirmen wie der Infineon-Konkurrent NXP. Sie finanzieren Projekte in Minen in Südamerika, Afrika und Asien.

    Ein Beispiel ist der Goldabbau in Simbabwe in Mathandazo. Dort sind es nicht zuletzt Frauen, die diese schwere Arbeit verrichten. Die Partnerschaft unterstützt die Frauen, indem sie Wächter anheuert, um sie zu beschützen. Die Frauen sollen Rechtsberatung bekommen, ein System zur Streitbeilegung soll eingerichtet und ein Lagerhaus errichtet werden. Für Intel ist das der nächste Schritt: Die Mineralien sollen nicht nur konfliktfrei sein. Sie sollen auch verantwortungsbewusst beschafft werden. Bis 2030 will der Konzern das für sämtliche Mineralien erreichen.

    Intel-Lobbyist Lageard ist fest überzeugt, dass der Rest der Welt dem Vorbild von Europa folgen wird. Einst sei die EU vorgeprescht und habe Blei aus der Elektronik verbannt. „Das haben 50 Länder kopiert“, sagt der Manager. Das hofft auch die EU-Kommission selbst. Als weltweit größter Handelsblock sei die EU zwar ein bedeutsamer Markt. Aber es sei wichtig, andere Länder von den Maßnahmen zu überzeugen.

    Im Intel-Hauptquartier im Silicon Valley sei es nicht schwierig gewesen, die EU-Verordnung als globalen Maßstab anzuerkennen, beteuert Lageard: „Wir sehen die strategische Bedeutung der EU. Auf diesem Feld spielt Europa eine zentrale Rolle.“

    Mehr: Ende des Blockchain-Hypes: Was funktioniert, was nicht?

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