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Digitale Revolution

Digitale Revolution Wie die Heizungsbranche die Digitalisierung gemeistert hat

Während sich viele andere Branchen mit Digitalem schwertun, ist ausgerechnet die traditionelle Heizungsbranche in der digitalen Zukunft angekommen.
08.09.2020 - 11:14 Uhr Kommentieren
Der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) geht davon aus, dass der Energieverbrauch mit einer intelligent genutzten Heizung um bis zu 14 Prozent sinken kann. In Zukunft sollen sogar Einsparmöglichkeiten bis zu 40 Prozent möglich sein.
Intelligente Heizungssteuerung

Der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) geht davon aus, dass der Energieverbrauch mit einer intelligent genutzten Heizung um bis zu 14 Prozent sinken kann. In Zukunft sollen sogar Einsparmöglichkeiten bis zu 40 Prozent möglich sein.

Düsseldorf Egal, wann Sie nach Hause kommen, die Wohnung ist wohlig warm, das Bad ein bisschen wärmer als die restlichen Zimmer und sobald Sie aus der Haustür gehen, fährt Ihre Heizung automatisch herunter. Und wenn es mal zu kalt ist, rufen Sie der Heizung einfach zu, sie soll es wärmer machen. Ist es Zeit für die alljährliche Kontrolle, ploppt auf dem Smartphone eine Erinnerung auf und der Termin muss nur noch bestätigt werden. Klingt nach Zukunftsmusik? Ist aber schon Alltag.

Wo andere Branchen mit der Digitalisierung hadern und nur langsam erkennen, dass sie sich anpassen müssen, meistert die Heizungsbranche diese Herausforderung schon seit vielen Jahren – und das recht erfolgreich. Ausgelöst hat diesen Wandel eine Handvoll smarter Start-ups, die eine alteingesessene Industrie mit ihren modernen Ideen am Anfang ganz schön durcheinandergewirbelt hat.

Als Tado 2011 als einer der ersten Anbieter seine intelligenten Thermometer auf den Markt brachte, war die konservative Heizungsbranche noch alles andere als digital. Größen wie Vaillant, Viessmann und Bosch-Buderus haben jahrzehntelang Heizkörper, Ölkessel, Gasanlagen und ein paar strombetriebene Wärmepumpen gebaut. Damit machten sie 2019 immerhin 2,2 Milliarden Euro Umsatz, allein in Deutschland. Das Geschäft war seit Jahrzehnten dasselbe: Ein Heizungsbauer stellt Anlagen her, ein Installateur verkauft die Anlagen an den Endkunden. War die Heizung erst einmal im Keller und erfüllte ihren Zweck, passierte meist nicht mehr viel.

Mit dem Kunden hatten die Hersteller so gut wie keinen Kontakt. Die meisten Deutschen kennen noch nicht einmal den Namen des Unternehmens, das die Heizung in ihrem Keller gebaut hat. Und trotzdem ist sie ein unverzichtbares Gut in jedem Haushalt. Ein stabiler Markt also. „Wenn Unternehmen in ihrer Komfortzone sind, passiert meistens wenig. Dafür muss oft erst eine Bedrohung da sein, damit gehandelt wird. Genau das haben Tado und Co. gemacht“, erklärt Digitalisierungsexperte Lars Riegel von der Unternehmensberatung Arthur D. Little.

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    Start-ups wie Tado, Google Nest und Thermondo haben das Geschäftsmodell der Heizungsbranche ordentlich aufgerüttelt. Plötzlich konnte jeder das eigene Thermometer im Internet bestellen und seine Heizung vom Sofa aus über das Handy steuern. „Smart Energy ist ein Marktsegment, das für die Heizungsanbieter eigentlich prädestiniert war. Aber die Möglichkeiten wurden von den Etablierten nur zögerlich wahrgenommen“, sagt Riedel. Erst die neuen Smart-Energy-Spezialisten hätten den nötigen Wettbewerbsdruck erzeugt und die etablierten Hersteller zu neuen Geschäftsmodellen gezwungen.

