Schmelzende Gletscher Klimawandel nagt an Chinas Eisriesen

Der Klimawandel lässt die Gletscher im Süden von China rasant schrumpfen. Die Schmelze gefährdet die Wasserversorgung von Milliarden Menschen.
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Der Gletscher verlor seit 1982 knapp 60 Prozent seiner Masse. Quelle: AP
Gletscher Baishui Nummer 1

Der Gletscher verlor seit 1982 knapp 60 Prozent seiner Masse.

(Foto: AP)

YulongxueshanAus dem Nebel über dem Gletscher Baishui Nummer 1 ertönt ein lautes Krachen. Ein Stück Gestein rast das Eis hinunter, vorbei an dem Geologen Chen Yanjun, der auf einem GPS-Gerät herumtippt.

Weitere Brocken stürzen an dem eisernen Koloss hinab, der laut Wissenschaftlern einer der am schnellsten schmelzenden Gletscher weltweit ist. „Wir sollten gehen“, sagt der 30-jährige Chen. „Sicherheit geht vor.“

Chen klettert durch eine karge Landschaft davon, die einst unter dem Gletscher begraben war. Heute ist das felsige Gelände von Sauerstoffflaschen übersät. Sie wurden von Touristen zurückgelassen, die die 4750 Meter hoch gelegene Eismasse im Süden Chinas besucht haben.

Die frostige Schönheit des Baishui zieht jedes Jahr Millionen Menschen an. Der Eisriese liegt am südöstlichen Rand des sogenannten Dritten Pols der Erde. Die Region in Zentralasien verfügt nach der Antarktis und nach Grönland über die drittgrößten Eismassen der Erde. Die Fläche ist etwa 1000 Quadratkilometer groß.

Die Gletscher am Dritten Pol sind lebenswichtig für Milliarden Menschen, von Vietnam bis Afghanistan. Die zehn größten Flüsse in Asien, darunter Jangtse, Gelber Fluss, Mekong und Ganges, werden von der saisonalen Schmelze gespeist.

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Für diese haben Wissenschaftler und Fotografen zusammengearbeitet, um zu zeigen, wie stark der Klimawandel die Eis-Massen bereits geschrumpft hat. In der Zeitschrift „GSA Today“ der geologischen Gesellschaft Amerikas sind die Funde präsentiert worden.

Der Ansatz sei sehr überzeugend, sagt der Eisforscher Ted Scambos von der Universität von Colorado . „Trotz all unserer Modelle und Mathematik, ist Sehen noch immer Glauben“, sagt Scambos über die Fotos...

Der Trift-Gletscher in der Schweiz im Jahr 2006
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Unter natürlichen Umständen schmelzen einige Gletscher und sind so auf dem Rückzug, während andere wachsen. Doch Messungen der 5200 Gletscher weltweit zeigen, dass die Zahl der schmelzenden Gletscherfelder durch die höheren Temperaturen gestiegen ist, geht aus der Studie hervor. Außerdem hat sich ihr Rückzug beschleunigt. (Foto: James Balog/Extreme Ice Survey via AP)

Der Trift-Gletscher in der Schweiz im Jahr 2015
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Unter natürlichen Umständen schmelzen einige Gletscher und sind so auf dem Rückzug, während andere wachsen. Doch Messungen der 5200 Gletscher weltweit zeigen, dass die Zahl der schmelzenden Gletscherfelder durch die höheren Temperaturen gestiegen ist, geht aus der Studie hervor. Außerdem hat sich ihr Rückzug beschleunigt. (Foto: Matthew Kennedy/Earth Vision Institute via AP)

Der isländische Sólheimajökull-Gletscher im Jahr 2007
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Die Gletscherzunge Sólheimajökull ist zwischen 2007 und 2015 um 625 Meter zurückgeschrumpft. (Foto: James Balog/Extreme Ice Survey via AP)

Die Gletscherzunge Sólheimajökull ist zwischen 2007 und 2015 um 625 Meter zurückgeschrumpft.
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Wissenschaftler machen vor allem die vom Menschen gemachte globale Erderwärmung verantwortlich, die durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas entsteht. „Da ist etwas, das das Herz tiefer berührt, wenn man es auf Bildern betrachtet als auf Karten oder Grafiken oder in Berichten“, sagt der Fotograf James Balog. „Es macht es lebendiger.“ (Foto: James Balog/Extreme Ice Survey via AP)

Der Mendenhall-Gletscher im Jahr 2007
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Alaska: Der Mendenhall-Gletscher nahe der Stadt Juneau ist von 2007 und 2015 um 550 Meter zurückgewichen. (Foto: James Balog/Extreme Ice Survey via AP)

Der Mendenhall-Gletscher im Jahr 2015
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Alaska: Der Mendenhall-Gletscher nahe der Stadt Juneau ist von 2007 und 2015 um 550 Meter zurückgewichen. (Foto: James Balog/Extreme Ice Survey via AP)

„Wir reden über eine der größten Süßwasserquellen der Welt“, sagt Ashley Johnson, Leiterin des Energieprogramms beim US-Thinktank Nationales Büro für Asien-Forschung. „Abhängig von der Schmelze verlässt eine großer Teil des Süßwassers die Region in Richtung Meer, was schwere Folgen für die Wasser- und Nahrungsmittelsicherheit haben wird.“

Aufgrund des Klimawandels ist es auf der Erde heute ein Grad wärmer als noch vor der Industrialisierung. Laut einem neuen Bericht des Weltklimarats IPCC könnte das dazu führen, dass 28 bis 44 Prozent der Gletscher weltweit schmelzen. Und die Temperaturen dürften weiter ansteigen.

