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Digitale Revolution

Digitale Revolution Wie die Roboterindustrie vom Trend zur Distanz profitieren könnte

China ist der weltgrößte Markt für Roboter. Das Land subventioniert seine Hersteller mit hohen Summen. Die Coronakrise könnte neuen Schub verleihen.
20.05.2020 - 03:51 Uhr Kommentieren
Die Roboterindustrie könnte durch die Coronakrise einen Schub erfahren. Credits: Peti Kollanyi/Blooomberg, KUKA AG, Getty Images, Imago
Robotik

Die Roboterindustrie könnte durch die Coronakrise einen Schub erfahren.

Credits: Peti Kollanyi/Blooomberg, KUKA AG, Getty Images, Imago

Peking Wer im Hotel „Gehua New Century“ in Peking mit dem Aufzug fährt, muss damit rechnen, dass ein Roboter zusteigt. Etwa bis zur Hüfte geht einem das Gefährt, dessen Maße an eine rollende Regentonne erinnern. Ausgestattet ist es mit einem großen Display und einem Fach, in dem es Essen, Getränke oder andere Dinge transportieren kann.

An der Vorderseite hat der Lieferroboter einen Frack aufgemalt, „Ich liebe Bier“, steht auf Englisch darauf. Wie von Geisterhand fährt er völlig autonom durch die Gänge des Hotelkomplexes mit 350 Zimmern, wartet auf Aufzüge, weicht Hindernissen aus und überwindet Türschwellen.

In China gehören solche Serviceroboter in gehobenen Hotels bereits zum Alltag. Die Coronakrise könnte den Herstellern nun zusätzliche Aufträge verschaffen: „Während der Epidemie wollten die Menschen nicht in Kontakt kommen mit dem Servicepersonal“, sagt Jiang Jintao, Marketingmanager des Hotels, die Nutzung der Roboter pro Gast habe zugenommen. Die Hotelkette, für die er arbeitet, hat bereits 80 Prozent ihrer mehr als 100 Hotels mit solchen automatischen Helfern ausgestattet.

Die Roboterindustrie habe während der Coronakrise zwar unter Lieferunterbrechungen und Stornierung von Bestellungen gelitten, sagt Hao Yucheng, Generalsekretär des Verbands der chinesischen Roboterindustrie. Doch bei kontaktlosen Lieferrobotern und Desinfektionsrobotern sei ein Anstieg der Nachfrage zu beobachten. Experten schätzen, dass die Krise der Branche langfristig zu mehr Auftrieb verhelfen könnte.

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    Ein der allgemein schlechten Wirtschaftslage geschuldeter Absatzrückgang bei manchen Robotern könnte durch mehr Nachfrage in bestimmten Sektoren, wie Gesundheitswesen und Medizin, Logistik und Sicherheit ausgeglichen werden, schätzt Taylor Lam, Partner und Technologieexperte bei der Unternehmensberatung Deloitte. Langfristig erwartet er durch Covid-19 auch im Bereich der Industrieroboter einen Schub: „Die Krise wird einigen Menschen die Bedeutung der Automatisierung bewusst machen“, so Lam.

    Diese Einschätzung teilt Susanne Bieller, Generalsekretärin des Internationalen Verbands der Robotik-Industrie (IFR): „Wir gehen davon aus, dass sich Unternehmen durch die Coronakrise weltweit stärker auf Automatisierung fokussieren werden, um sich krisensicherer zu machen.“ Ende 2020 werde die Nachfrage voraussichtlich wieder anziehen, in den zwei folgenden Jahren sei mit kräftigem Wachstum zu rechnen.

    Zusätzliche Nachfrage nach Desinfektionsrobotern

    Ein paar Autominuten entfernt vom Hotel „Gehua New Century“ sitzt das Unternehmen, das die Lieferroboter im Frack herstellt, ein Start-up namens Yunji. Die Firma nutzt die Krise als Verkaufsargument. Sie bietet Hotelbetreibern an, Geräte zum Desinfektionsroboter aufzurüsten, und installierte nachträglich die Funktion, mittels QR-Code kontaktlos zu bestellen.

