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Digitale Revolution

Digitale Revolution Wie neue Technologien das Leben von Diabetikern verändern

Neue Technologien haben das Leben von vielen Diabetes-Erkrankten entscheidend verbessert. Doch das Potenzial wird bei Weitem nicht ausgenutzt.
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Der Applikator zum Schlucken gibt Insulin in die Schleimhaut ab, bevor er unversehrt über den Darm wieder ausgeschieden wird. Quelle: DigitalVision/Getty Images
Insulinpille (Symbolfoto)

Der Applikator zum Schlucken gibt Insulin in die Schleimhaut ab, bevor er unversehrt über den Darm wieder ausgeschieden wird.

(Foto: DigitalVision/Getty Images)

FrankfurtStephanie Haack stand kurz vor dem Abitur, als ihre Bauchspeicheldrüse aufhörte, Insulin zu produzieren. Zu einem Zeitpunkt, als die Schülerin dachte, dass ihr alle Möglichkeiten der Welt offen stünden, zwängte sie die Zuckerkrankheit Diabetes in ein Korsett aus neuen täglichen Routinen: Von nun an musste sie sich mehrmals täglich in den Finger pieksen, Blutzucker messen, Kohlenhydrate im Essen zählen, Insulin spritzen und ein Tagebuch führen – notwendige Aktivitäten, um das „Diabetes-Monster“, wie Stephanie Haack ihre Erkrankung auch nennt, in Schach zu halten.

Heute – zehn Jahre später – trägt die 27-Jährige einen Sensor am Oberarm, der kontinuierlich den Glukosewert im Gewebe misst, eine Pumpe am Büstenhalter, die über einen Schlauch Insulin ins Bauchfett abgibt und eine Smartwatch, die am Handgelenk vibriert, wenn eine gefährliche Unterzuckerung droht.

„Ein Riesenstück Lebensqualität“ habe sie durch die Technologie gewonnen, sagt die studierte Sozialwissenschaftlerin, die heute im Fundraising von „Aktion gegen Hunger“ arbeitet. Vor fünf Jahren bereits hatte sie – damals noch auf eigene Kosten – ihren ersten Sensor für den Oberarm gekauft. Er half ihr, besser mit ihrer Krankheit umzugehen.

„Plötzlich hatte ich nicht mehr nur fünf Datenpunkte am Tag, sondern konnte sehen, wie sich die Blutzuckerkurve über 24 Stunden hinweg entwickelt und bei welchen Aktivitäten ich meine Insulinversorgung anpassen muss“, sagt die junge Frau, die seit Jahren über ihre Erfahrungen mit der Erkrankung bloggt.

So wie Stephanie Haack profitieren immer mehr Menschen mit Diabetes von der Digitalisierung und den technischen Neuerungen. „Die Technologie hat sich aus dem Randgebiet der Messwerkzeuge hin zu einer tragenden Säule in der Diabetesversorgung entwickelt“, sagt Prof. Lutz Heinemann, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Technologie bei der Deutschen Diabetesgesellschaft.

Vor fünf Jahren hatte sie – damals noch auf eigene Kosten – ihren ersten Sensor für den Oberarm gekauft. Er half ihr, besser mit Diabetes umzugehen. Quelle: privat
Stephanie Haack

Vor fünf Jahren hatte sie – damals noch auf eigene Kosten – ihren ersten Sensor für den Oberarm gekauft. Er half ihr, besser mit Diabetes umzugehen.

(Foto: privat)

Nach Schätzungen der Gesellschaft gibt es in Deutschland mehr als 400.000 Nutzer von kontinuierlichen Glukose-Überwachungssystemen und rund 50.000 Nutzer von Insulinpumpen. Das ist zwar immer noch eine Minderheit der mehr als sieben Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland, aber die Tendenz steigt.

