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Digitale Revolution

Fragen und Antworten So wird der Handel an der Deutschen Börse überwacht

Algorithmen analysieren, verdächtige Transaktionen aufspüren, Teilnehmer ausschließen: Antworten auf die sieben wichtigsten Fragen zur Kontrolle des Börsenhandels.
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Im Zuge des 2013 verabschiedeten Hochfrequenzhandelsgesetzes wurden alle Handelsteilnehmer verpflichtet anzugeben, ob es sich um einen Handelsauftrag von einem Menschen oder einem Algorithmus handelt. Quelle: dpa
Börsenhandel

Im Zuge des 2013 verabschiedeten Hochfrequenzhandelsgesetzes wurden alle Handelsteilnehmer verpflichtet anzugeben, ob es sich um einen Handelsauftrag von einem Menschen oder einem Algorithmus handelt.

(Foto: dpa)

Frankfurt An der Deutschen Börse werden jeden Tag Milliarden bewegt. Für den Großteil der Handelsaufträge sind dabei heutzutage Algorithmen verantwortlich, die zum Teil innerhalb von Nanosekunden Kaufs- und Verkaufsangebote ins System schießen.
Entsprechend anspruchsvoll ist auch die Überwachung des Börsenhandels geworden.

Das Handelsblatt hat sich die Super-Rechner der Algo-Trader angesehen und mit den Kontrolleuren gesprochen. Die sieben wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Wie ist die Handelsüberwachung organsiert?
Dafür ist nach Paragraph 7 Absatz 1 des Börsengesetztes die Handelsüberwachungsstelle, kurz Hüst, zuständig. Sie ist ein eigenständiges Börsenorgan, das an die Börsenaufsicht im hessischen Wirtschaftsministerium berichtet. Viele Standards, die bei der Handelsüberwachung beachtet werden, kommen mittlerweile aber von internationalen Institutionen, beispielsweise von der europäischen Finanzmarktaufsicht Esma oder den US-Behörden CFTC und SEC.

Die 27 Mitarbeiter der Hüst arbeiten in zwei Großraumbüros in der Zentrale der Deutschen Börse in Eschborn bei Frankfurt. Sie nehmen einen öffentlich-rechtlichen Auftrag wahr, werden aber von der Deutschen Börse als Trägergesellschaft der Frankfurter Wertpapierbörse bezahlt. „Das ist seit langem basierend auf dem hundert Jahre alten Börsengesetz so organisiert und funktioniert gut“, sagt Michael Zollweg, der Leiter der Handelsüberwachung.

Gibt es einen Interessenkonflikt, wenn die Kontrolleure vom überwachten Unternehmen bezahlt werden?
Zollweg sieht keinen Interessenkonflikt und verweist darauf, dass es in anderen Bereichen ähnliche Konstruktionen gibt. „Der Abschleppdienst schleppt im Auftrag der Polizei Autos ab und übernimmt damit eine öffentlich-rechtliche Aufgabe. Bezahlt wird er aber privat.“ Andere Regulierungsbehörden wie die Finanzaufsicht Bafin oder die Europäische Zentralbank würden teilweise über eine Umlage von den Unternehmen bezahlt, die sie beaufsichtigen, betont Zollweg.

„Wir würden der Deutschen Börse darüber hinaus nichts Gutes tun, wenn wir nichts tun und Marktmanipulation dulden“, erklärt Zollweg. „Denn die Kunden wollen einen fairen Handel und würden sich andernfalls abwenden.“

Welche Aufgaben hat die Handelsüberwachung?
Die Hüst sammelt Daten und wertet diese aus – unter anderem zur Preisfeststellung im Frankfurter Parketthandel, auf dem elektronischen Handelssystem Xetra und an der Derivatebörse Eurex. Zudem kontrollieren die Mitarbeiter, ob sich alle Handelsteilnehmer an die Regeln halten. Bei der Hüst laufen jeden Tag rund zwei Milliarden Transaktionsdaten ein. Diese werden dann mithilfe eines elektronischen Überwachungssystems ausgewertet, das bei Verdachtsfällen nach ein bis zwei Sekunden Alarm schlägt. Analysten gehen diesen ‚Alerts‘ dann nach und fragen bei Bedarf bei den Händlern nach. Zudem bekommt die Hüst Hinweise von Marktteilnehmern, und es gibt eine Hotline für Whistleblower.

