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Digitale Revolution

Report Was die Schweiz beim 5G-Ausbau besser macht als Deutschland

Während in Deutschland noch versteigert wird, wird in der Schweiz schon gesendet: Die Eidgenossenschaft hat die 5G-Technik in Rekordzeit eingeführt.
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Beim 5G-Ausbau ist die Schweiz deutlich weiter als Deutschland. Quelle: Keystone Schweiz/laif
Mobilfunkmast

Beim 5G-Ausbau ist die Schweiz deutlich weiter als Deutschland.

(Foto: Keystone Schweiz/laif)

Zürich„Ein Gerät mit 5G? Na klar haben wir das!“ – ein Griff ins Regal, schon präsentiert die Verkäuferin in einem Mobilfunkshop in der Zürcher Innenstadt das neueste Angebot: Das 5G-fähige Smartphone des chinesischen Herstellers Xiaomi kostet rund 850 Franken. Wem das zu viel ist, der muss sich noch ein bisschen gedulden: „Keine Sorge, wir bekommen bald noch mehr Modelle. Und wir bauen auch die Antennen aus!“

Während in Deutschland noch die Frequenzen versteigert werden, können die ersten Schweizer bereits mit 5G surfen. Ob in größeren Städten wie Zürich oder im beschaulichen Zwieselberg: Die Mobilfunkfirmen liefern sich ein Wettrennen beim Ausbau der neuen Mobilfunktechnik. Anbieter Sunrise machte im April den Anfang. Das Beispiel Schweiz zeigt, wie sich die Einführung der neuen Technik beschleunigen lässt, wenn Wirtschaft und Politik an einem Strang ziehen.

Doch den Vorsprung drohen die Eidgenossen zu verspielen. Politiker und Mobilfunkfirmen, so scheint es, haben die Rechnung ohne den Souverän gemacht: Viele Schweizer begegnen der neuen Technik mit Vorbehalten, in Kantonen und Gemeinden regt sich der Widerstand.

Der Schweizer Mobilfunkbetreiber Sunrise bietet die Technik bereits in mehr als 150 Orten an – und hat den ehemaligen Monopolisten Swisscom damit überholt. Ein Punktsieg für Sunrise-Chef Olaf Swantee, dessen Unternehmen gerade mitten in der Übernahme des Kabelnetzanbieters UPC steckt.

Die 5G-Pläne des Holländers dürften am Image der Industrienation Deutschland kratzen: Während in der Bundesrepublik noch diskutiert wird, ob es die neue Technik tatsächlich „an jeder Milchkanne“ braucht, wie Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) in einem verunglückten Interview sagte, rechnet sich der Sunrise-Chef genau dort die derzeit größten Chancen aus. Sein Versprechen: „5G for people“, 5G für die Menschen.

Die ersten Antennen hat Sunrise gezielt in kleineren Orten aufgestellt – von Aarau bis Zwieselberg, einer Gemeinde mit knapp 330 Einwohnern. Und das ist mehr als ein Marketing-Gag. Sunrise wittert in der Provinz zunächst die größten Chancen für die neue Technik. Der Anbieter forcierte die „Glasfaser durch die Luft“, im Fachjargon „Fixed Wireless Access“ genannt. „Wir konzentrieren uns in einer ersten Phase auf jene Gebiete, wo die Glasfaser nicht bis in die Haushalte oder Unternehmen reicht“, sagt Swantee. Die neue Technik soll langsamere DSL-Leitungen bei den Kunden ersetzen.

Rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung lebt auf dem Land oder in den Bergen. Sunrise-Chef Swantee sieht darin eine Chance: „Mit 5G lässt sich dies in ländlichen und Berggebieten einfacher erreichen als mit Glasfaser“.

Sunrise stellt sich hinter Huawei

Dabei setzt Sunrise auf Technik des chinesischen Herstellers Huawei, der vor allem von amerikanischen Behörden als Sicherheitsrisiko eingeschätzt wird. Auch in der Schweiz wachsen deshalb die Bedenken, doch Firmenchef Swantee will am chinesischen Partner festhalten. „Die Diskussion ist politisch und wird nicht mit Fakten geführt“, sagt Swantee. Beide Unternehmen arbeiteten seit 2012 erfolgreich zusammen.

Auch der Schweizer Nachrichtendienst sei dagegen, dass Huawei vom 5G-Ausbau in der Schweiz ausgeschlossen werde. Man nehme aber bei allen Zulieferern Risiko-Abschätzungen vor und sei für Alternativ-Szenarien gewappnet.

