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Digitale Revolution

Roland Adrian im Interview Verimi-Chef: „Deutsche Wirtschaft will Abhängigkeit von US-Playern verhindern“

Der Geschäftsführer der Identitätsplattform Verimi spricht über den Markt für digitale Identitäten, den die deutsche Wirtschaft nicht den großen US-Konzernen überlassen möchte.
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Der Geschäftsführer von Verimi spricht über den Markt für digitale Identitäten, den die deutsche Wirtschaft nicht den großen US-Konzernen überlassen möchte. Quelle: Verimi
Roland Adrian

„Verimi wurde mit der Haltung der Gesellschafter gegründet, dass digitale Identitäten der Europäer in Europa gemanagt werden müssen.“

Düsseldorf Die 2017 gegründete Identitätsplattform Verimi versteht sich als Gegengewicht zu großen US-Konzernen wie Google oder Facebook. Zu den 13 Gesellschaftern gehören unter anderem die Deutsche Bank, Volkswagen und Lufthansa. „Verimi wurde mit der Haltung der Gesellschafter gegründet, dass digitale Identitäten der Europäer in Europa gemanagt werden müssen“, sagt Geschäftsführer Roland Adrian im Interview mit dem Handelsblatt.

Eine Abhängigkeit von US-Playern, so wie bei Bezahl- oder Log-in-Diensten, wolle die deutsche Wirtschaft bei digitalen Identitäten verhindern. Bei der Nutzung von digitalen Identitäten spiele das Smartphone eine zentrale Rolle, ist sich Adrian sicher: „Es ist der ‚Token‘, den fast alle Menschen immer bei sich haben und der zur Authentifizierung unverzichtbar geworden ist.“

Verimi versucht sich derzeit auch im E-Government-Bereich zu etablieren. Seit rund drei Wochen können sich Nutzer der Plattform im Thüringer E-Government-Portal einloggen. Das Unternehmen veröffentlicht aber keine Nutzerzahlen. Dafür sei es laut Adrian noch zu früh.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Adrian, Ihre Plattform ist vor allem im Bankensektor bekannt. Mit einem Verimi-Account können sich Kunden beispielsweise ins Online-Banking der Deutschen Bank einloggen. Sind seit der Gründung im Jahr 2017 weitere Dienstleistungen hinzugekommen?
Wir bauen eine branchenübergreifende Plattform für verifizierte Identitäten auf, und da ist die starke Authentifizierung, also auch der Log-in, eine wichtige Komponente. Wer heute zum Beispiel neue Bankverbindungen eröffnet, der muss sich jedes Mal neu und kompliziert per Video-Ident- oder Post-Ident-Verfahren ausweisen. Unser Angebot ist es, dass sich der Nutzer mit Verimi einmalig identifiziert und diese Identität immer wieder verwendet – bei Banken, Versicherungen, Telekommunikation, Mobilitätsanbietern und im E-Government. Vor allem für regulierte Bereiche ist das wichtig, denn diese brauchen verifizierte Identitätsdaten für das Onboarding der Nutzer. Zusätzlich bieten wir die qualifizierte elektronische Signatur an, mit der die Nutzer Dokumente digital und rechtskräftig unterschreiben können.

Es geht Ihnen also weniger um den Log-in-Prozess an sich, sondern Sie verstehen Ihre Plattform eher als Tresor für die gesamte digitale Identität eines Nutzers?
Genau. Wir kennen unsere Nutzer gar nicht, da nur sie selbst mit ihrem privaten Schlüssel an ihre Daten herankommen. Ganz wie beim Bankschließfach. Darin liegen dann der verifizierte Personalausweis, Reisepass, Führerschein und bald weitere Identitätsattribute, die der Nutzer hinterlegen kann. Unser Log-in bildet den einfachen und sicheren Zugang dazu.

