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Digitale Revolution

Digitale Revolution Warum Roboter noch immer nicht im Alltag angekommen sind

Als Helfer im Alltag haben sich Roboter nicht durchgesetzt – sieht man von Staubsaugern ab. Woran das liegt, und was sich ändern muss, damit sich das ändert.
01.07.2020 - 04:00 Uhr Kommentieren
Das Gerät soll Kindern mit autistischen Verhaltensweisen helfen. Quelle: ddp images/Ferrari Press [M]
Roboter Moxie

Das Gerät soll Kindern mit autistischen Verhaltensweisen helfen.

(Foto: ddp images/Ferrari Press [M])

San Francisco Sie sind unscheinbar, leise und allenfalls aufdringlich, wenn sie mit einer Teppichkante ringen oder sich in Stromkabeln verheddern. Staubsaugroboter tun in vielen Haushalten Dienst. Von den Science-Fiction-Visionen, in denen Maschinen den Menschen alle profanen Alltagsaufgaben abnehmen, sind sie allerdings die einzige weit verbreitete Realisierung, sieht man vielleicht noch von Rasenmährobotern ab.

Roomba ist so etwas wie das iPhone der Branche: 2002 eingeführt, war der runde Roboter zwar nicht der erste seiner Art. Aber der erste, der sich durchsetzte. Der Intelligent FloorVac für 200 Dollar definierte die Produktkategorie, bis heute verteidigt Roomba seinen Platz trotz vieler Nachahmer. Mehr als 20 Millionen Stück wurden bis heute verkauft, einen erfolgreicheren Dienstroboter fürs Zuhause gibt es nicht.

Clara Vu hat einen erheblichen Anteil an diesem Erfolg. Ihr erster Job 1998 nach ihrem Mathematik-Studium in Yale war es, den Code zu schreiben, der Roomba steuerte. Sein Hersteller iRobot, ein Start-up von drei Absolventen der Elitehochschule MIT in Boston, konnte dank des Erfolges an die Börse gehen. Vu hatte genug und zog weiter.

Ihre Erfahrungen hat sie mitgenommen. Heute ist sie Mitgründerin und Technologievorstand von Veo Robotics, einem Bostoner Start-up, das sich zwar nicht mit Haushaltsrobotern beschäftigt – und sich doch um das Zusammenspiel von Mensch und Maschine kümmert: Veo hat eine Software-Plattform entwickelt, die die Zusammenarbeit von Industrierobotern und Menschen in der Produktion ermöglicht. Cobots werden diese Geräte genannt.

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    Mithilfe von Sensoren erstellt die Software eine 3D-Karte des Arbeitsbereichs und ermöglicht es Fabrikarbeitern so, in der Nähe von Robotern zu arbeiten, ohne etwa einem der wendigen und tonnenschweren Arme in die Quere zu kommen. Veos Software wird beim Bau von Autos, Flugzeugen und Kühlschränken eingesetzt.

    Ersatz für die Lohnarbeit

    An Vus Weg lässt sich viel über die Robotik-Branche und ihre gescheiterten Hoffnungen lernen. Die International Federation of Robotics (IFR) rechnet damit, dass der weltweite Umsatz mit Haushaltsrobotern von 2018 bis 2022 um jährlich 46 Prozent auf zehn Milliarden Dollar steigen wird. 2018 lag das Plus aber bei nur 20 Prozent – der Durchbruch, so scheint es, steht immer kurz bevor.

    In der Industrie ist er dagegen längst gelungen: 2018 wurden zweieinhalbmal so viele Industrieroboter installiert wie noch 2013, 422.000 statt 178.000. Wo Roboter Lohnarbeiter ersetzen können, werden sie immer häufiger eingesetzt, Einräumroboter im Handel, Wischroboter an Flughäfen und Lieferroboter für Päckchen und Pizzen auf den Straßen mancher US-Städte.

    „Als ich iRobot verließ, hieß es dort: Wir sind kein Staubsauger-Hersteller, sondern ein Roboter-Hersteller – also lasst uns weitere Tätigkeiten für Roboter im Haushalt finden“, sagt Vu heute. „Aber worin sind Roboter gut? Sie sind stark, schnell und schaffen viele Wiederholungen.“ Wo diese Qualitäten nicht gebraucht würden, seien Roboter häufig eine teure, überflüssige Lösung. Deshalb wandte sie sich der Industrie zu.

    Das Gerät rollte eine Zeit lang bei zahlreichen Technologiekonferenzen über die Bühne. Quelle: Murat Tueremis/laif
    Humanoid Pepper

    Das Gerät rollte eine Zeit lang bei zahlreichen Technologiekonferenzen über die Bühne.

