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Digitale Revolution

VDMA-Experte Peter Früauf „Die Digitalisierung in der Industrie kann nicht auf einen Schlag erfolgen“

Immer mehr Industrieunternehmen verpassen ihren Anlagen mit kleinen Updates neue Funktionen. VDMA-Experte Peter Früauf erklärt, warum der Bedarf solcher Retrofits rasant wachsen wird.
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Ein Mitarbeiter von Körber & Körber Präzisionsmechanik an der Steuereinheit auf einer Industrie 4.0 gesteuerten Produktionslinie. Quelle: dpa
Körber & Körber Präzisionsmechanik

Ein Mitarbeiter von Körber & Körber Präzisionsmechanik an der Steuereinheit auf einer Industrie 4.0 gesteuerten Produktionslinie.

(Foto: dpa)

Herr Früauf, Sensoren für die Industrie gibt es schon seit vielen Jahren. Warum setzt sich der Trend zur Vernetzung erst jetzt langsam durch?
Das liegt daran, dass Industrie 4.0 nicht länger reine Theorie, sondern gelebte Praxis ist. Die Firmen fangen an, sich mit dem Thema intensiv zu beschäftigen. Dabei kann die Umstellung durch Neuanschaffungen oder durch die Weiternutzung bereits bestehender Maschinen geschehen. Im zweiten Fall spricht man von Retrofit oder auch Futurefit.

Eignen sich alle Industrieanlagen für Retrofit?
Ja, alle Anlagen sind grundsätzlich geeignet, in irgendeiner Weise Industrie-4.0-fähig gemacht zu werden. Ob es immer eine 100-prozentige Lösung gibt, ist aber sehr unterschiedlich und hängt stark von den Maschinen ab. Manchmal können ganze Systeme, manchmal aber auch nur einzelne Komponenten von Maschinen integriert werden.

Wie hoch schätzen Sie den Bedarf ein?
Wenn wir davon ausgehen, dass 85 Prozent der Bestandsanlagen in Deutschland noch nicht vernetzt sind, dann kann man damit rechnen, dass der Bedarf an Retrofit-Lösungen schon jetzt hoch ist und in den nächsten zehn Jahren sehr stark weiterwachsen wird. Die durchschnittliche Nutzungsdauer von Fabrikausrüstung beträgt 20 Jahre. Die meisten Anlagen müssen so lange laufen, damit sie sich rentieren. Deshalb wird die Digitalisierung in der Industrie in den meisten Fällen sukzessive erfolgen und fast nie in einem Rundumschlag.

Gibt es weitere Vorteile eines Retrofits gegenüber einer Neuanschaffung?
Zahlreiche. Zum einen lassen sich die Bestandsmaschinen etwa fünf bis zehn Jahre länger nutzen. Gleichzeitig sinkt der Schulungsaufwand für die Mitarbeiter, die sich ja bereits mit den vorhandenen Anlagen auskennen. Ein neuer Maschinenpark kann unter Umständen auch eine lange Eingewöhnungsphase für die Belegschaft mit sich bringen. Auch lässt sich die finanzielle Belastung durch die Digitalisierung so besser steuern.

Was müssen Anlagenbetreiber beachten, die sich für Retrofit interessieren?
Zunächst einmal muss ich identifizieren, wo mein Weg hingehen soll. Dabei hilft es, sich anzuschauen, was beispielsweise Konkurrenten bereits unternommen haben. Anschließend muss die Frage beantwortet werden, welche Prozessschritte für das Ziel angepasst werden müssen. Das wird in der Regel in kleinen Einzelmaßnahmen passieren, die sich zum Beispiel auf die Steuerungstechnik oder die Verwendung von Sensoren auswirken. Die Daten müssen dann an einer übergeordneten Stelle zusammenlaufen, wo sie ausgewertet werden.

„Die mannlose Fabrik ist Science-Fiction.“ Quelle: Xing
Peter Früauf

„Die mannlose Fabrik ist Science-Fiction.“

(Foto: Xing)

Brauchen die Maschinen für den Umbau eine neue Zulassung?
Das kommt erheblich auf den Umfang des Umbaus an. Entscheidend dafür ist die europäische Maschinenrichtlinie. Je nachdem, wie weit die Veränderung geht, muss die Maschine neu zertifiziert werden. Baut man nur einen neuen Sensor ein, arbeitet die Maschine ansonsten weiter wie bisher und muss nicht neu zugelassen werden. Bekommt eine Drei-Achsen-Fräsmaschine zum Beispiel aber eine vierte Achse dazu, muss sie neu zertifiziert werden. Ansprechpartner sind hier die Sicherheitsbeauftragten in den Unternehmen.

Welche Kompetenzen müssen dafür aufgebaut werden?
Das ist ebenfalls ein sehr entscheidender Faktor: Viele neue Aufgaben können nur mit neuen Mitarbeitern erledigt werden. Oft lohnt es sich, dafür Kooperationen mit anderen Unternehmen einzugehen. Beim VDMA bringen wir dafür Automatisierer und Maschinenbauer an einen Tisch. Beide müssen verstehen, wie der jeweils andere denkt. Das gilt auch für die Software-Entwickler, deren Rolle zukünftig immer wichtiger wird.

Und die Menschen in den Fabriken? Werden die überflüssig?
Die mannlose Fabrik ist Science-Fiction. Das ist einfach noch nicht erreichbar, weil die Probleme und deren Lösungen kompliziert sind. Vielleicht wird es das in vielen Jahren geben, dass ein Roboter ein Produkt konstruiert, baut, bedient, repariert und entsorgt – ausgelöst nur durch einen Sprachbefehl. Doch das ist sehr weit in die Zukunft gedacht.

Herr Früauf, vielen Dank für das Gespräch.

Mehr: Von Retrofit ist die Rede, wenn alte Maschinen mit neuen Sensoren ausgestattet und so digital vernetzt werden. Das spart Kosten und hat auch noch weitere Vorteile.

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