Zudem entwickelt sich das Smartphone zum wichtigsten Werkzeug bei der Diabetes-Therapie. Dank zahlreicher Apps führen immer mehr Menschen ihr Diabetes-Tagebuch elektronisch. Erinnerungsfunktion und Kohlenhydratrechner helfen, den Alltag mit der Krankheit besser zu bewältigen.

Zusammen mit den Daten über Blutzuckerwerte und Insulinabgaben, die mittlerweile von vielen Messgeräten und Insulinpens automatisch übermittelt werden, können die Patientendaten in der Cloud gesammelt und verwaltet werden, so dass sich auch der Arzt bei Bedarf per Knopfdruck ein Bild von der Versorgung seiner Diabetes-Patienten machen kann.

Weltweit gibt es einen sehr großen Bedarf für eine gute Versorgung von Diabetes-Patienten: Mehr als 420 Millionen Erkrankte gibt es laut der Weltgesundheitsorganisation WHO. Die direkten Kosten der Erkrankung, also die Behandlungskosten, beziffert die WHO auf mehr als 800 Milliarden Dollar pro Jahr.

Arzneimittelhersteller wie Sanofi, Novo Nordisk und Medizintechnikunternehmen wie Medtronic, Abbott, Roche oder Dexcom tummeln sich in diesem Markt, der wegen der rasanten Verbreitung insbesondere von Diabetes Typ 2 deutliches Wachstum verspricht.

Kooperationen mit Tech-Konzernen

Die Ambitionen der Unternehmen, innovative Produkte auf den Markt zu bringen, sind hoch. Viele Firmen haben sich deshalb schon vor Jahren mit Technologiekonzernen zusammengeschlossen. 2014 etwa sorgte die Ankündigung von Novartis und Google für Schlagzeilen, eine Kontaktlinse entwickeln zu wollen, die Glukosewerte in der Tränenflüssigkeit misst. Das Projekt wurde im vergangenen Jahr allerdings mangels Machbarkeit gestoppt.

Einen ersten Langzeitsensor für die Glukosemessung hat der Schweizer Roche-Konzern zusammen mit der US-Technologiefirma Senseonics entwickelt und 2017 auf den Markt gebracht. Das ein Zentimeter lange Röhrchen, das mittlerweile auch in Deutschland auf dem Markt ist, wird unter die Haut injiziert und soll laut Hersteller bis zu sechs Monate kontinuierlich den Glukosegehalt im Gewebe messen.

Auch mit Blick auf eine Optimierung der Insulinabgabe sind die Ziele hoch gesteckt: Seit Jahren wird an Pillen, die das Hormon abgeben sollen, geforscht. Kürzlich hat das MIT in Cambridge, unterstützt vom dänischen Insulinhersteller Novo Nordisk, ein Produkt erfolgreich an Schweinen getestet.

Der Applikator zum Schlucken gibt, während er den Magen passiert, Insulin in die Schleimhaut ab, bevor er unversehrt über den Darm wieder ausgeschieden wird. Eine klinische Entwicklung dieser Pille dürfte sich allerdings noch Jahre hinziehen.

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Deutlich weiter ist die Industrie beim Thema künstliche Bauchspeicheldrüse: Der US-Konzern Medtronic etwa hat 2017 in den USA die Zulassung für sein so genanntes Hybrid-Closed-Loop-System bekommen: Dabei misst ein Sensor den Blutzuckergehalt im Gewebe unter der Haut, ein Transmitter sendet die Daten an die Insulinpumpe. Dort steuert ein spezieller Algorithmus die Abgabe eines langwirkenden Insulins automatisch, was die Patienten bisher per Hand machen mussten.

Allerdings kann das Produkt bisher nur für die Abgabe des langwirkenden Insulins eingesetzt werden. Den zusätzlichen Bedarf an kurzwirkendem Insulin nach Mahlzeiten müssen die Patienten weiterhin selbst steuern. Medtronic will das Produkt, das für Typ-1-Diabetiker zugelassen ist, in den nächsten Monaten in ausgewählten europäischen Märkten einführen. Wann es in Deutschland auf den Markt kommt, steht noch nicht fest. Zur Zeit wird mit den Krankenkassen über eine mögliche Erstattung verhandelt.

