Gefährliche Luftbelastung Sandstürme verschlimmern Smog in Nordchina

Kräftiger Wind weht Sand und Staub aus der Wüste. Der Himmel über den dicht bewohnten Industrieregionen im Norden Chinas wird grau bis gelb. Die Menschen fürchten die Kombination aus Smog und Wüstenstaub.
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Zwei Verkehrspolizisten mit Mundschutz am Tiananmen-Platz in Peking. Sandstürme haben in Nordchina die Schadstoffbelastung der Luft in gefährliche Höhen schnellen lassen. Quelle: dpa
Sandstürme in Nordchina

Zwei Verkehrspolizisten mit Mundschutz am Tiananmen-Platz in Peking. Sandstürme haben in Nordchina die Schadstoffbelastung der Luft in gefährliche Höhen schnellen lassen.

(Foto: dpa)

PekingSandstürme haben in Nordchina die Schadstoffwerte in der Luft in „gefährliche“ Höhen schnellen lassen. Die Behörden riefen ältere Menschen und Kinder am Donnerstag dazu auf, am besten nicht vor die Tür zu gehen. Millionen Menschen in mehreren Provinzen waren betroffen. Viele schützten sich auf der Straße mit Atemmasken.

„Es ist schrecklich. Als ich heute Morgen die Vorhänge aufmachte, war ich geschockt“, sagte die 37-jährige Hai Ying, die in Peking mit einem großen Atemschutz zur Arbeit ging. „So schlimm war es lange nicht mehr.“ Es habe in den vergangenen Jahren weniger Sandstürme gegeben, was ein Erfolg der Aufforstung um Peking sein könne. „Aber was mich beunruhigt, ist diese Mischung aus Smog und Sandsturm.“

Ein 31-Jähriger beschrieb die Lage so: „Als ich vor die Tür gegangen bin, hatte ich sofort Halsschmerzen“, sagte er. „Ich habe es sofort gemerkt.“

Das sind die giftigsten Orte der Erde
Shenyang, China
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Seit Jahren versucht China, das Problem Luftverschmutzung in den Griff zu bekommen. Eine Stadt, in der die Anti-Smog-Strategie nicht zu verfangen scheint, ist Shenyang in der Provinz Liaoning. Im November 2015 machte die Millionenstadt Schlagzeilen mit smogbedingten Sichtweiten unter 100 Metern. Die Konzentration schwebender Partikel mit Durchmessern unter 2,5 Mikrometern lag damals um mehr als das 50-Fache über der als unschädlich geltenden Konzentration. Ursache der Luftverschmutzung sind Kohlekraftwerke und Autoabgase, aber auch Staub aus den sich ausbreitenden Wüsten.

Hazaribagh, Bangladesch
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Auf kaum 25 Hektar Land stehen in Hazaribagh mehr als 90 Prozent aller Gerbereien des Landes. Sie produzieren Lederwaren für den Weltmarkt. Dabei sind Arbeiter und Umwelt beträchtlichen Mengen giftiger Chemikalien ausgesetzt, nicht zuletzt Krebs erregenden Chrom(VI)-Verbindungen.

Das Rohprodukt muss chemisch behandelt werden, um die Hautstruktur zu stabilisieren und das Material elastisch zu machen. Dabei gelangen täglich etwa 22.000 Kubikmeter Abwasser ungefiltert in die Umwelt. Fachleute berichten von erheblichen Gesundheitsproblemen bei den Einwohnern des Ortes durch Chrom, Blei, Sulfide und Kupfer. Die Luft enthält hohe Konzentrationen an Stickoxiden. Nicht weit entfernt von Hazaribagh fließt der Buriganga, wichtigste Trinkwasserquelle der Hauptstadt Dhaka.

Kabwe, Sambia
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Im Jahr 1902 entdeckten Prospektoren nahe der Stadt Kabwe in der damaligen britischen Kolonie Nordrhodesien große Zink- und Bleivorkommen. Wenig später begann der Abbau der wichtigen Metalle, die als Legierungsbestandteile in Batterien und Akkus und für viele andere Anwendungen gebraucht werden.

Heute heißt Nordrhodesien Sambia, und die Mine von Kabwe wurde 1994 stillgelegt. Doch Kabwe trägt weiter schwer am kolonialen Erbe: In Boden, Wasser und Staub findet man bis heute hohe Konzentrationen von Kupfer, Zink und vor allem von Blei. Besonders Letzteres hat gravierende Folgen – das Metall reichert sich im Körper an und verursacht chronische Vergiftungen, die vor allem für Schwangere und Kinder gefährlich sind. Kinder in Kabwe haben sechs- bis zwölfmal so viel Blei im Blut wie Gleichaltrige in den Industrieländern. (Foto: Blacksmith Institute)

Horliwka, Ukraine
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In Horliwka im Osten der Ukraine steht die Ruine einer besonders gefährlichen Fabrik. Bis 2001 produzierten die Angestellten auf dem 167 Hektar großen Gelände den Sprengstoff TNT und das nicht explosive, aber sehr giftige Mononitrochlorbenzol (MNCB), vermutlich für die Produktion chemischer Kampfstoffe.