Auch Marktführer Swisscom treibt die Einführung der neuen Technik voran: Bis Ende des Jahres sollen 90 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz mit 5G versorgt sein. Schon heute stehen in der Schweiz insgesamt 350 5G-Antennen, weitere befinden sich im Bau.

Dabei geht es bei 5G nicht nur um schnelleres Internet fürs Handy: 5G soll Grundlagen für die digitale Ökonomie von morgen schaffen. Die Technik soll das Rückgrat für intelligente Fabriken werden. Autonome Fahrzeuge oder gar Flugtaxis sollen darüber blitzschnell und verlässlich Daten austauschen.

Auch in Deutschland hat die Politik das Potenzial längst erkannt: „Deutschland soll zum Leitmarkt für 5G-Anwendungen werden“, heißt es vollmundig in der 5G-Strategie der Bundesregierung. Doch die Einführung lässt auch sich warten. Österreich, Südkorea und die Schweiz haben die Technik bereits eingeführt. Marktführer Telekom will erst im kommenden Jahr mit 5G an den Start gehen. Doch wie kann es sein, dass die Schweiz so viel schneller ist als Deutschland?

Bei der Frage muss Nicolas Ehses nicht lange nachdenken. Ehses verantwortet die Netzstrategie der Swisscom. Der Ex-Monopolist hat in einen hippen Co-Working-Space in Zürich eingeladen, um seine Pläne vorzustellen. Es gibt Saft, Brezeln und Powerpoint-Folien.

Das hohe Tempo der Schweizer beim 5G-Ausbau sei der guten Vorarbeit zu verdanken, erklärt Ehses. „Wir haben über Jahre substanziell in den Netzausbau investiert, etwa in das Glasfasernetz. Davon profitieren wir jetzt, denn auf die vorhandene Breitbandinfrastruktur können wir bei der 5G-Einführung aufbauen“.

Die Basisstationen für das superschnelle Internet brauchen eine leistungsfähige Breitband-Anbindung, und hier belegt die Schweiz im europäischen Vergleich einen Spitzenplatz: Laut einer Studie der EU-Kommission aus dem vergangenen Sommer gibt es nur in Malta noch mehr superschnelle Internetanschlüsse. Deutschland liegt abgeschlagen auf Rang 18.

Überall Netz – ob auf dem Berg oder im Tunnel

Nicht nur das Breitband-, sondern auch das Mobilfunknetz ist besser als in Deutschland. Löcher gibt es in der Schweiz dort, wo sie hingehören: im Käse. Beim Handyempfang erhalten die Eidgenossen dagegen im europäischen Vergleich regelmäßig Bestnoten. Wer als Besucher auf dem 3400 Meter hohen Jungfraujoch oder im Gotthard-Tunnel aufs Handy schaut, staunt: Hier hat man nicht nur eine Handyverbindung, sondern schnelles 4G-Netz. Zum Leidwesen der Berggänger, die sich nach Einsamkeit sehnen – und von Tagestouristen mit Youtube-Videos und Facetime-Videokonferenzen beschallt werden.

Anders in Deutschland, wo selbst an vielbefahrenen Bahnstrecken oder Autobahnen häufig Funkstille herrscht. Im vergangenen Jahr gestand Wirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU), dass er sich Telefonate von ausländischen Kollegen nicht mehr aufs Handy durchstellen lässt: „Weil es mir total peinlich ist, wenn ich dann dreimal, viermal neu anrufen muss, weil ich jedes Mal wieder rausfliege.“

Damit solche Peinlichkeiten künftig der Vergangenheit angehören, macht die Politik auf die deutsche Mobilfunkbranche Druck. Anbieter, die sich eine 5G-Frequenz sichern wollen, müssen nicht nur viel Geld auf den Tisch legen – sie verpflichten sich zugleich, die weißen Flecken auf der Landkarte mit LTE-Technik abzudecken. Ein Paradox: Um die Frequenzen für die Technik von morgen zu bekommen, müssen die Anbieter die Technik von gestern ausbauen. Die Vorgaben, zu denen die Bundesnetzagentur regelrecht von der Politik genötigt wurde, machen die Auktion komplex – und juristisch angreifbar.

Anders in der Schweiz. Hier dauerte die Auktion der 5G-Frequenzen durch das zuständige Bundesamt für Kommunikation (Bakom) gerade einmal eine Woche. Dann war klar: Die drei großen Anbieter Swisscom, Sunrise und Salt kommen zum Zug, nur ein englischer Wettbewerber zog sich zurück. Die drei Anbieter zahlten insgesamt 380 Millionen Franken – das ist sogar gemessen daran, dass in der Schweiz zehnmal weniger Menschen wohnen, ein Schnäppchen. Einen öffentlichen Aufschrei wegen entgangener Einnahmen für den Fiskus gab es deshalb in der Schweiz nicht – kein Wunder, der Staat erzielt seit Jahren satte Überschüsse.