    (Foto: Murat Tueremis/laif)

    Vu rollt mit den Augen, wenn sie den Namen Zume hört. Das Unternehmen aus Mountain View im Silicon Valley baute Roboter, die Pizzen belegten. Einer, der Tomatensauce auf den Teig spritzt, einer, der sie verstreicht – und ein sechsachsiger Roboterarm von ABB, der das Essen in den Ofen schiebt.

    Inzwischen ist Zume-Pizza ein Witz, den man sich im Silicon Valley erzählt – über die Prä-Corona-Dekadenz, in der selbst die dümmsten Ideen reichlich finanziert wurden. Der Pizzaroboter-Bauer erhielt Ende 2018 375 Millionen Dollar Investment aus dem Softbank Vision Fund, der mit Investments in den gescheiterten Bürovermieter WeWork oder Uber später Milliarden verlor.

    Auch für Zume sieht es schlecht aus: Das Start-up hat kürzlich die Hälfte seiner Mitarbeiter entlassen und will sich nun als Produzent von Gesichtsmasken und nachhaltigen Verpackungen neu erfinden – das Wort Pizza hat es aus dem Namen gestrichen. „Menschen können ziemlich gut selber Pizza machen“, sagt Vu. „Man braucht dazu keinen Roboterarm mit sechs beweglichen Gelenken.“

    Folgt man dieser Logik, ist der Roboter als menschlicher Gefährte und Helfer im Alltag nicht nur futuristisch, sondern in vielen Einsatzgebieten eine unsinnige Idee.

    Kein Produkt stand so für den Roboter-Enthusiasmus der letzten Jahre wie Pepper, der freundliche, weiße Assistent mit dem Tablet-Torso. Als Softbank Robotics ihn 2015 auf den Markt brachte, waren die ersten 1000 Exemplare in einer Minute ausverkauft. Eine Zeitlang rollte er bei jedem Technologie-Event über die Bühne oder begrüßte Gäste im Atrium. Er soll laut seinen Schöpfern, „Menschen helfen, ihr Leben zu genießen“. Über den Status als Gimmick oder Info-Säule kam das in Frankreich entwickelte Gerät indes nie hinaus.

    Hohe Investitionen in die Hardware

    Paolo Pirjanian hat früher auch bei iRobot gearbeitet. Als der Roomba-Hersteller sein Unternehmen Evolution Robotics, das den Wischroboter Mint produzierte, 2012 einsaugte, wurde der gebürtige Iraner dort Technologievorstand. Drei Jahre später ging er, um sein eigenes Unternehmen zu gründen: Embodied, das Investments von Amazon und Toyota erhalten und vor wenigen Monaten sein erstes Produkt auf den Markt gebracht hat.

    Moxie ist ein kleiner, blauer Roboter mit großen, grünen Augen, der aus einem Pixar-Film entsprungen sein könnte. Gestaltet hat ihn der Schweizer Yves Behar, der für Apple, Samsung und Prada gearbeitet hat und als einer der führenden Industriedesigner der Welt gilt. 

    Moxies Kopf ist tropfenförmig und wie die Augen übergroß – alles dem Kindchenschema gemäß. Vor drei Monaten ist er auf den Markt gekommen und soll 1500 Dollar kosten.

    „Wir wollen den Emotionsquotienten von Kindern verbessern“, sagt sein Erfinder. Unter den Interessenten seien Schulen, Kliniken und Eltern von Kindern mit autistischen Verhaltensweisen. Wenn Moxie in den USA ein Erfolg werde, will Embodied ab nächstem Jahr in andere Märkte expandieren.

    Das ist nicht selbstverständlich. „Ich wusste, dass Robotik ein hartes Geschäft für Gründer ist“, sagt der einstige Flüchtling, der in Dänemark aufwuchs und seinen Doktor in Robotik in Aalborg machte. Man müsse spezielle Hard- und Software und Elektronik entwickeln, was viel Kapital erfordere. Als er in der Finanzkrise 2008 für Evolution Geld einwerben wollte, „stand ich praktisch wieder auf dem Gang, sobald die Investoren Robotik hörten“, berichtet er.

    Automatische Staubsauger sind beliebt – doch ansonsten haben sich Haushaltsroboter noch nicht durchgesetzt. Quelle:  iRobot
    Saugroboter von iRobot

    Automatische Staubsauger sind beliebt – doch ansonsten haben sich Haushaltsroboter noch nicht durchgesetzt.

