Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Digitale Revolution

Digitale Revolution Wenn Menschen Gefühle für Roboter entwickeln

Roboter werden immer intelligenter und autonomer. Das wirkt sich auf das Zusammenleben mit den Menschen aus. Sie entwickeln emotionale Bindungen zu den Maschinen.
Kommentieren
Der Kontakt zwischen Menschen und Maschine wird immer intensiver. Quelle: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH
Mensch-Roboter-Interaktion

Der Kontakt zwischen Menschen und Maschine wird immer intensiver.

(Foto: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH)

Düsseldorf Kate Darling gibt ihren Probanden einen Hammer und eine Axt. Die Aufgabe ist einfach: Zerstört den Roboter. Es passiert: nichts. Die Studienteilnehmer wollen nicht. Nicht einmal, als es darum geht, den Roboter einer anderen Gruppe zu zerstören.

Das Problem: Der Roboter sieht aus wie kleiner Baby-Dinosaurier. Er gibt Geräusche von sich, hat große Kulleraugen und ein kleines Lächeln. Die Probanden haben Mitleid mit ihm, dabei wissen sie eigentlich genau: unter der künstlichen Haut steckt kein Herz, sondern ein Prozessor. Der Dinosaurier fühlt nicht nur keinen Schmerz – er fühlt gar nichts.

Der Kontakt zwischen Menschen und Maschine wird immer intensiver. Das liegt zum einen daran, dass Roboter günstiger herzustellen sind. Vor allem aber werden sie zunehmend intelligenter und autonomer – und genau das triggert in uns Menschen Gefühle für sie. Es wäre fahrlässig, diese Emotionen bei der Entwicklung der Technologie außer Acht zu lassen.

In nahezu allen Lebensbereichen erhalten intelligente Maschinen Einzug: in der Pflege, auf der Straße, in den Fabriken, in der Landwirtschaft, in den Geschäften, im Haushalt. Sie schalten auf Zuruf das Licht ein, mähen den Rasen, staubsaugen, kochen die Suppe fürs Abendessen. Laut dem Roboterlobby-Verband IFR, der International Federation of Robotics, wächst der Markt für Service-Roboter im privaten Einsatz: von 2016 auf 2017 um 27 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar.

Einige dieser Roboter haben eine humane Anmutung, andere sehen aus wie Tiere, wieder andere haben nur einen Arm oder sie sind nur kleine Säulen. Nicht alle triggern Menschen gleichermaßen – aber sie triggern sie.

Menschen werden sich an Roboter anpassen

In einem jüngst veröffentlichten Forschungsbericht der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) über ethische und soziologische Aspekte der Mensch-Roboter-Interaktion gehen die Autoren davon aus, dass der Umgang mit Robotern in absehbarer Zeit nicht nur zu einer Anpassung der Roboter an den Menschen führen werde, sondern auch umgekehrt zu einer Anpassung der interagierenden Menschen an den Roboter.

Sie beschreiben, dass Roboter im Gegensatz zu klassischen Maschinen den „Werkzeugcharakter“ verlieren können. „Die Überschreitung des Werkzeugcharakters von Robotern erreicht ihr höchstes Maß, wenn sich im Rahmen der Interaktion eine affektive Bindung des Menschen zum Roboter einstellt“, so die Autoren. „Bereits die Begrifflichkeit des ‚hybriden Teams’ oder des ‚Kollegen Roboters’ legt entsprechende Beziehungen nahe.“

Das sei dann problematisch, wenn bestimmte Grenzen überschritten und die affektive Bindung den funktionalen Einsatz von Robotern beeinträchtigt würde. „So kann sich zum Beispiel bei einer übertriebenen Wertschätzung des „Kollegen Roboters“ die Abwägung von Vor- und Nachteilen einer Handlung zugunsten des Roboters verschieben. Ein extremes Szenario könnte etwa darin bestehen, dass Menschen eine Hemmung entwickeln, den Roboter in einer Gefahrensituation abzuschalten oder gar zu zerstören.“

Die Universität Duisburg-Essen hat in einer Studie gezeigt, dass die Probanden zögerten, einen kleinen Roboter auszuschalten, wenn der darum bettelte, nicht „ausgeknipst“ zu werden, weil er Angst vor der Dunkelheit hat.

