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Digitale Revolution
Gesichtserkennung

Die Gesichtserkennung dringt stark in die Intimsphäre des Menschen ein.

(Foto: AP)

„MS Celeb“ Microsoft löscht Datenbank mit zehn Millionen Gesichtsfotos

Offenbar haben Unternehmen aus China die Datenbank genutzt, um Gesichtserkennungssoftware zu verbessern. Gelöscht wurden die Fotos aber aus einem anderen Grund.
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DüsseldorfMicrosoft hat ohne Ankündigung eine Datenbank mit zehn Millionen Gesichtsfotos aus dem Internet gelöscht. 2016 hatte der Softwarekonzern den Datensatz MS Celeb zur Verfügung gestellt. Er sollte Unternehmen als Trainingsmaterial dienen, um ihre Gesichtserkennungssoftware, die durch Künstliche Intelligenz (KI) gestützt wurde, zu verbessern.

MS Celeb nutzten eine Reihe von Unternehmen, darunter IBM, Panasonic, Nvidia und Hitachi. Auch Microsoft selbst hat seine Gesichtserkennungssoftware mit MS Celeb optimiert. Allerdings haben laut der „Financial Times“ auch zwei chinesische Unternehmen von der Datenbank Gebrauch gemacht. Eines davon war Sense Time.

Dieses chinesische Softwareunternehmen verkauft seine KI-Gesichtserkennungssoftware unter anderem an die chinesische Provinz Xinjiang. Dort werden die Einwohner über Kameras pausenlos überwacht. Vor allem die dort lebenden Uiguren, eine muslimische Minderheit, leidet darunter. Einige von ihnen werden in Xinjiang in Internierungslagern festgehalten. Sense Time soll den Datensatz genutzt haben, um ihrer Gesichtserkennungssoftware die Fähigkeit zu verleihen, anhand von bestimmten Gesichtsmerkmalen die Ethnie eines Menschen festzustellen.

Der in Berlin lebende Künstler Adam Harvey hatte im April auf die missbräuchliche Nutzung der Datenbank durch chinesische Unternehmen aufmerksam gemacht. Microsoft teilte der „FT“ lediglich mit, dass der Datensatz eigentlich für akademische Zwecke gedacht war. Gelöscht habe Microsoft die Datenbank, weil ein Mitarbeiter diese gepflegt habe, der nicht mehr für den Konzern arbeitet.

Die Fotos von MS Celeb wurden aus öffentlich zugänglichen Quellen bezogen. Lizensiert waren sie durch Creative Commons, einer gemeinnützigen Organisation aus den USA. Diese bietet Autoren Standard-Lizenzverträge an, mit denen sie ihre Werke der Öffentlichkeit einfacher zugänglich machen.

Gesichtserkennungssoftware gerät zunehmend in die Kritik

Die Bezeichnung Celeb ist dabei irreführend. Zwar beinhaltete der Datensatz in der Tat Fotos von zahlreichen amerikanischen und britischen Berühmtheiten. Allerdings waren auch Personen darunter, die wegen ihres Berufsleben online präsent sein müssen, beispielsweise Journalisten, Künstler, Musiker, Aktivisten und Wissenschaftler.

Dass der Fall ein solch mediales Echo erzeugt, hat aber nicht nur allein damit zu tun, dass Microsofts Datenbank von chinesischen Unternehmen genutzt wird, um sie gegen die Bevölkerung einzusetzen. Vielmehr gerät die KI-gestützte Gesichtserkennung selbst immer stärker in die Kritik.

So musste sich Amazon auf seiner letzten Hauptversammlung Ende Mai dem Widerstand seiner Aktionäre stellen. Diese stimmten darüber ab, ob die Gesichtserkennungssoftware „Rekognition“ für Amazon ein geschäftliches Risiko darstellt. Geprüft werden sollte, ob Amazon Rekognition gegen Datenschutzrechte verstößt und damit ein finanzielles Risiko für den Konzern darstellt. Außerdem wollten die Aktionäre darüber abstimmen, ob Amazon den Verkauf der Software an die Polizei und andere staatliche Behörden unterbinden müsse. Google und Microsoft verkaufen ihre Software wegen der weiterhin hohen Fehlerrate nicht an staatliche Behörden.

Apple wiederum hat wegen des fehlerhaften Einsatzes von Gesichtserkennungssoftware eine Milliardenklage am Hals. Die Gesichtserkennungssoftware des iPhone-Konzerns hatte fälschlicherweise Alarm geschlagen, als ein Student einen Apple-Store betrat. Sie hielt ihn für einen Ladendieb, der zuvor mehrere Apple-Filialen ausgeraubt hatte.

Um solche Vorfälle zu vermeiden, ist San Francisco sogar dazu übergangenen, Gesichtserkennungssoftware aus dem öffentlichen Raum vollständig zu verbannen. Der Stadtrat untersagte der Polizei und anderen staatlichen Behörden den Einsatz von Gesichtserkennungstechnologien. Sie würden dem Stadtrat zufolge die Bürgerrechte verletzen und könnten rassistische Ungerechtigkeiten hervorbringen. Die Entscheidung hatte Signalwirkung. Seit dem Beschluss erörtern auch andere US-amerikanischen Städte, den Einsatz solcher Software zu unterbinden.

Auch Dirk Helbing, Computerwissenschaftler und Zukunftsforscher an der ETH Zürich, glaubt, dass durch Gesichtserkennung Menschenrechte verletzt werden können. „Gesichtserkennung dringt stark in die Intimsphäre des Menschen ein, stärker noch als Spracherkennung“, sagt Helbing.

Die Tech-Konzerne in den USA halten ungeachtet der Kritik an der Gesichtserkennung fest. So hat Google vor etwa einem Monat mit dem „Nest Hub Max“ einen neuen Assistenten vorgestellt, der nicht nur mit Mikrofonen, sondern auch mit Kameras ausgestattet ist. Mit den Kameras kann das Gerät dank Gesichtserkennung automatisch personalisiert werden. Google betont allerdings, dass die Daten nicht an eine Cloud gesendet werden, um sie zu verarbeiten, sondern auf dem Gerät selbst bleibt.

Mehr: Rettungskräfte können in Situationen geraten, in denen sie existenzielle Entscheidungen treffen müssen. „Trolley Dilemmata“ zeigen die Grenzen des Einsatzes der Künstlichen Intelligenz auf.

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