    Yang Zi, Vizepräsident für technologisch-strategische Kooperationen, zeigt im Büro des Unternehmens eine digitale Karte von China. Überall leuchten kleine und große Punkte auf, daneben stehen Namen von Hotels in der Volksrepublik, dazu die Nummer von Robotern und was sie gerade machen. Yunji-Geräte sind laut Unternehmensangaben bereits in mehr als 1500 Hotels in China und weiteren neun Ländern unterwegs.

    Wie viele andere Hersteller in China reagierte Yunji schnell und entwickelte eigens einen neuen Desinfektionsroboter. Der dreht jetzt in dem Gebäude, in dem Yunji seine Büros hat, seine Runden und versprüht konstant einen Desinfektionsnebel. Wer sich ihm in den Weg stellt, muss nichts befürchten: Das gutmütige Gefährt dreht ab und fährt einen anderen Weg. „Es gab schon vor der Krise Desinfektionsroboter“, sagt Yang, „aber es gab keinen Markt für sie.“ Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie habe sich das geändert. 20 zusätzliche Bestellungen habe das Unternehmen bereits erhalten, insbesondere zum Einsatz in Bürogebäuden.

    Grafik

    Die chinesische Regierung dürfte die Geschichte von Yunji freuen. Peking hat Robotik bereits im Jahr 2015 bei der Vorlage seiner „Made in China 2025“-Strategie als Schlüsselindustrie erkoren. Hohe Subventionen flossen in die Branche, Unternehmen genossen Steuernachlässe und andere Vorzugsbehandlungen.

    In der Folge stieg der Marktanteil der chinesischen Hersteller am Markt für Roboter in China in den vergangenen Jahren deutlich. Laut aktuellen Zahlen des internationalen Roboterverbands IFR steigerten chinesische Anbieter ihren Anteil an allen in China installierten Maschinen im Jahr 2018 um fünf Prozentpunkte auf 27 Prozent. 2025 sollen es nach Maßgabe der chinesischen Regierung bereits 70 Prozent sein.

    Schon seit 2013 ist China der weltgrößte Markt für Industrieroboter. Mehr als ein Drittel aller Industrieroboter wurde in die Volksrepublik verkauft. Doch es gibt Luft nach oben. Denn bei der Roboterdichte hinkt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im Vergleich zu anderen Ländern noch hinterher. So kommen in China auf 10.000 Mitarbeiter im produzierenden Gewerbe 140 Roboter, in Deutschland sind es mit 338 mehr als doppelt so viele Roboter, in Singapur mit 831 sogar fast sechsmal so viele.

    Produkte aus China für China

    Der Verband der chinesischen Roboterindustrie erwartet, dass die Pandemie zu einem Umdenken führt und den Wandel im produzierenden Gewerbe in China beschleunigt. Die Pandemie habe viel Leid gebracht, sagt Generalsekretär Hao – aber sie sei auch ein Weckruf für die Wirtschaft, dass sie ihre Technologieentwicklung beschleunigen müsse. „Die traditionellen Herstellungsmethoden können nicht länger aufrechterhalten werden“, glaubt er.

    Chinas Roboterindustrie hat im internationalen Vergleich bislang noch keine überragende Stellung. „Im Bereich der Industrieroboter hat eine überschaubare Anzahl von Herstellern einen großen Marktanteil“, sagt IFR-Generalsekretärin Bieller. Sehr viele davon säßen in Japan, zudem gebe es verschiedene Hersteller in Europa. „In zunehmender Zahl sitzen sie aber auch in China“, so Bieller. Internationale Ambitionen haben die chinesischen Hersteller jedoch nicht. „Diese Unternehmen bedienen derzeit vor allem den lokalen Markt.“

    Experten wie Dai Zhendong, Robotik-Professor an der Nanjing University of Aeronautics and Astronautics kritisieren, dass die Subventionen Wettbewerb behindern und schwache Firmen am Leben erhalten. Je nach Bereich hängen chinesische Unternehmen der internationalen Konkurrenz bei der Entwicklung weit hinterher. So sind laut Experten japanische Unternehmen bei Robotern für das Gaststättengewerbe und Entertainment wesentlich weiter als die chinesische Konkurrenz, die deutschen Unternehmen etwa bei Robotern für die Autoproduktion. Ein Feld, auf dem chinesische Hersteller international mithalten können, sind Drohnen und mobile Roboter.

