Energiewende am Kap Südafrikas Flirt mit der Atomkraft

Sonne bis zum Abwinken: Südafrika ist prädestiniert für Solarenergie. An den Küsten weht es zudem kräftig genug für den profitablen Betrieb von Windkraftanlagen. Trotzdem flirtet der Kap-Staat mit der Atomkraft.
Eigentlich hat Südafrika beste Voraussetzungen, um Strom aus Wind- und Solarkraft zu erzeugen. Trotzdem flirtet das Land mit der Atomkraft. Quelle: dpa
Wind- und Solarstrom

Eigentlich hat Südafrika beste Voraussetzungen, um Strom aus Wind- und Solarkraft zu erzeugen. Trotzdem flirtet das Land mit der Atomkraft.

(Foto: dpa)

JohannesburgWenige Wochen vor dem Weltklimagipfel in Paris zeichnen sich in Afrikas Süden wichtige Weichenstellungen ab. Nach einer der schwersten Energiekrisen seit seiner demokratischen Wende 1994 plant Südafrika eine Neuausrichtung seiner bisher stark von der Kohle dominierten Stromproduktion. Die Regierung setzt auf einen Mix aus Gas und alternativen Energien – aber auch auf Atomkraftwerke.

Nach den Plänen sollen zwischen 2023 und 2030 sechs bis acht AKWs mit einer Gesamtleistung von 9600 Megawatt (MW) gebaut werden. Ein ranghohes Gremium des regierenden Afrikanischen National- Kongresses (ANC) bestätigte diese Pläne gerade, forderte aber eine erneute Kosten-Nutzen-Analyse. Denn sie stoßen auf scharfen Protest von Greenpeace und anderen Umweltschützern. In Kapstadt, wo Afrikas einziges Kernkraftwerk Koeberg in Sichtweite liegt, warben sie vergangene Woche bei einer internationalen Konferenz für eine Art Energiewende nach deutschem Muster.

Die giftige Seite der Sonnenenergie
Gifte in Solarzellen
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Solarzellen können Schadstoffe wie Blei und Cadmium enthalten sein. Wie sehr die Photovoltaik so die Umwelt belastet, wird an der Universität Stuttgart erforscht. Das Projekt "Schadstofffreisetzung aus Photovoltaik-Modulen" soll helfen, die Sonnenenergie wirklich „grün“ zu machen, es wird vom Bundeswirtschaftsministerium mit mehr als 800.000 Euro gefördert.

Welche Schadstoffe stecken in Photovoltaikanlagen?
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In der Diskussionen um Schadstoffe in Solarmodulen geht es vor allem um Blei und Cadmium. Blei ist im Lötzinn enthalten. Cadmium ist als Cadmiumtellurid in bestimmten Dünnschichtsolarzellen verarbeitet. Beide Schwermetalle können in der Umwelt giftige Wirkung haben.

Gibt es für diese Stoffe Richtwerte?
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Die EU-Richtlinie zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten definiert Höchstkonzentrationen. Für Blei liegt der Wert bei 0,1 Prozent am Gesamtgewicht. Für Cadmium, das noch giftiger ist, bei 0,01 Prozent. Allerdings sind Photovoltaikanlagen von der Richtlinie ausgenommen. Trotz heftiger Kritik hatte das EU-Parlament 2010 einer Neufassung der Richtlinie mit großer Mehrheit zugestimmt.

Was wissen die Forscher schon über die Möglichkeiten eines Austritts?
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Die Stuttgarter Forscher haben in einer Studie gezeigt, dass die Schadstoffe durch saure Lösungen aus defekten Modulen freigesetzt werden können. Allerdings wurden die Solarzellen dafür solange zermahlen, bis sie einem Pulver glichen. Michael Koch vom ISWA betont, dabei habe es sich um ein „Worst-Case-Szenario“ gehandelt. „Von intakten Photovoltaikmodulen, die diese Stoffe verwenden, geht keine Gefahr aus“, betont auch eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums.

Wie realistisch ist die Gefahr jenseits des „Worst-Case-Szenarios“?
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Koch betont, dass Löcher etwa durch Hagel wohl nicht ausreichten, um Schaden anzurichten. „Wir wollen nicht sagen, dass die Technologie gefährlich ist. Solange das Modul in Ordnung ist, ist alles gut“, sagt er. Unklar sind die Folgen von Feuer wie bei einem Hausbrand. Laut baden-württembergischem Umweltministerium ist eine Deponierung der Photovoltaikmodule grundsätzlich nicht zulässig. Sollten sie im Ausnahmefall - etwa nach einem Brand - doch auf einer Deponie landen, könnte das die Gefahr einer Auswaschung erhöhen. Allerdings seien die speziellen Deponien für Brandschutt besonders abgedichtet.

Warum interessiert die Forscher das Thema überhaupt?
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Weltweit sind nach Angaben der Uni mehr als 17 Millionen Tonnen an Modulen installiert. Die Nutzungsdauer werde heute auf 20 bis 25 Jahre geschätzt. Zwar gibt es Recyclingverfahren auch seitens der Hersteller. Die Wissenschaftler sehen aber die Gefahr, dass kaputte oder weniger ertragreiche Module unsachgemäß entsorgt werden könnten: etwa nach weiterer Verwendung in Entwicklungsländern. Dort könnten sie auf wilden Müllkippen landen, warnt IPV-Leiter Jürgen Werner.

Sind in allen Solarzellen Schadstoffe verbaut?
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Die meisten Hersteller verwenden noch Blei im Lötzinn. Für Deutschland bezifferte der Bundesverband Solarwirtschaft den Marktanteil aller Dünnschicht-Technologien - von denen aber nicht alle Cadmiumtellurid enthalten - auf rund 1 Prozent.

„Afrikas Energienachfrage ist vom Jahr 2000 bis 2012 um rund 45 Prozent gestiegen; es wird geschätzt, dass Afrikas Energiesektor bis 2040 auf dem Kontinent 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen kann“, sagte der deutsche Botschafter Walter Lindner bei der Eröffnung der von der Bundesrepublik mitfinanzierten Konferenz. Und die Branche dringt auf deutlich mehr Tempo.

Ein zeitgleich veröffentlichter Bericht der Internationalen Agentur für alternative Energien (IRENA) kommt zu dem Schluss: Immer preisgünstigere alternative Energieträger könnten bis zum Jahr 2030 rund 50 Prozent von Afrikas Energiebedarf decken. Das wäre ein Vielfaches im Vergleich zu heute, wo Wind-, Sonnen- und Wasserkraft etwa in Südafrika gerade mal auf einen Anteil von fünf Prozent kommen. Dort ist der Zugang zu Strom von 30 Prozent beim Ende der Apartheid auf heute immerhin beachtliche 80 Prozent gestiegen.

Auch deutsche Unternehmen drängen ans Kap
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