Umso wichtiger ist es, dass die Nutzer Ihrem Angebot vertrauen. Wie gewährleisten Sie das?
Der Nutzer hat bei uns die Hoheit darüber, was mit seinen Daten geschieht. Und wir bieten ihm die volle Transparenz, jede Datenweitergabe muss vom Nutzer autorisiert werden. Werbetracking oder verdeckte Datennutzung sind bei uns ausgeschlossen. Hinzu kommt das Vertrauen, das die Marken unserer Gesellschafter auf uns abstrahlen. Darüber hinaus lassen wir unsere Plattform durch externe Institutionen prüfen und zertifizieren.

Wo speichern Sie denn die Daten Ihrer Nutzer?
Wichtiger ist uns das „wie“: Wir leben „privacy-by-design“. Die Daten werden individuell verschlüsselt und auf Clouds in Rechenzentren in Deutschland gespeichert.

Apple hat vor kurzem seine NFC-Schnittstelle für die Online-Ausweisfunktion geöffnet und einen eigenen Log-in-Dienst gestartet. Der mobile Zahlungsdienst Apple Pay ist seit 2018 in Deutschland verfügbar. Hier macht Ihnen doch ein großer US-Player auch in regulierten Bereichen große Konkurrenz.
Eine Abhängigkeit von US-Playern, so wie beim Payment oder bei Log-in-Diensten, möchte die deutsche Wirtschaft bei digitalen Identitäten von Bürgerinnen und Bürgern verhindern. Verimi tritt als offene Initiative der deutschen Wirtschaft an, um digitale Identitäten in Europa zu halten. Der Markt für verifizierte digitale Identitäten entsteht gerade. Wir sind jetzt schon live mit einem einzigartigen Angebot, damit haben wir einen Vorsprung. Diesen Vorsprung müssen wir gemeinsam mit Wirtschaft und Verwaltung konsequent nutzen.

Seit rund drei Wochen können sich Verimi-Nutzer auch im Thüringer E-Government-Portal einloggen. Ersetzt in Zukunft der Griff zum Smartphone den Gang zum Bürgeramt?
Thüringens Entscheidung freut uns sehr und sie hat sicher Pioniercharakter. Die digitalen öffentlichen Verwaltungsleistungen können nur Erfolg haben, wenn der Bürger in der Praxis auch Zugang dazu hat. Verimi bietet einen einfachen und sicheren Weg zu den eIDAS-Vertrauensniveaus „substanziell“ und „niedrig“ – das sind nach unserer Einschätzung circa 80 Prozent aller Leistungen. Einzig die circa 20 Prozent Leistungen, die als Vertrauensniveau eIDAS „hoch“ gelten, erfordern wohl auch in Zukunft den persönlichen Gang zum Bürgeramt, zum Beispiel wenn Sie einen neuen Reisepass beantragen.

Seit Anfang des Jahres gehört neben prominenten deutschen Unternehmen wie der Deutschen Bank, Volkswagen oder Lufthansa auch Samsung zu Ihren Gesellschaftern. Hat Verimi dadurch neue Impulse bekommen?
Samsung ist ein perfekter Partner für uns, von dem wir viele Impulse aus der globalen mobilen Welt erhalten. Samsung teilt unser Bestreben, die Souveränität der digitalen Identität zu fördern. Wir sprechen natürlich über viele Ideen, wie die verifizierte Identität auf dem Smartphone eingesetzt werden kann.

Wird das Smartphone in Zukunft die zentrale Hardware für die Speicherung und Verifizierung von digitalen Identitäten sein?
Das Smartphone spielt eine zentrale Rolle bei der Nutzung von digitalen Identitäten. Es ist der „Token“, den fast alle Menschen immer bei sich haben und der zur Authentifizierung unverzichtbar geworden ist. Auf welcher Hardware die Daten sicher und jeweils aktuell gespeichert werden, dazu gibt es verschiedene Lösungen, die sich durchaus ergänzen. Viel wichtiger ist, dass der Nutzer einfach und intuitiv alle seine jeweils relevanten verifizierten Identitätsdaten abrufen und beim Adressaten einsetzen kann.

