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Digitale Revolution

Digitale Revolution Wie der Onlineausweis doch noch ein Erfolg werden soll – dank der Wirtschaft

Behördengänge von der Couch, sicheres Ausweisen beim Onlineshopping? Bislang nutzt kaum jemand den Onlineausweis. Die Bundesregierung will das ändern.
17.11.2020 - 21:33 Uhr Kommentieren
Der Onlineausweis ist bereits seit zehn Jahren verfügbar, bislang nutzen ihn aber nur wenige Bürger. Quelle: Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) (Montage: Handelsblatt)
Elektronischer Personalausweis

Der Onlineausweis ist bereits seit zehn Jahren verfügbar, bislang nutzen ihn aber nur wenige Bürger.

Quelle: Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) (Montage: Handelsblatt)

Berlin, Düsseldorf Der gute Wille war da. Als Maren Heiß ein polizeiliches Führungszeugnis benötigte, da wollte sie für die Bestellung ihren elektronischen Personalausweis nutzen. In ihrer Heimatstadt Frankfurt ist es damit möglich, solche Behördengänge bequem von zu Hause über das Internet zu erledigen – „aber da habe ich die PIN nicht mehr gefunden“, erzählt die Managerin, die bei der Deutschen Kreditbank (DKB) den Bereich Privatkunden leitet. Ohne Geheimzahl ging es nicht, also brach sie den Versuch ab.

Die Episode ist bezeichnend. Schon seit zehn Jahren wird der Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion angeboten, die es Bürgern ermöglichen soll, sich im Internet eindeutig und sicher zu identifizieren – ob gegenüber Behörden oder Unternehmen.

Kindergeld beantragen, ein Auto anmelden, beim Onlineshopping registrieren, ein Bankkonto eröffnen: Das und einiges mehr ist möglich. Grundsätzlich handle es sich um „eine echte Innovation für Deutschland“, sagt auch Digitalisierungsspezialistin Heiß.

Doch kaum jemand nutzt das Verfahren. Zwar besitzen 76 Prozent der Bundesbürger mittlerweile einen Personalausweis mit Chip, aber nur sechs Prozent der Menschen haben die Onlinefunktion je genutzt, wie die Initiative D21 in einer Umfrage erhoben hat.

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    Wie selten der E-Perso eingesetzt wird, erlebt Bankerin Heiß auch bei ihren Kunden: Bei der DKB beantragten im Oktober nur fünf Kunden ein Girokonto mit dem Onlineausweis. „Im Moment würde es kaum auffallen, wenn wir das Verfahren nicht anbieten würden“, sagt Heiß.

    Auch wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kürzlich beim zehnjährigen Jubiläum des elektronischen Personalausweises betonte, was sich alles damit machen lasse, lässt sich Stand heute feststellen: Das Projekt ist bisher ein Flop. Die Bundesregierung will jedoch nicht klein beigeben. Sie hofft, dem E-Perso doch noch zum Durchbruch zu verhelfen – und dabei soll die Wirtschaft eine entscheidende Rolle spielen.

    „Allein mit Anwendungen der Verwaltung werden wir das Projekt nicht zum Erfolg führen“, sagte die Digitalstaatsministerin im Kanzleramt, Dorothee Bär, dem Handelsblatt. Die Menschen hätten schlicht zu wenig Kontakte zu Behörden, um sich darüber an die neue Anwendung zu gewöhnen.

    Für Firmen aber biete die Technik wirtschaftliches Potenzial und vielfältige Anwendungsmöglichkeiten, etwa beim Onlineeinkauf oder beim Einchecken im Hotel. „Das Interesse auf Unternehmensseite ist nach allem, was wir sehen, riesig“, sagt die CSU-Politikerin.

    Bär sucht seit einiger Zeit aktiv das Gespräch mit den Unternehmen, ebenso wie der neue Staatssekretär im Bundesinnenministerium und Bundes-CIO, Markus Richter. Unter dessen Federführung hat die Bundesregierung im Sommer eine Projektgruppe ins Leben gerufen, die binnen zwölf Monaten die Nutzung des E-Persos erheblich erleichtern und die mit Firmenvertretern ausloten soll, wie dieser stärker in der Praxis eingesetzt werden kann.