Für Schlagzeilen hat 2016 die Ankündigung von Sanofi und der Google-Biowissenschaftsfirma Verily gesorgt, zusammen 500 Millionen Dollar in das Gemeinschaftsunternehmen Onduo zu investieren, um Lösungen für Diabetes-Patienten zu entwickeln, die Software und Medizin verbinden sollen.

Eine dieser Lösungen wird derzeit mit der Schweizer Firma Sensile erarbeitet, seit vergangenem Jahr 100-prozentige Tochter des deutschen Verpackungsherstellers Gerresheimer. Die Firmen arbeiten an einer digital gesteuerten Insulinpumpe für Typ-2-Diabetiker, die die Grundversorgung mit einem langwirkenden Insulin über den Tag automatisch sicherstellen soll. Ziel ist es auch bei diesem System, künftig die Anbindung an eine automatische Blutzuckermessung zu schaffen und perspektivisch eine Closed-Loop-Lösung anzubieten.

Datenanalyse wird immer wichtiger

Die Zukunft der Diabetes-Therapie wird allerdings nicht nur von immer smarteren Geräten bestimmt, sondern vor allem auch von einer besseren Analyse der Daten. Deshalb widmet sich ein Großteil der Arbeit von Onduo dem Ziel, besser zu verstehen, was Diabetiker brauchen.

„Wir versuchen, den Menschen in seinem Lebensumfeld zu erfassen und nicht nur in Bezug zu seiner Erkrankung“, sagt Sanofi-Vice-President Gilles Litman, der dort den Bereich „Integrierte Versorgung“ leitet. Unter anderem haben die Onduo-Partner eine virtuelle Klinik für Patienten mit Typ-2-Diabetes in den USA gestartet, bei der mittlerweile schon 4600 Menschen registriert sind, die eng begleitet werden.

„Wir wollen ein integriertes Versorgungsangebot schaffen, um Menschen mit Diabetes zu unterstützen. Wir glauben, dass die Verbindung von Technologie, Daten und digitalen Lösungen einen Unterschied in der Therapie macht, wenn alles gut in den Alltag der Patienten aber auch der betreuenden Berufe integriert ist“, so Litman. Bisher ist die virtuelle Onduo-Klinik auf die USA beschränkt, bei Erfolg kann sich Litman aber auch vorstellen, das Modell in andere Märkte zu exportieren.

Diese technischen Hilfsmittel können Diabetes-Patienten heute nutzen

Für Stephanie Haack jedenfalls sind noch einige Wünsche offen, was die Versorgung von Menschen mit Diabetes angeht. Closed-Loop-Systeme etwa müssten bald zur Standardversorgung gehören, findet sie. „Die Erkrankung beschäftigt mich jeden Tag, ob ich will oder nicht“, sagt sie. „Wenn die Technik es mir dann erlaubt, ein paar Stunden am Tag auf Autopilot schalten zu können, wäre das eine große Erleichterung“, sagt Haack.

Was ihren Alltag noch viel einfacher machen würde, wären zusätzliche digitale Lösungen und telemedizinische Angebote: Eine App etwa, die situativ am Foto des Essens vor ihr auf dem Teller erkennt, wie viele Kohlenhydrate sie voraussichtlich zu sich nimmt – damit die junge Frau weiß, wie viel Insulin sie zusätzlich spritzen muss.

Nicht zuletzt wären die Einführung eines elektronischen Rezeptes und Videosprechstunden mit ihrer Diabetologin eine große Erleichterung: „Damit ich nicht jedes Quartal Stunden für den Arztbesuch einplanen muss“, sagt Haack.

Hintergrund: Volkskrankheit Diabetes
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