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Globales Insektensterben „Wenn die Insekten verschwinden, kollabiert das gesamte Ökosystem“

Bis zu 80 Prozent dessen, wovon sich Menschen ernähren, wäre ohne Insekten nicht denkbar. Das globale Insektensterben wird daher zum Problem für die ganze Menschheit.
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Laut einer Studie ging die Zahl der Marienkäfer in Kanada und den USA von 1987 bis 2006 um 14 Prozent zurück. Quelle: AP
Marienkäfer auf Rosenblüte

Laut einer Studie ging die Zahl der Marienkäfer in Kanada und den USA von 1987 bis 2006 um 14 Prozent zurück.

(Foto: AP)

Oxford, PennsylvaniaOb Bienen, Käfer oder Schmetterlinge – viele Insekten, die einst zum Sommer gehörten wie Eis und Badespaß, machen sich allmählich rar. Wie gravierend der Rückgang der Populationen ist, können selbst Experten nur schätzen. Denn aus vergangenen Jahrzehnten gibt es meist keine exakten Vergleichszahlen. Die globale Tendenz scheint aber klar. Und das dürfte bald auch für die Menschheit zum Problem werden.

Manche Insekten werden vor allem als Schädlinge wahrgenommen. Sie zerstören Ernten oder übertragen Krankheiten. Die kleinen Tierchen bestäuben aber eben auch Pflanzen. Damit sind sie ein unverzichtbarer Teil der natürlichen Umwelt. Bis zu 80 Prozent dessen, wovon sich die Bevölkerung der Erde ernährt, wäre ohne Insekten kaum denkbar.

„Wenn die Insekten verschwinden, kollabiert das gesamte Ökosystem“, sagt der Entomologe Doug Tallamy von der Universität des US-Staates Delaware. „Die Welt würde anfangen zu verwesen.“

Bei Aussterben droht Chaos
Schwindende Artenvielfalt
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Säugetiere, Fische, Vögel, Würmer, Käfer, Algen, Pilze, Pflanzen - es gibt Millionen Arten auf der Welt. Doch die Vielfalt ist vielerorts bedroht – durch den Klimawandel, Umweltverschmutzung, Wilderei oder die Vernichtung von Lebensraum zum Beispiel. Seit 1970 sind die Wirbeltierbestände nach einer Untersuchung der Umweltstiftung WWF um 58 Prozent zurückgegangen.

(Foto: dpa)
Bedrohte Art
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Einige Tierarten haben besondere Funktionen in ihrem Lebensraum – und ihr Verlust hätte besonders verheerende Konsequenzen. Hier eine Auswahl von Tieren, die auf der Roten Liste stehen.

(Foto: dpa)
Indischer Geier (Gyps indicus)
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Geier säubern die Welt von Tierkadavern. Durch ihren Schwund verrotten in Indien mehr Kadaver an der Luft und verseuchen zum Beispiel Trinkwasser. Mehr noch: Durch das Verschwinden der Geier wächst die Zahl der wilden Hunde in Indien, die etwa auch Tollwut übertragen. Status Rote Liste: vom Aussterben bedroht. (IUCN/dpa)

(Foto: dpa)
Crau-Schrecke (Prionotropis rhodanica)
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Diese Heuschreckenart kommt ausschließlich in der Crau-Steinsteppe in Frankreich vor und ist dort als größte vorhandene Art überlebenswichtiges Nahrungsmittel für viele bedrohte Vögel. Status Rote Liste: vom Aussterben bedroht. (Axel Hochkirch/dpa)

(Foto: dpa)
Flachland-Tapir (Tapirus terrestris)
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Die Tiere mit dem markanten Rüssel leben in tropischen Wäldern und fressen dort vor allem Blätter, Obst und Knospen. Durch ihren Magen geschleust keimen viele Samen besser, mit der Ausscheidung über den Kot sorgen die Tiere in ihrem großen Lebensraum zudem für die Verbreitung der Samen. Tapire gelten deshalb als „Gärtner des Waldes“ oder „Ökoingenieure“. Status Rote Liste: verletzlich.

(Foto: dpa)
Seeotter (Enhydra lutris)
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Die intelligenten Raubtiere leben in Küstennähe vor Alaska und der nordamerikanischen Pazifikküste und stehen dort auf der obersten Stufe der Nahrungskette. Das heißt, sie kontrollieren die Bestände anderer Nahrungssucher, etwa der Seeigel. Die Seeigel wiederum fressen den Seetang, den zahlreiche Fischarten als Spielwiese für ihre Jungen brauchen. Seetang bindet zudem Unmengen klimaschädliches CO2 und schützt Küsten vor Stürmen. Status Rote Liste: stark gefährdet. (Nicole Duplaix/IUCN/dpa)

(Foto: dpa)
Tiger (Panthera tigris)
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Was der Seeotter vor der Küste, ist der Tiger in seinem Lebensraum: mächtigstes Raubtier. Er reduziert die Zahl der Pflanzenfresser und sorgt dafür, dass Pflanzen in Ruhe nachwachsen können. Gesunde Wälder wiederum sind unter anderem für den Wasserkreislauf wichtig. Status Rote Liste: stark gefährdet.