    Eine Frage der digitalen Souveränität

    Aus Sicht der Berliner Regierung steht dabei viel auf dem Spiel: Die deutsche Wirtschaft soll nicht auf Google, Facebook oder Amazon angewiesen sein, wenn sie Kunden einen bequemen Log-in für ihre Webangebote bieten will. Denn: Wer sich mit seinem Google- oder Facebook-Konto anderswo einloggt, händigt damit die dort anfallenden kostbaren Daten oft den US-Digitalriesen aus.

    Das Thema digitale Identität sei „ein ganz zentrales im Hinblick auf digitale Souveränität“, sagt Bär. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) warnte unlängst, wenn man sich über die großen Plattformen einlogge, habe man „keine Ahnung, was mit den Daten passiert“. Die Brüsseler Behörde will daher im kommenden Jahr einen europäischen Rahmen für eine sichere Online-Identifikation vorlegen, die laut von der Leyen für Dienste von der Abgabe der Steuererklärung bis zum Leihen eines Fahrrads einsetzbar sein soll.

    Die staatlich verbürgte Digital-ID soll also zur Alternative für die heimischen Unternehmen aufgebaut werden. Und zwar nicht allein über den E-Perso: Die Bundesregierung arbeitet an einem Pilotprojekt, das die Identifizierung per Blockchain erlaubt. Die Technologie soll eine rein softwarebasierte Identifizierung ermöglichen und damit in vielen Industrien eingesetzt werden können, von der Finanz- bis hin zur Autoindustrie.

    Die Staatsministerin für Digitalisierung will die Wirtschaft vom Nutzen des elektronischen Personalausweises überzeugen. Quelle: dpa
    Dorothee Bär

    Die Staatsministerin für Digitalisierung will die Wirtschaft vom Nutzen des elektronischen Personalausweises überzeugen.

    (Foto: dpa)

    Zunächst aber müssen Bär und Richter das Henne-Ei-Problem lösen: Ohne Nutzer lohnt es sich für Behörden und Unternehmen nicht, praktische Anwendungen für den Onlineausweis zu entwickeln. Ohne diese Anwendungen machen sich die Bürger jedoch nicht die Mühe, die Funktion freizuschalten und die Software zu installieren.

    So nennen Nutzer in der D21-Umfrage als wichtigste Gründe für ihre Zurückhaltung, dass es keinen wahrnehmbaren Mehrwert gebe und keine Anwendungsmöglichkeiten bekannt seien. Eine Website der Bundesregierung zählt aktuell nur rund 130 Anwendungen auf, darunter knapp 30 von Unternehmen – und einige der aufgeführten Angebote funktionieren offenbar nicht richtig.

    Das, was angeboten wird, ist aber durchaus praktisch. So können Bürger mit dem E-Perso beim Kraftfahrt-Bundesamt ihren Punktestand abfragen oder sich bei der Rentenversicherung über die voraussichtliche Höhe der eigenen Altersvorsorge informieren. Und wer bei Vodafone eine SIM-Karte aktiviert oder bei der DKB ein Girokonto beantragt, kann sich im Onlineformular gleich auch ausweisen – ohne sich bei der Post oder per Videochat separat identifizieren zu müssen.

    Bislang ist die Technik jedoch umständlich. Ursprünglich sei der Umgang mit dem elektronischen Personalausweis „mit überzogenen Schutzfunktionen für vergleichsweise triviale Ausweisdaten unnötig verkompliziert und mit hohen Nutzungshürden durch Lesegeräte belastet“ worden, sagt Thomas Langkabel, Vizepräsident der Initiative D21.

    Wer beispielsweise seine Geheimnummer vergisst, so wie DKB-Managerin Heiß, der muss persönlich beim Bürgeramt vorsprechen – was kaum jemand auf sich nimmt. In den kommenden Monaten will die Regierung Abhilfe schaffen: Die Nutzer sollen einen neuen Aktivierungscode bei der Bundesdruckerei online beantragen können und ihn dann per Post als Einschreiben erhalten.