„Es ging nicht darum, den Erlös aus der Vergabe der 5G-Frequenzen um jeden Preis zu maximieren“, sagt Stephan Netzle. Früher hat Netzle für das Schweizer Nationalteam gerudert. Heute leitet der Jurist die eidgenössische Kommunikationskommission Comcom, in deren Auftrag die 5G-Frequenzen in der Schweiz vergeben wurden.

Über die deutschen Nachbarn will Stephan Netzle kein schlechtes Wort verlieren, man kennt und trifft sich regelmäßig. Nur so viel: „Ein Grund für die reibungslose Auktion in der Schweiz war sicherlich, dass weder Regierung noch Parlament in den Prozess eingegriffen haben“, sagt Netzle diplomatisch. Was auch an den unterschiedlichen Rahmenbedingungen liegt: „In der Schweiz gibt es keine Funklöcher zu stopfen“. Komplizierte Auflagen habe es deshalb nicht gebraucht.

„Wir wollen ein transparentes und einfaches Verfahren, um möglichst wenig Raum für taktische Spiele zu lassen“, sagt Netzle. „Zugleich sollten alle Anbieter die Chance haben, auch tatsächlich Frequenzen zu erhalten und ein möglichst flächendeckendes 5G-Netz aufzubauen“. Das Kalkül ging auf: Kein einziger Anbieter hat sich im Nachgang der Auktion beschwert.

Blitzstart von 5G als Wettbewerbsvorteil

In Deutschland wächst dagegen angesichts schwindelerregender Gebote die Kritik am Auktionsverfahren. Die Versteigerung der UMTS-Frequenzen im Jahr 2000 gilt als abschreckendes Beispiel. Damals verdiente der Bund rund 50 Milliarden Euro, doch zurück blieb eine hochverschuldete Mobilfunkbranche, der das Geld für den Ausbau der Mobilfunknetze fehlte.

„Je tiefer die Netzbetreiber in die Tasche greifen müssen, desto höher werden die 5G-Tarife sein und umso schleppender wird der Mobilfunkausbau bei 5G und LTE verlaufen“, mahnt etwa Oliver Krischer, Vize-Fraktionschef der Grünen im Bundestag. Mit der Schweiz als Maßstab hätte dagegen bei der deutschen Frequenzauktion bei etwa drei Milliarden Euro Schluss sein müssen. „Das wäre ein realistischer Preis ohne große Nebenwirkungen für den Netzausbau.“

Die Schweizer sehen den Blitzstart von 5G als Wettbewerbsvorteil: „Für die Schweizer Wirtschaft ist die 5G-Technik eine riesige Chance, um mit Vernetzung und Automatisierung für mehr Produktivitätswachstum zu sorgen“, sagt Kurt Lanz vom Wirtschaftsverband Economiesuisse. Der Verband erwartet, dass in der Eidgenossenschaft dank der Technik in den kommenden zehn Jahren insgesamt rund 137.000 neue Jobs entstehen.

Das Medizintechnikunternehmen Ypsomed hat die neue Technik ein Jahr lang in einem Pilotversuch ausprobiert – und zieht ein positives Zwischenfazit. Die Solothurner Firma fertigt Pen-Systeme, mit denen sich etwa Diabetiker Insulin verabreichen können. Mittels 5G konnte die Firma nicht nur den Weg der Waren durch die Fabrik in Echtzeit verfolgen. Auch die Maschinen kommunizierten über den neuen Datenstandard.

Mit der vernetzten Fertigung sollen sich beispielsweise Störungen frühzeitig erkennen lassen. Weil es dank der drahtlosen Datenübertragung keine Glasfaserkabel braucht, wird die Fertigung flexibler. Ypsomed-Chef Simon Michel sieht in der 5G-Technik ein „enormes Potenzial“ für die Wirtschaft der Schweiz. „Die Automatisierung und Technologien wie 5G schaffen in der Schweiz eine Infrastruktur, die es wieder attraktiv und möglich macht, Arbeitsplätze und Produktionen in der Schweiz zu halten oder gar zurück zu holen“, sagt Michel.