    „Die intuitive Bedienbarkeit und Einfachheit von Smart-Energy-Spezialisten wie Tado und eQ-3 hat dazu geführt, dass der Smart-Energy-Markt eine neue Dynamik bekommen hat“, so der Experte weiter. Spätestens als Google das Start-up Nest 2014 für 3,2 Milliarden US-Dollar übernommen hat, nahm der Markt richtig Fahrt auf.

    Energie und Geld sparen

    Die digitale Heizung fällt in den Bereich Smart Home und verbindet nicht nur Bequemlichkeit und Sicherheit, sondern kann vor allem dabei helfen, Energie und damit am Ende auch Geld zu sparen. Der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) geht davon aus, dass der Energieverbrauch mit einer intelligent genutzten Heizung um bis zu 14 Prozent sinken kann. In Zukunft sollen sogar Einsparmöglichkeiten bis zu 40 Prozent möglich sein.

    Das haben damals auch die ersten Kunden bei den smarten Thermometern von Tado gemerkt. Sie konnten es selbst an ihre Heizung anbringen und steuern, die Resonanz war mehr als positiv. Relativ schnell war für Tado-Gründer Christian Deilmann klar, dass der klassische Verkauf über den Heizungsinstallateur vielleicht nicht der richtige Weg ist. „Die Installateure kannten sich mit so etwas damals schlicht nicht aus. Viele hatten noch nicht mal ein Smartphone. Wir haben deswegen einen anderen Weg eingeschlagen und direkt an den Endkunden verkauft“, erzählt Deilmann im Gespräch mit dem Handelsblatt.

    Tado verkaufte seine Produkte nicht nur auf der eigenen Plattform, sondern auch über Amazon, Apple, Media Markt, Saturn und andere Internetseiten. Genau das bescherte dem Münchner Start-up den Durchbruch. Bis heute hat die Firma insgesamt eine Million smarte Thermostate in Deutschland verkauft und 100 Millionen Dollar von seinen Kapitalgebern eingesammelt. In der letzten Runde 2018 sind dann auch der Online-Händler Amazon und Energieversorger Eon eingestiegen.

    Die Branche nimmt die neuen Herausforderer ernst, etliche Hersteller haben mittlerweile selbst smarte Thermostate und andere Smart-Home-Neuerungen vorgestellt. Vaillant hat zum Beispiel eine App zur Steuerung entwickelt, über die Nutzer vordefinierte Profile wie „Zuhause“, „Nacht“ oder „Abwesend“ aktivieren können. Zudem haben Handwerker nun per Ferndiagnose Zugriff auf die Heizung.

    Auch Viessmann entwickelt eigene smarte Geschäftsmodelle und stellt seine smarten Thermostate mittlerweile sogar in Zusammenarbeit mit Tado her. „Wir haben die Heizungsinstallateure mit ins Boot geholt und in kürzester Zeit dazugelernt“, sagt Viessmann-Sprecher Jörg Schmidt. Man beobachte eben erst und mache es dann besser, erklärt er das Vorgehen des mehr als 100 Jahre alten Familienunternehmens.

    Innovation außerhalb des Kerngeschäfts

    Die Flucht nach vorn scheint dem Heizungskonzern den Zahlen nach zu urteilen tatsächlich gelungen zu sein. Im vergangenen Jahr konnte Viessmann seinen Umsatz zum dritten Mal in Folge steigern – auf 2,65 Milliarden Euro. „Wir haben schon immer Neues ausprobiert, aber nur im bestehenden System. Max Viessmann hat das Unternehmen dahin gebracht, Innovationen auch außerhalb des existierenden Geschäftsmodells zu entwickeln“, erklärt Schmidt. Seit 2018 führt Max Viessmann das Unternehmen gemeinsam mit CEO Joachim Janssen in vierter Generation. Aber schon in seiner Funktion als Digital-Chef hat er in den Jahren zuvor zahlreiche Veränderungen bei Viessmann angestoßen.