    Was ebenfalls hilft: Mittlerweile ist kein spezielles Lesegerät mehr nötig für das Auslesen des Kartenchips, Smartphone-Besitzer können dafür die Nahfunktechnik NFC auf ihren Geräten einsetzen. Mit zahlreichen Modellen der vergangenen Jahre lässt sich der Onlineausweis nutzen, beispielsweise mit allen Apple-Geräten ab dem iPhone 7 aus dem Jahr 2016.

    Bis September 2021 sollen die im Chip des Personalausweises gespeicherten Daten zudem direkt auf dem Smartphone verfügbar sein, kündigt Bär an. Die Identifikation allein per Handy würde die Nutzung weiter erleichtern.

    Den Anspruch auf ein hohes Sicherheitsniveau will die Politik dabei nicht aufgeben: Die Perso-Daten sollen zunächst in einem virtuellen Portemonnaie des Geräts abgelegt werden, in dem auch Kreditkarten oder Flugtickets aufbewahrt werden können.

    Später sollten sie dann im sogenannten Secure Element, dem am besten gesicherten Teil des Betriebssystems, gespeichert sein. Die Bundesregierung verhandelt darüber derzeit mit den Handyherstellern, bislang ist aber nur der südkoreanische Hersteller Samsung an Bord.

    Mit diesen Initiativen werde die Technik viel nutzerfreundlicher und sei anderen Identifikationsverfahren etwa per Video überlegen, wirbt Richter, der als Bundes-CIO die IT der Bundesregierung verantwortet. „Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir neue Anwendungsfelder erschließen, etwa für das Einchecken im Hotel oder das Eröffnen eines Bankkontos.“

    Niedrigere Kosten für Unternehmen

    Damit diese Prognose eintrifft, braucht es jedoch Pioniere. Die DKB möchte einer davon sein. Für Unternehmen bietet das Verfahren einige Vorteile, betont Bereichsleiterin Heiß. So erhalten sie die Daten der Nutzer behördlich bestätigt. Gerade für Kreditinstitute sei das von Bedeutung: „Ohne eine echte Legitimation kommt man bei einer Bank nicht weit.“

    Zudem verspricht das Verfahren niedrigere Kosten bei der Registrierung. Denn: Die Identifikation per Video, die viele Kunden der DKB nutzen, wickelt ein Dienstleister im Auftrag der Bank ab. „Jedes Legitimationsverfahren kostet uns eine Gebühr“, sagt Heiß. Und es bedeute für den Kunden einen Zusatzaufwand – wodurch die Gefahr steige, dass er die Registrierung abbreche.

    Gute Erfahrungen hat Vodafone gemacht. Der Telekommunikationskonzern nutzt die elektronische ID seit April: Kunden können sich damit bei Kauf und Aktivierung von SIM-Karten übers Internet ausweisen. Rund 15 Prozent tun das, jeden Monat eine „gute vierstellige Zahl“, Tendenz steigend. Vodafone sieht einen doppelten Vorteil: für die Kunden, die sich schnell selbst helfen können, und für die Unternehmen, die geringere Kosten zu verbuchen haben – es handle sich „um einen echten Mehrwert“, lautet das Fazit.

    Weiteren Schub soll die zunehmende Digitalisierung der Verwaltung bringen. Im Onlinezugangsgesetz (OZG) hat die Bundesregierung das Ziel ausgegeben, bis Ende 2022 praktisch alle Verwaltungsleistungen von Bund, Ländern und Kommunen auch digital anzubieten.

    Der elektronische Personalausweis dient dabei der Identifikation. Ein besonders wichtiges Projekt ist die Wohnsitzummeldung: Sie soll voraussichtlich von 2021 an auch digital möglich sein, zumindest als Pilotprojekt in einzelnen Kommunen.

    Ob sich die Hoffnungen jetzt erfüllen, zehn Jahre nach der Einführung des Onlineausweises, wird sich zeigen. Die anfangs umständliche Technik und die wenig professionelle Vermarktung haben die Verbreitung gehemmt, betont D21-Vizepräsident Langkabel. „Insofern ist die Geschichte des elektronischen Personalausweises vor allem ein wichtiges Lehrstück für die anstehende, dringend erforderliche weitere Digitalisierung der Verwaltung.“

    Mehr: Digitale Behördengänge fallen bei vielen Bürgern durch

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