Als Fachleute zehn Jahre später durch Zufall auf den Ort stießen, fanden sie eine tickende Bombe vor: Verrottete Fässer und Tanks mit 50 Tonnen TNT und über 2300 Tonnen MNCB, die über die Jahre Boden und Wasser verseucht hatten. Bis zum Jahr 2014 gelang es, zumindest die vorhandenen MNCB-Tanks zu leeren und das TNT zu bergen. Dann brach in der Ostukraine der Krieg aus und die Arbeiten wurden eingestellt. Wie viel von den Chemikalien noch in Gebäuden, Boden und Wasser steckt, ist unbekannt. (Foto: Pure Earth)

Agbogbloshie, Ghana
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Westeuropa produziert immense Mengen Elektronikschrott und exportiert allein 215.000 Tonnen des Mülls nach Ghana. Ein beträchtlicher Teil davon landet in Agbogbloshie, einem Stadtteil von Ghanas Hauptstadt Accra – und der zweitgrößten Elektronikschrott-Deponie der Welt. Um das Kupfer aus alten Kabeln und andere Metallteile zu gewinnen, verbrennen die Bewohner die elektronischen Komponenten zusammen mit Styropor, das ebenfalls auf der Deponie landet.

Der entstehende Rauch enthält nicht nur giftige Verbrennungsprodukte wie Furane und Dioxine; auch Schwermetalle der Elektrobauteile lagern sich an die Partikel an und ziehen mit dem Rauch über die Region. Allein die Bleikonzentrationen im Boden reichen bis zum 45-Fachen dessen, was in industrialisierten Ländern als akzeptabler Höchstwert gilt.

Kalimantan, Indonesien
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Gold gilt als edel und unvergänglich – aber bei der Gewinnung des meist fein verteilten Edelmetalls geht ohne hochgiftige Chemikalien überhaupt nichts. Die Konsequenzen davon zeigen sich am deutlichsten in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos. Dort wird das Edelmetall zum Teil illegal in Handarbeit gewonnen, und zwar mit Hilfe des hochgiftigen Quecksilbers, das man mit dem goldhaltigen Erz verknetet.

Das flüssige Metall bildet mit Gold ein Amalgam und löst es so aus dem Gestein. Anschließend lässt man das Quecksilber einfach verdampfen. Quecksilbervergiftungen verursachen schwere Gesundheitsschäden: von Nierenerkrankungen bis hin zu neurologischen Störungen. Etwa 1000 Tonnen Quecksilber gelangten in Kalimantan nach einer Schätzung von 2013 in die Umwelt – etwa ein Drittel des Ausstoßes der gesamten Menschheit.

Tschernobyl, Ukraine
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Der Begriff „Kernschmelze“ ist keine Metapher. Nach der Nuklearkatastrophe in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl fanden Arbeiter im Herbst 1986 in einem Dampfkorridor unter dem Reaktor eine erstarrte, hoch radioaktive Masse aus geschmolzenen Bestandteilen des Reaktorkerns, die sich während der Katastrophe durch den Boden des Reaktors brannte und in den Hohlraum lief.

Doch ein beträchtlicher Teil der radioaktiven Abfälle verteilte sich auch in der Umgebung: Rund 190 Tonnen radioaktives Material wie etwa Isotope von Uran und Plutonium, aber auch große Mengen der sehr langlebigen Isotope 137Cs und 90Sr mit Halbwertszeiten von etwa 30 Jahren. Und die Gefahr, dass die restlichen Trümmer des zerstörten Reaktors in die Umwelt gelangen, ist nicht gebannt. Der Klumpen erstarrter Lava unter dem Reaktor dürfte das gefährlichste Stück Abfall sein, das die Menschheit jemals produzierte.

In Chinas Hauptstadt erreichte der Index für den stark gesundheitsgefährdenden Feinstaub (PM 2,5) mehr als 623 Mikrogramm. Das ist das 25-Fache des empfohlenen Grenzwerts der Weltgesundheitsorganisation. Die größeren Partikel (PM 10) überstiegen mit 1000 Mikrogramm das 20-Fache.

„Der Himmel wurde grau und der Geruch von Sand und Staub kroch am Morgen in mein Zimmer“, berichtete ein Bewohner der Metropole Tianjin, eine Autostunde von Peking entfernt. „Mein Kind fühlte sich unwohl, nachdem es einige Zeit vor der Tür war.“ Viele Menschen ließen die in China heute weit verbreiteten Luftreiniger in ihren Wohnungen auf Hochtouren laufen.

Frühjahr ist Sandsturm-Saison in China

Der Feinstaub kann in die Lunge geraten und in den Blutkreislauf eindringen. Ärzte warnen vor Atemwegserkrankungen sowie Herz- und Kreislaufproblemen oder auch Thrombosen. Die hohe Schadstoffbelastung setze besonders Alten, Kindern und Menschen mit chronischen Krankheiten zu. Der Smog schwäche das Immunsystem, was den Ausbruch von Erkältungen und anderen Krankheiten begünstige.

Das Frühjahr ist in Nordchina die Sandsturm-Saison. Kräftige Winde tragen Sand und feinen Staub aus der Wüste Gobi und der Mongolei in die ohnehin häufig von Smog belasteten, dicht besiedelten Industriegebiete.

In den Provinzen Liaoning, Heilongjiang und in der Inneren Mongolei sprengten die Schadstoffwerte vielerorts die verfügbare Skala. Warnungen wurden auch in den Provinzen Hebei, Gansu, Ningxia, Shaanxi, Shanxi, Jilin und Teilen von Xinjiang ausgesprochen.

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