Dass durch neue Technologien wie 5G Jobs wegfallen, wie die Kritiker befürchten, glaubt Ypsomed-Chef Michel nicht – im Gegenteil: „Wir gehen davon aus, dass wir dank solcher technischer Möglichkeiten weiterhin Arbeitsplätze in der Schweiz aufbauen können.“

So scheint es, als hätten die Nachbarn bei der Vergabe der Frequenzen alles richtig gemacht – wäre da nicht ein Problem: Die Menschen, denen Sunrise-Chef Swantee „5G for people“ verspricht, zeigen sich von der neuen Technik wenig angetan.

Auf den ersten Blick wirkt die Rossbergstraße so ruhig, dass man fast vergessen könnte, dass man sich mitten in Zürich befindet. Doch das Idyll im Stadtteil Enge wird durch eine unsichtbare Kraft bedroht – das fürchten zumindest viele Bewohner.

Mehrere Kantone liebäugeln mit Ausbaupause

„Da oben soll die neue Antenne hin“, sagt Martin Grueber, und deutet auf ein Metallgestänge, das den Bauplatz markiert. Dann zeigt er auf ein Haus gegenüber, vielleicht zwölf Meter entfernt: „Stellen Sie sich mal vor, das wäre Ihr Schlafzimmer. Und direkt gegenüber strahlt dann die stärkste Antenne im ganzen Quartier!“

Grueber, der selbst im Viertel wohnt, will den Bau der neuen Mobilfunkantenne verhindern. Rund 500 Unterschriften haben er und seine Mitstreiter binnen zwei Wochen gesammelt. Grueber wirkt nicht gerade wie der typische Wutbürger: Der IT-Berater hat gleich zwei Ingenieurstudiengänge abgeschlossen. Seinen Widerstand gegen die neue Mobilfunkantenne begründet er nicht mit Bauchgefühl, sondern mit Studien, die im Experiment auf ein erhöhtes Krebsrisiko durch Mobilfunkstrahlung hindeuten: „Die Forschungslage ist keineswegs so eindeutig, wie einem die Mobilfunkanbieter glauben machen wollen“, sagt Grueber.

Der Ingenieur argumentiert mit einer Chancen-Nutzen-Abwägung. Schon heute gebe es eine flächendeckende Abdeckung mit schnellem Mobilfunk. „5G braucht hier niemand“, sagt Grueber. „Von der 5G-Technologie profitieren die Maschinen, nicht die Menschen“.

So steckt hinter der 5G-Skepsis nicht nur die Angst vor der Strahlung, sondern auch vor der Zukunft: In den Werbevideos für die Fabriken von Morgen regieren die intelligenten Roboter – für Menschen ist da kein Platz. Die Technik sei gar eine Gefahr für „Demokratie, Sicherheit, Gesundheit, Sozialleben, individuelle Lebensgestaltung und Umwelt“, warnt ein Aktionsbündnis unter dem Motto „Stopp 5G“, das bereits zehntausende Unterschriften für einen Ausbaustopp gesammelt hat.

Gegner des 5G-Ausbaus protestieren in Bern. Quelle: AFP/Getty Images
Anti-5G-Demo

Gegner des 5G-Ausbaus protestieren in Bern.

(Foto: AFP/Getty Images)

Gleich mehrere Kantone haben Ausbaustopps verhängt, bis ein Bericht zu den Risiken der Technik vorliegt. Das Thema fällt zwar in den Bereich des Bundes, doch für die einzelnen Baugenehmigungen sind die Kantone und Gemeinden zuständig. Der Prozess könnte sich zumindest verzögern – und der Vorsprung, den sich die Schweiz gesichert hat, wäre verspielt.

Politik und Provider wirken vom Widerstand gegen 5G gleichermaßen überrascht: „Mit so viel Gegenwind hätten wir nicht gerechnet“, sagt ein Beamter. „Ein Großteil der Bedenken wird durch im Internet und sozialen Medien kursierende Fake News geschürt“, sagt Sunrise-Chef Swantee.

Die Anbieter halten 5G für unbedenklich. Schließlich werde die Technik 5G in Frequenzbereichen betrieben, die schon länger benutzt werden. Auch an den Grenzwerten in der Schweiz, die strenger als in der EU sind, soll sich nichts ändern.

Martin Grueber überzeugen die Argumente der Mobilfunkindustrie nicht. Er will weiter juristisch gegen die geplante Antenne in der Rossbergstraße kämpfen: „Wir gehen notfalls bis vors Bundesgericht“.

Mehr: Streit über die richtige Zukunftstechnologie: 5G oder WLAN – Wie sollen autonome Fahrzeuge miteinander kommunizieren?

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