Welche Befugnisse hat die Handelsüberwachung?
Wenn die Hüst Hinweise auf Insiderhandel oder Marktmanipulation hat, gibt sie diese an die Aufsichtsbehörden oder Staatsanwaltschaften weiter. Sanktionen spricht die Handelsüberwachung selbst nicht aus. Das übernehmen die Börsenaufsicht in Wiesbaden, die Geschäftsführungen der Börsen über einen Sanktionsausschuss, die Finanzaufsicht Bafin oder Gerichte.

Bei Verdachtsfällen dürfen Hüst-Mitarbeiter die Geschäftsräume von Kunden betreten oder die standardmäßig aufgezeichneten Telefonate anhören. Beides passiert in der Praxis aber selten. „Wenn Gefahr in Verzug ist, können wir die Geschäftsführungen der Börsen oder die Börsenaufsichtsbehörde auch bitten, eilbedürftige Maßnahmen zu ergreifen, etwa einen bestimmten Teilnehmer vom Handel auszuschließen“, sagt Zollweg. „Das kommt allerdings extrem selten vor.“

Wie geht die Hüst mit wild gewordenen Algorithmen um?
„Es passiert immer wieder mal, dass ein Algorithmus verrückt spielt“, sagt Zollweg. „Wir rufen dann den Handelsteilnehmer an und er stellt ihn von sich aus ab, denn oft verliert er in solchen Fällen Geld.“ Dass Algorithmen gezielt programmiert werden, um Marktmissbrauch zu begehen, ist dagegen unwahrscheinlich. Denn das ließe sich über die Protokolle relativ leicht nachweisen. „Es passiert viel häufiger, dass ein Mensch die Algorithmen austrickst als andersherum“, sagt Andreas Mitschke, der die elektronische Handelsüberwachung leitet. „Denn Menschen können die Verhaltensmuster von Algorithmen analysieren und diese dann gezielt ausnutzen.“

Müssen Händler ihre Algorithmen offenlegen?
Wenn es verdächtige Transaktionen gibt, fordert die Hüst den Handelsteilnehmer auf, ihr die Funktionsweise seines Algorithmus zu erläutern. „Wenn uns die Antwort nicht überzeugt, fordern wir den sogenannten Pseudo-Code an“, erklärt Zollweg. Darin wird die Programmier-Logik detailliert beschrieben.

Den gesamten Code eines Algorithmus hat die Hüst bisher erst einmal angefordert, weil die Kontrolleure das Gefühl hatten, jemand wolle sie hinters Licht führen. „Wir haben hier Leute, die mit Programmier-Codes umgehen können“, sagt Zollweg. Der Programm-Code alleine bringe der Hüst jedoch nichts. „Es kommt darauf an, dass man sieht, wie er sich unter realen Bedingungen verhält.“

Hat das deutsche Hochfrequenzhandelsgesetz etwas gebracht?
Im Zuge des 2013 verabschiedeten Hochfrequenzhandelsgesetzes wurden alle Handelsteilnehmer verpflichtet anzugeben, ob es sich um einen Handelsauftrag von einem Menschen oder einem Algorithmus handelt. Aus Sicht von Zollweg war dies eine gute Regelung. „Im deutschen Gesetz gab es eine klare Definition, was unter einem Algo-Handelsauftrag zu verstehen ist.“

Inzwischen wurde das deutsche Gesetz jedoch durch europäische Regeln (Mifid und Mifir) abgelöst – und diese haben aus Sicht von Zollweg Schachstellen. „Die europäischen Regeln sind aus unserer Sicht weniger eindeutig“, sagt er. „Jetzt haben die Handelsteilnehmer einen größeren Interpretationsspielraum und können am Ende selbst entscheiden, wie sie ihre Algorithmen unterscheiden.“

Mehr: Im Börsenhandel werden Algorithmen seit vielen Jahren eingesetzt und genauestens kontrolliert. Was können andere Sektoren von der Finanzbranche lernen? Ein Ortsbesuch.

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