Für viele Kinder gehört die nahezu ausschließlich verbal anwesende Sprachassistentin Alexa des US-Konzern Amazon oder vergleichbare Produkte schon völlig normal zum täglichen Leben. Sie ist schlicht Teil ihrer Realität, wie es irgendwann Autos für Menschen waren oder das Telefon.

Alexa kann Kinder erziehen

Das kann auch negative Auswirkungen haben: Anfang der Woche kritisierte der Wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung in einem Gutachten, dass Minderjährige mit der Sprachassistentin Inhalte abrufen können, die nicht für sie geeignet sind.

Dass Alexa Einfluss auf Kinder nehmen kann, weiß der Konzern: Sie übernimmt sogar Erziehungsaufgaben. Im vergangenen Jahr hat Amazon eine Kinderversion seiner Sprachassistentin Alexa auf den Markt gebracht, die nicht nur Antworten auf Fragen anders formuliert, sondern auch die Kinder lobt, wenn sie „danke“ und „bitte“ sagen.

Wir Menschen fühlen uns von Robotern aber nicht automatisch angezogen – im Gegenteil. Die Roboterpsychologin Martina Mara und ihr Kollege Markus Appel fanden in ersten Studien bereits 2015 heraus, dass wir uns eher vor ihnen gruseln, wenn sie menschenähnlicher werden.

Ihre Experimenten beruhen auf den Erkenntnissen des japanischen Roboterforschers Masahiro Mori, der 1970 in seinem Buch „Uncanny Valley“ beschrieb, dass Menschen Figuren, also etwa Roboter aber auch Avatare, bis zu einem gewissen Grad der Ähnlichkeit zum Menschen, akzeptiert werden – diese Akzeptanz dann aber stark abfällt, wenn sie uns zu ähnlich werden. Dann würden wir uns stärker vor ihnen gruseln als vor Leichen. Erst wenn sie uns so ähnlich sind, dass wir keinen Unterschied mehr sehen, steigt die Akzeptanz wieder – dann aber sehr stark.

Nun spielen Gefühle von Menschen zu Maschinen nicht nur im privaten Umfeld eine Rolle. Auch in der Industrie werden immer mehr Roboter eingesetzt, die direkt mit den „menschlichen Kollegen“ zusammenarbeiten sollen. Die gegenseitige Akzeptanz ist dabei essenziell, wenn diese Zusammenarbeit funktionieren soll. Deswegen hat etwa das Fraunhofer-Instituts für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik (IWU) in Chemnitz derzeit eine Studie zum Thema „Robophobie“ in Arbeit.

In den meisten Bereichen der Wirtschaft, die ein konkretes Produkt herstellen, ist die Frage, wie die darauf emotional reagieren werden, bereits völlig normal. Autohersteller lassen ihre Fahrzeuge etwa ganz leicht lächeln. Bei der Entwicklung neuer Maschinen sollte daran ebenfalls zunehmend an das Gefühl gedacht werden. Nicht nur, um sie besser zu verkaufen. Sondern weil wir Menschen schließlich alle auch langfristig mit ihnen leben werden müssen – und wollen.

Mehr: Die Diskussion über die Arbeit mit Robotern dreht sich oft um Sicherheitsfragen. Der Aspekt, wie sich der Mensch dabei fühlt, blieb lange unbeachtet – doch das ändert sich.

Startseite

Mehr zu: Digitale Revolution - Wenn Menschen Gefühle für Roboter entwickeln

0 Kommentare zu "Digitale Revolution: Wenn Menschen Gefühle für Roboter entwickeln"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.