Planen Sie denn auch die Integration des neuen offenen Authentifizierungsstandards FIDO2, der auch passwortlose Logins ermöglicht?
Das schauen wir uns natürlich an. Der Gedanke, dass der Faktor „Wissen“ allein zur Authentifizierung unsicher ist, steckt ja auch hinter der PSD2-Regulierung im Bankensektor. Ein zweiter Faktor für die Authentifizierung ist für Banken nun erforderlich, diesen bieten wir als einheitliche Lösung für den Nutzer über alle Bankverbindungen. Und wir wollen unseren Nutzern viele sichere Verfahren anbieten, wie sie bei unseren Partnern ihre verifizierte Identität abrufen können. Der Trend zu passwortlosen Verfahren, die entsprechende Sicherheitsniveaus gewährleisten, ist klar erkennbar.

Sie sagten, der Markt für digitale Identitäten entstehe gerade. Sehen Sie sich da mit Ihren namhaften Gesellschaftern gut aufgestellt?
Verimi wurde mit der Haltung der Gesellschafter gegründet, dass digitale Identitäten der Europäer in Europa gemanagt werden müssen. Diese Haltung ist wichtig, um die Kraft zu entwickeln, verantwortungsvoll das Netzwerk aus Unternehmen und Nutzern im Markt aufzubauen. Die Gesellschafter decken ein breites Spektrum an Branchen ab und bringen eine hohe Kundenreichweite ein. Sie investieren gemeinsam mit uns viel Energie, um Verimi konsequent in die Anwendungsfälle des Nutzers hineinzubringen. Das ist sehr wichtig für den Erfolg von Verimi.

Warum veröffentlichen Sie keine Nutzerzahlen?
Dafür ist es aktuell zu früh. Sehen Sie, wir fangen gerade erst an und so etwas wie Verimi hat es vorher noch nicht gegeben. Es geht um hochsensible persönliche Daten in einer einzigartigen Sicherheitsarchitektur, Konformität mit zahlreichen Regulierungen und gleichzeitig den Aufbau eines Netzwerkes von Partnern. Die Nutzerzahlen steigen mit jedem neuen Anwendungsfall bei Partnern. Sobald wir eine bestimmte Marke erreichen, werden wir sicher auch Nutzerzahlen veröffentlichen.

Wann wollen Sie denn profitabel sein?
Zunächst steht der Aufbau der Plattform im Fokus. Wir investieren in das Wachstum der verifizierten Nutzerbasis. Das macht es für viele Unternehmen attraktiv, mit uns als Verifizierungspartner zu arbeiten. Die Nutzerreichweite wird ein entscheidender Erfolgsfaktor, wenn internationale Player diesen Markt betreten, was ohne Zweifel geschehen wird. Wir sind durch die Gesellschafter gut finanziert und in diesem Rennen braucht man einen langen Atem.

Welche neuen Dienstleistungen wollen Sie denn neben der elektronischen Signatur künftig anbieten?
Wir konzentrieren uns auf unsere Kernprodukte verifizierte Identität, sichere Authentifizierung und digitale Unterschrift. Über die heutigen Anwendungen hinaus sehen wir ein großes Potential zum Beispiel beim Online-Bezahlen, User-Managed-Access-Lösungen, in Verbindung mit Unternehmens-IDs sowie bei E-Health- und E-Education-Angeboten.

Beim Online-Bezahlen würden Sie sich dann auf ein Terrain begeben, das Paypal dominiert.
Für einige Partner werden wir die verifizierte Identität der Nutzer mit der sicheren Zahlungsabwicklung verbinden. Wir sind aber kein Konkurrent zu Paypal, das Identitätsmanagement steht bei uns immer im Vordergrund.

Herr Adrian, vielen Dank für das Gespräch.

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