Dramatischer Gletscherschwund

Schon heute sind die Auswirkungen für den Baishui dramatisch. Der Gletscher verlor nach Angaben von Wissenschaftlern seit 1982 knapp 60 Prozent seiner Masse und schrumpfte um 250 Meter.

Im Jahr 2015 erklärten Forscher, dass 82 Prozent der in China beobachteten Gletscher abgeschmolzen waren. Sie warnten vor zunehmend ernsten Folgen für die Wasserressourcen der Volksrepublik.

„China hatte schon immer ein Problem mit der Trinkwasserversorgung, da hier 20 Prozent der Weltbevölkerung leben, aber nur sieben Prozent des weltweiten Süßwassers zur Verfügung stehen“, erklärt Jonna Nyman, Dozentin für Energiesicherheit an der Universität von Sheffield. „Durch die Folgen des Klimawandels wird das weiter verschärft.“

Am Jadedrachen-Schneeberg in der chinesischen Provinz Yunnan beobachten Wissenschaftler schon seit Jahren Veränderungen aufgrund der globalen Erwärmung. Ein Forscherteam zeichnete in den vergangenen zehn Jahren den Rückzug des Baishui von jährlich etwa 27 Metern auf.

In der freigelegten Erde wurzelten Blumen wie der Schnee-Lotus, wie Wang Shijin erklärt, Glaziologe und Direktor der Yulong-Forschungsstation. Die Station in einem Vorort der 1,2-Millionen-Einwohner-Stadt Lijian ist das Zuhause von Wang und seinen Mitarbeitern: dem Geologen und Dronen-Betreiber Chen, der Glaziologie-Doktorandin Zhou Lanyue und dem Elektroingenieur Zhang Xing.

Nach dem Frühstück bricht das Team mit einem Kleinbus zu seiner Mission des Tages auf. Eine Seilbahn bringt die Forscher hinauf zum Jadedrachen-Schneeberg mit seiner majestätischen Aussicht.

Das Team schiebt sich an einer Schlange von Touristen vorbei. Viele der Urlauber sind in rote Ponchos gehüllt, die meisten hängen an Sauerstoffflaschen, einige übergeben sich wegen Höhenkrankheit.

Kunstschnee und Staudämme sollen helfen

Wangs Mitarbeiter beginnen mit dem Austausch einer defekten Wetterstation. Die Forscher sammeln hier Daten über die Temperatur, die Windgeschwindigkeit, den Regen und die Luftfeuchtigkeit. Andere Sensoren messen die Strömung in Flüssen, die von Schmelzwasser gespeist werden.

Am Tag darauf tragen die Teammitglieder Harscheisen an den Schuhen, während sie weitere Sensoren reparieren. Immer wieder wird ihre Ausrüstung durch Kälte, Regen, Stürme, abstürzende Steine und Bewegungen des Gletschers beschädigt.

„Genau wo wir jetzt stehen, war 2008 noch alles mit Eis bedeckt“, erklärt Wang. „Von hier bis dort an die Seite ist der Gletscher um etwa 20 bis 30 Meter geschrumpft. Das ist sehr bemerkenswert.“ In dem gesamten Gebiet verschwand ein Viertel des Eises sowie vier der insgesamt 19 Gletscher.

Die Veränderungen am Baishui bieten die Möglichkeit, Besucher über den Klimawandel aufzuklären, wie Wang sagt. Im vergangenen Jahr kamen nach offiziellen Angaben 2,6 Millionen Touristen auf den Eisberg.

Zum Schutz des Gletschers haben die Behörden die Zahl der Besucher pro Tag auf 10.000 begrenzt und das Klettern auf dem Eis verboten. Sie wollen außerdem mit Kunstschnee und Staudämmen die Luftfeuchtigkeit erhöhen, um die Schmelze zu bremsen.

Der Wachmann Yang Shaofeng hat das Schrumpfen des Bergs, den sein Volk der Naxi-Minderheit als heilig ansieht, mit eigenen Augen beobachtet. Er erinnert sich noch daran, dass er von seinem Heimatdorf aus die untere Kante des Gletschers sehen konnte. Diese Zeiten sind vorbei.

„Wir können ihn nur noch sehen, wenn wir hochsteigen“, sagt Yeng traurig. Neben ihm reihen sich Touristen in eine Schlange, um sich ihren Namen in ein Medaillon mit dem Bild des Gletschers gravieren zu lassen. Die Darstellung ist schon überholt.

  • ap
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