    2017 gründet der Junior gleich mehrere digitale Einheiten. Einmal Wattx, eine Einheit, die Start-ups aufbaut. Daneben gibt es zwei Venture-Capital-Fonds. Alles ist unter dem Dach der neuen Einheit VC/O gebündelt. Eine Studie der Digitalisierungsberatung Infront nennt Wattx schon kurze Zeit später ein Vorbild. 

    Auf einmal dreht ein mittelständischer Heizungskonzern Videos für Youtube. Und der Chef höchstpersönlich macht sich über die Digitalisierung lustig, die die über die „beautiful city of Allendorf“ gekommen ist. „The future’s gonna be this: Viessmann“, ruft der Familiennachfolger in die Kamera und streckt beide Fäuste nach vorne - den Firmennamen auf die Knöchel tätowiert.

    „Die Heizungsbranche besteht traditionell aus Mittelständlern. Dass sie so schnell auf diese Entwicklung reagiert haben, hatte man nicht unbedingt erwartet. Mittlerweile stehen die deutschen Unternehmen im internationalen Wettbewerb gut da“, attestiert auch Arthur-D.-Little-Experte Riegel. In den letzten Jahren hätten Buderus, Viessmann, Vaillant und Co. tatsächlich viel gemacht und sich als Smart-Home-Player etabliert.

    Start-ups als Digitalisierungstreiber

    Ganz vorne sieht Riegel dabei auch Buderus, das 2003 von Bosch aufgekauft wurde und heute unter dem Namen Bosch-Buderus bekannt ist. Dass die Digitalisierung die Branche umwälzt, habe man in Wetzlar schon früh erkannt, sagt Vertriebsleiter Stefan Thiel im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Als Google damals Nest gekauft hat, war das für uns eine echte Überraschung. Wir hatten ein ähnliches System damals schon entwickelt und 2013 gerade mit der Vermarktung begonnen“, erzählt er. Anders als die junge Konkurrenz musste Bosch-Buderus allerdings erst einmal den Fachhandel von seinem Produkt überzeugen. „Solche Start-ups haben uns am Ende auch geholfen, die Handwerker für das Thema zu begeistern.“

    Heute müssen alle Geräte des Thermotechnikers auf Vernetzung ausgerichtet sein. Ohne Digitalisierung geht nichts mehr. Die größte Revolution sieht Thiel allerdings nicht in den Produkten selbst, sondern beim Kunden. „Vor fünf bis zehn Jahren hat jeder bei seinem Heizungsbauer nachgefragt, was er machen soll, wenn es um den Kauf einer neuen Anlage ging. Jetzt ist der Endkunde viel emanzipierter und besser informiert“, beobachtet er.

    Und das sei für die gesamte Branche immens wichtig. Eine Industrie, die vorher nie mit ihrem Endkunden in Kontakt war, hat innerhalb von wenigen Jahren ihre gesamte Strategie darauf ausgerichtet. „Wir kamen aus einem stabilen Markt und konnten deswegen schnell reagieren. Die Taschen waren tief genug, um die Entwicklung über die nächsten zehn Jahre stemmen zu können“, sagt Thiel heute.

    Und die Digitalisierung der Heizungsbranche ist noch lange nicht beendet. „In der Zukunft sollen die Systeme selbstlernend werden. Zum Beispiel automatisiert anhand von Wetterdaten die Konfiguration perfektionieren. Man müsste sich um nichts mehr kümmern. Die Heizanlage weiß, wann man im Urlaub ist oder auf der Arbeit, und regelt sich dementsprechend hoch oder runter“, schwärmt Thiel von den Möglichkeiten der einst so angestaubten Industrie.

    Anders als andere Wirtschaftszweige läuft die Branche nicht Gefahr, in ihrem Kerngeschäft irrelevant zu werden. Den meisten ist die Digitalisierung gut gelungen. „Von der Heizungsindustrie könnten sich andere Branchen in Sachen Digitalisierung was abschauen“, ist Riegel überzeugt. Eine Handvoll junger Digital-Start-ups war augenscheinlich der Weckruf, den die deutschen Heizungsbauer gebraucht haben.

    Mehr: Wärmepumpen – Die Revolution im Heizungskeller

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