    (Foto:  iRobot)

    In den vergangenen fünf Jahren habe sich das langsam geändert. Die Investoren seien heute mutiger, weil einige Roboterfirmen in der Zwischenzeit große Exits hingelegt haben – Amazons Akquisition des Lagerroboter-Herstellers Kiva Systems für 775 Millionen Dollar habe eine Tür geöffnet, auch wenn diese wie die meisten anderen Erfolgsgeschichten aus der Industrie kommen.

    Pirjanian sieht die Fehler in der eigenen Branche: „Viele Konsumentenprodukte sind zu teuer, oder ihr Nutzen ist unklar“, sagt der Gründer. Manche Start-ups hätten viel Risikokapital angezogen und gehypte Produkte entwickelt, die dann aber nie den Massenmarkt erreicht hätten.

    Zum Beispiel Anki. Das von dem Südtiroler Hanns Tappeiner mitgegründete Start-up aus San Francisco warb 200 Millionen Dollar ein, um damit niedliche, traktorförmige Spielzeugroboter mit Pixar-Gesichtern zu entwickeln. Obwohl das Unternehmen 2018 noch stolz erklärte, man habe seit 2013 mehr als 1,5 Millionen Roboter verkauft, ging es 2019 pleite. Oder Jibo, ein Roboter für Familien, der 2014 mit einer Crowdfunding-Kampagne startete und drei Jahre später eingestellt wurde.

    „Das eindeutigste Beispiel ist aber Pepper – ein Produkt ohne klaren Zweck“, sagt Pirjanian. Das unterscheide ihn vom Roomba. Schon vor seiner Markteinführung habe der Traditionskonzern Electrolux einen Saugroboter für 2000 Dollar angeboten, aber kaum einen verkauft. „Drei Dinge sind bei Robotern für Privatleute wichtig“, sagt der Gründer. „Der Preis, der Preis und der Preis.“

    Humanoide im unheimlichen Tal

    Aber wie passt Moxie dazu? Ein 1500-Dollar-Roboter für Kinder, ist das nicht Anki 2.0, nur teurer? „Moxie ist kein Spielzeug“, sagt Pirjanian. „Wenn er ein Spielzeug wäre, würde er scheitern.“ Der Tropfenkopf sucht Augenkontakt, erkennt Gesichtsausdrücke und reagiert darauf. Moxie liefere einen Wert, indem er die Entwicklung eines Kindes unterstütze.

    Seine großen, grünen Augen und sein Mund geben seine Stimmung wieder, und er ist so intelligent, dass er mit seiner etwas blechernen Stimme Gespräche führen und Spiele spielen kann, statt nur auf eine geringe Zahl von Befehlen zu reagieren. „Allein einem Roboter einen beweglichen Mund zu geben ist eine gigantische Verantwortung“, sagt Pirjanian. Wenn Augen und Mund nicht exakt aufeinander abgestimmt sind, sehe ein Roboter „unheimlich und gruselig“ aus.

    Man habe zahlreiche Software- und Hardware-Probleme lösen müssen, um Moxie niedlich zu programmieren. Ein 1500-Dollar-Roboter, der Kindern Angst einjagt, wäre der GAU für Pirjanians Firma.

    Das Problem, Roboter menschenähnlich zu gestalten, hat sogar einen Namen: „Uncanny Valley“, unheimliches Tal. Der japanische Robotiker Masahiro Mori stellte die Hypothese auf, dass die Akzeptanz von Robotern nicht mit ihrer zunehmenden Menschenähnlichkeit steigt, sondern parabelförmig verlaufe, also erst durch ein langes Tal müsse.

    Staubsauger- oder Industrieroboter jagten Menschen kein Gruselgefühl ein, weil sie keinerlei humanoide Anmutung hätten. Perfekte Abbilder von Menschen mutmaßlich auch nicht, weil sie authentisch wären. Roboter, die menschliche Sprache, Mimik oder Gestik nur rudimentär beherrschten, bevölkerten dagegen das unheimliche Tal, weil sie zwar an Menschen erinnern, gleichzeitig aber mit ihrem seltsamen Verhalten verstören.

    „Deshalb ist Pepper für einen interaktiven Roboter nicht sehr interaktiv“, sagt Pirjanian. Die falschen Augen, die Kommunikation über einen Touchscreen – all das verhindere zwar, dass der weiße Softbank-Roboter seinen Gesprächspartnern ein flaues Gefühl gebe. Er sei aber eben auch nicht besonders nützlich.

    Obwohl Vu und Pirjanian seit ihrer Zeit bei iRobot an sehr unterschiedlichen Projekten arbeiten, verbindet sie das: Sie wollen Roboter nützlich und vertrauenserweckend machen – ob es nun um einen großen Greifarm geht oder einen kleinen Gefährten.

    Mehr: Warum vernetzte Toiletten die nächsten Roboter im Haushalt sein könnten.

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