    Autonome Paketlieferanten

    Auch JD.com setzt auf Lieferroboter. In einem Industriegebiet in Peking befindet sich das Hauptquartier des zweitgrößten Onlinehändlers Chinas. An dem Standort arbeiten derzeit 15.000 der insgesamt weltweit 220.000 Mitarbeiter. Nebenan werden drei neue mehrstöckige Bürogebäude für weitere 20.000 Angestellte hochgezogen, an den Bauplänen hängt bereits das Logo des Unternehmens, ein kleiner weißer Hund. 

    Kong Qi, Chefwissenschaftler bei JD.com und Chef für autonomes Fahren, begrüßt in einem gläsernen Konferenzraum, er trägt eine Gesichtsmaske zum Schutz vor dem Coronavirus, Jeans und Poloshirt. Kong ist für die autonom fahrenden Lieferroboter verantwortlich, die das Unternehmen seit 2019 einsetzt.

    Die Lieferfahrzeuge fahren selbstständig durch die Straßen. Quelle: JD.com
    Lieferroboter von JD.com

    Die Lieferfahrzeuge fahren selbstständig durch die Straßen.

    Die kleinen unbemannten Lieferfahrzeuge fahren selbstständig durch die chinesischen Städte Hohhot und Changsha, seit Februar sind auch zwei in Wuhan unterwegs, der zentralchinesischen Stadt, die am meisten von dem Coronavirus betroffen war. Wie viele der autonomen Lieferroboter insgesamt unter realen Bedingungen getestet werden, will JD auf Anfrage nicht sagen.

    Kong schiebt stattdessen lieber sein Smartphone über den Tisch und zeigt ein Handyvideo. Darauf sind die Aufnahmen der verschiedenen Kameras des Lieferroboters zu sehen, der in Wuhan im Einsatz ist. Jeweils eine an jeder Seite zeigt, wie der Roboter an parkenden Autos und an Radfahrern vorbeifährt. Bis zu 15 Stundenkilometer schnell ist das rechteckige Fahrzeug. Menschen reicht es ungefähr bis zur Schulter. 

    „Bislang gab es keinerlei Unfälle“, berichtet Kong. Dabei ist das kleine Gefährt weitgehend selbstständig auf den Straßen Wuhans unterwegs, Level 4 nennt man das im Fachjargon. Kong glaubt, dass kontaktlose Lieferungen durch die Krise einen Auftrieb erfahren werden. „Wuhan ist erst der Anfang“, sagt er, in einem nächsten Schritt werde der Roboter breiter genutzt werden. Man sei bereits mit „mehreren Städten“ für weitere Testläufe im Gespräch, heißt es von dem Unternehmen.

    Auch in Wuhan sollen mehr Lieferroboter eingesetzt werden. Alle Daten, die JD dabei sammelt, fließen in eine Cloud. Je mehr Daten das Unternehmen hat, desto besser sind seine Roboter. Im Rennen um fahrerlose Fahrzeuge wird das JD einen Vorsprung verschaffen.

    Zugute kommen könnte chinesischen Roboterherstellern auch das Investment der chinesischen Regierung in digitale Infrastruktur. „China investiert viel in Künstliche Intelligenz, 5G, Edge Computing und Halbleiter“, sagt Deloitte-Experte Lam, „das wird das Wachstum und die Nachfrage nach Robotern sprunghaft steigen lassen“, so Lam. Nicht nur auf Hotelfluren, sondern auch auf den Straßen und in den Fabriken.

    Mehr: Dieser Gründer will das Zeitalter des Fließbands beenden.

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