(Foto: dpa)

Der Harvard-Biologe E.O. Wilson warnt, dass an vielen Orten kaum noch fliegende Insekten anzutreffen seien. Der 89-Jährige verweist dabei auf den „Windschutzscheibentest“. Nach einer mehrstündigen Autofahrt von Boston in den Staat Vermont entdeckte er auf dem vorderen Fenster seines Wagens nur ein einziges totes Tier.

Ein solcher Test ist natürlich nicht mehr als eine Stichprobe. Um eine fundierte Aussage treffen zu können, müsste eine sehr große Zahl von Autos über viele Jahre hinweg überprüft werden. Zudem wäre zu berücksichtigen, dass heutige Fahrzeuge oft aerodynamischer sind als Modelle aus früherer Zeit – und Insekten somit eher daran vorbei gelenkt werden.

Allerdings haben inzwischen etliche Wissenschaftler eigene „Windschutzscheibentests“ gemacht. Das Ergebnis deckte sich fast immer mit den Erfahrungen Wilsons: Die Wagenfenster blieben weitgehend sauber.

Die Ursachen sind vielfältig

Vereinzelt gibt es auch genauere Analysen. So ging laut einer Studie die Zahl der Marienkäfer in Kanada und den USA von 1987 bis 2006 um 14 Prozent zurück. Ein Team der University of Nevada beobachtet an der biologischen Forschungsstation La Selva in Costa Rica seit 1991 Insekten. Eine dort unter Schwarzlicht aufgestellte Falle, die vor wenigen Jahrzehnten stets voller toter Tierchen gewesen sei, bleibe nun meist leer, sagt der Forscher Lee Dyer.

Für Deutschland ergab eine im vergangenen Jahr vorgestellte Untersuchung seit 1989 einen sommerlichen Insektenrückgang um 82 Prozent. Hierfür waren an 63 Standorten kontinuierlich Daten gesammelt worden.

Auf internationaler Ebene sind solch konkrete Zahlen die Ausnahme. „Wir wissen nicht, wie viel wir verlieren, wenn wir nicht wissen, wie viel wir haben“, sagt die Insektenforscherin Helen Spafford von der University of Hawaii.

Wegen des Fehlens älterer Daten sei „unsicher, in welchem Maße wir eine ‚Anthropocalypse‘ erleben“, sagt May Berenbaum von der University of Illinois. Einzelne Studien seien für sich genommen wenig aussagekräftig. Aber die schlichte Masse an klaren Hinweisen lasse sehr wohl darauf schließen, dass es ein Problem gebe.

„Es ist definitiv nicht nur eine deutsche Sache“, betont David Wagner von der University of Connecticut, der den Rückgang der Mottenpopulationen im Nordosten der USA untersucht hat.

Die Ursachen sind nach bisherigen Erkenntnissen vielfältig: Verlust der natürlichen Lebensräume, monokulturelle Landwirtschaft, der verbreitete Einsatz von Insektengift zur Schädlingsbekämpfung, invasive Arten, der allgemeine Rückgang der Pflanzenvielfalt, Lichtverschmutzung, Straßenverkehr und nicht zuletzt der Klimawandel.

Künstliche Lichtquellen sind ein großes Problem

Pflanzen, die vom Menschen als Unkraut betrachtet und deswegen vernichtet würden, seien für viele Insekten unverzichtbar, sagt Tallamy von der University of Delaware. Gepflegte Rasenflächen hingegen seien „im Grunde tote Zonen“.

Künstliche Lichtquellen seien in vielen Regionen ein noch größeres Problem. Die Helligkeit ziehe die Tierchen an, sagt der Experte. Das mache sie nicht nur zu einer leichten Beute. Die Insekten würden darüber hinaus auch Energie verschwenden, die sie eigentlich zur eigenen Nahrungssuche bräuchten.

Viele der Ursachen sind also eine Folge der zunehmenden Bebauung und Bewirtschaftung der Erdoberfläche. Doch auch weitab von menschlichen Siedlungsgebieten nimmt die Zahl der Insekten rapide ab.

Der Ökologe Toke Thomas Høye von der dänischen Universität Aarhus untersuchte die Verbreitung von Fliegen in Grönland, 500 Kilometer entfernt von jeglicher Zivilisation. Und er stellte auch hier einen starken Rückgang fest – seit 1996 um 80 Prozent. In einer Studie führt Høye dies unter anderem auf den Anstieg der Temperaturen zurück.

Der Insektenforscher Wagner aus Connecticut merkt die Veränderung auch bei sommerlichen Jugendcamps. Für die Schüler werde es dort immer schwieriger, verschiedene Tierchen zu entdecken, sagt er.

Die junge Generation, die er heute unterrichte, werde die geringe Zahl von Insekten daher schon bald als normal betrachten. „Ihnen ist gar nicht bewusst, dass sich da eine ökologische Katastrophe am Horizont auftun könnte.“

  • ap
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1 Kommentar zu "Globales Insektensterben: „Wenn die Insekten verschwinden, kollabiert das gesamte Ökosystem“"

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  • Nun, den Windschutzscheibentest kann ich bestätigen. Ich bin 66 Jahre alt, wohne wieder ländlich und fahre seit meinem 18. Lebensjahr Auto: Im Vergleich zu früher kleben heute kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe oder der Vorderseite des Autos.